A multilingual family where a mother speaks Chinese, a father speaks English, and their daughter grows up using three languages in everyday life.

Von Jane Sonnenschein · Erstfassung vom 5. Mai 2026 · Überarbeitet am 15. Juli 2026

„Bildung ist nicht das Füllen eines Eimers, sondern das Entzünden eines Feuers.“ — William Butler Yeats

Nur wenige Dinge geschehen tatsächlich von einem Tag auf den anderen. Das gilt für Sprache ebenso wie für Entwicklung und Erinnerung. Ob etwas dauerhaft bleibt, hängt meist nicht von einer einzelnen Phase intensiver Anstrengung ab, sondern davon, ob es im Alltag einen festen Platz hat.

Vor ein paar Jahren scrollte ich durch meine WeChat-Moments und sah einen Beitrag von einer Mutter, die ich aus einer chinesisch-deutschen Familie kannte.

Sie schrieb etwas ratlos, ihr Kind wolle immer weniger Chinesisch sprechen. Es verstand offenbar alles, was sie auf Chinesisch sagte, antwortete ihr aber fast automatisch auf Deutsch. An diesem Tag hatte sie zwei Stunden lang versucht, gemeinsam mit ihrem Kind Chinesisch zu lernen, und am Ende nur noch erschöpft festgestellt, dass sie das Kind kaum noch dafür gewinnen könne.

Als ich diesen Beitrag las, war ich nicht besonders überrascht.

Wir kannten uns schon seit vielen Jahren. Damals trafen sich mehrere chinesisch-deutsche Familien regelmäßig mit ihren noch kleinen Kindern. Sie hatte Chinesisch immer wichtig gefunden und sich gewünscht, dass ihr Kind die Sprache später gut beherrschen würde. Im Alltag sprach sie mit ihm jedoch meistens Deutsch.

Einerseits hatte sie Sorge, dass das Kind sie auf Chinesisch nicht verstehen würde, als es noch sehr klein war. Andererseits wollte sie, dass alle drei Familienmitglieder eine gemeinsame Sprache benutzten, damit ihr Mann bei Gesprächen nicht außen vor blieb.

Aus ihrer damaligen Situation heraus war diese Entscheidung sehr verständlich. Viele interkulturelle Familien stehen vor einer ähnlichen Frage und treffen schließlich eine vergleichbare Wahl.

Später nahm sie ihr Kind für mehr als ein halbes Jahr mit nach China und ließ es dort eine Grundschule besuchen. Sie hoffte, dass die vollständige chinesischsprachige Umgebung helfen würde, die Sprache wieder aufzubauen. Wie sich das langfristig entwickelte, weiß ich nicht, weil wir später den Kontakt verloren haben, doch die Geschichte ist mir im Gedächtnis geblieben.

Als unsere Kinder noch klein waren, lernte ich eine weitere Familie kennen, die bei mir einen ebenso starken Eindruck hinterließ.

Die Mutter war Chinesin, während ihr deutscher Mann an der Universität Sinologie studiert hatte und selbst recht gut Chinesisch sprach. Eigentlich schien diese Familie bessere Voraussetzungen zu haben als die meisten chinesisch-deutschen Familien. Der Vater verstand Chinesisch, die Mutter war Muttersprachlerin, und beide wussten, dass die Sprache wichtig war. Damals nahm ich deshalb selbstverständlich an, dass ihr Kind gut Chinesisch sprechen würde.

Umso überraschter war ich, als die Kinder miteinander spielten und dieses Kind sehr schnell ins Deutsche wechselte, während sein Chinesisch eher stockend und mühsam klang.

Lange verstand ich nicht, warum das so war.

Ich hatte geglaubt, dass ein Kind automatisch Chinesisch sprechen würde, wenn beide Eltern die Sprache beherrschten. Erst später wurde mir klar, dass das zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Dass Eltern eine Sprache sprechen können, bedeutet noch lange nicht, dass diese Sprache im Familienleben tatsächlich lebendig ist.

Entscheidend ist nicht, wie gut die Eltern Chinesisch beherrschen, sondern ob Chinesisch ein selbstverständlicher und unverzichtbarer Bestandteil ihres gemeinsamen Alltags geworden ist.

Auch ich selbst hatte das nicht von Anfang an so klar verstanden.

Über viele Jahre hatte ich lediglich das vage Gefühl, dass in einer mehrsprachigen Familie jede Person möglichst bei ihrer eigenen Sprachrolle bleiben sollte. So leben wir bis heute: Meine Tochter Mido und ich sprechen miteinander Chinesisch, mein Mann Chris spricht mit ihr Englisch, und Deutsch bekommt sie durch die Schule und die gesamte gesellschaftliche Umgebung.

Warum diese Struktur über so lange Zeit stabil bleiben konnte und was eine Minderheitensprache wirklich braucht, um dauerhaft erhalten zu bleiben, wurde mir erst nach und nach klar, nachdem ich viele andere Familien beobachtet und unsere eigenen Erfahrungen immer wieder neu eingeordnet hatte.

Vor einiger Zeit las ich während des Schreibens mehrere Texte und Bücher aus den Bereichen Philosophie und Psychologie. Dabei versuchte ich, die Gedanken von Kant, Nietzsche, Platon, Aristoteles, Freud, Adler und anderen nicht als abstrakte Theorien stehen zu lassen, sondern sie auf mein eigenes Leben und meine Beziehungen zu beziehen.

Während ich diese Essays schrieb, erschienen mir viele Begriffe und Zusammenhänge außerordentlich klar. Ich konnte die Theorien verstehen, sie mit meinen eigenen Erfahrungen verbinden und diese Überlegungen nach und nach in fertige Texte verwandeln.

Doch etwas mehr als einen Monat später bemerkte ich plötzlich, dass manche Gedanken, die ich damals sehr gut verstanden hatte, bereits wieder unschärfer wurden, weil ich sie nicht weiter verwendete oder erneut aufgriff. Sogar Überlegungen, mit denen ich mich intensiv beschäftigt und die ich aufgeschrieben hatte, begannen langsam zu verblassen, sobald ich sie über längere Zeit nicht mehr aktiv abrief.

Das menschliche Gedächtnis funktioniert nicht wie eine Computerfestplatte, auf der eine Datei sicher gespeichert bleibt, solange sie niemand löscht.

Viele Inhalte in unserem Kopf werden leicht von neuen Informationen überlagert, wenn wir sie nicht wiederholt verwenden, neu miteinander verbinden und weiter festigen. Gedanken, die eben noch vollkommen klar erschienen, können verschwinden wie ein Wasserrand auf einem Tisch, der mit einer einzigen Bewegung weggewischt wird. Sie gleichen manchmal auch den Samen einer Pusteblume, die gerade noch vor uns schweben und im nächsten Moment vom Wind fortgetragen werden, sodass wir nicht mehr wissen, wohin sie verschwunden sind.

Mit der Zeit begann ich zu erkennen, dass Sprache und Erinnerung nach sehr ähnlichen Mustern funktionieren.

Viele Eltern achten besonders darauf, wie viele chinesische Schriftzeichen ihr Kind erkennt, wie groß sein Wortschatz ist oder wie stark sich sein Chinesisch während eines längeren Aufenthalts in China verbessert hat. All das ist natürlich wertvoll. Ob eine Minderheitensprache jedoch dauerhaft erhalten bleibt, hängt nicht davon ab, wie schnell sich die Fähigkeiten des Kindes in einer bestimmten Phase entwickeln, sondern davon, ob diese Fähigkeiten nach der Rückkehr in den Alltag weiterhin regelmäßig gebraucht werden.

Die Umgebungssprache wird nicht deshalb immer stärker, weil Kinder sie jeden Tag bewusst trainieren, sondern weil sie an fast allen wichtigen Bereichen ihres Lebens beteiligt ist.

Sie hören den Unterricht in dieser Sprache, lesen und schreiben in ihr und erledigen damit ihre Hausaufgaben. Sie knüpfen Freundschaften, lösen Konflikte, drücken komplizierte Gefühle aus und gewöhnen sich zunehmend daran, auch in dieser Sprache zu denken. Je mehr Situationen eine Sprache abdeckt und je komplexer die Inhalte werden, die sie tragen muss, desto leichter greift das Gehirn auf sie zurück und desto selbstverständlicher entwickelt sie sich gemeinsam mit dem Kind weiter.

Eine Minderheitensprache lebt unter völlig anderen Bedingungen.

Wenn Chinesisch nur gelegentlich in Familiengesprächen auftaucht oder hauptsächlich im Wochenendunterricht und während kurzer Aufenthalte in China verwendet wird, im gewöhnlichen Alltag aber kaum noch echte Kommunikation, Lesen oder Denken trägt, dann wird selbst ein sehr gutes Sprachniveau nicht automatisch für immer erhalten bleiben.

Eine in Neuseeland lebende Mutter berichtete einmal in den Kommentaren unter einem meiner Artikel von ihren eigenen Erfahrungen.

Als ihr Kind ungefähr zehn Jahre alt war, nahm sie es bewusst für zwei Jahre mit nach China. Sie hoffte, dass die vollständige sprachliche Umgebung das Chinesisch des Kindes auf ein wirklich gutes Niveau bringen würde.

Die Fortschritte in diesen beiden Jahren waren deutlich. Das Kind lebte in einer chinesischsprachigen Umgebung, lernte in der Schule auf Chinesisch und sprach auch mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern Chinesisch. Seine Fähigkeiten im Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben verbesserten sich erheblich, vielleicht sogar sprunghaft.

Nach der Vorstellung vieler Eltern hätte die Sprache, nachdem das Kind dieses Niveau einmal erreicht hatte, auch nach der Rückkehr ins Ausland stabil bleiben müssen.

Doch als die Familie nach Neuseeland zurückkehrte, fand das Leben des Kindes wieder fast vollständig auf Englisch statt. In der Schule lernte, las, schrieb und dachte es auf Englisch, und auch der größte Teil seiner alltäglichen Kommunikation verlief erneut in dieser Sprache. Nach einiger Zeit bemerkte die Mutter, dass das Chinesisch, das sich das Kind während der zwei Jahre in China aufgebaut hatte, allmählich wieder schwächer wurde und sich nicht so selbstverständlich erhielt, wie sie gehofft hatte.

In ihrem Kommentar schrieb sie etwas, das mir im Gedächtnis geblieben ist.

Sie hatte lange geglaubt, dass sich das Problem lösen ließe, wenn sie ihr Kind nur für einige Jahre nach China bringen würde. Erst später verstand sie, dass die eigentliche Frage nicht darin bestand, ob das Kind Chinesisch lernen konnte, sondern darin, ob Chinesisch nach der Rückkehr ins Ausland weiterhin in seinem täglichen Leben lebendig bleiben würde.

Als ich diesen Kommentar las, schienen sich viele Beobachtungen der vergangenen Jahre plötzlich miteinander zu verbinden.

Dass Chinesisch in unserer Familie bis heute stabil geblieben ist, liegt weder daran, dass ich eine besonders ausgefeilte Methode entwickelt hätte, noch daran, dass Mido zwangsläufig sprachbegabter wäre als andere Kinder.

Der Grund ist vielmehr, dass Chinesisch seit ihrer Geburt mit der Beziehung zwischen uns beiden verbunden ist. Seit neun Jahren hat sich daran grundsätzlich nichts geändert, weder aus Bequemlichkeit noch wegen bestimmter Situationen oder aus Sorge, sie könne vielleicht nicht jedes einzelne Wort verstehen.

Auch wenn wir zu dritt unterwegs sind, spreche ich ganz selbstverständlich Chinesisch mit Mido.

Manchmal beschwere ich mich nur beiläufig darüber, wie teuer etwas im Supermarkt geworden ist, oder ich äußere meinen Unmut über irgendeine kleine Alltagssituation. Ich habe sie nie darum gebeten, für mich zu übersetzen, doch oft dreht sie sich sofort zu ihrem Vater und erklärt ihm auf Englisch, was ich gerade gesagt habe, weil sie weiß, dass Chris nur wenige chinesische Wörter versteht.

Wenn ihre Übersetzung nicht ganz stimmt, verbessere ich sie manchmal lachend. Die englischen Sätze ihres Vaters übersetzt sie dagegen nie für mich ins Chinesische, weil sie genau weiß, dass ich ihn verstehe.

Mit der Zeit hat sie ganz von selbst die Rolle übernommen, meine Worte an ihren Vater weiterzugeben. Manchmal scherze ich, sie sei zu einer menschlichen Übersetzungsmaschine oder zu einem kleinen Papagei geworden, der alles wiederholt, was ich sage.

Wenn ich mich beiläufig über irgendeine Kleinigkeit aus dem Alltag beschwere, übersetzt sie auch das sofort. Manchmal muss ich sie daran erinnern, dass sie nicht jeden Satz Wort für Wort weitergeben muss und ihr Vater wirklich nicht jedes Detail dessen erfahren muss, was ich gerade vor mich hin gemurmelt habe.

Chris war früher der Meinung, dass wir in Situationen zu dritt möglichst eine Sprache sprechen sollten, die alle verstehen, weil er unseren Gesprächen sonst nicht folgen könne.

Mit der Zeit hat er sich jedoch an unsere Sprachaufteilung gewöhnt. Wir beide wissen, dass die chinesische Sprache zwischen Mutter und Tochter nicht dazu dient, ihn auszuschließen. Chinesisch ist schlicht zur natürlichsten Sprache unserer Beziehung geworden.

Wenn es nötig ist, kann er über Midos Erklärung verstehen, was ich meine. Trotzdem ersetzen wir deshalb nicht ein sprachliches Muster zwischen Mutter und Tochter, das sich über neun Jahre entwickelt hat, durch Englisch.

Deshalb bin ich inzwischen überzeugt, dass eine Minderheitensprache nicht in erster Linie einen bestimmten Wortschatz oder eine kurze Phase besonders beeindruckender Fortschritte bewahren muss. Was sie braucht, ist ein fester Platz innerhalb der Familie.

Wenn eine Sprache dauerhaft mit einer bestimmten Person, einer stabilen Beziehung und einem Alltag verbunden ist, der jeden Tag stattfindet, wächst sie durch ihre wiederholte Verwendung weiter und hat eine größere Chance, sich gemeinsam mit dem Kind zu entwickeln.

Wenn sie dagegen heute wichtig genommen und morgen aus Bequemlichkeit ersetzt wird, oder wenn sie für kurze Zeit intensiv gefördert, nach der Rückkehr in die gewohnte Umgebung aber kaum noch verwendet wird, kann selbst ein sehr gutes Sprachniveau verblassen wie eine Erinnerung, die nicht weiter gefestigt wird.

Viele Kinder werden nicht plötzlich schlechter in Chinesisch. Ihre chinesische Sprache hört irgendwann einfach auf, innerhalb ihres Alltags weiterzuwachsen.

Diese Vorstellung vom festen Platz einer Sprache gilt nicht nur für Familien im Ausland, die Chinesisch erhalten möchten. Sie lässt sich grundsätzlich auf Minderheitensprachen in mehrsprachigen Familien übertragen.

Für Kinder, die in einem europäischen oder nordamerikanischen Sprachumfeld aufwachsen, unterscheidet sich Chinesisch jedoch im Schriftsystem, in der Lautstruktur, im Wortschatz und in den Ausdrucksweisen deutlich von Englisch, Deutsch und anderen europäischen Sprachen. Kinder können Kenntnisse aus der Umgebungssprache deshalb nicht ohne Weiteres auf Chinesisch übertragen. Fehlen dauerhaftes sprachliches Angebot und regelmäßige Verwendung, kann Chinesisch leichter in seiner Entwicklung stehen bleiben als europäische Sprachen, die untereinander mehr strukturelle oder lexikalische Gemeinsamkeiten aufweisen.

Doch unabhängig davon, ob eine Familie Chinesisch, Spanisch, Französisch oder eine andere Sprache bewahren möchte, entscheidet nicht die Menge dessen, was ein Kind in kurzer Zeit gelernt hat, darüber, ob diese Sprache dauerhaft bleibt. Entscheidend ist, ob sie im täglichen Leben und in den familiären Beziehungen des Kindes einen klaren, stabilen und dauerhaft nutzbaren Platz besitzt.

Was Familien bewahren müssen, ist daher nicht nur das Chinesisch-Niveau, das ein Kind irgendwann einmal erreicht hat. Sie müssen den Platz der Sprache bewahren, unabhängig davon, wie sich die äußere Umgebung verändert: einen Menschen, der weiterhin in dieser Sprache mit dem Kind spricht, ihm in dieser Sprache zuhört und es ihm ermöglicht, einen Teil seiner selbst weiterhin durch diese Sprache auszudrücken.

Was bei uns bleibt, ist nur selten eine einzelne Phase plötzlicher Leistungssteigerung. Es sind vielmehr die Dinge, die sich Tag für Tag so selbstverständlich wiederholt haben, dass sie unmerklich zu einem Teil des Lebens geworden sind.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 很多孩子的中文,不是突然变差的,而是从某一天开始不再往前长了

Englische Version: Many Children Don’t Suddenly Get Worse at Chinese — Their Chinese Simply Stops Growing

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