Von Jane Sonnenschein · 1. Juni 2026
Heute ist der 1. Juni, Internationaler Kindertag.
In Deutschland wird dieser Tag an den Schulen nicht mit derselben festlichen Stimmung begangen, wie man sie aus China kennt. Für Kinder kann er trotzdem wichtig sein. Meine Tochter wusste schon seit einiger Zeit, dass dies ein besonderer Tag für Kinder sein sollte.
Im Paunsdorf Center fand zufällig eine K-Pop-Themenveranstaltung statt. Einige junge Frauen sollten dort in Kostümen auftreten, die an Figuren aus einem Spiel erinnerten. Die Kinder konnten sich anstellen, um ihnen ein High Five zu geben und gemeinsam Fotos zu machen.
Ich dachte mir, es ist schließlich Kindertag. Warum also nicht mit ihr hingehen und es uns ansehen?
Als wir ankamen, war es bereits sehr voll. Die Schlange war lang, und meine Tochter war natürlich aufgeregt. Sie hatte außerdem ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft mitgebracht. Die beiden betrachteten die Bühne und die auffällig gekleideten Frauen, und ihre Augen leuchteten.
Als Erwachsene stand man daneben und verstand die ganze Aufregung nicht so recht. Es waren schließlich nicht die echten Spielfiguren und auch keine besonders berühmten Stars. Warum waren so viele Menschen bereit, dafür so lange anzustehen?
Kinder sehen das jedoch anders.
Für sie war Kindertag. Es gab eine Bühne, Musik, Menschen, die wie vertraute Figuren gekleidet waren, und viele andere Kinder, die gemeinsam in der Schlange warteten. All das zusammen reichte bereits aus, um aus diesem Tag etwas Besonderes zu machen.
Weil die Schlange so lang war, gingen wir zunächst in den Spielzeugladen. Wir wollten später noch einmal zurückkommen und uns dann anstellen.
Genau dort begann das Problem.
Heute ist es wirklich schwer, mit einem Kind einen Spielzeugladen zu betreten und mit leeren Händen wieder herauszukommen.
Überall stehen Plüschtiere, Überraschungskugeln, Blindboxen, Baukästen, kleine Anhänger und Figuren. Auf den ersten Blick wirkt nichts davon besonders teuer. Manche Dinge kosten zehn oder zwanzig Euro, andere nur acht oder neun. Jedes einzelne erscheint für sich genommen noch recht günstig.
Das Problem ist nur, dass wir zu Hause bereits viele ähnliche Dinge haben.
Plüschtiere fehlen uns nicht. Blindboxen haben wir auch schon gekauft, ebenso Baukästen und alle möglichen Kleinigkeiten, mit denen einige Tage gespielt wurde, bevor sie irgendwo in einer Ecke verschwanden.
Meine Tochter weiß das eigentlich selbst. Man kann ihr sagen, dass sie ihre Geschenke zum Kindertag bereits bekommen hat, dass ihre Großmutter ihr Rollschuhe gekauft hat, dass ich ihr einen Baukasten geschenkt habe und dass zu Hause schon sehr viele Spielsachen liegen. Sie versteht das. Sie ist auch nicht völlig unvernünftig.
Aber etwas zu verstehen bedeutet nicht, dass man es in diesem Moment nicht trotzdem haben möchte.
Wenn ein Kind vor einem Regal mit bunten Verpackungen und Produkten steht, die eine „Überraschung“ versprechen, taucht der Gedanke eben doch auf: Das gefällt mir so sehr.
Genau darin ist die moderne Konsumwelt besonders gut.
Sie sorgt nicht dafür, dass Kinder etwas wirklich brauchen. Sie weckt nur immer wieder das Gefühl: Das würde ich auch noch gern besitzen.
Bei Blindboxen wird das besonders deutlich. Eigentlich verkaufen sie nicht das Spielzeug selbst, sondern die Erwartung kurz vor dem Öffnen. Das Kind kauft nicht einfach eine kleine Plastikfigur. Es kauft das Gefühl, vielleicht genau die Figur zu bekommen, die es sich wünscht.
Sobald die Verpackung geöffnet ist, hält die Begeisterung jedoch oft nur kurz an. Das Kind spielt eine Weile damit, legt die Figur beiseite und hat sie einige Tage später schon wieder vergessen.
Aus der Sicht der Eltern fühlt sich dieses Geld dann seltsam vergeudet an.
Es ist nicht so, dass man sich ein einzelnes Spielzeug nicht leisten könnte. Wenn jedoch ein Kauf auf den nächsten folgt, merkt man, wie das Geld nach und nach verschwindet. Es geht nicht um eine große Ausgabe, sondern um viele kleine Käufe, die unterwegs immer wieder auftauchen. Jeder einzelne wirkt harmlos, doch zusammen können sie einem durchaus Sorgen machen.
Später sagte meine Tochter, dass sie noch bei Müller schauen wolle.
Dort entdeckte sie ein Handarbeitsbuch zum Stricken. Das Buch kostete mehr als achtzehn Euro, während die Wolle daneben erstaunlich günstig war. Ein Knäuel kostete nur etwas mehr als einen Euro.
Dieser Gegensatz fiel mir besonders auf: In Deutschland sind die Materialien manchmal gar nicht so teuer, Bücher dagegen schon. Für das Handarbeitsbuch und einige Knäuel Wolle bezahlten wir am Ende mehr als sechsundzwanzig Euro.
Ehrlich gesagt zögerte ich.
Bevor wir das Haus verlassen hatten, hatten wir vereinbart, nicht wahllos Dinge zu kaufen. Die Geschenke zum Kindertag hatte sie schließlich schon bekommen.
Aber meine Tochter liebt Handarbeiten wirklich. Sie möchte nicht einfach alles haben, was sie sieht. Ihr Interesse daran, selbst etwas herzustellen, ist ernst gemeint.
Einige Tage zuvor hatte sie sich am Bein verletzt. Sie hatte weit oben am Oberschenkel Schmerzen, und selbst das Sitzen war unangenehm. Als sie jedoch an ihrem Baukasten arbeitete, saß sie drei oder vier Stunden lang da und machte weiter, bis alles fertig war.
Dabei wurde mir wieder bewusst, dass dieses Kind genauso ist wie die Erwachsenen in unserer Familie. Wenn sie etwas tut, das sie wirklich tun möchte, kann sie stundenlang sitzen bleiben. Dann vergisst sie sowohl die Müdigkeit als auch die Schmerzen.
Sobald sie jedoch lesen oder schreiben soll, beginnt plötzlich alles Mögliche weh zu tun. Erst schmerzt das Bein, dann der Kopf, und kurz darauf ist sie viel zu müde.
Am Ende kaufte ich also doch das Buch und die Wolle.
Ich wusste, dass beides mehr Wert hatte als eine Blindbox, die geöffnet und bald darauf beiseitegelegt werden würde. Zumindest war dies etwas, womit sie sich wirklich beschäftigen wollte. Sie konnte lernen, Abbildungen zu verstehen, mit den Händen zu arbeiten und ein eigenes Werk fertigzustellen. Auch wenn es etwas teurer war, fühlte es sich nicht völlig verschwendet an.
Trotzdem wurde mir an diesem Tag erneut bewusst, wie schwer es inzwischen ist, mit einem Kind unterwegs zu sein, ohne überhaupt etwas auszugeben.
Man glaubt, man wolle nur eine Veranstaltung besuchen.
Dann bekommen die Kinder unterwegs Hunger und brauchen etwas zu essen. Bei McDonald’s ist es zu voll, also geht man stattdessen zu Subway. Zwei halbe Sandwiches und zwei Kekse für die Kinder – und schon sind mehr als fünfzehn Euro weg.
Danach geht man in den Spielzeugladen und sieht die Blindboxen.
Anschließend besucht man Müller und entdeckt ein Handarbeitsbuch und Wolle.
Am Ende stellt man fest, dass man nichts besonders Großes gekauft hat. Trotzdem ist das Geld nach und nach verschwunden.
Genau das ist einer der Punkte, an denen sich das moderne Leben so machtlos anfühlen kann.
Es ist nicht so, dass Eltern ihren Kindern keine Freude machen wollen oder bei jeder kleinen Ausgabe geizig wären. Anstrengend ist vielmehr, dass die Freude von Kindern immer häufiger in Konsumsituationen eingebettet wird.
Das Einkaufszentrum, der Spielzeugladen, das Fast-Food-Restaurant, die Veranstaltung zum Kindertag, die Blindboxen und die Bastelmaterialien tauchen nacheinander auf. Für jeden Kauf scheint es einen guten Grund zu geben.
Das ist so süß.
Das Kind mag es wirklich.
Heute ist doch ein besonderer Tag.
So teuer ist es auch wieder nicht.
Dabei kann das Kind etwas lernen.
Wir essen es einfach und gehen danach weiter.
Jede dieser Begründungen klingt für sich genommen verständlich. Doch am Ende des Tages merkt man als Erwachsener plötzlich, dass ein Ausflug mit einem Kind längst nicht mehr nur bedeutet, gemeinsam etwas anzusehen oder Zeit miteinander zu verbringen. Stattdessen trifft man ununterbrochen Konsumentscheidungen.
Kaufen oder nicht kaufen?
Ist eine Ausnahme dieses Mal in Ordnung?
Ist diese Sache ihr Geld wert?
Wird mein Kind enttäuscht sein?
Bin ich zu geizig?
Haben wir zu Hause nicht längst zu viele Dinge?
Allein diese Entscheidungen sind anstrengend.
Früher dachte ich, die größten Kosten beim Aufziehen eines Kindes seien die großen Ausgaben: Schulgebühren, Freizeitkurse, Kleidung oder elektronische Geräte. Inzwischen glaube ich immer mehr, dass ein großer Teil der Kosten im Alltag verborgen liegt.
Eine Fast-Food-Mahlzeit, ein Keks, eine Blindbox, ein Buch, einige Knäuel Wolle und eine Veranstaltung im Einkaufszentrum. Nichts davon bringt eine Familie für sich genommen in ernsthafte Schwierigkeiten. Aber solche Dinge treten so häufig auf, dass es irgendwann wirkt, als würde die moderne Gesellschaft Kindern überall zuflüstern: Du könntest noch ein bisschen mehr haben.
Natürlich fällt es Kindern schwer, dem zu widerstehen.
Erwachsene sind darin allerdings auch nicht unbedingt besser. Bei kurzen Videos funktioniert es ähnlich. Solange man die App nicht öffnet, verspürt man vielleicht gar kein so großes Bedürfnis, etwas anzusehen. Doch sobald man angefangen hat, folgt ein Video auf das nächste, und es wird immer schwieriger aufzuhören.
Beim Konsum ist es nicht anders. Solange man nicht ins Einkaufszentrum geht und die Dinge nicht sieht, fehlt einem eigentlich nichts. Sobald sie jedoch vor einem stehen, wird der Wunsch geweckt.
Deshalb halte ich meine Tochter nicht für gierig.
Oft steht sie einfach mitten in einer Umgebung, die sorgfältig darauf ausgelegt ist, Wünsche entstehen zu lassen. Die Farben, die Verpackungen, die Musik, die Veranstaltung und die festliche Stimmung sagen ihr alle dasselbe: Heute ist ein besonderer Tag. Deshalb solltest du auch etwas Besonderes bekommen.
Die Aufgabe der Eltern besteht darin, die Enttäuschung des Kindes zu verstehen und gleichzeitig eine Grenze für es zu bewahren.
Ich glaube inzwischen immer stärker, dass wir Kindern nicht nur sagen sollten: „Kauf nicht ständig irgendwelche Dinge.“ Sie müssen allmählich etwas Komplizierteres verstehen:
Etwas zu mögen bedeutet nicht, dass man es besitzen muss.
Wenn man heute nichts kauft, wird der Tag dadurch nicht weniger schön.
Manche Dinge möchte man nur in diesem Augenblick haben und hat sie einige Tage später schon wieder vergessen.
Bei manchen Käufen bekommt man für sein Geld nur den kurzen Reiz des Auspackens.
Andere Dinge sind vielleicht etwas teurer. Wenn man dabei jedoch etwas lernt, selbst etwas herstellt oder eine Fähigkeit entwickelt, können sie wertvoller sein als ein weiteres Spielzeug.
Dieses Erlebnis war zugleich eine Erinnerung an mich selbst.
Die moderne Konsumwelt erschöpft uns nicht unbedingt dadurch, dass sie uns auf einmal eine sehr große Summe ausgeben lässt. Sie zerlegt den Alltag vielmehr in unzählige kleine Gelegenheiten zum Geldausgeben.
Jede einzelne Gelegenheit wirkt unbedeutend, jede Entscheidung wie eine Kleinigkeit. Doch sie tauchen immer wieder auf und stellen ständig unser Urteilsvermögen, unsere Grenzen und unsere emotionale Belastbarkeit auf die Probe.
Als ich heute mit meiner Tochter losging, wollte ich ihr eigentlich nur einen Kindertag ermöglichen, der sich ein wenig besonders anfühlte.
Am Ende hatten wir es nicht geschafft, für die Veranstaltung lange genug anzustehen. Ein Spielzeug hatten wir ebenfalls nicht gekauft. Dafür hatten wir bei Subway gegessen und ein Handarbeitsbuch mit Wolle gekauft. Es war kein vollkommen gelungener Ausflug, aber gescheitert war er auch nicht.
Meine Tochter war trotzdem glücklich.
Sie hatte eine lebhafte Veranstaltung gesehen, war durch den Spielzeugladen gegangen, hatte etwas gegessen, das ihr schmeckte, und Materialien für eine Handarbeit bekommen, die sie wirklich lernen wollte. Aus ihrer Sicht war es vermutlich ein ziemlich schöner Kindertag.
Für mich blieb von diesem Tag vor allem ein Gedanke: Wenn man mit einem Kind unterwegs ist, ist das Teuerste nicht unbedingt ein bestimmtes Spielzeug. Es sind all die kleinen Käufe, die einem unterwegs ganz bewusst nahegelegt werden.
Und Eltern müssen sich nicht nur gegen den Satz eines Kindes wehren: „Ich möchte das haben.“
Sie müssen sich gegen die Stimme eines ganzen Konsumzeitalters behaupten, das Kindern immer wieder etwas Neues vor Augen stellt:
Schau, das hier ist auch schön.
Es ist doch gar nicht so teuer.
Heute ist ein besonderer Tag.
Kauf doch eins.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 现在带孩子出门,最贵的不是玩具,是一路上的“顺手消费”
Englische Version: The Most Expensive Part of Taking a Child Out Isn’t the Toy — It’s All the Little Purchases Along the Way


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