Von Jane Sonnenschein · 4. März 2026
Zum chinesischen Neujahr im vergangenen Jahr habe ich zum ersten Mal Münzen in Jiaozi versteckt.
Eigentlich gehören Jiaozi gar nicht zu den traditionellen Neujahrsgerichten meiner Heimat. Ich komme aus Linhai in der Provinz Zhejiang, einer hügeligen Gegend, in der sich ein Berg an den nächsten reiht. Für die Generation meiner Eltern war es früher ganz normal, auf dem Weg irgendwohin über Berge und Hügel laufen zu müssen.
Bei uns gab es zum chinesischen Neujahr Mai you zhi¹, Bianshi², Reiskuchen und einen ganzen Tisch voller Gerichte, die schon vorher vorbereitet worden waren. Vom ersten bis zum achten Tag des neuen Jahres wurden die Mai you zhi einfach wieder aufgewärmt und weitergegessen.
Mein Ex-Partner kommt aus Nordchina. Während der Jahre, in denen wir zusammen in Deutschland lebten, lernte ich durch ihn nach und nach, Teig für Jiaozi auszurollen, Baozi zu machen, Roujiamo – chinesische Fladenbrote mit Fleischfüllung – zuzubereiten, und irgendwann gewöhnte ich mich sogar daran, dass zum chinesischen Neujahr unbedingt Jiaozi dazugehören.
Am ersten Tag des chinesischen Neujahrs im vergangenen Jahr erzählte ich Alicia zum ersten Mal von der chinesischen Tradition, Münzen in Jiaozi zu verstecken.
Ich sagte zu ihr: Wer eine Münze erwischt, wird in diesem Jahr besonders viel Glück haben.
Das merkte sie sich sofort.
Im vergangenen Jahr machte ich fast alles allein. Sie stand daneben und schaute zu, wie ich den Teig knetete, die Teigblätter ausrollte und die Füllung vorbereitete. Sie beobachtete die Jiaozi im kochenden Wasser, und bei jedem einzelnen Bissen hoffte sie darauf, eine Münze zu erwischen.
Am Ende bekam sie keine einzige.
Damals war sie sehr enttäuscht, aber sie machte kein Theater. Sie merkte sich die Sache einfach ganz genau.
Dieses Jahr fing sie schon mehrere Tage vorher an zu fragen: „Wann machen wir Jiaozi? Ich will welche essen.“
Fast jeden Tag fragte sie wieder.
Eigentlich hatten wir verabredet, zusammen mit Freunden Jiaozi zu machen, aber irgendwann kam der Kontakt nicht zustande. Ich dachte, die anderen hätten vielleicht etwas vor. Vielleicht warteten sie aber auch darauf, dass ich mich zuerst meldete.
So verging die Zeit.
Alicia ließ trotzdem nicht locker.
Schließlich nervte sie uns so lange, bis wir zwei Tage früher die Zutaten kauften. Ich glaube, es war zwei Abende vor dem chinesischen Silvesterabend. An diesem Abend beschlossen wir ganz spontan, einfach in der Küche loszulegen.
Kaum war der Teig fertig, holte sie von sich aus sechs Münzen.
Sie wusch sie ausgesprochen gründlich.
Eine nach der anderen rieb sie mit Spülmittel ab, spülte sie sauber und legte sie anschließend noch in frisches Wasser. Sie machte das so ernst, als würde sie sich auf ein besonders wichtiges kleines Ritual vorbereiten.
Bevor wir mit dem Falten der Jiaozi anfingen, teilten wir die Arbeit auf. Ich knetete den Teig und bereitete die Füllung vor, sie war für das Ausrollen der Teigblätter zuständig.
Es war das erste Mal, dass sie wirklich richtig mitmachte.
Ihre Teigblätter waren noch ziemlich ungleichmäßig. Manche waren zu dick, manche zu dünn. Sie konnte noch nicht mit einer Hand den Teig drehen und mit der anderen das Nudelholz führen, sondern rollte einfach mit beiden Händen vor und zurück.
Dadurch waren manche Jiaozi in der Mitte so dünn, dass sie beim Kochen schnell aufplatzten. Andere waren am Rand wiederum sehr dick und ließen sich etwas unbeholfen zusammendrücken.
Aber an diesem Abend war sie mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache.
Zwei davon formte sie absichtlich wie kleine Baozi, weil sie heimlich Münzen hineingelegt hatte und damit ihre Chance erhöhen wollte, selbst eine zu erwischen.
Kaum waren diese beiden Jiaozi im Topf, platzten sie auf.
Die Münzen fielen ins Wasser.
Der Schummelversuch war gescheitert.
Sie ärgerte sich ein wenig und seufzte, dass sie einfach kein Glück habe.
Ich lachte und sagte: „Siehst du? Schummeln funktioniert eben nicht.“
Nach der ersten Portion hatte sie immer noch keine einzige Münze erwischt.
Ihr Papa dagegen biss gleich in mehrere hintereinander und hätte sich dabei fast einen Zahn abgebrochen.
Alicia wollte trotzdem nicht aufgeben. Sie wusch die Münzen noch einmal und packte sie wieder in neue Jiaozi.
Die zweite Runde aßen wir nicht sofort vollständig auf. Einen Teil froren wir ein und kochten ihn in den folgenden Tagen nach und nach.
Aber Alicia erwischte wieder keine einzige Münze.
An diesem ersten Abend war sie wirklich ziemlich enttäuscht.
Sie schimpfte nicht.
Sie weinte auch nicht.
Es war einfach diese Art von Enttäuschung, wenn man sich wirklich Mühe gegeben hat, sogar heimlich ein wenig tricksen wollte und bei jedem einzelnen Bissen gehofft hat – und am Ende geht es trotzdem nicht so aus, wie man es sich gewünscht hat.
Ich konnte es ihr ansehen.
Am Anfang redete sie ununterbrochen: „Vielleicht ist es dieser hier?“
Später hielt sie vor jedem Bissen kurz inne, fast ein wenig vorsichtig.
Dieser Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung in ihrem Gesicht ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Sie wollte diese Münze wirklich unbedingt.
Doch gerade als sich die Enttäuschung immer weiter aufgestaut hatte, fing sie sich plötzlich ganz von selbst.
Sie sagte: „Ist schon okay. Eigentlich habe ich doch schon ziemlich viel Glück.“
Als wir später wieder einmal Jiaozi aßen, erwischte ihr Papa erneut mehrere Münzen.
Da sagte Alicia plötzlich: „Papa hatte in den letzten Jahren nicht so viel Glück. Dann tue ich einfach so, als hätte ich ihm mein Glück gegeben.“
In diesem Moment war ich kurz überrascht.
Sie hielt nicht mehr daran fest, dass ausgerechnet sie selbst Glück bekommen musste.
Sie begann, ihr „Glück“ weiterzugeben.
Am Ende blieb noch ein Jiaozi mit Münze übrig.
Ich hob ihn mit den Essstäbchen hoch und sagte: „Der ist für dich. Ich gebe dir mein Glück auch.“
Sie lächelte, schüttelte den Kopf und sagte: „Es ist wirklich okay.“
Im vergangenen Jahr wartete sie auf Glück.
Dieses Jahr begann sie zu verstehen, was Glück bedeutet.
Und seltsamerweise veränderte sich kurz nach dieser Sache mit den Jiaozi noch etwas.
Eines Morgens fing sie plötzlich an, selbst einen Wecker zu stellen.
Früher bekam ich sie um sieben Uhr kaum aus dem Bett. Ich rief sie immer wieder, bis ich irgendwann wütend wurde. Sie lag halb schlafend da, trödelte herum und zog alles in die Länge.
Vor ein paar Tagen stellte sie zum ersten Mal einen Wecker auf 6:50 Uhr.
Am nächsten Tag auf sechs.
Am dritten Tag wieder auf sechs.
Sobald der Wecker klingelte, stand sie auf.
Sie zog sich an, wusch sich und setzte sich anschließend an ihren Schreibtisch.
In der dritten Klasse gibt es hier in Deutschland kaum richtige Hausaufgaben. Jeden Tag eine halbe Stunde Chinesisch lesen, zwanzig Minuten Englisch lesen und einen kleinen Tagebucheintrag schreiben – das sind alles Aufgaben, die ich ihr zusätzlich gebe.
Früher musste ich sie ständig daran erinnern.
Wenn ich nichts sagte, dachte sie einfach nicht daran.
Kaum kam sie nach der Schule nach Hause, wollte sie spielen, ans Tablet oder mit ihren Freunden Rollenspiele machen.
Die Aufgaben wurden immer bis ganz zum Schluss aufgeschoben.
Doch in diesen Tagen sagte sie plötzlich selbst, sie wolle morgens um sechs aufstehen und alles erledigen.
Ich war wirklich überrascht.
Als sie an diesem ersten Tag um sechs Uhr aufstand, erzählte ich es sogar ihrem Papa.
„Sie hat selbst den Wecker auf sechs gestellt und ist aufgestanden, um ihre Aufgaben zu machen.“
Ich hatte nicht einmal kontrolliert, was sie gemacht hatte. In letzter Zeit hatte ich sie nicht mehr so genau beobachtet wie früher und nicht ständig gefragt, ob sie fertig sei oder wie gut sie gearbeitet habe.
Ihr Papa war zunächst ebenfalls überrascht.
„Wirklich?“
Dann sagte er: „Wenn das stimmt, fange ich noch an, an Jesus zu glauben.“
Natürlich meinte er das als Scherz.
Dann fügte er noch hinzu: „Hat sie vielleicht ein Alien übernommen?“
Denn bei uns zu Hause war es normal, dass Alicia morgens kaum wachzubekommen war.
Und genauso normal war es, dass sie ihre Aufgaben ewig hinauszögerte.
Dabei ist sie eigentlich gar kein langsames Kind.
Wenn sie sich wirklich hinsetzt, arbeitet sie schnell und konzentriert. In dieser Hinsicht ähnelt sie mir sehr.
Sie hat nur wenig Motivation für Dinge, die sie selbst nicht machen möchte. Chinesisch lesen und einen kleinen Tagebucheintrag schreiben waren für sie früher einfach „Aufgaben, die jemand anderes bestimmt hat“. Deshalb schob sie sie immer bis zum letzten Moment auf.
Aber in diesen Tagen sagte sie selbst, dass sie alles morgens erledigen wollte.
Das fühlte sich anders an.
Niemand erinnerte sie daran.
Niemand drängte sie.
Sie hatte es selbst entschieden.
Ich verstehe sie eigentlich sehr gut.
Als Kind war ich genauso: Ich wollte morgens nicht aus dem Bett, meine Mutter musste mich so lange rufen, bis sie wütend wurde, und ich kam oft erst mit dem Klingeln in der Schule an.
Deshalb war diese Veränderung in diesen Tagen nicht nur für mich überraschend.
Wir beide fanden sie fast unglaublich.
Früher konnte ich sie um sieben kaum wecken, jetzt klingelte um sechs der Wecker und sie setzte sich sofort auf.
Keine Beschwerden.
Kein „Wie nervig“.
Sie sagte: „Wenn ich morgens alles fertig mache, gehört der Nachmittag mir.“
In diesem Moment wurde mir plötzlich klar, dass sie nicht einfach über Nacht fleißiger geworden war.
Sie hatte ihren eigenen Rhythmus wieder selbst übernommen.
Ich fragte sie: „Früher konntest du um sieben kaum aufstehen. Warum klappt es jetzt plötzlich um sechs?“
Sie sagte: „Wenn der Wecker klingelt, werde ich wach. Und wenn ich einmal wach bin, kann ich nicht wieder einschlafen.“
Niemand zwang sie.
Niemand hielt ihr eine Standpauke.
Irgendwann, an einem ganz normalen Tag im Alter von neun Jahren, entschied sie es einfach selbst.
Genauso plötzlich war es damals gewesen, als sie mit sechs Jahren, ungefähr einen Monat nach der Einschulung, eines Tages beschloss, von nun an allein zur Schule und wieder nach Hause zu gehen.
Und plötzlich verstand ich.
Glück steckte nie in der Münze.
Die Münze war nur ein Symbol.
Wirkliches Glück bedeutet, dass ein Mensch anfängt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Dass ein Kind langsam lernt, mit seiner eigenen Haltung umzugehen. Dass es nach einer Enttäuschung immer noch sagen kann: „Ist schon okay.“
Glück ist nicht der Moment, in dem man auf die Münze beißt.
Es ist der Moment, in dem Alicia bereit ist, ihr Glück ihrem Papa zu geben.
Es ist der Wecker, den sie selbst auf sechs Uhr stellt.
Es ist die Erkenntnis, dass sie auch ohne Münze schon genug Glück hat.
Im vergangenen Jahr wartete sie auf Glück.
Dieses Jahr steht sie selbst auf.
Anmerkungen
1. Mai you zhi (麦油脂)
Eine traditionelle Spezialität aus der Region Linhai–Taizhou in der chinesischen Provinz Zhejiang. Sie besteht aus einem sehr dünnen Teigfladen aus Weizenmehl, der mit verschiedenen bereits gegarten Zutaten gefüllt und anschließend zusammengerollt wird. In manchen Familien der Region gehört dieses Gericht besonders zu Festtagen und größeren Familientreffen.
2. Bianshi (扁食)
Ein traditionelles, an gefüllte Teigtaschen oder Wontons erinnerndes Gericht, das in verschiedenen Regionen Südostchinas vorkommt, darunter auch in Zhejiang. Form und Füllung unterscheiden sich je nach Region und Familie. In Linhai gehört Bianshi zur lokalen Esskultur und ist nicht einfach mit den nordchinesischen Jiaozi gleichzusetzen.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 好运不是硬币,而是心态
Englische Version: Good Luck Isn’t in the Coin, but in the Mindset


Leave a comment