Several mothers and children gathering for a sunny park picnic while other children play nearby, representing multilingual families raising children in Germany.

Von Jane Sonnenschein · 15. April 2026

1 | Eigentlich wollten wir Chinesisch üben, doch am Ende wechselten alle wieder ins Deutsche

Als meine Tochter noch jünger war, traf ich mich häufig mit anderen Müttern aus chinesisch-deutschen Familien.

Der Zweck dieser Treffen war eigentlich ganz einfach. Wir lebten alle in Deutschland, und unsere Kinder kamen im Kindergarten oder in der Schule den größten Teil des Tages mit Deutsch in Kontakt. Wenn wir schon einmal zusammenkamen, wünschten sich die Mütter deshalb ganz selbstverständlich, dass die Kinder diese Gelegenheit nutzten, um möglichst viel Chinesisch zu sprechen.

Die Familien, die an diesen Treffen teilnahmen, waren einander in vieler Hinsicht ähnlich. Meist war die Mutter Chinesin und der Vater Deutscher. Gelegentlich gab es auch einen Vater, der ein wenig Chinesisch sprach oder gerade dabei war, die Sprache zu lernen. Insgesamt war die familiäre Konstellation jedoch fast immer vergleichbar.

Doch sobald wir uns trafen, holte uns die Wirklichkeit sehr schnell ein.

Zu Beginn sagten die Kinder vielleicht noch ein paar Wörter oder Sätze auf Chinesisch. Nach kurzer Zeit wechselte die ganze Gruppe jedoch beinahe automatisch ins Deutsche.

Der Grund dafür war nicht besonders kompliziert. Das Chinesisch vieler Kinder war nicht weit genug entwickelt, um damit ungezwungen miteinander zu sprechen, zu spielen, zu scherzen oder etwas Schwierigeres zu erzählen. Kinder denken nicht wie Erwachsene. Sie kontrollieren ihre Sprache nicht bewusst, nur weil der Zweck eines Treffens darin besteht, Chinesisch zu üben. Sie greifen instinktiv zu der Sprache, in der sie sich leichter und müheloser ausdrücken können.

2 | Viele Mütter beobachten denselben Verlauf

Im Laufe der Jahre hörte ich bei diesen Treffen und in vielen Gesprächen immer wieder sehr ähnliche Berichte.

Viele Mütter erzählten, dass ihre Kinder als Kleinkinder durchaus Chinesisch gesprochen hätten. Am Anfang habe alles noch recht gut ausgesehen. Doch irgendwann seien die Kinder immer weniger bereit gewesen, die Sprache zu benutzen, ohne dass die Eltern genau sagen konnten, weshalb.

Bei manchen Kindern wurde die Veränderung bereits im Alter von etwa drei Jahren deutlich. Die Mutter stellte eine Frage auf Chinesisch, und das Kind verstand sie offensichtlich, antwortete aber ganz selbstverständlich auf Deutsch. Bei anderen Familien begann die Sorge erst im Alter von vier oder fünf Jahren. Die Eltern fragten sich plötzlich, warum das Kind, das früher doch eine erkennbare Grundlage im Chinesischen gehabt hatte, die Sprache nun immer weniger und immer unsicherer verwendete.

In unserer Familie gab es nie eine Phase, in der ich Chinesisch sprach und meine Tochter ausschließlich auf Deutsch antworten wollte. Deshalb konnte ich lange Zeit nicht vollständig nachempfinden, was diese Mütter erlebten.

Ich wusste, dass dieses Phänomen existierte, und hatte viele Mütter davon erzählen hören. Da es in unserem eigenen Zuhause jedoch nicht aufgetreten war, hatte ich immer das Gefühl, dass dahinter noch etwas Grundsätzlicheres stecken musste, das ich bisher nicht wirklich verstanden hatte.

3 | „Ein Kind kann nur eine Muttersprache haben“ ist oft eine Schlussfolgerung aus der eigenen Erfahrung

Mit der Zeit wurde mir klar, dass viele Mütter nicht deshalb zu der Überzeugung gelangen, ein Kind könne letztlich nur eine Muttersprache haben, weil sie über eine sprachwissenschaftliche Definition diskutieren.

Sie kommen zu diesem Schluss, weil sie ihre Kinder über Jahre hinweg begleitet und dabei einen bestimmten Prozess beobachtet haben: Eine Sprache, die das Kind in den ersten Lebensjahren durchaus gesprochen hat, wird nach und nach von der dominanten Umgebungssprache verdrängt.

Solange das Kind noch klein ist, ist Chinesisch vielleicht deutlich vorhanden. Es versteht die Sprache, kann ein wenig sprechen und einfache Gespräche führen. Sobald es jedoch in den Kindergarten oder in die Schule kommt, wird Deutsch zur Sprache, die täglich am häufigsten, selbstverständlichsten und mühelosesten verwendet wird. Die Freunde sprechen Deutsch, die Lehrkräfte sprechen Deutsch, die Bücher sind auf Deutsch, und auch Spiele und soziale Kontakte finden zunehmend auf Deutsch statt.

Unter diesen Bedingungen ist es vollkommen natürlich, dass Chinesisch langsam in den Hintergrund rückt.

Zunächst werden die Antworten vielleicht nur kürzer. Später wächst der Wortschatz nicht mehr ausreichend mit. Danach versteht das Kind zwar noch Chinesisch, möchte es aber nicht mehr sprechen. Bei manchen Kindern entwickelt sich schließlich nur noch die Umgebungssprache weiter, während das Chinesisch auf dem sprachlichen Stand eines viel jüngeren Alters stehen bleibt.

Wenn eine Mutter diesen Prozess Tag für Tag miterlebt, ist es verständlich, dass sie zu einer scheinbar naheliegenden Schlussfolgerung gelangt: Wie sollte ein Kind zwei Muttersprachen haben können, wenn am Ende doch nur die stärkere übrig bleibt?

Deshalb kann ich verstehen, wenn viele Mütter später sagen, ein Mensch könne nur eine Muttersprache haben. Sie sprechen nicht abstrakt über eine Theorie. Sie beschreiben den Weg, den sie bei ihrem eigenen Kind beobachtet haben.

4 | Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass die zweite Sprache nie entstanden ist

Genau hier beginnt die eigentliche Frage.

Wenn Menschen dieses Endergebnis sehen, nehmen sie häufig an, dass im Kind von Anfang an niemals zwei muttersprachliche Systeme hätten entstehen können. Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto weniger überzeugt bin ich davon, dass diese Erklärung stimmen muss.

Manchmal besteht das Problem nicht darin, dass die Sprache nie Wurzeln geschlagen hat. Vielmehr wurde ein sprachliches System, das bereits begonnen hatte, sich zu entwickeln, später nicht weiter erhalten.

Von außen können diese beiden Situationen ähnlich aussehen, doch in Wirklichkeit unterscheiden sie sich grundlegend.

Wenn ein kleines Kind über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßigen, natürlichen und verlässlichen sprachlichen Input erhält, kann sich eine echte Grundlage in dieser Sprache entwickeln. Diese Sprache war dann nicht von Anfang an überhaupt nicht vorhanden. Die entscheidende Schwierigkeit entsteht häufig erst später: Wenn die Sprache der Umgebung immer stärker wird, behält die schwächere Familiensprache dann weiterhin ihren ursprünglichen Platz im Alltag des Kindes?

5 | Ob eine Sprache erhalten bleibt, hängt von ihrem Platz im Alltag ab

Dieser „Platz“ ist besonders wichtig.

Es reicht nicht, zu Hause gelegentlich ein paar Sätze auf Chinesisch zu sagen oder am Wochenende daran zu denken, dass das Kind die Sprache wieder einmal üben sollte. Gemeint ist vielmehr eine langfristige und verlässliche sprachliche Rolle innerhalb der Familie.

Zum Beispiel spricht die Mutter konsequent Chinesisch, der Vater verwendet dauerhaft eine andere Sprache, und Deutsch gehört zur Schule und zum gesellschaftlichen Umfeld. Die verschiedenen Sprachen sind dadurch mit bestimmten Personen und bestimmten Beziehungen verbunden.

Wenn diese Struktur über längere Zeit stabil bleibt, können sich im Gehirn des Kindes leichter klare und verlässliche Wege für jede Sprache bilden. Wenn die Familie jedoch ständig zwischen Chinesisch und Deutsch wechselt, sofort übersetzt, sobald das Kind etwas möglicherweise nicht versteht, und zwischendurch aufgibt, weil Deutsch einfacher erscheint, wird das Kind ganz selbstverständlich die stärkste und bequemste Sprache wählen.

Was viele Eltern später als Beweis dafür verstehen, dass ein Kind nur eine Muttersprache haben könne, muss daher keine angeborene Begrenzung sein. Möglicherweise bedeutet es lediglich, dass sich im langfristigen Wettbewerb zwischen den Sprachen die Sprache des gesellschaftlichen Umfelds durchgesetzt hat.

6 | Viele Menschen streiten über Definitionen – mich interessiert stärker, wie das Ergebnis entsteht

Deshalb empfinde ich die Aussage, am Ende bleibe nur eine Muttersprache übrig, zunehmend weniger als eine Frage der Definition. Für mich ist sie eher eine Frage des Ergebnisses.

Wenn eine Sprache im Alltag immer seltener verwendet wird und immer weniger Möglichkeiten erhält, sich weiterzuentwickeln, wird sie zwangsläufig zurückfallen. Die Eltern sehen schließlich dieses Ergebnis und schließen daraus, dass ein Mensch von Anfang an nur zu einer Muttersprache fähig gewesen sei.

Aus einer anderen Perspektive wäre jedoch vielleicht eine andere Erklärung genauer: Nicht ein Kind ist von Natur aus auf eine einzige Muttersprache begrenzt, sondern eine schwächere Sprache kann im Laufe des Heranwachsens sehr leicht verloren gehen.

7 | Vielleicht ist nicht entscheidend, ob eine Sprache offiziell als Muttersprache gilt

Aus diesem Grund interessiert mich seit einigen Jahren auch immer weniger die Frage, wie der Begriff „Muttersprache“ genau definiert werden sollte. Wichtiger erscheint mir eine andere, sehr viel praktischere Frage: Warum verlieren so viele Kinder nach und nach ihr Chinesisch, obwohl sie es in den ersten Lebensjahren durchaus gut gesprochen haben?

Wann beginnt dieser Rückgang?

Warum gelingt es manchen Familien, die Sprache zu erhalten, während andere sie allmählich verlieren? Wenn sich im Gehirn des Kindes bereits ein sprachliches System entwickelt hatte, weshalb wird es später immer schwächer?

Diese Fragen sind möglicherweise wichtiger als die Diskussion darüber, ob eine bestimmte Sprache offiziell als Muttersprache „zählt“.

Für viele Familien in Deutschland oder in anderen Ländern mit einer sehr dominanten Umgebungssprache liegt die eigentliche Sorge nicht in einer abstrakten Definition. Sie entsteht aus der Erfahrung, mit anzusehen, wie sich eine Sprache, über die das eigene Kind früher verfügte, immer weiter zurückzieht, ohne zu wissen, wie man sie wieder stärker in sein Leben zurückholen kann.

8 | Es ist nicht so, dass Kinder Chinesisch nicht lernen können – die Sprache verliert zuerst ihren Platz

Vielleicht sagen deshalb so viele Mütter irgendwann, ein Mensch könne offenbar wirklich nur eine Muttersprache haben. Sie wollen damit kein sprachwissenschaftliches Urteil fällen. Sie haben ihr Kind lediglich auf einem Weg begleitet, der am Ende zu genau diesem Ergebnis führte.

Doch inzwischen glaube ich immer weniger, dass dieses Ergebnis das einzig mögliche Ende sein muss. Vielleicht lässt es sich besser als eine Position verstehen – als ein Platz, der geschützt werden kann, aber auch nach und nach verloren gehen kann.

Viele Kinder sind nicht grundsätzlich unfähig, Chinesisch zu lernen. Vielmehr verliert das Chinesische im langfristigen Wettbewerb mit der dominanten Umgebungssprache zuerst seinen Platz.

Wenn viele Mütter zu dem Schluss gelangen, dass ein Kind nur eine Muttersprache haben könne, betrachte ich diese Aussage daher heute weniger als einen Ausgangspunkt und mehr als die Beschreibung eines Ergebnisses. Die wichtigere Frage lautet, wie dieses Ergebnis Schritt für Schritt entstanden ist.

Genau damit werde ich mich in den folgenden Artikeln weiter beschäftigen.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 为什么很多宝妈最后都会觉得:母语只能有一种?

Englische Version: Why Do So Many Mothers Eventually Conclude That a Child Can Have Only One Mother Tongue?

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