Von Jane Sonnenschein · 18. April 2026
Vor einigen Tagen sprach ich mit meinem Mann über einen Artikel, den ich gerade geschrieben hatte. Darin ging es um die Frage, warum viele Bǎomā¹ irgendwann zu der Überzeugung gelangen, ein Mensch könne nur eine einzige Muttersprache haben.
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr hatte ich jedoch das Gefühl, dass das eigentliche Problem vielleicht nicht nur darin liegt, dass viele Eltern grundsätzlich glauben, es könne nur eine Muttersprache geben. Viele Kinder haben während ihrer frühen Entwicklung tatsächlich die Möglichkeit, zwei muttersprachliche Systeme auszubilden.
Beide Sprachen haben dann bereits begonnen zu keimen und Wurzeln zu schlagen. Vielleicht haben sie sogar schon jeweils eigene Wege des Denkens und Ausdrucks entwickelt. Wenn jedoch im weiteren Verlauf der Kindheit eine der beiden Sprachen immer dominanter wird, häufiger verwendet wird und Schule, Freundschaften, gesellschaftliches Umfeld und nahezu jeden Bereich des Alltags durchdringt, kann die andere Sprache allmählich aufhören, sich weiterzuentwickeln. Mit der Zeit kann sie sogar Stück für Stück verdrängt werden.
Sie verschwindet nicht plötzlich. Es ist eher wie bei einer Pflanze, die ursprünglich ebenfalls lebendig war, der aber eine andere Pflanze nach und nach Licht, Wasser und Raum genommen hat. Sie wächst nicht mehr in die Höhe, breitet sich nicht weiter aus und beginnt schließlich langsam zu verkümmern.
Ich erzählte meinem Mann von diesem Gedanken, eigentlich nur, weil ich mich mit ihm darüber austauschen wollte. Zu meiner Überraschung stimmte er mir sehr schnell zu.
„So darüber nachzudenken, ist richtig“, sagte er.
Dann begann er, mir von seiner eigenen Erfahrung und der eines Freundes zu erzählen. Gerade dieses Beispiel ließ mich plötzlich etwas verstehen: Wenn viele Menschen später das Gefühl haben, „eigentlich nur eine Muttersprache“ zu besitzen, bedeutet das vielleicht nicht, dass die andere Sprache nie wirklich existiert hat. Vielleicht konnte sie in den späteren Jahren ihres Lebens einfach nicht weiterleben.
Mein Mann hat einen Freund, dessen Kindheit seiner eigenen sehr ähnlich war. Beide wurden in den USA geboren und kamen im frühen Kindesalter nach Deutschland. Beide lebten in der Nähe eines amerikanischen Militärstützpunktes und besuchten deutsche Schulen.
Trotzdem entwickelten sich ihre sprachlichen Lebenswege später vollkommen unterschiedlich.
Obwohl mein Mann in Deutschland zur Schule ging, hatte er nicht nur Kontakt zu deutschen Kindern. Er spielte auch mit amerikanischen Kindern vom Militärstützpunkt, und zu seinem Freundeskreis gehörten sowohl Deutsche als auch Amerikaner. Das Englische verschwand deshalb nie aus seinem Leben.
Es war nicht lediglich etwas, das er „als Kind einmal gelernt“ hatte. Es blieb eine Sprache, die er weiterhin benutzte und die dauerhaft an seinem Leben beteiligt war.
Bei seinem Freund war es anders. Im Laufe der Zeit verbrachte dieser fast nur noch Zeit mit deutschen Kindern, und auch sein soziales Umfeld wurde zunehmend deutschsprachig. Obwohl Englisch früher ebenfalls eine seiner Sprachen gewesen war, trat es immer weiter in den Hintergrund, weil es über lange Zeit kaum noch benutzt wurde.
Als Erwachsener sprach dieser Freund schließlich so schlecht Englisch, dass er sich darin beinahe gar nicht mehr ausdrücken konnte.
An dieser Stelle stellte ich meinem Mann die Frage, die mich eigentlich die ganze Zeit beschäftigt hatte: Wenn ein Mensch zwei Sprachen bereits in der Kindheit sehr gut beherrscht, in welchem Alter und auf welchem Niveau sind diese beiden Sprachen dann wirklich gefestigt?
Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem sie nicht mehr so leicht verloren gehen, selbst wenn man sie später nur noch selten benutzt?
Ich hatte immer angenommen, dass es eine Art sprachliche Sicherheitsgrenze geben müsse. Vielleicht seien die Sprachsysteme mit Anfang oder Mitte zwanzig vollständig ausgereift. Wortschatz, Sprachgefühl, kulturelles Hintergrundwissen und Ausdrucksweisen hätten sich dann so weit entwickelt, dass die Sprachen dauerhaft im Menschen verankert blieben.
Gerade eine Muttersprache schien mir immer mehr zu sein als lediglich eine Sprache, die man sprechen kann. Sie ist mit den Erfahrungen des Aufwachsens, mit dem kulturellen Umfeld und mit emotionalen Erinnerungen verbunden.
Sie müsste so tief reichen, dass sie sich beinahe wie etwas anfühlt, das in den Körper eingeschrieben ist. Vielleicht entsteht gerade deshalb die Vorstellung, sie sei gewissermaßen sogar in der eigenen DNA verankert.
Die Antwort meines Mannes war jedoch direkt und eindeutig.
„Nein“, sagte er. „Es gibt keinen bestimmten Zeitpunkt, an dem eine Sprache für immer festgeschrieben ist. Sprache ist eine Art Muskelgedächtnis. Wenn du sie nicht benutzt, bildet sie sich zurück. Das passiert nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen.“
„Ich bin jetzt dreiundvierzig Jahre alt“, sagte er weiter. „Wenn ich eine meiner Sprachen über längere Zeit nicht mehr verwenden würde, würde auch sie ganz sicher allmählich schwächer werden.“
Über diesen Satz dachte ich noch lange nach.
Ich bin mit nur einer Muttersprache aufgewachsen. Ich habe nie selbst erlebt, wie es ist, zwei ursprünglich sehr stabile Sprachen zu besitzen und dann zu spüren, wie sich eine davon langsam zurückzieht.
Deshalb sagte mir mein Gefühl immer, dass eine Muttersprache, sobald sie bis ins Erwachsenenalter erhalten geblieben ist, stabil sein müsse. Sie müsste tief im Körper verankert bleiben.
Obwohl ich heute im Ausland lebe und Chinesisch in meinem äußeren Umfeld nicht die dominante Sprache ist, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass eine Sprache, die so tief in einen Menschen hineingewachsen ist, allein durch mangelnden Gebrauch allmählich schwächer werden könnte.
Wenn ich jedoch genauer darüber nachdenke, kann ich meinem Mann auch nicht wirklich widersprechen.
Je häufiger ich meine eigene Geschichte rückblickend betrachte, desto deutlicher wird mir, dass mein Problem mit der deutschen Sprache nicht darin bestand, dass mein Ausgangsniveau zu niedrig gewesen wäre. Im Gegenteil: Meine Grundlagen waren von Anfang an recht gut, und ich lernte schnell.
Nachdem ich nach Deutschland gekommen war, besuchte ich zunächst drei Monate lang einen Sprachkurs und anschließend ein einjähriges Studienkolleg. Mit einer Durchschnittsnote von 1,7 wurde ich an der Universität zugelassen und begann schon relativ früh, wissenschaftliche Arbeiten direkt auf Deutsch zu verfassen.
Genau genommen gehörte ich nie zu den Menschen, die eine Sprache einfach nicht lernen konnten. Zumindest in den ersten Jahren machte ich sprachlich wahrscheinlich sogar schnellere Fortschritte als viele andere.
Dass ich später dennoch kein besonders ausgeprägtes inneres Leben auf Deutsch entwickelte, lag deshalb, wie ich heute immer stärker glaube, vielleicht gar nicht in erster Linie an der Sprache. Es hatte möglicherweise mehr mit meiner Lebensweise zu tun.
Vielleicht war ich einfach nie der Mensch, der sich Schritt für Schritt vollständig in die deutsche Gesellschaft hineinbegeben wollte.
Die Phase, in der ich besonders viel und besonders engen Kontakt zu Deutschen hatte, war vermutlich meine Studienzeit. Damals arbeitete ich auf einem amerikanischen Militärstützpunkt als Komparsin, ungefähr neunzig Tage im Jahr.
Fast alle meine Kolleginnen und Kollegen waren Deutsche. Während dieser Arbeitsphasen arbeiteten, aßen und lebten wir praktisch rund um die Uhr miteinander. Das war wahrscheinlich die Zeit, in der ich über einen längeren Zeitraum am intensivsten und unmittelbarsten mit Deutschen zusammenlebte.
Doch selbst in einer solchen Umgebung wurde ich nicht von selbst zu einem Menschen, der sich besonders stark „integriert“ fühlte.
Das lag nicht daran, dass ich mich nicht verständigen konnte oder mit anderen Menschen nicht ins Gespräch kam. Ganz im Gegenteil: Wenn ich jemanden traf, mit dem ich gemeinsame Interessen hatte, konnte ich sehr tiefgehende Gespräche führen. Auch in einer fremden Umgebung konnte ich lange mit einem Menschen sprechen, den ich vorher noch nie gesehen hatte.
Mein Problem bestand weder darin, dass ich den Mund nicht aufbekam, noch darin, dass meine Deutschkenntnisse für eine Unterhaltung nicht ausreichten.
Wenn ich heute zurückblicke, denke ich deshalb, dass es vielleicht nicht nur eine Frage der vorhandenen Möglichkeiten war. Möglicherweise war es eher eine Frage meiner Persönlichkeit.
Es war nicht so, dass mir keine Türen offenstanden. Ich bin nur selbst nie wirklich durch diese Türen hindurchgegangen.
Das eigentliche Problem könnte darin liegen, dass ich über all die Jahre hinweg ein sehr starkes Gefühl für meine persönlichen Grenzen bewahrt habe. Ich habe meine eigene Lebensweise, meinen eigenen Rhythmus und meine eigenen Gewohnheiten.
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bereitwillig ihr gesamtes Leben nach und nach verändern, nur um sich möglichst gut an ein bestimmtes Umfeld anzupassen.
Familien, die sich sehr stark in die deutsche Gesellschaft integrieren, treffen sich häufig ganz selbstverständlich mit deutschen Freunden, essen gemeinsam, besuchen lokale Veranstaltungen und lassen ihre Lebensweise, ihr Sozialleben und ihre Sprachgewohnheiten allmählich immer näher an die deutsche Gesellschaft heranrücken.
In manchen Familien verschieben sich sogar die Essgewohnheiten, der Freundeskreis und der kulturelle Mittelpunkt des Alltags nach und nach beinahe vollständig in die deutsche Umgebung.
So bin ich jedoch nicht.
Unabhängig davon, mit wem ich zusammenlebe, bewahre ich sehr hartnäckig einen Teil von mir selbst. Viele grundlegende Gewohnheiten meines Lebens möchte ich nicht verändern. Ebenso wenig hatte ich jemals das Bedürfnis, mich freiwillig in einen Zustand weitgehender Assimilation zu versetzen.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, habe ich deshalb den Eindruck, dass mein begrenztes Gefühl des Angekommenseins nicht einfach nur ein sprachliches Problem war. Vielleicht war es Ausdruck einer tiefer liegenden Entscheidung darüber, wie ich leben wollte.
Es war nicht so, dass ich nicht anders hätte leben können. Ich wollte mich lediglich nie vollständig in einen solchen Menschen verwandeln.
Vor einigen Tagen las ich zufällig einen Artikel auf einem WeChat-Gōngzhònghào². Die Autorin schrieb, sie habe nach ihrer Ankunft in Deutschland sehr intensiv Deutsch gelernt und sich innerhalb eines Jahres von null bis zum Niveau C1 vorgearbeitet. Gleichzeitig habe sie sich große Mühe gegeben, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.
Trotzdem stellte sie später fest, dass zwischen ihr und ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen weiterhin ein feiner, schwer greifbarer Abstand bestand.
In einem einzigen Gespräch oder einer spontanen Begegnung konnten ihre deutschen Kollegen manchmal ein Gefühl für Zusammenhänge gewinnen, für dessen Entwicklung sie selbst mehrere Tage mit Marktforschung, Recherche und Lektüre verbringen musste.
Dieser Gedanke hat mich sehr berührt.
Er ließ mich erkennen, dass sprachliches Niveau und ein tatsächliches Gefühl des Dazugehörens nicht dasselbe sind.
Eine Sprache sprechen und schreiben zu können, alltägliche Angelegenheiten zu erledigen, ein Studium abzuschließen oder beruflich erfolgreich zu arbeiten, bedeutet noch lange nicht, dass man wirklich in jene gesellschaftlichen Intuitionen, Beziehungsnetzwerke und unausgesprochenen kulturellen Verständigungen eingetreten ist, die hinter einer Sprache liegen.
Gerade deshalb glaube ich zunehmend, dass die Frage, ob eine Sprache lebendig bleibt und sich weiterentwickeln kann, nicht nur von ihrem Ausgangspunkt und auch nicht von Prüfungsergebnissen abhängt.
Entscheidend ist vielmehr, welchen Platz sie später im Leben eines Menschen einnimmt.
Ist sie die Sprache deiner Beziehungen?
Ist sie die Sprache deiner Arbeit?
Ist sie die Sprache, die du ganz selbstverständlich benutzt, wenn du Freundschaften aufbaust?
Ist sie die Sprache, in die du automatisch wechselst, wenn du über komplizierte Fragen nachdenkst, feine Gefühle ausdrückst oder kulturelle Andeutungen verstehen möchtest?
Wenn sie all das nicht ist, kann selbst eine Sprache, die jemand in seiner Kindheit fließend beherrschte, allmählich zu einer Sprache werden, von der man sagt: „Ich kann sie noch, aber ich lebe nicht mehr wirklich in ihr.“
Aus dieser Perspektive glaube ich immer stärker, dass viele Menschen später nur deshalb noch eine einzige „wirkliche Muttersprache“ besitzen, weil die andere Sprache nicht weiterleben konnte. Es liegt nicht daran, dass diese zweite Sprache von Anfang an zu schwach gewesen wäre oder in der Kindheit nicht richtig erworben wurde.
Sprache ist nichts, was man einmal lernt und was anschließend für immer unverändert im Gehirn gespeichert bleibt.
Sie ähnelt vielmehr einer lebendigen Fähigkeit, einem Zustand, der ständig benutzt, aktiviert und erhalten werden muss.
Wenn man eine Sprache verwendet, bleibt sie lebendig.
Wenn man sie über lange Zeit nicht verwendet, wird sie langsam stumpfer und zieht sich allmählich zurück.
Für das Chinesisch meiner Tochter könnte genau dieser Umstand überraschenderweise sogar von Vorteil gewesen sein.
Anders als in manchen Familien, die sich sehr weitgehend in die deutsche Gesellschaft integriert haben, habe ich den Mittelpunkt unseres Familienlebens nicht fast vollständig in die deutsche Sprache und in deutschsprachige soziale Kreise verlagert.
Innerhalb unserer Familie haben eine andere Sprache und eine andere kulturelle Position immer einen stabilen, klar erkennbaren Platz behalten.
Vielleicht zeigt sich deshalb bei meiner Tochter nicht in demselben Ausmaß jener Rückgang, jene Stagnation oder sogar rasche Verschlechterung des Chinesischen, die in vielen anderen Familien beginnt, sobald die Kinder die Grundschule oder später eine weiterführende Schule besuchen.
Heute denke ich, dass dies wahrscheinlich auch mit meinen eigenen Erfahrungen, meiner Persönlichkeit und vielleicht sogar mit einer gewissen Weigerung zusammenhängt, mich vollständig von meiner Umgebung mitnehmen zu lassen.
Erst beim Schreiben dieses Textes wurde mir klar, dass die Frage, über die ich schon lange nachdenke, möglicherweise anders gestellt werden sollte.
Vielleicht sollten wir nicht nur fragen, ob ein Kind zwei Muttersprachen besitzen kann.
Vielleicht sollten wir vielmehr fragen, ob beide Sprachen zehn oder zwanzig Jahre später noch immer einen wirklichen Platz in seinem Leben haben werden.
Denn darüber, ob eine Sprache bleibt, entscheidet niemals nur, wie sie ursprünglich erworben wurde.
Entscheidend ist, ob sie später weiterhin benutzt wird.
Anmerkungen
1. Bǎomā (宝妈): Der Ausdruck setzt sich aus bǎobǎo, „Baby“ beziehungsweise „geliebtes Kind“, und mā, „Mutter“, zusammen. In der heutigen chinesischen Internetkultur wird damit meist eine Mutter mit einem jüngeren Kind bezeichnet, insbesondere eine Frau, die sich in Online-Gruppen und sozialen Medien intensiv mit Erziehung, Kinderbetreuung, Bildung und dem Familienalltag beschäftigt. Der Begriff kann neutral oder liebevoll verwendet werden, trägt jedoch auch bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen über Mutterschaft, Fürsorge und eine stark auf das Kind ausgerichtete Lebensphase in sich. Diese Bedeutungsnuancen lassen sich durch das neutrale deutsche Wort „Mutter“ nicht vollständig wiedergeben.
2. Gōngzhònghào (公众号): Der Begriff wird häufig als „offizieller WeChat-Kanal“ oder „WeChat Official Account“ übersetzt. Es handelt sich um einen Publikations- und Abonnementkanal innerhalb von WeChat, der in China wichtigsten multifunktionalen Kommunikationsplattform. Einzelpersonen, Autorinnen und Autoren, Medienorganisationen und Unternehmen können dort längere Artikel veröffentlichen und direkt an ihre Abonnenten verbreiten. Ein Gōngzhònghào weist Ähnlichkeiten mit einem Newsletter, einem Blog oder einer Plattform wie Medium auf, ist jedoch wesentlich stärker in chinesische soziale Netzwerke und in den digitalen Alltag eingebettet.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 为什么很多孩子明明长出了两套母语系统,后来却只剩下一种?
Englische Version: Why Do So Many Children Develop Two Native-Language Systems, Only to End Up with One?


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