Von Jane Sonnenschein · 20. April 2026

Dieser Text ist eine persönliche Vorstellung, geschrieben bevor A Chinese Way of Seeing offiziell beginnt.

Hallo, ich bin Jane Sonnenschein.

Ich bin Chinesin und lebe seit über zwanzig Jahren in Deutschland.

Vor vielen Jahren kam ich zum Studium hierher. Danach folgten Arbeit, Ehe und ein Kind – und so wurde Deutschland Schritt für Schritt zu dem Ort, an dem mein Leben wirklich stattgefunden hat. Nach so vielen Jahren ist Deutschland längst nicht mehr nur ein fremdes Land, in dem ich einmal kurz geblieben bin. Es ist ein Ort geworden, an dem sich viele wichtige Kapitel meines Lebens abgespielt haben. Und trotzdem weiß ich ganz genau: Im Innersten bin ich immer noch eine Chinesin. In vielen Fragen – wie ich auf die Welt schaue, wie ich Familie, Ehe, Erziehung, Sprache oder Beziehungen zwischen Menschen verstehe – denke und empfinde ich immer noch zuerst aus einer chinesischen Perspektive.

Vielleicht ist mir gerade deshalb in den letzten Jahren immer stärker bewusst geworden:

Vieles, was auf den ersten Blick einfach nur nach „unterschiedlichen Lebensgewohnheiten“ aussieht, hat in Wahrheit mit viel tieferen kulturellen Unterschieden zu tun.

Und diese Unterschiede betreffen nicht nur China und Deutschland, sondern oft auch ganz grundsätzliche Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Denkweisen.

Manchmal zeigt sich das in einem ganz gewöhnlichen Satz.

Manchmal darin, wie man zusammen isst.

Manchmal in Fragen wie: Soll ein Kind alleine laufen? Soll es alleine essen? Soll man ihm bestimmte Vorstellungen schon sehr früh mitgeben?

Manchmal geht es um Grenzen zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, um Entscheidungen in einer Ehe, um die Frage, was in einer Familie eigentlich „sich kümmern“ bedeutet – und was „Respekt“.

Und manchmal ist es nur ein Wort, ein Gedicht, eine Figur oder eine kleine Szene aus einer Fernsehserie, die mir plötzlich klar macht: Vieles, was für uns Chinesen ganz selbstverständlich ist, funktioniert in einer anderen Kultur überhaupt nicht so.

In den letzten Jahren hatte ich oft das Gefühl:

Es ist nicht so, dass Menschen außerhalb Chinas China gar nicht verstehen wollen. Aber sehr oft haben sie nie wirklich erlebt, wie ein Chinese oder eine Chinesin denkt.

Natürlich gibt es über China heute schon sehr viele Informationen.

Es gibt Nachrichten, Kommentare, wissenschaftliche Analysen, Dokumentationen und unzählige Deutungen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Aber viele Informationen zu haben, bedeutet noch lange nicht, wirklich etwas tief zu verstehen.

Was ein Land im Innersten prägt, zeigt sich nicht nur in seinem System, seiner Wirtschaft oder in aktuellen Nachrichten.

Die tiefere Ebene liegt oft darin, wie die Menschen dieses Landes über Schicksal denken, wie sie Familie verstehen, wie sie Ehe leben, wie sie Kinder erziehen, wie sie Verantwortung, Würde, renqing³, fenggu², Grenzen, Kränkungen, Opfer und Liebe empfinden.

Und genau solche Dinge lassen sich oft nicht einfach durch Fakten erklären.

Sie stecken in Geschichten, in der Geschichte selbst, in Gedichten, in Romanen, in den Worten von Eltern an ihre Kinder, in der Haltung, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Irgendwann habe ich verstanden, dass ich eigentlich gar keinen gewöhnlichen Elternblog machen möchte. Und auch kein typisches Blog über das Leben im Ausland.

Was ich wirklich machen möchte, ist eher ein Fenster zu öffnen.

Ein Fenster, durch das andere langsam sehen können, wie Chinesen denken.

Worüber werde ich hier schreiben?

Über Unterschiede zwischen dem Leben in Deutschland und China.

Über Familie, Ehe, Schwiegereltern, Grenzen.

Über mehrsprachige Familien und mehrsprachige Erziehung.

Über meine eigenen Erfahrungen als chinesische Mutter, als Ehefrau und als chinesische Frau, die seit über zwanzig Jahren in Deutschland lebt – und über die Reibungen, Fragen und Gedanken, die daraus entstehen.

Ich werde auch über Bücher schreiben, über Filme, Serien und Figuren.

Aber nicht, um einfach nur etwas zu empfehlen. Sondern um durch diese Werke etwas Tieferes sichtbar zu machen: die innere Haltung chinesischer Gelehrter, das Verhältnis von Familie und Nation, die Zähigkeit kleiner Menschen am Rand der Gesellschaft, oder die komplizierte Art, wie Chinesen mit Schicksal umgehen – nämlich dass sie an Schicksal glauben und sich ihm trotzdem nie ganz ergeben.

Manche Begriffe werde ich in Zukunft vielleicht bewusst im Chinesischen lassen – manchmal sogar in Pinyin.

Denn manche Dinge lassen sich nicht einfach sauber in eine andere Sprache übertragen.

Zum Beispiel yuanfen¹, fenggu², renqing³ oder mianzi⁴.

Oft reicht es eben nicht, einfach ein deutsches Wort dafür einzusetzen.

Hinter diesen Begriffen steckt eine ganze Art, die Welt zu fühlen und zu verstehen.

Ich werde versuchen, sie zu erklären. Aber ich werde sie nicht glattbügeln.

Denn ich glaube immer mehr, dass wirklich sinnvolles Schreiben nicht bedeutet, sich vollständig in etwas zu verwandeln, das für andere bequem und vertraut ist.

Wichtiger ist es, die eigene Wirklichkeit ehrlich auszusprechen – und dann nach und nach Brücken zu bauen, damit andere langsam näherkommen können.

Vielleicht ist genau das auch einer der wichtigsten Grundsätze dieses Ortes:

Ich möchte aus dieser Seite keinen lauten, überladenen Ort machen.

Keine grellen Effekte. Keine übertriebene Verpackung. Keine Content-Maschine, die nur dafür gebaut ist, möglichst schnell Aufmerksamkeit oder Geld zu erzeugen.

Hier soll man in erster Linie lesen können.

Ein bisschen klarer. Ein bisschen ruhiger. Ein bisschen einfacher.

Die Texte stehen im Mittelpunkt – alles andere kommt danach.

Ich wünsche mir, dass diese Seite wie ein Fenster an einem Schreibtisch ist.

Wenn man es öffnet, versteht man vielleicht nicht sofort alles. Aber man sieht wenigstens ein echtes Licht.

Wenn du chinesische Leserin oder chinesischer Leser bist, wirst du hier vielleicht vieles wiedererkennen – nur aus einer etwas anderen Perspektive erzählt.

Wenn du nicht aus China kommst oder in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen bist, kann diese Seite dir vielleicht helfen zu verstehen, warum Chinesen manches auf eine bestimmte Weise empfinden. Warum bestimmte Wörter, Geschichten und Reaktionen für uns so schwer wiegen. Und warum uns manche Figuren oder bestimmte geistige Haltungen so tief berühren.

Natürlich glaube ich nicht, dass man durch einen einzigen Text ein anderes Land oder eine andere Zivilisation wirklich verstehen kann.

So etwas braucht Zeit.

Verstehen ist immer langsam.

Vorurteile sind fast immer schnell.

Deshalb möchte ich hier auch nicht so tun, als hätte ich auf alles eine fertige Antwort – auf China und Deutschland, auf Osten und Westen, auf kulturelle Unterschiede überhaupt.

Was ich viel eher möchte, ist, das, was ich in all diesen Jahren wirklich erlebt, gespürt, hinterfragt und in Teilen auch verstanden habe, ehrlich aufzuschreiben.

Wenn diese Texte dazu führen, dass manche Menschen zum ersten Mal denken:

Ach so, so denken Chinesen also.

Ach so, hinter diesem Wort, dieser Geschichte oder dieser Reaktion steckt ein ganz anderer kultureller Hintergrund.

Dann hat diese Seite für mich schon einen Sinn.

Darum möchte ich, bevor es richtig losgeht, zuerst sagen, wer ich bin.

Ich bin Jane Sonnenschein.

Eine Chinesin, die seit über zwanzig Jahren in Deutschland lebt.

Und jemand, der bis heute auf Chinesisch denkt – und die chinesische geistige Welt, so gut sie kann, mit Sorgfalt und Ehrlichkeit aufschreiben möchte.

Von hier aus können wir langsam anfangen.

Anmerkungen zu einigen chinesischen Begriffen

¹ Yuanfen bedeutet oft mehr als „Schicksal“ oder „Zufall“. Es beschreibt eine besondere Verbindung zwischen Menschen oder Ereignissen, die sich nicht vollständig planen oder erzwingen lässt. Im chinesischen Denken kann yuanfen erklären, warum bestimmte Menschen einander begegnen, warum Beziehungen entstehen – oder warum sie trotz aller Bemühung nicht bleiben.

² Fenggu lässt sich nur schwer direkt übersetzen. Wörtlich erinnert es an „Knochen“ und „Haltung“, meint aber eher eine innere Würde, moralische Standfestigkeit und geistige Haltung. Wenn man von fenggu spricht, geht es oft um Menschen, die auch unter Druck nicht einfach ihre Integrität verlieren.

³ Renqing bezeichnet die menschliche Seite sozialer Beziehungen: Gefälligkeiten, Rücksichtnahme, emotionale Verpflichtungen und das Wissen darum, dass Beziehungen nicht nur nach abstrakten Regeln funktionieren. Renqing ist nicht einfach „Gefühl“ und auch nicht nur „Gefallen“, sondern ein kulturelles Verständnis davon, wie Menschen einander im sozialen Leben begegnen.

Mianzi wird oft mit „Gesicht“ übersetzt, bedeutet aber mehr als äußeres Ansehen. Es geht um Würde, soziale Anerkennung, Selbstachtung und darum, wie ein Mensch innerhalb einer Beziehung oder Gemeinschaft wahrgenommen wird. Mianzi kann verletzlich sein, weil es nicht nur individuell, sondern auch sozial entsteht.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 写在开始之前:我是谁?
Englische Version: Before You Read On: Who I Am?

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