Von Jane Sonnenschein · 27. August 2026
Heute bin ich auf einen Artikel gestoßen, in dem es darum ging, warum so viele junge Menschen immer weniger Antrieb zu haben scheinen. Der Autor meinte, diese Generation sei nicht etwa unfähig, sich anzustrengen. Vielmehr erkenne sie immer früher die Probleme jenes Lebenswegs, der lange so selbstverständlich wirkte: fleißig lernen, an die Universität gehen, einen guten Job finden, eine Wohnung oder ein Haus kaufen, heiraten und Schritt für Schritt weitergehen – nur um irgendwann festzustellen, dass all das nicht unbedingt zu dem Glück führt, das man sich davon versprochen hatte.
Einigen Gedanken konnte ich zustimmen. Trotzdem hatte ich beim Weiterlesen immer stärker das Gefühl, dass mir die Erklärung ein wenig zu abstrakt wurde. Die fehlende Motivation vieler junger Menschen wurde dort als eine Art innerer Rückzug beschrieben, nachdem sie „die Regeln des Spiels durchschaut“ hätten – als hätten sie zu früh erkannt, dass Erfolg, Konsum und die großen Sinnversprechen des Lebens letztlich leer seien und deshalb keine Lust mehr, überhaupt noch mitzuspielen.
Ich fragte mich jedoch immer wieder, ob die Erklärung wirklich so philosophisch sein muss. Vielleicht ist der Grund manchmal viel einfacher: Manche Kinder wachsen auf, ohne besonders viele Gelegenheiten zu haben, überhaupt zu erfahren, dass es Spaß machen kann, am Leben zu sein.
Meine Tochter Alicia ist jetzt neun Jahre alt. Nach der Schule rennt sie oft mit den anderen Kindern unten vor dem Haus herum. Einen Moment lang verstehen sich alle wunderbar, im nächsten gibt es Streit, und kurze Zeit später spielen sie vielleicht schon wieder miteinander. Manchmal behauptet sie zunächst, sie wolle heute gar nicht raus. Doch sobald sie die Kinder unten hört, hält sie es meist nicht lange aus. Irgendwann ist sie verschwunden und kommt später verschwitzt und ziemlich schmutzig zurück – meistens aber auch ausgesprochen gut gelaunt.
Sie macht außerdem unglaublich gern Dinge mit den Händen. Jeden Mittwoch geht sie in ein Jugendzentrum ganz in unserer Nähe; mittwochs ist dort Mädchentag. Sie bemalt dort den Mitarbeitenden das Gesicht, lackiert ihnen die Fingernägel, schminkt sie, und die Erwachsenen lassen sie ganz selbstverständlich ausprobieren. Einmal brachte sie sogar ein Selbstporträt mit nach Hause, das sie dort gemalt hatte.
Heute fragte sie mich im Supermarkt, welchen Kuchen ich gern essen würde. Dann suchte sie entsprechend meinen Wünschen eine Backmischung aus, besorgte Milch, Butter und alles andere, was sie brauchte, backte den Kuchen selbst und brachte ihn später mit nach Hause. Am Abend holte sie dann Garn und Häkelnadel hervor und erklärte, sie wolle irgendetwas häkeln. Irgendwann änderte sich der ursprüngliche Plan, und aus dem, was auch immer es eigentlich werden sollte, entstand am Ende völlig unerwartet ein Haarband.
Sie setzte es sich auf den Kopf, posierte vor ihrem Vater und mir, schnitt Grimassen, und wir mussten beide lachen. Ich sagte ihr, dass es eigentlich ziemlich gut aussah und sie es am nächsten Tag sogar in die Schule tragen könnte.
Sie war richtig glücklich.
Was mich daran beschäftigte, war, dass sich dieses Glück kaum damit erklären ließ, dass sie irgendetwas „bekommen“ hatte. Ich hatte ihr nichts Neues gekauft, und kein Lehrer hatte ihr eine gute Note gegeben. Sie hatte einfach ein Knäuel Garn genommen und – ohne richtige Lösung, ohne Bewertung und ohne am Anfang überhaupt zu wissen, was am Ende dabei herauskommen würde – etwas geschaffen, das vorher nicht da gewesen war.
Später dachte ich, dass in dieser Art von Freude vielleicht ein ganz einfacher Gedanke steckt:
Ich habe das selbst gemacht.
Vor einiger Zeit nahm ihr Vater sie mit zu einem Freund. Dieser Freund hat eine dreizehnjährige Tochter, also vier Jahre älter als Alicia. Trotzdem verstanden sich die beiden sofort sehr gut, weil beide gern zeichnen und basteln. Wenn wir Erwachsene irgendwo zu Besuch sind und kein Kind da ist, mit dem Alicia etwas anfangen kann, wird ihr normalerweise nach einer Weile langweilig. Dann kommt sie zu ihrem Vater, fragt, wann wir wieder fahren, und sucht immer wieder die Nähe der Erwachsenen. An diesem Abend war es ganz anders. Sie und das ältere Mädchen saßen fast die ganze Zeit in der Küche, zeichneten, bastelten und redeten miteinander, ohne die Erwachsenen groß zu stören.
Der Altersunterschied von vier Jahren spielte an diesem Abend plötzlich kaum noch eine Rolle, weil Alicia jemanden getroffen hatte, der dieselben Interessen teilte. Kein Erwachsener musste ihnen ein Spiel vorbereiten oder erklären, wie sie diese Stunden verbringen sollten. Es reichten Papier, Stifte und ein paar Materialien, aus denen man etwas machen konnte, und die Zeit verging ganz von allein.
Noch mehr überrascht hat mich, was Alicia danach zu Hause sagte. Sie erzählte mir, dass sie später einmal selbst Spielzeug machen wolle – Spielzeug für Kinder – und dass sie gern mit Menschen zusammenarbeiten würde, „die genauso ticken wie sie“.
Natürlich muss ein neunjähriges Kind noch nicht wissen, welchen Beruf es später einmal haben wird, und dieser Wunsch kann sich noch hundertmal ändern. Trotzdem fand ich ihn bemerkenswert, weil sie aus etwas, das sie wirklich gern tat, bereits ganz vorsichtig eine mögliche Zukunft ableitete.
Erst später wurde mir klar, dass vielleicht genau darin der besondere Wert von freiem Erkunden liegt. Es bringt nicht unbedingt sofort eine Fähigkeit hervor, die man in ein Zeugnis schreiben könnte. Aber es hilft einem Kind nach und nach, viel tiefere Fragen zu beantworten: Was mag ich eigentlich? Womit verbringe ich freiwillig meine Zeit? Mit welchen Menschen fühle ich mich wohl? Und was für ein Mensch möchte ich vielleicht einmal werden?
Ich habe einmal einen Essay mit dem Titel Auch eine interessante Seele braucht eine Kindheit, in der sie die Welt erkunden darf geschrieben. Wenn ich heute wieder an diesen Titel denke, kommt mir das Wort „Erkunden“ noch wichtiger vor als damals.
Ein Kind liegt auf dem Boden und beobachtet Ameisen. Es sitzt auf einer Bank und schaut zu, wie Blätter langsam herunterfallen. Es hebt unter einem Baum eine Kastanie auf und tritt darauf, einfach um zu sehen, wie sie innen aussieht. Es baut mit Lego und entscheidet mitten im Bau plötzlich, doch eine ganz andere Konstruktion auszuprobieren. Es nimmt einen Stift und beginnt zu zeichnen, ohne zu wissen, was am Ende auf dem Papier stehen wird. Ein paar Kinder laufen nach draußen und erfinden spontan Regeln für ein Spiel, die nur sie selbst verstehen.
Die meisten dieser Dinge haben kein klares Ziel.
Kein Kind beobachtet Ameisen und denkt dabei: „Heute trainiere ich meine Fähigkeit zur Naturbeobachtung.“ Und niemand tritt auf eine Kastanie, weil sich das später vielleicht gut im Lebenslauf macht.
Das Kind findet es einfach interessant und bleibt deshalb eine Weile dabei.
Je älter ich werde, desto stärker habe ich das Gefühl, dass genau darin ein sehr wichtiger Teil der Kindheit liegt. In all den Stunden, von denen Erwachsene oft meinen, sie würden „nichts bringen“, lernen Kinder ganz nebenbei die Welt kennen – und ebenso sich selbst. Sie merken langsam, was sie neugierig macht, mit welchen Menschen sie gern zusammen sind und welche Tätigkeiten sie so lange beschäftigen können, dass ihnen dabei überhaupt nicht langweilig wird. In Streit und Versöhnung mit Freunden lernen sie etwas über Beziehungen, und durch Ausprobieren, Scheitern und erneutes Versuchen entdecken sie, dass aus einer Idee im Kopf tatsächlich etwas Konkretes entstehen kann.
All das ist ebenfalls Lernen.
Es gibt dafür nur keine Prüfung und keine Note.
Trotzdem haben wir uns immer mehr daran gewöhnt, „Lernen“ auf etwas ganz anderes zu verengen: am Schreibtisch sitzen, Aufgaben machen, Fehler korrigieren, Prüfungen schreiben, wieder Aufgaben machen und wieder Prüfungen schreiben. Gerade in stark umkämpften Bildungssystemen gehen Kinder unter der Woche zur Schule, erledigen nachmittags ihre Hausaufgaben und werden am Wochenende von einem zusätzlichen Kurs zum nächsten gefahren. Ferien sehen von außen wie Freizeit aus, sind aber manchmal kaum mehr als Unterricht an einem anderen Ort.
Eltern haben dafür natürlich ihre Gründe. Jeder hat Angst, dass das eigene Kind zurückfällt, sobald es langsamer wird, während alle anderen weiterlaufen.
Ich glaube keineswegs, dass alle Kinder schulisches Lernen ablehnen. Manche lieben Mathematik und können lange an einer schwierigen Aufgabe tüfteln. Andere interessieren sich leidenschaftlich für Geschichte, Programmieren oder naturwissenschaftliche Themen. Solche Interessen sind vollkommen real. Aber „gern lernen“ und „gern immer wieder Aufgaben erledigen, die andere einem vorgeben“ sind nicht dasselbe. Für die meisten Kinder gehören freies Spielen, Bewegung, Freundschaften und Zeit für Dinge, die ihnen wirklich Spaß machen, ebenso selbstverständlich zur Kindheit.
Auch ich werde manchmal unruhig.
Alicia ist jetzt in der vierten Klasse, und bald müssen wir uns damit beschäftigen, welche weiterführende Schulform für sie infrage kommt. Ihre Noten im vergangenen Halbjahr waren nicht besonders gut, und wenn man allein diese Leistungen zugrunde legt, wäre der Weg aufs Gymnasium keineswegs sicher.
Was mich daran frustriert, ist, dass ich weiß, dass sie den Stoff grundsätzlich kann.
Sie lernt schnell, besonders wenn sie sich für etwas wirklich interessiert. Viele ihrer Probleme entstehen eher durch Kleinigkeiten in Klassenarbeiten: einen Buchstaben falsch abgeschrieben, Groß- und Kleinschreibung vergessen, irgendeine Regel bei der Kontrolle übersehen. Hier geht ein halber Punkt verloren, dort noch einmal ein halber Punkt, und am Ende verliert sie bei Dingen, die sie eigentlich verstanden hat, Punkt für Punkt eine bessere Note.
Als chinesische Mutter verfalle ich dabei sehr leicht in dieses besondere Gefühl von: Sie kann es doch – warum soll sie ausgerechnet an solchen Kleinigkeiten scheitern?
Dann denke ich darüber nach, ob sie jeden Tag etwas mehr Chinesisch üben sollte, ob wir ihr Englisch nicht ganz aus den Augen verlieren dürfen und ob wir diese typischen halben Punkte in Deutsch und Mathematik gezielt trainieren sollten.
Auch ihr Vater möchte ihr möglichst viele Wege für später offenhalten. Er hat ihr einmal gesagt: Wenn du später die Möglichkeit hast zu studieren, einen Beruf zu erlernen und zwischen verschiedenen Wegen zu wählen, und dich dann trotzdem dafür entscheidest, bei Burger King Burger zu machen, weil dich genau dieses Leben glücklich macht, dann ist das deine Entscheidung und damit für mich in Ordnung.
Was er nicht möchte, ist, dass sie als junge Erwachsene zu wenig Fähigkeiten oder Qualifikationen besitzt und schließlich nicht deshalb in einem bestimmten Job landet, weil sie ihn gewählt hat, sondern weil ihr kaum noch etwas anderes offensteht.
Dem stimme ich sehr zu.
Ein wichtiger Sinn von Bildung sollte doch gerade darin liegen, einem Menschen später mehr Möglichkeiten zu geben – und nicht darin, schon heute festzulegen, welche davon er eines Tages wählen muss.
Doch genau hier beginnt der Widerspruch: Wie viel vom heutigen Leben eines Kindes dürfen wir ihm nehmen, um ihm möglichst viele Möglichkeiten für die Zukunft zu erhalten?
Wenn ich nach Hause komme, frage auch ich, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht hat. Ich überlege, ob sie noch etwas Chinesisch lesen sollte, ob ihr Englisch nicht zu kurz kommt und ob wir diese kleinen Fehler in Mathematik und Deutsch nicht doch trainieren müssten. Aber dann sehe ich sie manchmal mit ihrem Garn dasitzen oder höre die Kinder unten spielen und sehe, wie sie kaum abwarten kann, hinauszulaufen. Dann denke ich: Das sind keine unwichtigen Reste des Tages, die man jederzeit opfern kann, sobald das „richtige Lernen“ beginnt. Vielleicht sind gerade diese Dinge viel wichtiger, als wir im Moment ahnen.
Denn auch ich war als Kind jemand, der unglaublich gern Dinge selbst gemacht hat.
Ich kochte gern, nähte Kleidung und beschäftigte mich mit allen möglichen Handarbeiten. Niemand hat mir das offiziell beigebracht. Ich sah meiner Mutter dabei zu und lernte heimlich durch Beobachten. Mit der Hand konnte ich sehr ordentlich nähen. Natürlich sahen meine Stiche nicht wirklich genauso aus wie die einer Nähmaschine, aber sie waren erstaunlich gleichmäßig, und manchmal konnte ich stundenlang einfach nur dasitzen und nähen.
Als ich längst erwachsen war, machte mein damaliger Partner einmal ein Foto von mir. Ich hatte unsere Vorhänge abgenommen und saß da, um sie selbst umzunähen. Nachdem ich schon einen halben Tag damit beschäftigt gewesen war, lachte er und meinte, ich säße da wie eine alte Oma beim Nähen.
Als Kind durfte ich solche Dinge allerdings nicht machen.
Meine Mutter war der Meinung, dass sie mich vom Lernen ablenkten. Also machte ich vieles heimlich. Wenn sie mich erwischte, wurde ich ausgeschimpft, und manchmal trennte sie Dinge, die ich bereits fertiggestellt hatte, sogar wieder auf. Ihre Erwartung an mich war im Grunde sehr einfach: Für all das würde später noch genug Zeit sein. Jetzt sollte ich mich um nichts anderes kümmern und einfach nur ordentlich lernen.
Aus Sicht vieler Eltern ihrer Generation ist diese Haltung gar nicht schwer nachzuvollziehen. Wenn ein Kind etwas mit neun nicht macht, kann es das doch mit neunzehn nachholen. Und wenn mit neunzehn wegen des Studiums keine Zeit ist, dann eben mit neunundzwanzig. Dann hat man Geld, vielleicht ein eigenes Zuhause und endlich die Freiheit, das zu tun, worauf man Lust hat.
Was ich später so traurig fand, war jedoch etwas anderes: Als ich tatsächlich erwachsen war, mich niemand mehr daran hindern konnte und ich sowohl Geld für Materialien als auch die Freiheit hatte, diese Dinge zu tun, wollte ich sie nicht mehr machen.
Dinge, die mich früher stundenlang völlig versinken lassen konnten, hatten irgendwann ihre Anziehungskraft verloren. Und das galt nicht nur fürs Nähen. Lange Zeit interessierte mich vieles in meiner Umgebung kaum noch wirklich. Ich wusste immer weniger, was mir eigentlich Freude machte, und irgendwann konnte ich kaum noch beschreiben, wie sich „Freude“ überhaupt anfühlen sollte.
Erst viel später, als das Schreiben langsam Teil meines Lebens wurde, bekam ich etwas von diesem alten Gefühl zurück. Ich konnte selbst denken, selbst ordnen, aus dem Nichts anfangen und am Ende einen Text hinterlassen, der vorher nicht existiert hatte. Oberflächlich betrachtet hat Schreiben mit dem Nähen meiner Kindheit überhaupt nichts gemeinsam. Aber darunter liegt überraschend viel Ähnliches: etwas selbst machen, etwas aus dem Nichts entstehen lassen und eine Weile an einem Ort bleiben dürfen, an dem es keine einzige richtige Lösung gibt.
In den letzten Jahren ist mir immer klarer geworden, dass Interessen kein Guthaben auf einem Bankkonto sind. Wenn ein Kind mit neun etwas nicht machen darf, wird dieses Interesse nicht automatisch unverändert bis zum neunundzwanzigsten Lebensjahr für es aufbewahrt, um dann vollständig zurückgezahlt zu werden, sobald die Bedingungen endlich stimmen.
Mit der Kindheit ist es genauso.
Manche Dinge gehören einfach zu einer bestimmten Zeit im Leben.
Dabei muss ich immer an meine Großmutter denken.
Meine Großmutter kam aus einer Zeit echter materieller Knappheit. Wenn wir früher Orangen zu Hause hatten, brachte sie es nie über sich, die guten zuerst zu essen. Solange sie frisch waren, dachte sie, es wäre doch schade, so etwas Gutes jetzt schon aufzuessen. Lieber noch ein paar Tage aufheben.
Nur warten Orangen nicht ewig.
Irgendwann begann eine davon zu faulen. Wegwerfen konnte sie sie trotzdem nicht. Also schnitt sie die schlechte Stelle weg und aß den Rest. Bis diese Orange aufgegessen war, hatte vielleicht schon die nächste angefangen zu verderben.
So passierte in meiner Kindheit immer wieder etwas ziemlich Absurdes: Ausgerechnet diejenige, die sich am wenigsten dazu überwinden konnte, eine gute Orange zu essen, aß am Ende fast immer die Orangen, die bereits kurz davor waren, schlecht zu werden.
Nicht, weil sie gute Dinge nicht mochte.
Im Gegenteil: Gerade weil sie sie für wertvoll hielt, wollte sie sie nicht jetzt schon genießen.
Je älter ich werde, desto mehr erinnert mich dieses Verhalten an eine Lebenshaltung, die in China sehr vertraut ist: xiān kǔ hòu tián¹ – zuerst das Bittere, später das Süße.
Viele chinesische Kinder hören außerdem den Satz chī de kǔ zhōng kǔ, fāng wéi rén shàng rén². Sinngemäß bedeutet er: Nur wer besonders viel Härte und Entbehrung aushält, kann später besonders weit kommen.
Als Kind soll man also nicht zu viel spielen, sondern zuerst ordentlich lernen. Wenn man erst einmal an einer guten Universität ist, wird alles besser.
Während des Studiums sollte man sich noch nicht zu sehr mit dem Genießen beschäftigen, sondern zunächst einen guten Job finden.
Hat man einen Job, sollte man erst einmal sparen und eine Wohnung kaufen. Wenn alles stabil ist, kann man sich entspannen.
Doch dann kommt der Kredit. Dann die Ehe. Dann die Kinder. Vielleicht wird es leichter, wenn die Kinder größer sind. Vielleicht im Ruhestand.
So wird das eigene Leben Station für Station immer weiter nach hinten verschoben, und in jeder Lebensphase gibt es einen vollkommen nachvollziehbaren Grund dafür, warum gerade jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt ist, die gute Orange zu essen.
Ich bin keineswegs gegen Belohnungsaufschub. Kein Mensch kann alles sofort haben, was er möchte. Erwachsene müssen Verantwortung übernehmen, und auch Kinder müssen lernen, Dinge zu tun, auf die sie nicht immer Lust haben. Sie müssen Durchhaltevermögen entwickeln und verstehen, dass viele wirklich wertvolle Ergebnisse erst nach längerer Anstrengung entstehen.
Aber Belohnung aufzuschieben und das Leben aufzuschieben sind zwei verschiedene Dinge.
Beim ersten gibt es normalerweise ein konkretes Ziel und eine Grenze: Ich gebe heute weniger Geld aus, weil ich in zwei Jahren etwas Wichtiges erreichen möchte.
Das zweite kann sich dagegen schleichend in eine Gewohnheit verwandeln. Egal in welcher Lebensphase man sich befindet, man erlaubt sich nie wirklich, das Heute zu genießen, weil in der Zukunft immer noch etwas Wichtigeres wartet.
Das Problem ist nur: Auch manche Arten von „Süße“ haben ein Verfallsdatum.
Orangen verderben.
Und auch ein Nachmittag mit neun Jahren geht vorbei.
Die Neugier eines neunjährigen Kindes, das eine halbe Stunde lang auf dem Boden sitzt und ein Insekt beobachtet, wartet nicht unbedingt geduldig bis zum neunundzwanzigsten Lebensjahr. Und die Freude, die ein Kind heute empfindet, wenn es mit Garn herumprobiert, ohne zu wissen, was daraus wird, und sich das merkwürdige Ergebnis später auf den Kopf setzt und Grimassen schneidet, lässt sich nicht zwanzig Jahre lang unversehrt konservieren, nur weil Erwachsene sagen: „Dafür hast du später noch genug Zeit.“
Vielleicht muss sogar die Fähigkeit, Freude zu empfinden, im Leben nach und nach wachsen.
Lange Zeit glaubte ich, dass ein Mensch automatisch glücklich sein würde, sobald seine Lebensumstände einmal gut genug wären. Irgendwann merkte ich, dass es so einfach nicht ist.
Wenn jemand von klein auf hauptsächlich gelernt hat, Aufgaben zu erledigen, ständig zu prüfen, was an ihm noch nicht gut genug ist, und immer nur darüber nachzudenken, welchen nächsten Maßstab er erfüllen sollte, dabei aber kaum Gelegenheit hatte herauszufinden, was ihm selbst eigentlich Freude macht, dann kann es passieren, dass er eines Tages vollkommen frei ist – und trotzdem nicht weiß, wie er leben möchte.
Oft wird heute gefragt, warum Kinder materiell so viel mehr haben als frühere Generationen und trotzdem häufig nicht glücklicher wirken.
Ich glaube nicht, dass man darauf einfach antworten kann: „Sie haben zu viel und wissen deshalb nichts mehr zu schätzen.“
Viele Kinder bekommen materielle Dinge heute tatsächlich sehr viel leichter als früher. Das Essen wird für sie gekocht, die Kleidung gekauft, Eltern versuchen ihnen zu ermöglichen, was sie gern essen möchten, und wenn es die finanziellen Möglichkeiten zulassen, werden auch Spielzeug, elektronische Geräte und Unterhaltung großzügig bereitgestellt.
Doch gleichzeitig haben Kinder möglicherweise gar nicht mehr Einfluss auf ihr eigenes Leben gewonnen.
Erwachsene entscheiden, wann sie aufstehen, wann sie lernen, was sie am Wochenende machen, welche Kurse sie in den Ferien besuchen und später auch, welche Schule für sie die richtige sein soll.
Manchmal denke ich, dass vielen Kindern vielleicht gar kein früherer und detaillierterer „Karriereplan“ fehlt, sondern schlicht genügend Gelegenheiten, sich selbst kennenzulernen.
Von der Grundschule bis zur weiterführenden Schule entscheiden Erwachsene ständig mit darüber, welchen Weg ein Kind nimmt, was es lernt, wie seine Wochenenden aussehen und manchmal sogar, welches Fach es später studieren sollte. Und wenn irgendwann tatsächlich der Moment kommt, in dem der junge Mensch selbst entscheiden soll, stellt er womöglich plötzlich fest, dass er zwar weiß, wie man gute Noten bekommt, aber nicht, was er eigentlich mag oder wie er später leben möchte.
Solche Antworten kann man nicht einfach am Schreibtisch ausdenken.
Sie entstehen oft in Erfahrungen, die zunächst völlig zwecklos erscheinen: beim Zeichnen, Basteln, Sport, Lesen, in Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen, bei Aktivitäten, beim Scheitern und beim erneuten Versuch. Ein Kind muss genug von der Welt kennenlernen dürfen, um langsam herauszufinden, was es anzieht und wovon es sich lieber entfernen möchte.
Eltern sagen gern: „Um alles andere musst du dich nicht kümmern. Deine einzige Aufgabe ist es, gut zu lernen.“
Das klingt zunächst so, als würden wir dem Kind alle Belastungen abnehmen.
Aber ein Kind ist kein Gast in einem Hotel.
Es muss an seinem eigenen Leben beteiligt sein. Es sollte manche Dinge selbst tun, Konsequenzen erleben und erfahren, dass Freude nicht immer etwas ist, das Erwachsene kaufen, planen und anschließend fertig vor ihm abstellen. Es kann Freude auch selbst erschaffen.
Wenn Eltern materiell alles bereitstellen und gleichzeitig Eltern und Schule einen Großteil der wichtigen Entscheidungen treffen, entsteht leicht ein seltsamer Widerspruch: Dem Kind fehlt äußerlich nichts, aber nur sehr wenig von seinem Leben gehört wirklich ihm selbst.
Und gleichzeitig sind auch die Eltern heute zunehmend erschöpft.
Eine schwächere Wirtschaft, Entlassungen, Gehaltskürzungen, die sogenannte 996-Arbeitskultur³ und die Unsicherheit über die Zukunft setzen viele Erwachsene selbst enorm unter Druck. Je weniger kontrollierbar die Zukunft erscheint, desto stärker klammern Menschen sich an das, was sich scheinbar noch steuern lässt. In vielen chinesischen Familien gehören die Noten, Bildungsabschlüsse und Schulwege der Kinder genau zu diesen Dingen.
Ich hatte einmal einen Kunden aus Beijing, der etwas Ähnliches zu mir sagte. Natürlich wusste er, wie anstrengend es für sein Kind war, in den Ferien von einem Zusatzkurs zum nächsten geschickt zu werden. Trotzdem sagte er: „Ich habe keine andere Wahl.“
Wovor er eigentlich Angst hatte, war Folgendes: Wenn alle anderen weiterlaufen und sein eigenes Kind anhält, dann wird in zehn Jahren immer noch sein Kind die Konsequenzen tragen müssen.
Diese Angst kann ich sehr gut verstehen, denn auch ich gerate manchmal hinein.
Aber ich denke immer häufiger, dass wir uns an eines ständig erinnern müssen: Ein Kind auf seine Zukunft vorzubereiten darf nicht bedeuten, seine gesamte Gegenwart dafür zu verpfänden.
Natürlich muss ein Kind lernen und Fähigkeiten entwickeln. Es muss verstehen, dass die Welt sich nicht immer nach seinen Wünschen richtet, und langsam Selbstdisziplin, Verantwortungsgefühl und die Fähigkeit entwickeln, Schwierigkeiten auszuhalten.
Doch gleichzeitig sollte es auch Nachmittage besitzen, die wirklich ihm gehören.
Es braucht Freunde. Es braucht Zeit, so lange zu rennen, bis es verschwitzt ist. Und es sollte Stunden mit Dingen verbringen dürfen, die Erwachsenen vollkommen nutzlos erscheinen.
Es kann ein Bild malen, das niemals Geld einbringen wird. Es kann etwas schief und krumm häkeln. Es kann einen Kuchen backen, der nicht besonders gut gelingt. Es kann eine Kastanie auf dem Boden untersuchen oder sich wegen einer Kleinigkeit mit einem Freund streiten und anschließend selbst herausfinden, wie es weitergeht.
All diese Dinge scheinen nichts damit zu tun zu haben, auf welche Schule ein Kind später kommt.
Und doch vermitteln sie ihm still und leise etwas sehr Wichtiges:
Die Welt prüft nicht nur mich.
Ich kann sie auch berühren. Ich kann sie kennenlernen. Ich kann einen kleinen Teil davon verändern. Und irgendwo darin kann ich Dinge entdecken, die ich wirklich mag.
Kinder sitzen normalerweise nicht da und suchen nach dem „Sinn des Lebens“. Sie wissen meist noch nicht einmal, was dieser Ausdruck bedeutet.
Sie erkunden einfach, ohne klares Ziel, und entdecken dabei nach und nach, dass die Welt voller interessanter Dinge ist und dass es Dinge gibt, die ihnen selbst wirklich etwas bedeuten.
Vielleicht ist genau das etwas, das wir für Kinder besonders bewahren sollten.
Nicht die Garantie, dass sie ihr ganzes Leben lang niemals leiden werden – das wäre unmöglich. Auch nicht die Erlaubnis, jeder Schwierigkeit aus dem Weg zu gehen, denn zum Leben gehören Verantwortung, Enttäuschungen und Dinge, die einfach erledigt werden müssen.
Vielleicht ist etwas viel Einfacheres entscheidend: dass ein Kind beim Großwerden wirklich erlebt hat, wie sich Freude anfühlt; dass es kennt, wie es ist, völlig in einer Sache aufzugehen, die man liebt; und dass es zumindest eine Ahnung davon hat, wie es leben kann, wenn gerade niemand es bewertet.
Wenn später einmal die Arbeit erschöpft, eine Beziehung zerbricht oder das Leben vorübergehend seine Richtung verliert, weiß dieser Mensch dann vielleicht wenigstens noch, dass das Leben nicht nur aus Noten, Gehalt, Eigentum und der Meinung anderer besteht.
Er hat diese Welt einmal wirklich gern gehabt.
Und er weiß noch etwas darüber, wie er seinen Weg zurück in sie finden kann.
Denn nicht jede gute Orange muss für später aufgehoben werden.
Manches Süße sollte man genießen, solange es noch süß ist.
Anmerkungen
1. Xiān kǔ hòu tián (先苦后甜) – Wörtlich etwa „zuerst bitter, später süß“. Der Ausdruck ist im Chinesischen sehr verbreitet und beschreibt die Vorstellung, dass Anstrengung, Verzicht und Härte zuerst kommen sollten, während Genuss und ein angenehmeres Leben auf später verschoben werden. Gerade in Familie und Erziehung wird er häufig verwendet, um Kinder und junge Menschen dazu anzuhalten, gegenwärtige Schwierigkeiten für eine vermeintlich bessere Zukunft auszuhalten.
2. Chī de kǔ zhōng kǔ, fāng wéi rén shàng rén (吃得苦中苦,方为人上人) – Wörtlich ungefähr: „Nur wer das Bitterste des Bitteren erträgt, kann ein Mensch über anderen werden.“ Der Satz drückt die traditionelle Vorstellung aus, dass außergewöhnlicher Erfolg, sozialer Aufstieg und ein besseres Leben besondere Härte und Opferbereitschaft verlangen. Er ist bis heute in Gesprächen über Bildung, Arbeit, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen zu hören, auch wenn diese Vorstellung zunehmend kritisch hinterfragt wird.
3. 996 (九九六) – Eine Kurzbezeichnung für einen Arbeitstag von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends an sechs Tagen pro Woche. Der Begriff wurde in China besonders im Zusammenhang mit Technologieunternehmen und Teilen der Privatwirtschaft bekannt und steht inzwischen allgemein für extreme Arbeitszeiten sowie für Debatten über Überarbeitung, Burnout und die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 我们总说先苦后甜,可有些甜也是有保质期的
Englische Version: We Keep Saying “Bitterness First, Sweetness Later” — But Some Sweetness Has an Expiry Date


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