Von Jane Sonnenschein · 28. Juli 2026

„Von unserer Sorte gibt es viele, nur weit verstreut.“
— Eine Leserin, die sechzehn Jahre lang auf WordPress geschrieben hat

Gestern hatte ich gerade meinen Essay Der 27. Juli: ein gewöhnlicher und doch ungewöhnlicher Tag fertiggeschrieben.

Darin ging es um das erste Like, das meine eigene Website erhalten hatte. Am 1. Juli hatte ich sie offiziell eröffnet. Am 27. Juli, sechsundzwanzig Tage später, hinterließ zum ersten Mal jemand ein kleines Herz unter einem meiner Texte.

Auf irgendeiner Social-Media-Plattform wäre ein einziges Like kaum der Rede wert. Auf meiner eigenen Website fühlte es sich jedoch ganz anders an. Es war, als hätte ich tief in den Bergen einen kleinen Laden eröffnet. Das Licht brannte schon lange, und nun war endlich jemand einem stillen, wenig begangenen Weg gefolgt und hereingekommen.

Ich dachte, das allein sei schon genug, um diesen Tag in Erinnerung zu behalten.

Doch als ich heute Morgen meine E-Mails öffnete, fand ich eine weitere Nachricht von WordPress. Der Text, in dem ich erst gestern geschrieben hatte, dass endlich jemand gekommen sei, hatte noch ein Like erhalten. Dieses Mal hatte die Leserin außerdem einen ausführlichen Kommentar auf Deutsch hinterlassen.

Sie schrieb:

„Ich mag das Bild vom Laden in den Bergen, der nur schwer zu finden ist. Von unserer Sorte gibt es viele, nur weit verstreut.“

Außerdem erzählte sie mir, dass sie von 2007 bis 2023 auf WordPress geschrieben hatte. In einer Zeit, in der es noch nicht diese dichte Folge aus Likes, Empfehlungen und sofortigen Reaktionen gab, schrieb sie dort ganze sechzehn Jahre lang.

Sie sagte, dass sie dieses ständige Bewertetwerden eigentlich nicht besonders möge. Vielleicht seien Likes heute aber zu einer Art Währung geworden, mit der Leserinnen und Leser sagen:

„Ich habe deinen Text gelesen. Er hat mich erreicht.“

Und genau dieses Gefühl habe mein Essay ihr gegeben.

Ich las ihren Kommentar mehrmals. Doch der Satz, der mich lange nicht losließ, war dieser:

Von unserer Sorte gibt es viele, nur weit verstreut.

Vermutlich kann so etwas nur jemand sagen, der den Weg des Schreibens selbst wirklich gegangen ist.

Wer nie über längere Zeit geschrieben hat, stellt sich Schreiben vielleicht ganz einfach vor: Man setzt sich hin, verwandelt seine Gedanken in Worte und veröffentlicht den Text. Wenn ihn jemand liest, ist es schön. Wenn nicht, ist es auch nicht weiter schlimm.

Doch wer Tag für Tag geschrieben hat, weiß, wie es sich anfühlt, immer weiterzumachen, ohne zu wissen, ob überhaupt jemand liest, wohin die Worte gelangen oder ob man vielleicht nur in die Dunkelheit spricht.

Ich habe am 17. Dezember letzten Jahres wieder begonnen, regelmäßig zu schreiben. Seitdem sind gerade einmal etwas mehr als sieben Monate vergangen. Meine eigene Website gibt es heute seit achtundzwanzig Tagen.

Verglichen mit den sechzehn Jahren, die sie auf WordPress verbracht hat, kann man meinen bisherigen Weg kaum lang nennen.

Gerade deshalb fühlte es sich an, als würde jemand, der schon sechzehn Jahre unterwegs ist, in der Ferne stehen und mir zurufen:

„Ich kenne diesen Weg. Menschen wie uns gibt es viele. Wir sind nur zu weit voneinander entfernt, um uns zu sehen.“

Es war, als würde in der Dunkelheit plötzlich ein Licht aufleuchten.

Wie lang sind sechzehn Jahre?

In einer berühmten Wuxia-Geschichte wartet Yang Guo sechzehn Jahre auf Xiaolongnü.¹ Für Generationen von Leserinnen und Lesern ist diese lange Wartezeit zu einem Bild für eine Liebe geworden, die sich beinahe in den Körper eingebrannt hat.

Sechzehn Jahre reichen aus, damit ein Kind zu einem jungen Erwachsenen wird. Im Leben eines erwachsenen Menschen können sich in dieser Zeit sogar mehrere völlig verschiedene Lebensabschnitte aneinanderreihen.

Wenn jemand sechzehn Jahre lang auf derselben Schreibplattform veröffentlicht, bedeutet das auch, ihren Aufstieg, ihre Veränderungen und vielleicht sogar ihren Niedergang miterlebt zu haben. Es bedeutet, Zeiten mit Reaktionen und Zeiten ohne jede Antwort durchgestanden zu haben. Wahrscheinlich gab es auch mehr als einen Moment, in dem man aufhören wollte und schließlich doch wieder weitergeschrieben hat.

Deshalb war ihr Kommentar für mich nicht einfach nur eine gewöhnliche Reaktion einer Leserin.

Es war eher so, als hätte jemand, der schon sehr lange in der Ferne unterwegs ist, zufällig ein kleines Licht bemerkt, das gerade erst angegangen war. Sie blieb stehen und sagte mir:

Ich sehe dich.

In den vergangenen Tagen haben mich mehrere sehr kleine Zeichen erreicht.

Meine Website bekam ihr erstes Like, später ein zweites und den ersten Kommentar. Ein englischer Text, den ich bereits vor einiger Zeit auf Medium veröffentlicht hatte, erhielt plötzlich einen Clap. Auf Threads, das ich erst seit Kurzem nutze, hatte ich meinen ersten Follower und einige Likes. Selbst auf YouTube, wo ich seit einigen Tagen nichts mehr veröffentlicht hatte, kam ein neuer Abonnent hinzu.

Alle diese Zahlen waren eine „1“.

In der heutigen Welt der sozialen Medien gelten solche Einsen nicht einmal als Daten. Wir sind längst daran gewöhnt, Zehntausende, Hunderttausende oder sogar Millionen Aufrufe zu sehen. Unter einem wenige Sekunden langen Video sammeln sich Likes, gespeicherte Beiträge und Kommentare.

Verglichen damit sind meine wenigen Einsen nicht einmal ein Tropfen im Meer.

Doch für jemanden, der bei null beginnt, ist der Weg von null auf eins nicht dasselbe wie der Weg von zehntausend auf zehntausendundeins.

Diese „1“ bedeutet, dass hinter der Zahl ein wirklicher Mensch aufgetaucht ist.

Jemand hat im endlosen Strom von Inhalten angehalten. Jemand hat mein Profil geöffnet. Jemand hat eine laute Plattform verlassen und eine unbekannte Website besucht. Jemand war bereit, sich Zeit für einen nicht gerade kurzen Essay zu nehmen und danach vielleicht sogar noch ein paar eigene Gedanken zu hinterlassen.

Das war kein gedankenloses Weiterwischen.

Es war ein echtes Ankommen.

Seit einigen Jahren empfinde ich eine schwer zu beschreibende Enttäuschung über die Schreibkultur in den chinesischen sozialen Medien.

Früher wirkten WeChat Official Accounts² eher wie ein relativ stabiler Raum für Abonnements. Leserinnen und Leser suchten selbst nach Autorinnen und Autoren, die ihnen gefielen. Nachdem sie einem Account gefolgt waren, konnten sie regelmäßig dessen neue Texte erhalten.

Natürlich hing auch diese Beziehung von einer Plattform ab. Aber zumindest beruhte sie auf einer bewussten Entscheidung:

Ich möchte diesen Menschen weiter lesen.

Später wurden WeChat Official Accounts immer wieder verändert. Empfehlungsfeeds, kurze Inhalte und Videos drangen zunehmend in einen Raum ein, der zuvor hauptsächlich dem geschriebenen Wort gehört hatte.

Aus Sicht der Plattform mag es dafür Gründe gegeben haben. Das alte Abonnementmodell begünstigte Accounts, die bereits eine große Leserschaft aufgebaut hatten. Neue Autorinnen und Autoren hatten es schwer, von Menschen außerhalb ihres bisherigen Kreises entdeckt zu werden. Ein Empfehlungssystem bot zumindest theoretisch die Möglichkeit, Aufmerksamkeit neu zu verteilen.

Doch für Menschen, die wirklich lange Texte schreiben, entstand dadurch ein anderes Problem.

Immer mehr Zeit floss in die Suche nach dem richtigen Titel, nach emotionalen Aufhängern und einem möglichst reizvollen Anfang. Stark vereinheitlichte Inhalte, die nur leicht umgeschrieben, gegenseitig nachgeahmt oder immer wieder neu verpackt wurden, konnten manchmal Zehntausende oder sogar Hunderttausende Aufrufe bekommen.

Währenddessen schrieb jemand, der bereits viele Leserinnen und Leser gewonnen hatte, mit großer Sorgfalt einen langen Essay und erreichte am Ende vielleicht gerade einmal etwas mehr als hundert Aufrufe.

Ein Ort, der früher zum ruhigen Lesen einlud, wurde immer mehr zu einem überfüllten Markt.

Das betrifft nicht nur WeChat Official Accounts. Xiaohongshu³, TikTok, Instagram, Facebook und die meisten Plattformen, die auf Empfehlungsfeeds beruhen, kämpfen um die sehr begrenzte Aufmerksamkeit der Menschen.

Nach einem langen Arbeitstag liegen viele im Bett und öffnen ihr Handy. Häufig suchen sie weder einen bestimmten Artikel noch eine Antwort auf eine konkrete Frage. Sie möchten einfach für eine Weile den Kopf ausschalten und den Finger gedankenlos weiter nach oben bewegen.

Ein beruhigendes Bild, ein Musikstück oder ein kurzes Video, in dem jemand spricht, kann einen Menschen für einen Moment anhalten lassen. Doch schon eine Sekunde später hat der nächste Inhalt das vorherige Gefühl überdeckt.

Vieles wird gesehen, ohne in Erinnerung zu bleiben. Gefühle werden schnell geweckt und verschwinden ebenso schnell wieder.

Wer weiterhin in Ruhe schreiben möchte, muss sich deshalb einer Realität stellen:

Unsere Zeit erlaubt es einem Menschen nur noch selten, einfach nur zu schreiben.

Früher konnten Autorinnen und Autoren einen größeren Teil ihrer Energie in das Werk selbst investieren. Für Veröffentlichung, Vertrieb und Werbung gab es andere Strukturen.

Heute muss eine unabhängige Autorin nicht nur schreiben. Sie muss ihre Texte selbst übersetzen und formatieren, Titelbilder gestalten, eine Website pflegen, Plattformen beobachten, Videos schneiden, Bilder posten und ständig darüber nachdenken, wie sie einen fremden Menschen aus einem lauten Feed zu ihren Worten führen kann.

Ich habe meine eigene Website einmal mit einem kleinen Laden tief in den Bergen verglichen.

Man kann ihn schön einrichten. Das Licht kann immer brennen. In den Regalen können all die Texte liegen, die ich über die Jahre geschrieben habe. Wer hineinkommt, muss fast nichts bezahlen und kann sich in Ruhe aussuchen, was er lesen möchte.

Das Problem ist nur:

Der Laden liegt in den Bergen.

Menschen in der Stadt wissen nicht automatisch, dass weit entfernt irgendwo ein Licht brennt.

Die Autorin muss deshalb zuerst auf dem belebten Markt einen kleinen Stand aufbauen. Sie macht ein Video, veröffentlicht ein Bild oder nimmt einen einzelnen Satz aus einem Essay und zeigt ihn den Vorbeieilenden:

Weit von hier gibt es einen kleinen Laden. Vielleicht findest du dort etwas, das dich interessiert.

Doch selbst wenn jemand dieses Bild auf dem Markt bemerkt, bleibt der Weg zur eigenen Website lang und verwinkelt.

Zuerst muss ein Satz die Aufmerksamkeit wecken. Dann muss die Person bereit sein, das Profil zu öffnen und den Link zur Website zu suchen. Sie muss die vertraute Plattform verlassen, eine fremde Seite betreten und sich schließlich in einer Zeit, in der immer weniger Menschen lange Texte lesen möchten, wirklich die Zeit zum Lesen nehmen.

Es ist, als würde jemand auf einem Markt zufällig einen leichten Duft wahrnehmen.

Der Händler erklärt ihr jedoch, dass sich die eigentlichen Dinge nicht vollständig hierherbringen lassen. Wer sie sehen möchte, muss die belebten Straßen verlassen, über einen Berghang gehen, einem beinahe menschenleeren Weg folgen und schließlich den kleinen Laden erreichen, der weit entfernt verborgen liegt.

Wer nicht wirklich angezogen wird, wird diesen Weg nicht gehen.

Deshalb ist es für mich so kostbar, wenn tatsächlich jemand ankommt.

Dabei muss ich auch an einen Autor denken, den ich vor einigen Monaten auf Xiaohongshu kennengelernt habe. Sein Name dort war Shan Xiaobai.

Damals hatte ich mehrere Essays über meine eigene Art zu schreiben veröffentlicht. Einer davon trug den Titel Die gefallenen Blätter wieder an den Baum setzen – wie ich meine Art zu schreiben schließlich verstand.

Darin schrieb ich, dass es beim Schreiben eine kaum sichtbare Trennlinie gibt.

Manche Menschen schreiben darüber, was geschehen ist. Andere schreiben darüber, was dieses Ereignis für sie bedeutet. Noch weniger Menschen schreiben darüber, was zwischen ihnen selbst und dem Ereignis geschehen ist.

Der Unterschied liegt nicht nur im sprachlichen Können, sondern in der Art, wie ein Mensch eine Beziehung zur Welt herstellt.

Gefallene Blätter zusammenzukehren bedeutet nicht nur, gefallene Blätter zusammenzukehren. Darin können auch die Wiederholung der Zeit, die Sorge um das Vergehende und die Art liegen, wie ein Mensch zwischen Ordnung und Unordnung eine immer wiederkehrende Übung vollzieht.

Auch einen Kleiderschrank aufzuräumen bedeutet nicht nur, einen Kleiderschrank aufzuräumen. Vielleicht entfernt man dabei zugleich den Staub, der sich im eigenen Inneren angesammelt hat, und schafft die Möglichkeit, wieder leichter weiterzugehen.

Eine solche Art zu schreiben ist keine Technik, die sich mechanisch kopieren lässt. Sie ist eher eine Art des Wahrnehmens.

Wenn ein Mensch bereit ist, anzuhalten und etwas länger neben einer ganz gewöhnlichen Sache zu verweilen, beginnen sich die Verbindungen langsam zu entfalten. Blätter, die längst gefallen schienen, können durch das Schreiben wieder an ihren ursprünglichen Baum zurückkehren.

Nachdem Shan Xiaobai diesen Essay gelesen hatte, hinterließ er mir einen Kommentar. Er schrieb, meine Worte hätten bei ihm einen Moment von tíhú guàndǐng ausgelöst.⁴ Plötzlich schien er den Baum gefunden zu haben, der zu ihm gehörte.

Die gelbe Erde, auf der er geboren und aufgewachsen war, sei ein unerschöpflicher Stoff für sein Schreiben. Die Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart und die Verbindungen zwischen verschiedenen Geschichten würden ihm niemals ausgehen.

Diesen Kommentar habe ich nie vergessen.

Ich hatte eigentlich nur versucht, meine eigene Art zu schreiben zu erklären. Doch als der Text einen anderen Menschen erreichte, half er ihm, sein eigenes Land, den Boden, aus dem er gekommen war, und den Grund für sein Schreiben zu erkennen.

Später wurden wir durch unsere Texte zu Freunden.⁵ Wir schrieben einige Essays, die aufeinander antworteten.

Er erinnerte sich an seine Kindheit auf der gelben Erde, schrieb über seine Familie und über den Hund, der ihn als Kind begleitet hatte. Seine Texte versuchten nicht, Gefühle zu erzwingen, und sie trugen auch nicht zu dick auf. Mit einer sanften, langsamen Sprache holte er ein längst vergangenes Leben zurück.

Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass etwas ruhig durch diese Worte floss. Es drängte nicht und eilte nicht, konnte aber trotzdem das Herz erreichen.

Später schrieb ich, dass ein Essay nicht immer nur die eigene Aussage einer Autorin abschließt. Manchmal öffnet er in einem anderen Menschen eine Tür.

Man versucht zunächst nur, etwas aus dem eigenen Inneren in Worte zu fassen. Doch wenn der Text einen anderen Menschen erreicht, kann er ihm helfen, die eigenen Fragen zu sehen, den Boden, aus dem er stammt, und den Baum, der zu ihm gehört.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, hat diese Erfahrung beinahe etwas Klassisches.

Yǐ wén huì yǒu bedeutet nicht, sich an einem gedeckten Tisch zu treffen oder bei einem gesellschaftlichen Anlass Höflichkeiten auszutauschen. Es bedeutet, dass zwei Schreibende einander in ihren Texten hören.

Ein Mensch schreibt einen Essay. Ein anderer liest ihn, gewinnt daraus ein neues Verständnis und antwortet mit eigenen Worten. Der Text bleibt dann kein einzelnes, abgeschlossenes Werk. Er wird zu Wasser, das langsam zwischen den Lebenserfahrungen zweier Menschen fließt.

Leider veröffentlichte Shan Xiaobai nicht mehr lange weiter.

Er erzählte einmal, dass er sah, wie jemand beiläufig ein wenig gelungenes Bild veröffentlichte und damit weit mehr Aufrufe erhielt als seine sorgfältig geschriebenen Texte. Diese Kluft machte ihn immer unruhiger.

Er sagte, dass er weiter schreiben werde. Er wolle seine Texte nur nicht mehr auf der Plattform veröffentlichen.

Später blieb sein Account tatsächlich stehen. Es kam kein neuer Beitrag mehr.

Ich weiß nicht, ob er an einem anderen Ort weitergeschrieben hat. Ich weiß auch nicht, ob aus der gelben Erde, die er damals neu für sich entdeckt hatte, später noch weitere Texte gewachsen sind.

Ich weiß nur, dass ich seitdem auf keiner öffentlichen Plattform mehr etwas von ihm gelesen habe.

Wenn ein Autor sich von einer öffentlichen Plattform zurückzieht, verschwindet nicht nur ein Account. Es verschwindet auch eine Form des Austauschs, die vielleicht hätte weitergehen können.

Geschichten, die noch nicht geschrieben wurden, und Worte, die einen anderen Menschen vielleicht hätten erreichen können, verstummen mit ihm.

Wir hatten einander einmal durch unsere Texte gehört. Dann wurde eine Seite still, und das Wasser, das langsam zwischen den Lebenserfahrungen zweier Menschen geflossen war, blieb stehen.

Gerade deshalb hat mich der Kommentar dieser deutschsprachigen Autorin heute so sehr berührt.

Dieses Mal war es eine Frau, die auf Deutsch schrieb und selbst sechzehn Jahre lang auf WordPress veröffentlicht hatte. Wir kannten uns vorher nicht. Unsere Lebenswege und sprachlichen Hintergründe sind wahrscheinlich sehr verschieden.

Und doch erkannte sie in meinem Bild vom kleinen Laden in den Bergen etwas Vertrautes.

Sie schrieb:

Von unserer Sorte gibt es viele, nur weit verstreut.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb es sich auch heute noch lohnt, weiterzuschreiben.

In einer so lauten und schnellen Zeit, in der alle ständig um Aufmerksamkeit kämpfen sollen, wirkt Schreiben immer langsamer und beinahe unzeitgemäß.

Es bekommt nicht unbedingt sofort eine Antwort. Es bringt nur selten innerhalb weniger Sekunden große Zahlen hervor, wie es ein kurzes Video manchmal kann. Oft ist Schreiben nichts weiter als ein Mensch, der an einem stillen Ort sitzt und nach und nach versucht, etwas in Worte zu fassen, das er selbst noch nicht vollständig verstanden hat.

Lange Zeit fühlte ich mich, als würde ich durch die Dunkelheit gehen.

Ich wusste nicht, wer diese Essays eines Tages lesen würde. Ich wusste auch nicht, ob es wirklich einen Sinn hatte, immer weiterzuschreiben.

Wenn auf einer Plattform lange keine Reaktion kam, verlor ich leicht den Antrieb, dort weiterzumachen. Sobald an einem anderen Ort ein wenig Wachstum zu sehen war, richtete ich meine ganze Aufmerksamkeit dorthin. Es war, als hätten nur Dinge, die sofort eine Antwort bekamen, das Recht, weitergeführt zu werden.

Doch die wenigen kleinen Einsen der vergangenen zwei Tage haben mir etwas bewusst gemacht:

Keine sofortige Antwort zu bekommen bedeutet nicht, dass niemand unterwegs ist.

Mein YouTube-Kanal hatte insgesamt nur etwas mehr als hundert Aufrufe, und trotzdem abonnierte ihn jemand. Auf Medium hatte ich seit einigen Tagen nichts Neues veröffentlicht, doch ein älterer Text wurde dennoch eines Tages von einem fremden Menschen gefunden. Meine eigene Website war erst seit achtundzwanzig Tagen online, und trotzdem hatten bereits Menschen den lauten Strom der Inhalte durchquert, waren hier angekommen, hatten einen Essay gelesen und ihre eigene Stimme hinterlassen.

All das ist kein Beweis für Erfolg. Es bedeutet auch nicht, dass der Weg von nun an leichter wird.

Es zeigt mir nur, dass Worte nach ihrer Veröffentlichung nicht sofort verschwinden.

Vielleicht wandern sie an einem Ort weiter, den ich noch nicht sehen kann, bis sie eines Tages einem Menschen begegnen, der sie gerade verstehen kann.

Vielleicht sind wir nicht wirklich allein. Vielleicht sind wir nur zu weit voneinander entfernt.

In der Dunkelheit hütet jeder Mensch sein eigenes kleines Licht. Weil die Entfernung so groß ist, glauben wir oft, ringsum sei niemand.

Erst wenn gelegentlich ein Licht auf ein anderes antwortet, erkennen wir, dass all die Menschen, die weit voneinander verstreut sind, die ganze Zeit da waren.

Von null auf eins zu kommen bedeutet niemals nur, dass eine Zahl hinzugekommen ist.

Es bedeutet, dass jemand endlich den Duft wahrgenommen hat, sich vom lauten Markt abwendet und einem unscheinbaren Weg folgt.

Es bedeutet, dass jemand vor der Tür stehen bleibt, sie öffnet, die dort ausgelegten Worte betrachtet und mir leise sagt:

Ich war hier.

Ich habe sie gelesen.

Was du geschrieben hast, hat mich erreicht.


Anmerkungen

1. Wǔxiá(武侠), Yang Guo(杨过)und Xiaolongnü(小龙女)
Wuxia bezeichnet eine chinesische Literatur- und Erzähltradition über Kampfkunst, Loyalität, Liebe, Ehre und persönliche Vorstellungen von Gerechtigkeit. Yang Guo und Xiaolongnü sind das zentrale Liebespaar in Jin Yongs berühmtem Roman Die Rückkehr der Adlerkrieger. Nach ihrer Trennung wartet Yang Guo sechzehn Jahre auf Xiaolongnüs Rückkehr. Für viele chinesische Leserinnen und Leser ist diese Wartezeit zu einem bekannten Symbol für außergewöhnliche Treue und eine Liebe geworden, die alle Veränderungen überdauert.

2. Gōngzhònghào(公众号)
Mit diesem Begriff sind meist die WeChat Official Accounts gemeint, ein Veröffentlichungssystem innerhalb der chinesischen App WeChat. Autorinnen, Autoren, Medien und Unternehmen können dort Artikel veröffentlichen, während Leser einzelne Accounts abonnieren. In den früheren Jahren funktionierte das System stärker wie ein direkter Abonnementkanal. Später veränderten Empfehlungsfeeds, Videos und neue Regeln für die Verteilung von Inhalten die Art, wie Texte ihre Leser erreichen.

3. Xiǎohóngshū(小红书)
Xiaohongshu, international auch als RedNote bekannt, ist eine chinesische Social-Media-Plattform, auf der Bilder, kurze Videos, Lifestyle-Inhalte und algorithmische Empfehlungen eine zentrale Rolle spielen. Zwar werden dort auch längere Texte veröffentlicht, doch die Plattformkultur und die Verteilung der Inhalte bevorzugen meistens visuell unmittelbare und schnell erfassbare Beiträge.

4. Tíhú guàndǐng(醍醐灌顶)
Dieser Ausdruck stammt ursprünglich aus dem buddhistischen Sprachgebrauch. Wörtlich bezeichnet er das Übergießen des Kopfes mit der reinsten Essenz geklärter Butter. Im heutigen Chinesisch beschreibt er einen Moment plötzlicher Klarheit: Die Worte eines anderen Menschen lassen etwas, das zuvor verwirrend war, auf einmal vollkommen verständlich erscheinen.

5. Yǐ wén huì yǒu(以文会友)
Wörtlich bedeutet dieser Ausdruck „durch Texte Freunde kennenlernen“. Gemeint ist eine Verbindung, die durch Essays, Gedichte, Briefe oder andere Formen des Schreibens entsteht, nicht durch gewöhnliche gesellschaftliche Begegnungen. Der Ausdruck hat einen leicht klassischen Klang und beschreibt das Gefühl, sich durch Gedanken und Sprache gegenseitig zu erkennen.

Dieser Essay ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 从零到一:终于有人闻香而来

Englische Version: From Zero to One: At Last, Someone Followed the Scent

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