Von Jane Sonnenschein · 11. August 2026
In den vergangenen Tagen befand sich meine Heimatstadt Linhai in der chinesischen Provinz Zhejiang wegen eines Taifuns und der damit verbundenen Überschwemmungsgefahr wieder im Katastrophenschutzmodus. Meine Eltern wohnen in der Altstadt, ganz in der Nähe des Wangjiang-Tores und des Lingjiang-Flusses. Schon einige Tage vor dem Sturm kamen immer wieder Mitarbeiter der örtlichen Gemeinde zu ihnen nach Hause und versuchten, sie davon zu überzeugen, vorübergehend in eine Notunterkunft umzuziehen.
Eigentlich wollten meine Eltern beide nicht gehen. Unser Haus liegt für diese Gegend sogar relativ hoch, und im Notfall könnten sie sich immer noch in die oberen Stockwerke zurückziehen. Aber die Mitarbeiter kamen wieder und wieder. Niemand könne genau wissen, wie stark der Taifun diesmal werde, sagten sie. Es sei sicherer, das Haus vorsorglich zu verlassen. In der Unterkunft gebe es Essen und einen Platz zum Schlafen.
Schließlich ließen sich meine Eltern überzeugen. Sie verbrachten zwei Nächte in der Zheshang-Grundschule, wo sie mit mehr als einem Dutzend anderen Menschen in einem Klassenraum auf dem Boden schliefen. Als das Wasser wieder zurückgegangen war, kehrten sie nach Hause zurück.
Als ich mit ihnen per Video telefonierte, erzählte mir mein Vater, dass es diesmal glimpflich ausgegangen sei. Unser Haus war nicht wie 2019 überflutet worden.
Damals wurde Linhai von einem außergewöhnlich schweren Hochwasser getroffen, und das gesamte Erdgeschoss unseres Hauses stand unter Wasser. Mein Kinderzimmer lag früher unten. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich zwar längst nicht mehr in China, aber viele meiner alten Schulhefte, Prüfungsblätter, Bücher und andere Dinge lagen noch dort. Später erzählte mir mein Vater, dass alles vom Wasser zerstört worden sei. Die Flut kam sehr schnell und mitten in der Nacht. Meine Eltern hatten schlicht keine Zeit, die Sachen Stück für Stück nach oben zu tragen. Zuerst mussten sie an ihre eigene Sicherheit denken.
Merkwürdigerweise hat mich weder die große Flut von 2019 noch die Nachricht, dass meine Heimatstadt jetzt wieder überschwemmt wurde, so erschüttert, wie man vielleicht erwarten würde.
Nicht, weil Hochwasser ungefährlich wäre. Sondern weil ich damit aufgewachsen bin.
Einen Teil meiner Kindheit verbrachte ich bei meiner Großmutter auf dem Land, in einem freistehenden Haus, wie es in chinesischen Dörfern damals üblich war. Auch dort waren wir nicht weit vom Flusssystem des Lingjiang entfernt. Eines Nachts wachte ich auf und stellte fest, dass das Erdgeschoss bereits unter Wasser stand. Das Wasser stieg weiter, und irgendwann blieb uns nichts anderes übrig, als nach oben zu gehen. Am nächsten Tag war das gesamte Erdgeschoss unbewohnbar.
Damals gab es auf dem Land noch längst nicht so viele Deiche, Pumpwerke und andere Hochwasserschutzanlagen wie heute. Wenn der Fluss über die Ufer trat, verschwanden zuerst die Felder am Ufer unter Wasser, danach traf es die Häuser in tiefer gelegenen Bereichen.
Später, als wir wieder in der Altstadt von Linhai lebten, verbanden sich meine Erinnerungen an Hochwasser immer stärker mit der alten Stadtmauer und dem Wangjiang-Tor. Unser Haus liegt sehr nah an diesem Tor, und direkt dahinter fließt der Lingjiang.
Wenn im Sommer ein Taifun kam und der Fluss stark anschwoll, standen wir als Kinder manchmal auf der Stadtmauer und sahen hinunter. An normalen Tagen lagen am Fluss Felder, Bambushaine und niedrige Häuser. Bei einem schweren Hochwasser verschwand fast alles davon. Übrig blieb eine riesige Fläche aus schlammig gelbem Wasser, die sich bis in die Ferne zog. Es sah tatsächlich aus wie ein gelbes Meer.
Ein Bild ist mir bis heute besonders deutlich im Gedächtnis geblieben. Irgendwie fiel einmal ein Regenmantel ins Hochwasser. Er drehte sich einige Male in der heftigen Strömung und wurde dann einfach fortgerissen.
Für ein Kind war die Botschaft sehr unmittelbar: Wenn Wasser erst einmal diese Kraft entwickelt, scheint fast alles, was Menschen ihm entgegensetzen, machtlos zu sein.
Trotzdem stellte ich mir damals nie eine eigentlich sehr naheliegende Frage: Warum gibt es in Linhai so oft Hochwasser?
Ich wusste nur, dass es etwas mit der Landschaft zu tun hatte. Ich wusste, dass im Sommer Taifune kommen konnten und dass mit den Taifunen häufig steigende Wasserstände verbunden waren. Von Jahr zu Jahr schien sich eigentlich nur zu unterscheiden, ob das Hochwasser diesmal größer oder kleiner ausfiel.
Erst jetzt, als ich wegen meiner Eltern mit Chris darüber sprach, begann ich, diese Frage wirklich auseinanderzunehmen. Zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, warum eine Stadt, die seit mehr als tausend Jahren mit Hochwasser lebt, dieses Problem bis heute nicht ein für alle Mal „lösen“ konnte.
Chris stellte sehr direkte Fragen.
Ich erklärte ihm, dass Linhai auf drei Seiten von Bergen umgeben ist und dass die Gegend stark von Hügeln und Bergen geprägt wird. Wasser fließt von dort in die tiefer gelegenen Gebiete. Gleichzeitig kommt Wasser aus den Oberläufen in den Lingjiang. Während eines Taifuns können zusätzlich innerhalb kurzer Zeit enorme Regenmengen fallen, während der Wasserstand flussabwärts auch noch von den Gezeiten beeinflusst wird.
Später öffneten wir einfach Google Maps.
Gestern Abend saßen wir ungefähr anderthalb bis zwei Stunden gemeinsam vor dem Computer. Chris fragte mich, wo genau unser Haus in Linhai eigentlich liegt, und ich begann, auf der Karte einen Ort nach dem anderen zu suchen. Größere Ortsnamen waren nicht schwer zu finden; manches ließ sich schon finden, wenn ich einfach den Namen in Pinyin eingab. Nach und nach fanden wir das Wangjiang-Tor und die Ziyang-Straße und schließlich auch die Fuqian-Straße in der Nähe meines Elternhauses. Ich zeigte auf die Karte und sagte ihm, dass unser Haus ungefähr dort liegt, ganz in der Nähe der alten Stadtmauer und des Lingjiang.
Dann wollte ich noch näher heranzoomen und sogar unsere genaue Hausnummer finden, aber egal, was ich versuchte, sie ließ sich nicht finden. Ich fragte Chris, ob es vielleicht daran lag, dass wir die ganze Zeit Pinyin eingegeben hatten und die vollständige chinesische Adresse besser funktionieren würde. Auf seinem Computer gab es jedoch überhaupt keine chinesische Eingabemethode. Also lud er kurzerhand ein chinesisches Sprachpaket für Windows herunter. Als ich endlich Chinesisch tippen konnte, gab ich unsere vollständige Adresse noch einmal ein. Aber selbst damit konnte Google Maps die genaue Hausnummer nicht finden.
Unseren tatsächlichen Hauseingang fanden wir am Ende also nicht. Aber wir waren nah genug dran.
Zwischendurch gab es noch einen kleinen Moment, den ich besonders interessant fand.
Nachdem Chris das Wangjiang-Tor gefunden hatte, öffnete er die Fotos, die dort auf Google Maps hinterlegt waren. Das Wangjiang-Tor gehört zu den bekanntesten und unverwechselbarsten Orten der Altstadt von Linhai. Das große Tor und die alte Stadtmauer waren auf den Bildern sehr deutlich zu erkennen. Als Chris sie sah, sagte er plötzlich: „Den Ort kenne ich.“
Im ersten Moment war ich ein wenig überrascht. Er war schließlich noch nie in Linhai gewesen. Woher sollte er das Wangjiang-Tor kennen?
Dann wurde mir klar, warum. Vor vielen Jahren hatte ich ihm Fotos gezeigt, die ich auf der alten Stadtmauer aufgenommen hatte. Außerdem hatte er Bilder gesehen, auf denen ich mit meiner Tochter und meinen Eltern in der Nähe dieser Mauer stand. Damals waren das für ihn einfach Fotos aus meiner Heimat gewesen. Er wusste nicht, wo genau diese Mauern innerhalb der Stadt lagen. Doch diesmal, als das Wangjiang-Tor auf Google Maps vor ihm auftauchte, passte die Stadt auf der Karte plötzlich zu den Bildern in seiner Erinnerung.
Er sagte, in dem Moment, in dem er diesen Ort gesehen habe, habe er gewusst, dass das bei uns zu Hause in der Gegend sein müsse.
Ich fand das auf eine eigenartige Weise berührend. Ein Mensch, der noch nie in Linhai gewesen war, saß Tausende Kilometer entfernt in Leipzig und konnte mithilfe einer Karte Familienfotos, die er Jahre zuvor gesehen hatte, plötzlich wieder an den Ort zurücksetzen, an dem sie tatsächlich entstanden waren.
Danach folgten wir mithilfe von Satellitenbildern und der 3D-Ansicht dem Lingjiang flussabwärts. Wir sahen, wie er an der alten Stadt vorbeifließt und weiter nach Osten in Richtung Meer führt. Wir betrachteten den Jinshan, die alte Stadtmauer, die umliegenden Berge und auch die Zheshang-Grundschule, in die meine Eltern diesmal vorübergehend evakuiert worden waren.
Viele Dinge, die ich Chris vorher nur mit Worten erklären konnte, wurden auf einmal sehr viel anschaulicher. Warum ich immer sage, dass Linhai von Bergen geprägt ist, warum in dieser Landschaft Wasser aus verschiedenen Richtungen in der Stadt zusammenkommt und wie Stadt, Berge und Fluss eigentlich zueinander liegen, ließ sich auf der Karte allmählich direkt erkennen.
Chris fand das ebenfalls faszinierend. Er sagte, er hätte nie gedacht, dass er eines Tages an einem Computer in Leipzig sitzen könnte, ohne jemals meine Heimatstadt besucht zu haben, und trotzdem so deutlich sehen würde, wie die Stadt aussieht, in der ich aufgewachsen bin. Er konnte sogar einem Fluss, den er noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, bis zu der Stelle folgen, an der er schließlich ins Meer mündet.
Und genau während dieses Prozesses wurden seine Fragen immer konkreter.
Wir drehten die Karte hin und her, suchten Informationen heraus und stellten eine Frage nach der anderen. Als ich irgendwann schließlich auf die Uhr sah, war es fast vier Uhr morgens.
Seine erste Frage war: Wenn ringsherum so viele Berge liegen, warum leitet man das Wasser dann nicht einfach durch die Berge ab?
Ich sagte ihm, dass genau das heute tatsächlich gemacht wird. Mit moderner Technik kann man Hochwasserentlastungstunnel durch Berge bauen und einen Teil des Wassers auf andere Wege lenken.
Seine nächste Frage kam sofort: Warum leitet man es dann nicht direkt ins Meer?
Zunächst wusste ich selbst nicht genau, wie ich darauf antworten sollte. Ich hatte nur das Gefühl, dass es nicht so einfach sein konnte.
Meine Heimat ist voller Hügel und Berge. Heute fährt man dort durch einen Tunnel nach dem anderen, und Orte, für die man früher sehr lange brauchte, sind plötzlich innerhalb von einigen Dutzend Minuten erreichbar. Dadurch vergisst man leicht, dass ein Berg in einer Zeit ohne solche Tunnel eine wirkliche Barriere war.
Als meine Mutter jung war, musste sie einmal mehrere Tage über Bergwege laufen, um Süßkartoffeln zu verkaufen. Mein Vater hat mir ebenfalls erzählt, wie schwierig die Fahrt nach Hangzhou war, als er dort studierte. Auf steilen Bergstraßen hatten Busse manchmal solche Schwierigkeiten, dass die Fahrgäste aussteigen und beim Schieben helfen mussten.
Heute schauen wir auf eine Karte und sehen, dass zwei Orte nur einige Dutzend Kilometer voneinander entfernt liegen. Wenn früher jedoch mehrere Bergzüge dazwischenlagen, konnten diese wenigen Dutzend Kilometer tatsächlich bedeuten, über Berge und durch Täler reisen zu müssen.
Die Frage „Warum bohrt man nicht einfach einen Tunnel durch den Berg?“ ist also selbst eine sehr moderne Frage.
Es ist nicht so, dass Menschen früher nicht auf die Idee kommen konnten, dass es hinter einem Berg einen anderen Abflussweg geben könnte. Entscheidend war vielmehr, ob sich eine solche Idee mit den technischen Möglichkeiten, Maschinen, finanziellen Mitteln und organisatorischen Fähigkeiten der jeweiligen Zeit überhaupt in ein reales Bauprojekt verwandeln ließ.
Doch selbst heute, wo wir Berge durchbohren können, ist das Problem damit noch nicht zu Ende.
Chris fragte weiter: Wenn der Wasserstand des Lingjiang so hoch ist, dass die städtische Kanalisation ihr Wasser nicht mehr in den Fluss ableiten kann, warum baut man dann nicht einen eigenen Entwässerungstunnel und führt das Regenwasser der Stadt an einen anderen Ort?
An diesem Gedanken ist grundsätzlich nichts falsch. Aber sobald man ihn ein wenig weiterverfolgt, folgt auf jedes „Warum nicht?“ sofort die nächste Frage.
Wohin genau soll das Wasser?
Wenn es ins Meer geleitet wird, kann der Meeresspiegel während eines Taifuns selbst durch Sturmflut und Hochwasser erhöht sein. Steigt der Wasserstand am Auslass zu stark, funktioniert die Entwässerung allein durch Gefälle nicht mehr richtig. Dann braucht man zusätzliche Sperrtore gegen die Flut und leistungsstarke Pumpwerke.
Wie lang und wie breit müsste ein solcher Tunnel sein? Wie viel Wasser müsste er pro Sekunde aufnehmen können? Für welche Stärke von Extremregen sollte man ihn auslegen? Und was passiert, wenn der nächste Sturm mehr Wasser bringt, als die Anlage bewältigen kann?
Wasser verschwindet nicht einfach, nur weil wir ihm einen anderen Weg geben.
Was technische Anlagen leisten können, ist letztlich, zu verändern, wohin Wasser fließt, wie schnell es dorthin gelangt und zu welchem Zeitpunkt es weitergeleitet wird.
Etwas, das mein Vater mir diesmal erzählte, machte mir diese Komplexität besonders anschaulich.
Die Altstadt von Linhai ist seit Jahrhunderten von einer Stadtmauer umgeben, und früher wurden die Stadttore geschlossen, sobald der Fluss stark anstieg. Daran erinnere ich mich sehr gut aus meiner Kindheit. Die Tore wurden geschlossen, trotzdem kam das Wasser oft erstaunlich schnell in die Stadt. Die schwere Flut von 2019 zeigte noch deutlicher, dass es unter extremen Bedingungen nicht ausreichte, einfach nur die Tore zu schließen.
Diesmal hatte die Stadt aus den Erfahrungen der Vergangenheit offenbar Konsequenzen gezogen. Mein Vater erzählte mir, dass die wichtigsten Stadttore zusätzlich zu den Hochwassersperren mit sehr großen Mengen Sandsäcken abgedichtet worden waren. Dadurch konnte das Wasser des Lingjiang nicht mehr so direkt in die Altstadt strömen wie früher.
Doch sobald man das Wasser draußen erfolgreich zurückhielt, wurde ein anderes Problem sichtbarer.
Der Taifun brachte in kurzer Zeit starke Regenfälle. Normalerweise wird das Regenwasser aus der Stadt nach außen abgeleitet. Diesmal stand der Lingjiang jedoch bereits sehr hoch, sodass das normale Gefälle zwischen der Stadt und dem Fluss fehlte. An manchen Stellen konnte Wasser zurückgedrückt werden, an anderen konnten die Auslässe nicht mehr auf natürlichem Weg entwässern. Große Mengen Regenwasser sammelten sich deshalb innerhalb der Stadt und mussten mit Pumpen hinausbefördert werden.
Mit anderen Worten: Nachdem eine Schwachstelle, die das Hochwasser von 2019 offengelegt hatte, verstärkt worden war, wurde eine andere Schwachstelle deutlicher sichtbar.
Da begann ich zu denken, dass genau so das Zusammenleben des Menschen mit der Natur vielleicht tatsächlich aussieht.
Wir stellen uns „Katastrophenschutz“ oft so vor, als ließe sich ein Problem ein für alle Mal lösen. Es gibt eine Überschwemmung, wir finden die Ursache, bauen eine technische Anlage, und danach ist diese Aufgabe erledigt.
Naturkatastrophen funktionieren aber nicht wie Prüfungsaufgaben mit immer denselben Bedingungen.
Regen bleibt Regen, Gezeiten bleiben Gezeiten. Hochwasserwellen aus dem Oberlauf, die verfügbare Kapazität eines Stausees, der Pegel eines Flusses und die Leistungsfähigkeit der städtischen Entwässerung sind alles Faktoren, die wir grundsätzlich kennen. Was sich nie vollständig vorhersagen lässt, ist, wie stark jeder einzelne Faktor beim nächsten Mal ausfallen wird, wann er eintritt und in welcher Kombination mehrere Faktoren zusammenkommen.
In einem Jahr fällt vor allem vor Ort ungewöhnlich viel Regen. In einem anderen Jahr kommt vielleicht besonders viel Wasser aus den Oberläufen. Manchmal treffen Hochwasserwelle und Hochwasser der Gezeiten zeitlich nicht aufeinander, sodass die Stadt damit zurechtkommt. Ein anderes Mal fallen mehrere der ungünstigsten Bedingungen in dieselben wenigen Stunden und bringen ein System, das normalerweise funktioniert, plötzlich an seine Grenze.
Die Natur muss also nicht jedes Mal eine völlig neue Karte erfinden.
Manchmal nimmt sie einfach Karten, die wir längst kennen, und legt sie in einer Kombination auf den Tisch, die wir so noch nie wirklich erlebt haben.
Dabei musste ich auch an Donghu, den alten See im Osten von Linhai, denken.
Vor einigen Tagen sah ich zufällig ein mit KI produziertes historisches Kurzvideo über Linhai. Darin ging es um Qian Xuan, der während der Nördlichen Song-Dynastie als hoher Verwaltungsbeamter in Taizhou tätig war. Weil Linhai niedrig lag und bei starken Regenfällen leicht unter Wasser stand, ließ er östlich der Stadt Donghu ausheben, damit ein Teil des Wassers, das sich dort sammelte, zunächst einen Ort hatte, an dem es aufgenommen werden konnte.
Heute denken die Menschen in Linhai bei Donghu vor allem an einen schönen Ort. Auch der Kinderpark, den ich als Kind oft besuchte, lag dort. Vor rund tausend Jahren stand hinter dem See jedoch zunächst ein sehr einfacher Gedanke des Hochwasserschutzes: Wenn an diesem Ort ohnehin immer wieder viel Wasser zusammenkommt, dann muss man dem Wasser auch Raum geben.
Moderne Rückhaltebecken und Retentionsflächen folgen im Grunde noch immer derselben Idee.
Wenn man Donghu, die alte Stadtmauer, die später gebauten Stauseen und Deiche, Pumpwerke, Entwässerungstore, Hochwasserentlastungstunnel und schließlich die heutigen vorsorglichen Evakuierungen auf eine lange Zeitachse legt, wird etwas deutlich.
Linhai ist nicht eine Stadt, die „seit tausend Jahren Hochwasser bekämpft und das Problem trotzdem noch immer nicht in den Griff bekommen hat“.
Im Gegenteil: Vielleicht bekämpft Linhai das Hochwasser gerade deshalb seit tausend Jahren, weil sich die Aufgabe nie endgültig erledigt.
Jede Zeit hatte andere technische Möglichkeiten. Und jede größere Katastrophe zeigte den Menschen erneut, an welcher Stelle die bisherige Antwort noch nicht ausreichte.
Während meines Gesprächs mit Chris wurde mir auch klar, dass sich an diesem Grundgedanken nicht viel ändern würde, wenn ich Linhai durch viele andere Orte der Welt ersetzen würde.
Auch Deutschland erlebt Hochwasser. Auch europäische Städte können von extremen Regenfällen getroffen werden, bei denen Kanalisation und Entwässerungssysteme überfordert sind und Straßen oder unterirdische Räume volllaufen. In den USA, in Kanada und in Südeuropa gibt es jedes Jahr Waldbrände. Viele Regionen der Welt leben dauerhaft mit Dürren. Rund um den Pazifik kommen außerdem Erdbeben und Tsunamis hinzu.
Wenn wir davon ausgehen, dass etwas nach jahrzehntelanger „Bekämpfung“ eigentlich nie wieder auftreten dürfte, könnten wir überall dieselben Fragen stellen.
Warum gibt es im nächsten Jahr wieder Waldbrände, obwohl die Feuerwehr sie im Vorjahr gelöscht hat?
Warum werden in Ländern, die seit Jahrzehnten in erdbebensicheres Bauen investieren, bei einem schweren Erdbeben trotzdem noch Gebäude beschädigt?
Warum sorgen immer bessere Tsunami-Warnsysteme nicht dafür, dass Tsunamis selbst verschwinden?
Wenn man es so betrachtet, wird die Antwort eigentlich offensichtlich.
Überschwemmungen, Erdbeben, Tsunamis, Dürren und Waldbrände sind Naturprozesse, die die Menschheit durch ihre gesamte Geschichte begleitet haben. Sie sind nie wirklich aus unserem Leben verschwunden.
Was wir verändern können, ist nicht ihre Existenz, sondern das, was passiert, wenn sie uns treffen.
Ein Hochwasser wie 2019 kann zeigen, wo eine bestimmte Schutzlinie versagt. Beim nächsten Mal lässt sich genau diese Stelle verstärken. Früher saßen Menschen vielleicht schon auf den Dächern und warteten auf Hilfe, wenn das Wasser längst da war. Heute können Mitarbeiter der Behörden, sobald die Prognosen ein zunehmendes Risiko zeigen, tagelang von Tür zu Tür gehen und ältere Bewohner davon überzeugen, ihre Häuser noch vor dem Sturm zu verlassen.
Früher begann vieles erst, nachdem das Wasser bereits gekommen war.
Heute lassen sich zumindest Warnung, Evakuierung und ein Teil der Vorbereitung vorher organisieren.
Deshalb sehe ich heute auch anders darauf, dass meine Eltern zwei Nächte auf dem Boden einer Schule geschlafen haben.
Sie haben nicht gewartet, bis das Wasser bereits ins Haus lief.
Sie waren vorher schon weg.
Für eine Gesellschaft, die niemals jedes Naturrisiko vollständig beseitigen kann, ist allein diese Veränderung bereits ein Fortschritt.
Natürlich kann man Katastrophenschutz nicht darauf beschränken, nach jedem Unglück die nächste Schwachstelle zu reparieren. Moderne Ingenieurwissenschaft arbeitet mit Modellen. Anlagen werden für Hochwasserereignisse geplant, die statistisch vielleicht einmal in mehreren Jahrzehnten, einmal in hundert Jahren oder noch seltener auftreten. Ingenieure versuchen auch, verschiedene Risiken bereits vorab miteinander zu kombinieren und besonders ungünstige Szenarien durchzuspielen.
Aber jedes System hat Grenzen, und niemand kann alle möglichen Kombinationen kennen, die die Zukunft noch bringen wird.
Eine Stadt kann ihre Deiche nicht unbegrenzt erhöhen. Sie kann nicht ihre gesamte Bevölkerung umsiedeln, weil ein Extremereignis vielleicht einmal in mehreren Jahrhunderten eintreten könnte. Jeder Tunnel, jedes Pumpwerk und jeder Stausee besitzt nur eine begrenzte Kapazität.
Vielleicht besteht reifer Katastrophenschutz deshalb letztlich weniger darin, zu versprechen, dass eine Katastrophe nie wieder geschehen wird, sondern vielmehr darin, mit den technischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, ein immer widerstandsfähigeres System aufzubauen.
Wenn das Wasser kommt, gibt es einen Ort, an dem ein Teil davon zurückgehalten werden kann.
Wenn der Fluss steigt, gibt es Deiche, die ihn zurückhalten.
Wenn der Wasserstand außerhalb der Stadt zu hoch wird, gibt es Pumpen, die das Wasser im Inneren hinausbefördern.
Und wenn auch die technischen Anlagen an ihre Grenzen kommen, gibt es Warnungen und Evakuierungspläne.
Nach der Katastrophe schaut man erneut hin: Was hat diesmal nicht funktioniert, und was muss noch verändert werden?
Als Kind wusste ich nur: Wenn das Hochwasser kommt, gehen wir nach oben.
Erst viele Jahre nachdem ich Linhai verlassen hatte, begann ich ernsthaft zu fragen, warum dieses Wasser eigentlich immer wieder kommt. Und je weiter ich dieser Frage folgte, desto mehr veränderte sich mein Verständnis von der alten Vorstellung vom „Kampf des Menschen gegen die Natur“.
Vielleicht war es nie ein Kampf, an dessen Ende irgendwann ein endgültiger Sieger feststeht.
Die Möglichkeiten des Menschen sind gegenüber der Natur begrenzt. Ein extremes Hochwasser kann eine Stadt innerhalb weniger Stunden verändern. Ein Erdbeben kann in wenigen Sekunden zerstören, was Menschen über Jahrzehnte aufgebaut haben.
Aber menschliche Stärke zeigt sich nicht nur darin, ob wir die Natur kontrollieren können.
Wir können festhalten, was geschehen ist. Wir können daraus lernen. Und wir können die Schwachstellen, die eine Katastrophe sichtbar gemacht hat, in Vorbereitungen für die nächste verwandeln.
Vor tausend Jahren gruben Menschen Donghu aus, damit das Wasser einen Ort hatte, an den es ausweichen konnte. Spätere Generationen bauten Stadtmauern, Deiche, Stauseen und Flussanlagen. Heute können Menschen Tunnel durch Berge treiben, leistungsfähige Pumpwerke bauen und Bewohner schon vor dem Eintreffen eines Taifuns in sichere Schulen bringen.
Die Natur hat deshalb nicht aufgehört, uns neue Aufgaben zu stellen.
Und die Menschen haben nicht aufgehört, nach Antworten zu suchen, nur weil diese Prüfung niemals endgültig vorbei ist.
Vielleicht ist das eine der Arten, wie Zivilisation seit jeher wächst: Wir können nicht wissen, welche Karten die Natur beim nächsten Mal ausspielen wird. Aber wir können zumindest versuchen, dafür zu sorgen, dass die letzte Katastrophe nicht nur Verluste hinterlässt, sondern auch zu einer weiteren Schutzlinie wird, bevor die nächste kommt.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 一座治水千年的古城,为什么今天仍然会发洪水?
Englische Version: Why Does an Ancient City That Has Managed Floods for a Thousand Years Still Flood Today?


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