A gentle Mid-Autumn scene in a soft 2D illustrated style: a long-haired woman stands in warm moonlight, while her elderly parents appear in the distance, surrounded by an autumn atmosphere and a quiet feeling of longing, distance, and familial connection.

Von Jane Sonnenschein · Erster Entwurf am 21. März 2026 · Überarbeitet am 25. September 2026

Heute ist das Mittherbstfest. In China ist es ein Fest der Familie und des Zusammenseins.

Ich weiß nicht genau, warum, aber mit Festen, an denen man eigentlich glücklich sein sollte, konnte ich noch nie besonders gut umgehen.

Ob chinesisches Neujahr oder Mittherbstfest – je mehr an solchen Tagen von „Wiedersehen“, „Familie“ und „Nachhausekommen“ die Rede ist, desto leichter steigen in mir Gefühle auf, die ich selbst kaum erklären kann. Als ich klein war, hätte das chinesische Neujahr eigentlich für ein fröhliches Familienessen, neue Kleidung und rote Geldumschläge stehen sollen. Doch viele der Erinnerungen, die mir geblieben sind, handeln davon, wie meine Eltern sich wegen Dingen stritten, die mir heute völlig belanglos erscheinen. Manchmal stritten sie sehr heftig. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich solchen Festen, bei denen es um Familie und Zusammenkommen geht, später nie mit derselben unbeschwerten Vorfreude begegnen konnte wie andere.

Seit ich in Deutschland lebe, ist dieses Gefühl etwas schwächer geworden. Das chinesische Neujahr ist hier längst nicht so präsent, und das Mittherbstfest noch viel weniger. Es gibt keine Mondkuchen an jeder Ecke, und kaum jemand erinnert einen ständig daran, dass bei Vollmond die Familie zusammengehört. Wenn ich nicht auf chinesischen sozialen Medien Fotos und Glückwünsche sehen würde, käme mir dieser Tag oft kaum anders vor als jeder andere.

Und trotzdem war da auch dieses Jahr am Mittherbstfest wieder eine Traurigkeit, die ich nicht richtig benennen konnte.

In den vergangenen zwei Jahren hatte ich meinen Eltern noch über Taobao, einen großen chinesischen Online-Marktplatz, Mondkuchen bestellt und nach Hause schicken lassen. Dieses Jahr habe ich gar nichts gemacht. Ich habe ihnen nicht einmal „Frohes Mittherbstfest“ geschrieben.

Nicht, weil ich nicht an sie gedacht hätte. Und auch nicht, weil mir nichts mehr an ihnen liegt. Im Gegenteil. Vielleicht sind da gerade deshalb so viele Gefühle, so viele unterschiedliche Dinge gleichzeitig, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Liebe, Mitgefühl, Ärger, Schuldgefühle und all das, was sich auch nach so vielen Jahren noch nicht wirklich geklärt hat – alles liegt übereinander. Dazu kommt, dass mein eigenes Leben gerade auch nicht besonders leicht ist. Manchmal ziehe ich mich meinen Eltern gegenüber instinktiv ein Stück zurück. Nicht, weil sie mir gleichgültig wären. Eher, weil ich nicht weiß, in welchem Zustand und auf welche Weise ich ihnen überhaupt näherkommen soll.

Eigentlich hatte ich schon gestern gedacht, dass ich zum Mittherbstfest etwas schreiben sollte.

Nicht, weil ich unbedingt etwas Passendes zum Anlass veröffentlichen wollte. Es ist nur so, dass solche Tage Dinge wieder nach vorne holen, die man sonst eine Weile zur Seite legen kann. Doch heute war ich von morgens bis abends beschäftigt, und als es endlich ruhig wurde, wusste ich plötzlich überhaupt nicht mehr, was ich schreiben sollte. Es fühlte sich an, als hätte ich sehr viel zu sagen und könnte gleichzeitig keinen einzigen Gedanken richtig fassen.

Dann stieß ich wieder auf diesen Text, den ich vor einigen Monaten geschrieben hatte. Und plötzlich dachte ich: Vielleicht steht all das, was ich heute nicht in Worte bekomme, längst hier.

Vor allem das, was zwischen meiner Mutter und mir liegt.

Viele Jahre lang wollte ich unbedingt, dass sie mich versteht. Ich habe versucht zu erklären, habe diskutiert und immer wieder versucht, ihr begreiflich zu machen, warum mich bestimmte Dinge verletzen und warum ich so fühle, wie ich fühle. Lange dachte ich: Wenn ich es nur noch ein bisschen klarer erkläre, wird sie mich eines Tages verstehen.

Erst nach einigen Erfahrungen begann ich langsam zu akzeptieren, dass es vielleicht von Anfang an sehr schwierig gewesen war, von ihr genau die Art von Verständnis zu erwarten, nach der ich mich sehnte.

Diese Erkenntnis hat mich nicht plötzlich befreit. Meine Gefühle für meine Mutter sind bis heute kompliziert. Aber als ich nicht mehr so sehr an der Frage festhielt: „Warum kann sie mich nicht verstehen?“, entstand in mir zum ersten Mal ein wenig Raum, um zu sehen, warum sie zu dem Menschen geworden ist, der sie heute ist.

Viele Jahre lang lag zwischen meiner Mutter und mir beim Reden immer eine gewisse Spannung.

Eigentlich wusste ich immer, was ich sagen könnte, damit sie sich besser fühlt, und was ich tun könnte, um es ihr leichter zu machen. Aber ich brachte es einfach nicht über mich. Nicht, weil ich es nicht konnte. Ich wollte es nicht.

Als ich jünger war, hatte ich eine starke Abneigung dagegen, anderen entgegenzukommen, nur damit sie zufrieden waren. Für mich fühlte sich das nach Gefallenwollen an – danach, die eigenen Gefühle herunterzuschlucken, damit es jemand anderem besser geht. Ich mochte das nicht. Ich hielt sogar ein wenig darauf, so etwas nicht zu tun. Und wenn es um meine Mutter ging, wurde ich erst recht stur.

Ausgerechnet meine Mutter aber ist ein Mensch, der sehr viel emotionale Bestätigung braucht.

Sie gehört zu den Menschen, die als Kind nie wirklich genug Liebe erfahren haben. Ihre Herkunftsfamilie war schwierig, und in ihr schien immer etwas zu fehlen. Selbst heute, mit über sechzig, wirkt sie manchmal noch wie ein Kind, dem es an Liebe gefehlt hat. Je mehr einem Menschen fehlt, desto stärker sehnt er sich danach. Je stärker diese Sehnsucht wird, desto schwerer fällt es ihm manchmal, sie auf eine gute Weise auszudrücken. Und je weniger gut er das kann, desto leichter stößt er gerade die Menschen von sich, die ihm am nächsten stehen.

Sie möchte wichtig genommen werden. Sie möchte, dass man sich um sie kümmert, sie tröstet und ihr zeigt, dass sie einem etwas bedeutet.

Mein Vater dagegen ist ein sehr geradliniger, ehrlicher Intellektueller. Sanfte Worte liegen ihm nicht besonders, und mit emotionaler Bestätigung kann er wenig anfangen. Wenn man ihn bittet, etwas zu erledigen, dann erledigt er es. Wenn er jemanden trösten soll, wird er dagegen schnell unbeholfen.

Und meine Mutter gehört wiederum nicht zu den Menschen, denen es reicht, wenn etwas einfach ordentlich gemacht wird. Sie bittet um etwas und findet gleichzeitig etwas daran auszusetzen. Sie möchte verstanden werden und bringt diesen Wunsch doch oft auf eine Weise zum Ausdruck, die andere verletzt.

Deshalb war das Zusammenleben meiner Eltern über all die Jahre nie besonders leicht.

Und ich selbst war darin auch nicht viel besser als sie.

Schon als Kind konnte ich mit Ratschlägen wie „Sei doch ein bisschen sanfter“, „Gib doch ein wenig nach“ oder „Sag es doch etwas netter“ wenig anfangen. Meine Großmutter mütterlicherseits sagte früher zu mir: „Leg dich doch nicht ständig mit deiner Mutter an. Sei ein bisschen weicher zu ihr. Dann fühlt sie sich besser, und du selbst leidest auch weniger.“

Damals konnte ich damit nichts anfangen.

Warum sollte ich mein Leben danach ausrichten, anderen zu gefallen? Warum sollte ich mich nach außen fügsam zeigen, wenn es mir innerlich schlecht ging? Gefallenwollen, Schmeicheln, Sich-Anpassen – all das waren für mich damals Dinge, die ich grundsätzlich ablehnte.

So endeten meine Mutter und ich oft beide unzufrieden, und keine von uns wollte zuerst nachgeben.

Sie fand, ich sei nicht aufmerksam genug, würde ihr nicht entgegenkommen und sie nicht verstehen.

Ich fand sie anstrengend, widersprüchlich und kaum zufriedenzustellen.

Wir waren Mutter und Tochter und fühlten uns doch oft wie zwei Menschen, die sehr nah beieinanderstehen und trotzdem ständig gegeneinander ziehen, weil keine von beiden zuerst weicher werden will.

All diese Jahre habe ich nicht in der Nähe meiner Eltern gelebt. Die Entfernung war das eine. Aber auch in meinem eigenen Leben war vieles chaotisch. Mein Kind war noch klein, zu Hause gab es immer irgendetwas, dann kam die Pandemie, und später musste ich auch beruflich einige Rückschläge verkraften.

Ich habe selten darüber gesprochen, aber tief in mir war immer dieses Schuldgefühl. Je älter meine Eltern wurden, desto stärker wurde das Gefühl: „Eigentlich sollte ich da sein, aber ich kann nicht.“ Irgendwann wurde daraus ein schwerer Knoten in mir.

Vor ein paar Tagen habe ich beim Durchsehen alter Texte etwas wiedergefunden, das ich vor dreizehn Jahren auf WeChat Moments geschrieben hatte – dem sozialen Feed innerhalb von WeChat, ähnlich einem privaten Facebook- oder Instagram-Feed.

Heute, beim erneuten Lesen, wurde mir klar, dass mich genau dieses Thema schon damals beschäftigt hatte:

Vor einiger Zeit sah ich Fotos von Mama und Papa, und plötzlich gingen mir unzählige Gedanken durch den Kopf. Wann hatte die Zeit so tiefe Spuren in ihre Gesichter gezeichnet? Es war, als wären sie in den zehn Jahren, in denen ich nicht bei ihnen war, mit erschreckender Geschwindigkeit gealtert und immer weiter in den Strom der Zeit hineingetragen worden.

All diese Jahre wollten wir immer nur weiter, immer nach vorn. Dabei haben wir vergessen, einmal stehen zu bleiben, sei es auch nur für einen kurzen Augenblick, und ihre Landschaft anzusehen. Wir haben vergessen uns zu fragen, ob ihr Weg durchs Leben auch ohne uns an ihrer Seite noch schön und glücklich war.

Zeit, du fließt so still an uns vorbei, wie ein kleiner Bach. Du nimmst die Tage und die Jahre mit dir und lässt nur die vom Wasser gezeichneten Gesichter zurück, leuchtend im letzten Licht und doch irgendwie einsam.

Wenn du nur einen Augenblick anhalten könntest. Wenn ich noch einmal in jene Jahre zurückkehren und ein Stück des Weges neben ihnen gehen könnte. Wenn wir gemeinsam einen Sonnenaufgang sehen könnten und ich noch einmal die Hoffnungen berühren dürfte, die sie in sich tragen.

Es ist spät geworden. Der Herbstwind bringt einen Hauch von Regen mit sich. Kühl streicht er über mein Gesicht, und in der Luft liegt der Duft feuchter Erde. Blätter taumeln im Herbstwind zu Boden, fallen mir vor die Füße und rascheln unter meinen Schritten. Eine solche Straße, eine solche Nacht. Auf beiden Seiten stehen die Straßenlaternen in Reihen, als wollten sie einem Menschen, der sich verirrt hat, ein wenig Wärme von Zuhause schenken.

Wer seufzt da in dieser tiefen Herbstnacht? Suchst du, genau wie ich, in diesem einsamen Glanz, in dieser lärmenden Leere nach etwas, das dich noch berühren kann?

Wer weint? Tränen sammeln sich still in den Augen und fallen schließlich in die Erde. Wenn ich all die Zeit an eurer Seite geblieben wäre – wäre die Zeit dann vielleicht ein wenig gnädiger gewesen? Hätte sie euch etwas sanfter behandelt?

Die Nacht ist so tief, der Weg so lang, und doch bin ich nicht bei euch …

Die Jahre, die wir gemeinsam gegangen sind, sind tief in meine Seele eingeschrieben. Ich werde sie immer wieder hervorholen und aufmerksam darin lesen.

Wenn ich diese Worte heute lese, tut es mir immer noch weh.

Damals wusste ich eigentlich noch gar nicht, wie ich mit meinen Eltern umgehen oder ihnen wirklich nahekommen sollte. Ich empfand einfach ganz instinktiv Schmerz: darüber, dass sie irgendwo weit weg, außerhalb meines Blickfelds, langsam älter wurden; darüber, dass die Zeit auf niemanden wartet; darüber, dass ich immer weit weg war und so vieles verpasste.

Schon vor zehn Jahren tat mir der Gedanke weh, dass sie älter wurden.

Damals konnte ich aber kaum mehr tun, als darüber traurig zu sein.

Vor einiger Zeit wurde die Trigeminusneuralgie meiner Mutter wieder sehr schlimm. Diese Krankheit quält sie seit mehreren Jahren, und wenn die Schmerzen kommen, können sie einen Menschen nahezu hilflos machen.

Gleichzeitig hat meine Mutter seit jeher ein tiefes Misstrauen gegenüber Krankenhäusern. Aufgrund verschiedener Erfahrungen in unserer Familie glaubt sie oft, dass ein Krankenhausaufenthalt, Medikamente oder Behandlungen ein Problem nicht unbedingt lösen, sondern den Menschen womöglich noch zusätzlich belasten. Außerdem hatte sie selbst einmal eine sehr schlechte Reaktion auf Medikamente. Deshalb lehnt sie eine konservative Behandlung besonders stark ab und hat immer das Gefühl, dass Medikamente nur die Symptome unterdrücken, ohne die Ursache zu beseitigen.

Irgendwann wurden die Schmerzen so stark, dass sie es nicht mehr aushielt. Mein Vater wandte sich an meine jüngere Schwester und bat sie, einen Arzttermin in Shanghai zu organisieren.

Meine Schwester hat sich in all den Jahren wirklich sehr um unsere Eltern gekümmert. Sie ist nicht mit uns aufgewachsen, doch seit sie wieder Teil unserer Familie ist, kümmert sie sich sehr gewissenhaft um sie. Sie organisiert Tickets und Arzttermine, begleitet sie ins Krankenhaus und sorgt unterwegs dafür, dass alles geregelt ist.

Viele Dinge, die eigentlich ich hätte tun sollen, hat in all diesen Jahren meine Schwester übernommen, weil ich nicht bei meinen Eltern war. Sie ist nicht mit uns aufgewachsen, und trotzdem steht sie zuverlässig da, wenn unsere Eltern sie brauchen.

Wenn ich daran denke, empfinde ich eine Mischung aus Dankbarkeit und Schuld, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Gerade deshalb wurde mir nach diesem Telefonat noch klarer, dass es vielleicht das Konkreteste war, was ich in diesem Moment tun konnte: aus der Ferne bei meiner Mutter zu bleiben, ihr die Dinge geduldig zu erklären und ihr ein wenig von ihrer Angst zu nehmen.

Meine Mutter war dieses Mal mit der festen Vorstellung nach Shanghai gefahren: Jetzt lasse ich mich operieren, dann ist die Sache ein für alle Mal erledigt.

Nach der Untersuchung hielt der Arzt die Operation jedoch für riskant. Er empfahl zunächst eine konservative Behandlung, also Medikamente und Beobachtung, und riet davon ab, sofort zu operieren.

Damit kam meine Mutter überhaupt nicht zurecht.

In ihrer Vorstellung brachten Medikamente nichts, und weiteres Warten brachte ebenso wenig. Sie wollte das Problem ein für alle Mal lösen. Als sie an diesem Tag zurückkam, war sie emotional völlig aufgewühlt. Niemand konnte zu ihr durchdringen. Sie hatte sich in diesem Gedanken festgebissen und kam nicht mehr davon los.

Später erzählte mir meine Schwester, wie schlecht es ihr ging, und mir wurde ganz schwer ums Herz.

In diesem Moment rief ich meine Mutter per Video an.

Früher konnten wir beide sehr schnell miteinander streiten. Selbst über diese große Entfernung reichten manchmal wenige Sätze, bis wir wieder aneinandergerieten. Sie hatte ihre Kränkungen und ihren Eigensinn, ich meinen Ärger und meine Ungeduld.

Wenn ich half, war es falsch. Wenn ich nicht half, war es auch falsch. Ihr entgegenzukommen fühlte sich für mich schlecht an, und wenn ich widersprach, konnte sie explodieren.

So war es viele Jahre lang.

Doch an diesem Tag war diese alte Spannung in mir plötzlich nicht da.

Nicht, weil ich mich zwang, sie zu trösten oder so zu tun, als wäre ich nun plötzlich eine besonders verständnisvolle und vernünftige Tochter. Darum ging es nicht.

Es war eher so, dass ich in den vergangenen Monaten beim Schreiben immer wieder auf mein eigenes Leben zurückgeblickt hatte. Und dadurch begann ich langsam Dinge zu sehen, die ich früher nicht sehen konnte.

Manches, was ich früher einfach für „ihre Macken“ gehalten hatte, erschien mir nun anders. Ich begann zu erkennen, dass dahinter auch Verletzungen lagen, die sie ein Leben lang mit sich herumgetragen hatte und die nie wirklich einen Ort gefunden hatten, an dem sie zur Ruhe kommen konnten.

Also widersprach ich ihr an diesem Tag zum ersten Mal nicht sofort.

Ich sprach langsam mit ihr in unserem Heimatdialekt.

Ich erklärte ihr nach und nach, was ich recherchiert hatte.

Ich sagte ihr, dass der Arzt sie nicht etwa nicht behandeln wollte und dass auch wir ihre Beschwerden keineswegs ignorierten. Das Problem war, dass in diesem Bereich Nerven und Blutgefäße betroffen sind. Eine Operation war nicht so einfach, wie sie dachte: „Man macht sie, und danach ist alles gut.“ Es gab Risiken, und wenn bestimmte Komplikationen auftraten, könnten die Folgen schlimmer sein als das, worunter sie jetzt schon litt.

Ich sagte ihr auch, dass zuerst Medikamente zu nehmen nicht bedeutete, aufzugeben. Es war einfach der vorsichtigere Weg.

Und ich versprach ihr, weiter nach Informationen zu suchen und noch mehr verlässliche medizinische Quellen zu lesen. Ich würde sie nicht allein damit lassen, ohne zu verstehen, was eigentlich geschah.

So erklärte ich ihr alles, Satz für Satz, ganz geduldig.

Wenn ich ehrlich bin, kam mir diese Geduld im Nachhinein selbst ein wenig fremd vor. Früher hätte ich das kaum geschafft.

Nicht, weil mir meine Mutter nicht wichtig gewesen wäre. Ich blieb nur viel zu schnell in meinen eigenen Gefühlen stecken.

Dieses Mal nicht.

Wir redeten an diesem Tag sehr lange miteinander, mehrere Stunden.

Nachdem wir aufgelegt hatten, waren meine eigenen Gefühle ebenfalls ziemlich durcheinander. Eine Weile später schrieb mir meine Schwester, dass es Mama deutlich besser gehe. Sie war nicht mehr so stark in Abwehrhaltung und konnte sich nun darauf einlassen, zunächst Medikamente auszuprobieren.

In diesem Moment stieg etwas in mir auf, das ich kaum beschreiben konnte.

Es war kein Gefühl von Erfolg.

Auch kein: „Siehst du, ich habe sie endlich überzeugt.“

Zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst: Ich bin durchaus in der Lage, ruhig und freundlich mit meiner Mutter zu sprechen.

Ich war nur viele Jahre lang an etwas in mir selbst nicht vorbeigekommen.

Früher bedeutete „weicher sein“ für mich, sich anzupassen. „Entgegenkommen“ bedeutete für mich, mich selbst zurückzustellen, und jemanden zu beruhigen fühlte sich nach Gefallenwollen an.

Heute begreife ich langsam, dass ein wenig Sanftheit nicht automatisch bedeutet, sich selbst kleinzumachen. Und Geduld bedeutet auch nicht zwangsläufig, sich selbst zu opfern.

Manchmal heißt es einfach nur, dass man endlich sehen kann, warum der andere zu dem Menschen geworden ist, der er heute ist.

Meine Mutter ist immer noch meine Mutter.

Sie ist noch immer eigensinnig. Sie verbeißt sich noch immer in bestimmte Gedanken. Und sie äußert ihre Bedürfnisse noch immer manchmal auf eine Weise, die für andere schwer auszuhalten ist.

Und ich bin immer noch ich.

Ich bin nicht plötzlich zu einem Menschen geworden, der perfekt mit Beziehungen umgehen kann. Und dieses eine Gespräch bedeutete auch nicht, dass es zwischen meiner Mutter und mir nie wieder Spannungen geben würde.

Aber an diesem Tag hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass selbst Menschen, die sich über viele Jahre miteinander verheddert haben, einander langsam ein Stück näherkommen können.

Vor zehn Jahren konnte ich meine Eltern nur älter werden sehen und darüber traurig sein. Ich konnte nur daran denken, dass ich nicht bei ihnen war.

Viele Jahre später habe ich etwas Konkreteres gelernt: nicht nur aus der Ferne traurig zu sein, sondern zu versuchen, etwas sanfter zu sprechen, Dinge etwas verständlicher zu erklären und bei meiner Mutter zu bleiben, während sich der Knoten in ihr wenigstens ein kleines Stück lockert.

Beziehungen werden selten durch eine einzige große Versöhnung plötzlich gut.

Oft verändert sich etwas vielmehr in einem ganz bestimmten Moment – wenn man nicht mehr nur beweisen will, dass man selbst recht hat, sondern bereit ist, das Gespräch erst einmal in Ruhe zu Ende zu führen.

Viele Jahre später habe ich endlich gelernt, wie ich mit meiner Mutter reden kann.

Nicht, weil ich besser darin geworden bin, anderen zu gefallen,

sondern weil ich endlich ein wenig mehr in der Lage bin, sie zu verstehen.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 很多年后,我终于学会了怎么和妈妈说话

Englische Version: Many Years Later, I Finally Learned How to Talk to My Mother

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