Von Jane Sonnenschein · 18. Juli 2026
„Überlegene Kräfte konzentrieren und die feindlichen Einheiten eine nach der anderen vernichten.“ — Mao Zedong¹
Gestern sah ich auf Bilibili, einer chinesischen Videoplattform, einen Beitrag, in dem ein Creator strategische Gedanken aus dem Mao Xuan² auf Prokrastination und die Veränderung von Gewohnheiten übertrug. Ein Gedanke ließ mich danach lange nicht los: Wenn der Gegner stark und man selbst schwach ist, besteht die dümmste Reaktion nicht darin, ihm vorübergehend auszuweichen. Sie besteht vielmehr darin, das offensichtliche Kräfteungleichgewicht zu erkennen und trotzdem mit den eigenen schwächsten Mitteln frontal gegen die stärkere Seite anzutreten, als könne man seinen Mut nur dadurch beweisen, dass man sich auf einen aussichtslosen Zusammenstoß einlässt.
In Überlegene Kräfte konzentrieren und die feindlichen Einheiten eine nach der anderen vernichten erklärt Vorsitzender Mao, dass begrenzte Truppen nicht gleichmäßig auf sämtliche Fronten verteilt werden dürfen, wenn der Gegner aus mehreren Richtungen vorrückt. Eine solche Aufstellung mag auf den ersten Blick umfassend und gut vorbereitet wirken, führt in Wirklichkeit jedoch leicht dazu, dass die eigenen Kräfte überall zu schwach bleiben, um an irgendeiner Stelle etwas Entscheidendes zu erreichen. Erfolgversprechender ist es, die überlegenen Kräfte an einem vergleichsweise günstigen Punkt zu bündeln, zunächst einen Teil des Gegners zu besiegen und anschließend anhand der veränderten Lage über den nächsten Schritt zu entscheiden, statt von Anfang an sämtliche Kämpfe gleichzeitig gewinnen zu wollen.
Ursprünglich handelt es sich dabei um einen militärstrategischen Gedanken. Als ich ihn jedoch auf den Alltag übertrug, wurde mir plötzlich bewusst, dass viele Menschen genau den gegenteiligen Fehler begehen, sobald sie versuchen, sich selbst zu verändern. Obwohl sie sich bereits in einer Position befinden, in der die andere Seite stärker ist, eröffnen sie gleichzeitig an allen Fronten den Kampf.
An einem Abend, an dem wir besonders enttäuscht von uns sind, beschließen wir plötzlich, dass am nächsten Morgen ein vollkommen neues Leben beginnen soll. Wir wollen früher schlafen gehen und früher aufstehen, das Handy weniger benutzen, unsere Ernährung kontrollieren, Sport treiben, regelmäßig lesen, produktiver arbeiten, weniger aufschieben, unsere Gefühle besser regulieren und nebenbei noch sämtliche Pläne wieder aufnehmen, die wir irgendwann aufgegeben haben. Wir schreiben eine überfüllte Liste und stellen uns vor, dass wir nur genügend Entschlossenheit brauchen, um innerhalb eines einzigen Tages mithilfe unserer Willenskraft alle Wünsche, Gewohnheiten und inneren Widerstände gleichzeitig niederzuhalten.
Das Problem besteht jedoch darin, dass die „Truppen“, die uns für diesen Kampf zur Verfügung stehen, von Anfang an begrenzt sind. Aufmerksamkeit, Energie und Selbstkontrolle verändern sich je nach Schlaf, körperlichem Zustand, Stress und Stimmung, während alles, was sofortige Freude oder Erleichterung verspricht, uns ununterbrochen mit unmittelbarer Belohnung versorgt. Eine kleine Bewegung mit dem Finger bringt bereits das nächste Kurzvideo hervor, etwas Süßes sorgt in dem Moment für Befriedigung, in dem es den Mund erreicht, und auf dem Sofa liegen zu bleiben, ist naturgemäß leichter, als mit einer schwierigen Aufgabe zu beginnen, deren Ergebnis erst in ferner Zukunft sichtbar wird. Die erschöpfte Version unserer selbst, die emotional ausgelaugte und die ausgeschlafene verfügen nicht über dieselbe Fähigkeit zur Selbstkontrolle. Eine Gewohnheit, die sich über viele Jahre entwickelt hat, verliert ihre Macht auch nicht plötzlich nur deshalb, weil wir einen neuen Tagesplan aufgeschrieben haben.
Wenn alte Gewohnheiten, unmittelbare Belohnungen, körperliche Erschöpfung und die gesamte Umgebung auf der anderen Seite stehen, während wir allein mit einem kurzfristigen Ausbruch von Entschlossenheit gleichzeitig unsere Ernährung umstellen, täglich Sport treiben, das Handy weglegen und einen völlig neuen Schlafrhythmus aufbauen wollen, ist die Möglichkeit des Scheiterns bereits im Schlachtplan angelegt. Es stimmt nicht, dass wir uns nicht bemüht hätten. Wir haben unsere begrenzten Kräfte lediglich auf zu viele Fronten verteilt und verlangen gleichzeitig, dass wir an jeder einzelnen gewinnen.
Früher aß ich sehr gern Sonnenblumenkerne, und sobald ich damit angefangen hatte, fiel es mir ausgesprochen schwer, wieder aufzuhören. Während des Essens fühlte es sich natürlich angenehm an, doch danach tat mir der Mund weh und mein Hals war gereizt. Ich kannte die Folgen sehr genau, griff beim nächsten Anblick einer Schale Sonnenblumenkerne aber trotzdem beinahe automatisch wieder zu. Irgendwann hörte ich auf, sie täglich vor mich hinzustellen und anschließend beweisen zu wollen, dass meine Willenskraft ausreichte, um nur eine kleine Handvoll zu essen. Stattdessen wählte ich die einfachste mögliche Strategie: Ich kaufte sie nicht mehr.
Anfangs dachte ich gelegentlich, das könne kaum als echte Selbstdisziplin gelten. Schließlich hatte ich die Versuchung nicht besiegt, sondern war ihr lediglich ausgewichen. Doch die Erfahrung zeigte mir, dass ich nicht den ganzen Tag an Sonnenblumenkerne dachte und auch keinen unerträglichen Appetit darauf entwickelte, solange keine zu Hause waren. Einige Jahre später besuchte ich eine Freundin in ihrem Büro und sah dort einen großen Vorrat. Ich sagte mir, dass ich schon so lange keine mehr gegessen hatte und ein paar wenige wohl kaum schaden könnten. Sobald ich jedoch begonnen hatte, aß ich wieder viel mehr als beabsichtigt und konnte kaum an dem Punkt aufhören, den ich mir ursprünglich vorgenommen hatte.
Dadurch verstand ich, dass manche Gegner nicht einfach verschwinden, nur weil wir ihnen mehrere Jahre lang nicht begegnet sind. Solange sie nicht vor uns stehen, müssen wir unsere Selbstkontrolle lediglich nicht jeden Tag gegen sie mobilisieren. Wenn ich bereits weiß, dass nicht das Verlangen vor dem ersten Bissen, sondern vor allem das Aufhören nach dem Beginn mein Problem ist, dann ist es keine beschämende Flucht, keine Sonnenblumenkerne nach Hause zu bringen. Es ist eine bewusste Entscheidung, das tatsächliche Kräfteverhältnis anzuerkennen und ein günstigeres Schlachtfeld zu wählen. Wenn ich mich noch nicht darauf verlassen kann, jedes Mal maßvoll zu bleiben, sobald sie vor mir stehen, warum sollte ich sie dann in Reichweite aufbewahren und jeden Tag erneut zu einer Prüfung meines Charakters machen?
Auch das Handy nicht mehr mit auf die Toilette zu nehmen, mag wie eine unbedeutende Veränderung wirken. Dass ich sie schließlich dauerhaft umsetzen konnte, lag jedoch nicht nur daran, dass ich die Anziehungskraft des Handys erkannt hatte, und auch nicht daran, dass ich plötzlich disziplinierter geworden war. Die Veränderung hielt an, weil ich zum ersten Mal über das sichtbare Verhalten hinausging und zu verstehen begann, was tatsächlich dahinterlag.
Das Handy mit auf die Toilette zu nehmen, gehörte seit weit mehr als zehn Jahren zu meinem Alltag. Meine Verdauung war nie besonders aktiv, und aufgrund meiner Neigung zu Verstopfung musste ich häufig eine Weile warten. Hielt ich dabei das Handy in der Hand, folgte auf ein Video sofort das nächste, und nach einem Beitrag öffnete ich auch noch die Kommentare. Aus einem kurzen Warten wurden auf diese Weise allmählich dreißig Minuten oder noch mehr. Je länger ich sitzen blieb, desto stärker hatte ich das Gefühl, noch nicht fertig zu sein; und je weniger abgeschlossen es sich anfühlte, desto weniger wollte ich wieder aufstehen. Das körperliche Unwohlsein und die unmittelbaren Belohnungen des Handys verstärkten einander und bildeten einen Kreislauf, der sich selbst immer weiter aufrechterhielt.
Das Problem lediglich als Handysucht zu bezeichnen, würde dennoch einen wesentlichen Teil der Wirklichkeit übersehen. Für viele Eltern, die sich über Jahre hinweg nahezu ununterbrochen um ein Kind kümmern, ist die Toilette einer der wenigen Orte in der Wohnung, an denen man die Tür schließen kann und nicht sofort auf jemanden reagieren muss. Meine Tochter Alicia ist inzwischen neun Jahre alt, doch seit ihrer Geburt war sie fast immer bei mir und nur sehr selten wirklich von mir getrennt. Der Haushalt, ihre Bedürfnisse und der Gesundheitszustand meines Mannes haben häufig dazu geführt, dass am Ende viele Dinge doch wieder von mir erledigt werden mussten. Manchmal nahm ich mein Handy nicht nur deshalb mit auf die Toilette, weil ich die Inhalte sehen wollte, sondern weil ich mich hinter der geschlossenen Tür für einen kurzen Moment in die Stille zurückziehen konnte. Dort musste ich nichts organisieren und mich nicht unmittelbar um die Bedürfnisse oder Gefühle eines anderen Menschen kümmern.
Ohne diese Ebene zu erkennen, wäre die bloße Anweisung an mich selbst, das Handy künftig niemals auf der Toilette zu benutzen, nur schwer durchzuhalten gewesen. Das Gerät bot nicht nur unmittelbare Reize, sondern erfüllte zugleich ein echtes Bedürfnis: mich für einige Minuten aus den familiären Verpflichtungen zurückzuziehen. Gleichzeitig begann mein Körper jedoch auf eine sehr viel direktere Weise darauf hinzuweisen, dass diese Form der Erholung Folgen hatte, die ich nicht länger übersehen konnte.
Wegen eines Analpolypen musste ich mich früher einer Operation unterziehen, und wie schmerzhaft diese Erfahrung war, lässt sich nur schwer nachvollziehen, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Im vergangenen Jahr verschlechterten ein unregelmäßiger Tagesrhythmus, viele späte Nächte und die langen Stunden vor dem Computer meine Verdauung erneut. Hinzu kamen körperliche Veränderungen, die ich seit meinem vierzigsten Lebensjahr immer deutlicher wahrnehme, und auch die Verstopfung machte sich wieder stärker bemerkbar. Allmählich hatte ich das Gefühl, dass das frühere Problem zurückkehren könnte. In diesem Moment wurde mir klar, dass es nicht mehr nur darum ging, etwas Zeit zu verschwenden oder zu wenig Selbstkontrolle zu besitzen. Mein Körper hatte eine ernsthafte Warnung ausgesprochen. Wenn ich das Handy weiterhin mitnahm und immer wieder lange dort sitzen blieb, würde ich möglicherweise erneut vor einer Operation und einer Leidenszeit stehen, die ich unter keinen Umständen noch einmal erleben wollte. Ich konnte dieses Verhalten nicht länger als harmlose Gewohnheit abtun und meinen Körper die Folgen tragen lassen.
Als ich hinter dem oberflächlichen Eindruck, einfach „gern auf dem Handy zu scrollen“, das lange Sitzen, die Verstopfung, die gesundheitlichen Risiken und das Bedürfnis nach einem Moment der Ruhe erkannte, bekam die ganze Angelegenheit ein vollkommen anderes Gewicht. Ich sagte mir nicht mehr nur vage, dass diese Gewohnheit schlecht sei, sondern verstand, warum ich sie wirklich verändern musste. Die Ernsthaftigkeit des Problems zu erkennen, ließ eine über mehr als zehn Jahre gewachsene Routine allerdings nicht automatisch verschwinden. Mir war außerdem klar, dass ich den Kampf vermutlich weiterhin verlieren würde, wenn ich das Handy zunächst mitnahm und erst im Nachhinein von mir verlangte, es rechtzeitig wegzulegen.
Da die Versuchung in dieser Situation stärker war als die Selbstkontrolle, die mir dort zur Verfügung stand, nahm ich sie nicht länger mit aufs Schlachtfeld, um sie anschließend frontal bekämpfen zu müssen. Meine Lösung war einfach: Ich nahm das Handy überhaupt nicht mehr mit. Zusätzlich begann ich, eine Trinkflasche mit Markierungen zu verwenden, um mich im Laufe des Tages an ausreichend Wasser zu erinnern, achtete stärker auf meine Ernährung und unterstützte meine Verdauung durch sanfte Bauchmassagen. Wenn ich das Bedürfnis verspürte, ging ich hinein, erledigte, was zu erledigen war, und kam anschließend wieder heraus, statt die Toilette zu einem Ort zu machen, an dem ich mich längere Zeit aufhielt. Anstatt erst dann meine Willenskraft zu mobilisieren, wenn ich bereits dort saß und das Handy in der Hand hielt, verhinderte ich, dass dieser unnötige Kampf überhaupt begann.
Im Rückblick erkannte ich, dass diese Erfahrung sehr genau dem Erkenntnisweg „von der Oberfläche in die Tiefe“ entsprach, den Mao in Über die Praxis³ beschreibt. Wir sprechen häufig davon, hinter die Erscheinungen zu blicken und das Wesen eines Problems zu erfassen. Der Wert dieses Vorgehens liegt jedoch nicht darin, zu einer Erklärung zu gelangen, die lediglich tiefgründiger klingt. Erst wenn wir verstehen, wie ein Problem aufgebaut ist, können wir einen Plan entwickeln, der tatsächlich Aussicht auf Erfolg hat.
Oberflächlich betrachtet bestand mein Problem darin, dass ich auf der Toilette das Handy benutzte. Auf einer tieferen Ebene führte meine langsame Verdauung dazu, dass ich lange sitzen blieb, während die unmittelbaren Reize des Handys es noch leichter machten, dort zu bleiben. Gleichzeitig hatten die vielen Jahre, in denen mein Alltag von Kinderbetreuung und häuslichen Verpflichtungen geprägt war, die Toilette in einen Ort verwandelt, an dem ich vorübergehend die Tür schließen und etwas Ruhe finden konnte. Erst als die Erinnerung an die frühere Operation und die neuen Warnsignale meines Körpers mir deutlich machten, dass dieser Kreislauf eine gesundheitliche Grenze erreicht hatte, veränderte sich mein Ziel. Es ging nicht mehr darum, das Handy mitzunehmen und mich anschließend auf fünf Minuten zu beschränken. Ich musste eine Verhaltenskette an ihrer Wurzel unterbrechen, die seit mehr als einem Jahrzehnt in Betrieb war.
Genau darin liegt die Bedeutung des Versuchs, das Wesen eines Problems zu erkennen: Dieses Verständnis verändert den Schlachtplan. Dass ich die neue Gewohnheit inzwischen seit beinahe zwei Monaten durchhalte, liegt nicht daran, dass ich alle Wünsche endgültig besiegt hätte. Ich klärte zunächst, worin das eigentliche Problem bestand, und gestand mir anschließend ein, dass ich unter den bisherigen Bedingungen wahrscheinlich nicht gewinnen würde. Die körperlichen Warnsignale zeigten mir den Ernst der Lage, während das Handy außerhalb der Toilette zu lassen, langes Sitzen zu vermeiden und meine Trink- und Toilettengewohnheiten zu verändern zu konkreten Strategien wurden, die ich mit den mir zur Verfügung stehenden Kräften tatsächlich umsetzen konnte.
Viele unserer Pläne scheitern nicht immer wieder deshalb, weil es uns an Entschlossenheit fehlt, sondern weil wir niemals über das unmittelbar Sichtbare hinausgehen. Wir sehen, dass wir auf dem Handy scrollen, Süßigkeiten essen, Aufgaben aufschieben oder mit dem Sport aufhören, und erteilen uns sofort einen neuen Befehl. Häufig fragen wir jedoch nicht weiter, welches Bedürfnis dieses Verhalten erfüllt, warum es ständig zurückkehrt, worin seine schwerwiegendsten Folgen bestehen und welcher Teil des Problems zuerst angegangen werden sollte. Ohne ein solches Verständnis kann selbst ein äußerst detaillierter Plan unsere begrenzten Kräfte lediglich auf das falsche Schlachtfeld lenken.
Dasselbe Prinzip gilt für die Zahl der Veränderungen, die wir gleichzeitig anstreben. Wenn für einen Menschen in einer bestimmten Lebensphase die Ernährung das wichtigste Problem ist, kann es sinnvoller sein, sich zunächst auf weniger Süßigkeiten, veränderte Einkaufsgewohnheiten und regelmäßige Mahlzeiten zu konzentrieren. Bleibt darüber hinaus noch Energie, kann natürlich Bewegung hinzukommen. Es ist jedoch nicht notwendig, gleichzeitig tägliches Hochleistungstraining, eine Schlafenszeit vor elf Uhr, eine festgelegte Zahl gelesener Seiten und die Wiederaufnahme sämtlicher liegen gebliebener Arbeitsprojekte zu verlangen. Sobald jede gute Absicht zu einer verpflichtenden Aufgabe wird, kann eine Störung in nur einem Bereich das gesamte System zum Einsturz bringen.
Früher gelang es mir aufgrund meiner anfänglichen Begeisterung häufig, ein neues Sportprogramm oder einen Plan drei Tage lang einzuhalten. Am vierten Tag begann vielleicht meine Periode, ich fühlte mich körperlich unwohl oder emotional niedergeschlagen, oder ich hatte in der Nacht zuvor einfach schlecht geschlafen und wollte an diesem Tag keinen Sport treiben. Das eigentliche Problem bestand selten darin, eine einzige Trainingseinheit ausgelassen zu haben. Es bestand darin, dass ich diese Unterbrechung sofort als Scheitern deutete und zu dem Schluss kam, erneut bewiesen zu haben, dass ich zu keiner dauerhaften Veränderung fähig sei. Weil die Abfolge unterbrochen war, schienen auch die vorherigen drei Tage ihren Wert verloren zu haben, und ich wollte umso weniger wieder anfangen.
Heute erkenne ich darin die Erwartung, dass ein gesamter Feldzug genau nach dem ursprünglichen Zeitplan verlaufen müsse, als bedeute jede Pause bereits den vollständigen Zusammenbruch. In derselben militärischen Anweisung schrieb Vorsitzender Mao jedoch, dass die Truppen nach einer Operation je nach Lage entweder weiter vorgehen oder sich „zur Erholung zurückziehen und auf den nächsten Kampf vorbereiten“ könnten. Wenn selbst in einem tatsächlichen Krieg Erholung und Anpassung an veränderte Bedingungen notwendig sind, warum sollte das Leben eines gewöhnlichen Menschen nicht einige Tage pausieren dürfen, weil die Periode eingesetzt hat, eine Krankheit auftritt, Erschöpfung überhandnimmt oder etwas Unerwartetes geschieht?
Eine Pause ist keine Kapitulation, und eine Unterbrechung löscht nicht alles aus, was zuvor erreicht wurde. Heute keinen Sport zu treiben bedeutet lediglich, dass ich heute keinen Sport getrieben habe. Mehrere Tage Erholung zu benötigen bedeutet nicht, dass ich eine Woche später nicht wieder beginnen kann. Was viele Menschen davon abhält, ihre Pläne erneut aufzunehmen, ist nicht die Pause selbst, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie nach dieser Pause das gesamte Vorhaben für gescheitert erklären.
Das Prinzip, die überlegenen Kräfte zu konzentrieren und Probleme nacheinander zu lösen, auf das persönliche Leben zu übertragen, bedeutet nicht, den eigenen Körper und die eigenen Wünsche tatsächlich als Feinde zu behandeln. Ebenso wenig bedeutet es, den Alltag wie einen militärischen Feldzug zu organisieren. Es bietet vielmehr eine Möglichkeit, die Lage realistisch einzuschätzen. Wenn uns im Augenblick nur begrenzte Kräfte zur Verfügung stehen, müssen wir nicht sämtlichen Problemen gleichzeitig den Krieg erklären. Wenn eine bestimmte Versuchung noch stärker ist als unsere Fähigkeit, ihr zu widerstehen, können wir zunächst die Umgebung verändern, statt uns ihr jeden Tag frontal entgegenzustellen. Wir können das Problem auswählen, das in der gegenwärtigen Lebensphase am dringendsten ist, unsere Zeit, Aufmerksamkeit und Handlungskraft dort bündeln und uns erst der nächsten Sache zuwenden, wenn eine neue Lebensweise allmählich stabiler geworden ist. Unterbrechungen durch Krankheit, Menstruation, Erschöpfung oder unvorhergesehene Ereignisse können wir als notwendige Erholungsphasen betrachten, statt sie als Beweis dafür zu deuten, dass der gesamte Feldzug gescheitert sei.
Ich glaube immer stärker, dass sich Selbstdisziplin nicht daran misst, ob ein Mensch zehn Gegner gleichzeitig bekämpfen kann, sobald sämtliche Versuchungen auf einmal erscheinen. Sie zeigt sich vielmehr darin, zu wissen, was in diesem Augenblick wirklich wichtig ist, welchen Versuchungen man vorübergehend ausweichen sollte, welche Schwierigkeiten tatsächlich frontal bewältigt werden müssen und wann es vernünftig ist, anzuhalten und neue Kraft zu sammeln. Wir müssen nicht den ganzen Krieg an einem einzigen Tag gewinnen. Es reicht, den richtigen Kampf auszuwählen, der gerade vor uns liegt, und unsere Kräfte darauf zu konzentrieren, ihn gut zu führen. Selbst wenn eine Pause notwendig wird, müssen wir nicht vorschnell unsere Niederlage erklären, denn nach der Erholung können wir immer noch neu beginnen.
Anmerkungen
1. Máo Zédōng (毛泽东): Mao Zedong (1893–1976) war ein chinesischer kommunistischer Revolutionär und der maßgebliche Führer der Kommunistischen Partei Chinas bei der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949. Bis zu seinem Tod blieb er Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas. Im Chinesischen ist Máo Zhǔxí (毛主席), wörtlich „Vorsitzender Mao“, eine vertraute und respektvolle Anrede, die bis heute häufig verwendet wird, wenn über seine Person, seine Schriften und sein politisches Denken gesprochen wird.
2. Máo Xuǎn (毛选): Dies ist die gebräuchliche chinesische Kurzform von Máo Zédōng Xuǎnjí (毛泽东选集), auf Deutsch meist als Ausgewählte Werke Mao Zedongs bezeichnet. Die mehrbändige Sammlung umfasst politische, militärische und philosophische Schriften Mao Zedongs. Jízhōng Yōushì Bīnglì, Gègè Jiānmiè Dírén (集中优势兵力,各个歼灭敌人), sinngemäß „Überlegene Kräfte konzentrieren und die feindlichen Einheiten eine nach der anderen vernichten“, ist eine militärische Anweisung vom 16. September 1946 und wurde in Band IV der Sammlung aufgenommen.
3. Shíjiàn Lùn (实践论): Der Titel wird auf Deutsch als Über die Praxis wiedergegeben. Der vollständige chinesische Untertitel lautet Lùnrènshi hé shíjiàn de guānxì — zhī hé xíng de guānxì (论认识和实践的关系——知和行的关系), sinngemäß „Über das Verhältnis von Erkenntnis und Praxis, von Wissen und Handeln“. Der philosophische Text entstand im Juli 1937 und beschäftigt sich damit, wie Erkenntnis durch praktische Erfahrung entsteht: Der Mensch beginnt mit unmittelbarer sinnlicher Wahrnehmung, gelangt durch Denken zu einem tieferen Verständnis der inneren Zusammenhänge eines Problems und führt diese Erkenntnis anschließend in Form von Plänen und Handlungen wieder in die Praxis zurück. Die Bewegung von der äußeren Erscheinung zum Wesen eines Problems ist dabei nicht nur eine gedankliche Übung, sondern soll wirksameres Handeln ermöglichen.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 当欲望比自制力更强时,不要再逼自己硬碰硬
Englische Version: When Desire Is Stronger Than Self-Control, Stop Fighting It Head-On


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