Von Jane Sonnenschein · 13. Juni 2026
Freiheit im Sinne Kants bedeutet nicht einfach, tun zu können, was man will. Sie bedeutet vielmehr, sich innerhalb von Regeln selbst Gesetze zu geben. Früher fand ich solche Gedanken ziemlich abstrakt. Doch je länger ich in Deutschland lebe, desto stärker habe ich das Gefühl, dass Freiheit und Ordnung sich nicht so einfach voneinander trennen lassen.
Wenn eine Gesellschaft keine Regeln hat, kann Freiheit schnell zur Willkür der Stärkeren werden. Wenn Regeln aber überall sind, verwandelt sich Freiheit irgendwann in Formulare, Genehmigungen, Anträge und endlose Tage des Wartens.
Heute saß ich auf dem Heimweg in der Straßenbahn neben einer Frau über siebzig. Sie war eine typische Ostdeutsche, und wenn sie über ihr früheres Leben in der DDR sprach, lag in ihrer Stimme eine deutliche Sehnsucht.
Sie erzählte, dass damals vieles geregelt gewesen sei: Arbeit, Kindergarten, Bildung, Alltag. Für all das habe es ein stabiles System gegeben. Sie selbst hatte mehr als vierzig Jahre gearbeitet. Wenn sie von früher sprach, klang das nicht nach einer politischen Parole, sondern eher nach der Sehnsucht eines ganz normalen älteren Menschen nach Verlässlichkeit.
Es war nicht das erste Mal, dass ich so etwas gehört habe.
Als ich während meines Studiums bei Volkswagen gearbeitet habe, hatte ich ebenfalls Kollegen mit ostdeutschem Hintergrund. Wenn sie über früher sprachen, kamen oft ganz konkrete Dinge zur Sprache: Betriebskindergärten, Kantinen, Kinderbetreuung, Arbeitsorganisation.
Gerade beim Thema Kindergarten kann ich das sehr gut nachvollziehen.
Wir selbst haben damals dreieinhalb Jahre auf einen Kindergartenplatz für unser Kind gewartet. Heute ist es in Deutschland so, dass Familien oft sehr früh einen Platz beantragen müssen. Selbst wenn das Kind schon geboren ist, heißt das noch lange nicht, dass man problemlos eine passende Betreuung findet.
Für junge Eltern ist das kein abstraktes Problem des Systems. Es ist ein ganz konkretes Problem im Alltag.
Deshalb finde ich es zu einfach, ältere Ostdeutsche auszulachen, wenn sie von früher schwärmen, oder ihnen zu unterstellen, sie seien „indoktriniert“ gewesen oder hätten „Freiheit nicht verstanden“.
Oft vermissen sie gar nicht unbedingt die Überwachung, die Einschränkungen oder das Misstrauen zwischen Nachbarn. Vielleicht vermissen sie vielmehr das Gefühl, dass das Leben von einem System mitgetragen wurde.
Die Kinder waren betreut. Es gab Arbeit. Der Lebensweg war zwar stärker vorgegeben, aber wenigstens war er stabil.
Für Menschen, die nach der Wiedervereinigung starke gesellschaftliche Veränderungen, mehr Konkurrenz, Druck auf öffentliche Leistungen und zunehmende Unsicherheit erlebt haben, ist diese Sehnsucht nicht schwer zu verstehen.
Natürlich darf man die andere Seite nicht ausblenden.
Die Ordnung der DDR hatte ihren Preis.
Nachbarn konnten einander melden. Vertrauen zwischen Menschen war oft gering. Der Staat griff tief in das private Leben ein.
Eine Gesellschaft, in der alles ordentlich geregelt ist, kann Menschen auch die Luft zum Atmen nehmen.
Wenn Westdeutsche oder Menschen mit westlichem Hintergrund von ostdeutscher Nostalgie hören, denken viele deshalb sofort an genau diese Dinge: Überwachung, Kontrolle, Unfreiheit und ein vom System vorgegebenes Leben.
Diese Kritik ist natürlich berechtigt.
Aber die eigentliche Frage beginnt dort, wo die Gegenwart ungemütlich wird.
Wenn sich in einer vermeintlich freien Gesellschaft immer mehr Menschen im öffentlichen Raum unsicher fühlen, wenn Eltern verzweifelt nach Kindergartenplätzen suchen und wenn viele merken, dass das Leben zwar freier, aber gleichzeitig auch einsamer, instabiler und stärker auf Eigenverantwortung angewiesen ist, stellt sich irgendwann ganz automatisch die Frage:
Was hat uns Freiheit eigentlich gegeben?
Und was hat Ordnung uns genommen?
Vor Kurzem bin ich außerdem auf einen chinesischen Blogger gestoßen, der in Deutschland lebt und über die deutsche „Genehmigungskultur“ gesprochen hat.
Er meinte, in Deutschland müsse man sich bei vielen Dingen zuerst fragen: Darf ich das überhaupt?
Wenn man auf dem Balkon mit einem Elektrogrill grillt, kann es sein, dass Nachbarn fragen, ob das erlaubt ist und ob man andere damit stört.
Wer am Fluss angeln möchte, braucht einen Angelschein und entsprechende Genehmigungen.
Und selbst auf dem eigenen Grundstück, im Garten oder auf dem Rasen muss man oft Naturschutz, Umweltvorschriften, Nachbarrechte und verschiedene gesetzliche Regeln beachten.
Deutsche sind es gewohnt, Anträge zu stellen.
Sie sind es gewohnt, Genehmigungen einzuholen.
Sie sind es gewohnt, zuerst nach den Regeln zu schauen und erst danach zu überlegen, ob sie etwas tun können.
Am Ende stellte dieser Blogger eine ziemlich scharfe Frage:
Wenn man für alles eine Genehmigung braucht, wo bleibt dann eigentlich die Freiheit?
Diese Frage findet leicht Resonanz.
Wer länger in Deutschland gelebt hat, kennt Formulare, Vorschriften, Anträge, Wartezeiten und Abläufe sehr gut.
Wenn man etwas erledigen will, kann man oft nicht einfach loslegen. Zuerst muss man herausfinden, ob es überhaupt erlaubt ist, welche Behörde zuständig ist, welches Formular man braucht, wie lange man warten muss, welche Nachweise verlangt werden und ob man irgendeine bestimmte Vorschrift erfüllt.
Dieses Regelbewusstsein reicht in Deutschland tief in den Alltag hinein.
Es schafft Ordnung.
Und manchmal hat man dabei das Gefühl, kaum noch Luft zu bekommen.
Aber wenn man es andersherum betrachtet, dann ist genau dieses Regelwerk auch einer der Gründe dafür, warum Deutschland lange als sicher, stabil und verlässlich empfunden wurde.
Die Menschen wissen, wann sie sich anstellen sollen.
Sie wissen, dass man während der Ruhezeiten keinen Lärm macht.
Sie wissen, wie Müll getrennt wird.
Sie wissen, welches Verhalten im öffentlichen Raum als Grenzüberschreitung gilt.
Freiheit bedeutet nicht, dass es keine Grenzen gibt.
Sie bedeutet, dass jeder bestimmte Grenzen anerkennt und sich innerhalb dieser Grenzen frei bewegen kann.
Anders gesagt: Deutsche Freiheit bedeutete nie wirklich „Ich mache, was ich will“.
Sie bedeutet eher: „Innerhalb gemeinsamer Regeln habe ich meinen Raum, und du hast deinen.“
Das eigentliche Problem beginnt dort, wo beides kippt.
Wenn es immer mehr Regeln gibt, fühlen sich Menschen eingeschränkt.
Wenn Regeln aber nicht mehr funktionieren, fühlen sie sich unsicher.
Die ältere Frau in der Straßenbahn wollte keine politische Theorie vergleichen.
Sie sprach vielmehr aus dem Gefühl heraus, dass die Ordnung in ihrem Alltag brüchiger geworden ist.
Im öffentlichen Verkehr begegnet sie häufiger Menschen, deren Verhalten unberechenbar wirkt. In Schulen gibt es Situationen, die Sorgen auslösen. Und im öffentlichen Raum gibt es mehr Momente, in denen ältere Menschen, Frauen und Kinder instinktiv wachsamer werden.
Wenn sie die Vergangenheit vermisst, dann vermisst sie vielleicht vor allem eine Welt, die ihr vertrauter und geordneter erschien.
Genau darin liegt eine der schwierigsten Seiten gesellschaftlicher Veränderung.
Je stärker ein Land Freiheit, Vielfalt und Offenheit betont, desto mehr braucht es gleichzeitig starke Regeln und die Fähigkeit, diese Regeln auch durchzusetzen.
Sonst kann Freiheit schnell von „Jeder darf er selbst sein“ zu „Jeder kann tun, was er will, ohne Rücksicht auf andere“ werden.
Vielfalt sollte eine Gesellschaft bereichern.
Ohne gemeinsame Grenzen kann sie aber auch dazu führen, dass der öffentliche Raum chaotischer wirkt.
Genau vor dieser Schwierigkeit steht Deutschland heute.
Über lange Zeit hat sich hier eine stark regelorientierte Lebensweise entwickelt, an die viele Deutsche gewöhnt sind.
Doch wenn immer mehr Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, unterschiedlichen Kindheiten und sehr verschiedenen gesellschaftlichen Erfahrungen denselben öffentlichen Raum teilen, wird es zu einer ganz praktischen Frage, ob Regeln verstanden, akzeptiert und auch durchgesetzt werden.
Nicht jeder kennt automatisch das deutsche Verständnis von Grenzen.
Und nicht jeder ist bereit, das eigene Verhalten in diese deutsche Ordnung einzuordnen.
Wenn eine Gesellschaft dann nur über Toleranz und Offenheit spricht, aber nicht mehr über Regeln, kann das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum langsam verloren gehen.
Aber auch die andere Richtung wäre zu einfach.
Wenn man nur über Regeln spricht und die Lebensrealität der Menschen ignoriert, entsteht eine andere Art von Härte.
Viele Menschen, die nach Deutschland kommen, bringen Traumata, Armut, Kriegserfahrungen, zerbrochene Familien, unterbrochene Bildungswege und gesellschaftliche Ausgrenzung mit.
Wenn eine Gesellschaft ihnen nur kalte Vorschriften vorlegt und verlangt, dass sie sich sofort anpassen, ohne ausreichend Bildung, Unterstützung und Integrationsmöglichkeiten anzubieten, lösen sich die Probleme nicht von allein.
Freiheit, Ordnung, Offenheit, Sicherheit – zusammengenommen sind diese Begriffe viel komplizierter als jede politische Parole.
Deshalb möchte ich weder sagen, dass ältere Ostdeutsche falschliegen, wenn sie die Vergangenheit vermissen, noch dass das deutsche System, in dem man für vieles eine Genehmigung braucht, einfach nur absurd ist.
Beide Seiten sehen einen Teil der Wirklichkeit.
Wer Ordnung vermisst, sieht die Sicherheit eines Lebens, das organisiert und getragen wurde.
Wer die DDR kritisiert, sieht den Preis staatlicher Kontrolle.
Wer sich über die deutsche Genehmigungskultur lustig macht, sieht die Absurdität einer Freiheit, die von Formularen umgeben ist.
Und wer auf Regeln besteht, sieht, was mit dem öffentlichen Leben passieren kann, wenn Regeln nicht mehr gelten.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob Freiheit oder Ordnung wichtiger ist.
Die Frage ist, ob eine Gesellschaft die Grenze zwischen beiden finden kann.
Ohne Freiheit wird Ordnung zur Unterdrückung.
Ohne Ordnung wird Freiheit zum Chaos.
Ohne öffentliche Leistungen bedeutet Freiheit irgendwann nur noch: Kümmere dich selbst darum.
Und ohne gemeinsame Regeln kann Offenheit dazu führen, dass am Ende immer diejenigen nachgeben müssen, die sich an Regeln halten.
Deutsche sind Regeln, Genehmigungen, Anträge und institutionelle Abläufe gewohnt.
Chinesen, die nach Deutschland kommen, empfinden vieles davon manchmal als lästig, langsam und starr.
Doch wenn wir im öffentlichen Verkehr immer mehr unkontrolliertes Verhalten sehen, wenn Eltern jahrelang auf einen Kindergartenplatz warten und wenn ältere Menschen anfangen, eine stärker organisierte Vergangenheit zu vermissen, merken wir wieder, dass Regeln nicht automatisch überflüssig sind.
Sie nerven, aber sie schützen auch.
Sie schränken ein, aber sie ermöglichen es zugleich, dass Fremde denselben öffentlichen Raum teilen können.
Vielleicht ist das einer der größten Widersprüche Deutschlands.
Das Land beruft sich auf Freiheit und schreibt diese Freiheit gleichzeitig in unzählige Regeln hinein.
Es betont individuelle Rechte und verlangt zugleich Anträge, Wartezeiten, Nachweise und die Einhaltung von Vorschriften.
Es möchte offen und vielfältig bleiben und muss gleichzeitig mit der Unsicherheit umgehen, die entsteht, wenn die öffentliche Ordnung ins Wanken gerät.
Und die Sehnsucht dieser älteren ostdeutschen Frau ist dabei fast wie ein Spiegel.
Sie lobt nicht unbedingt die Vergangenheit.
Sie erinnert uns vielmehr daran, dass Menschen beginnen, sich nach alten Systemen zurückzusehnen, wenn sie in der Gegenwart immer weniger Stabilität und Sicherheit empfinden – selbst dann, wenn genau diese Systeme früher auch bedrückend waren.
Wenn jemand die Vergangenheit vermisst, bedeutet das nicht unbedingt, dass die Vergangenheit wirklich besser war.
Oft bedeutet es einfach, dass sich die Gegenwart unsicher anfühlt.
Wenn wir also über Freiheit sprechen, sollten wir nicht nur fragen: „Darf ich tun, was ich möchte?“
Wir sollten auch fragen: Muss jemand anderes den Preis für meine Freiheit bezahlen?
Und wenn wir über Ordnung sprechen, sollten wir nicht nur fragen: „Ist die Gesellschaft sicherer?“
Wir sollten auch fragen: Beruht diese Sicherheit auf zu viel Kontrolle?
Eine wirklich gute Gesellschaft muss sich vielleicht gar nicht zwischen Freiheit und Ordnung entscheiden.
Vielleicht besteht ihre Aufgabe darin, der Freiheit Grenzen zu geben, ohne Ordnung erstickend werden zu lassen, und Regeln so zu gestalten, dass sie normale Menschen nicht nur einschränken, sondern tatsächlich schützen.
Sonst suchen Menschen auf Formularen nach Genehmigungen und in der Straßenbahn nach einem Gefühl von Sicherheit.
Sie sagen, dass sie in einer freien Gesellschaft leben, und beginnen gleichzeitig, eine Zeit zu vermissen, in der fast alles für sie geregelt war.
Das ist nicht einfach die Nostalgie einer einzelnen älteren Frau.
Es ist eine Frage, die eine Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Ordnung noch immer nicht zu Ende beantwortet hat.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version:当自由也要申请,德国人为什么还怀念秩序?
Englische Version: When Even Freedom Requires Permission, Why Do Germans Still Long for Order?


Leave a comment