Von Jane Sonnenschein · 24. Dezember 2025

Dieser Heiligabend fühlte sich auf eine seltsame Weise unwirklich an.

In den WeChat Moments¹ waren noch immer die vertrauten Weihnachtsgrüße, Lichter und lächelnden Gesichter zu sehen. Bei uns zu Hause hingegen war es sehr still. Mein Mann war früh schlafen gegangen, weil er schwer krank war. Auch meine Tochter schlief bereits, und nur ich war noch wach. Es gab keinen Weihnachtsbaum, keine besondere Dekoration und beinahe nichts, was uns bewusst daran erinnerte, dass Weihnachten war.

Draußen waren es minus sechs Grad, und auf den Fensterscheiben hatte sich eine dünne Schicht Kondenswasser gebildet. Eine Kältewelle war angekommen, doch weiße Weihnachten würde es in diesem Jahr trotzdem nicht geben. Wir waren alle krank. Meinem Mann ging es am schlechtesten. Er konnte kaum sprechen und wirkte, als hätte man ihn aus einem tiefen Brunnen gezogen, nur um ihn gleich darauf wieder hinunterzudrücken.

Dieser Tag ist für ihn ohnehin nie ganz leicht, denn Heiligabend ist zugleich sein Geburtstag. In den vergangenen Jahren holten wir den Weihnachtsbaum aus dem Keller, bereiteten am Heiligabend einige traditionelle Festgerichte zu und luden am 25. oder 26. Dezember Freunde zu uns ein. In diesem Jahr geschah nichts davon. Der Baum blieb im Keller, keiner unserer Pläne wurde umgesetzt, und im Haus herrschte eine ungewöhnliche Stille.

So ging dieses Jahr zu Ende – ohne einen großen Neuanfang, aber auch ohne einen vollständigen Zusammenbruch.

Es fällt mir schwer, dieses Jahr in einem einzigen Satz zusammenzufassen. Es scheint, als sei sehr viel geschehen, und gleichzeitig, als sei überhaupt nichts geschehen. Es gab keinen eindeutigen Wendepunkt und kein Ergebnis, dem ich einen klaren Namen geben könnte. Doch wenn ich beschreiben müsste, was sich verändert hat, würde ich sagen, dass sich im Hintergrund drei Linien ganz leise verschoben haben.

Die erste Veränderung fand bei meiner Tochter statt

In diesem Jahr erfuhr meine Tochter endgültig, dass es den Weihnachtsmann, die Zahnfee und den Osterhasen nicht wirklich gibt. Ein Abschnitt ihrer Kindheit ging zu Ende, allerdings nicht durch einen plötzlichen Zusammenbruch, sondern in einem langsamen Prozess des Verstehens und Loslassens.

Niemand hatte ihr die Wahrheit schonungslos enthüllt, und sie reagierte auch nicht enttäuscht. Es geschah während eines ganz natürlichen Gesprächs.

Eines Abends vor dem Einschlafen erzählte sie mir, dass auch die Klassensprecherin gesagt habe, es gebe keinen Weihnachtsmann. Ich fragte sie, was sie darüber denke. Daraufhin fragte sie mich: „Wenn es den Weihnachtsmann wirklich nicht gibt, bedeutet das dann, dass er keine Mama und keinen Papa hat?“

Sie dachte einen Moment lang nach und sagte anschließend: „Auch wenn es keinen Weihnachtsmann gibt, glaube ich, dass Mamas und Papas der Weihnachtsmann sind.“

In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass sie ihre Kindheit nicht verloren hatte. Sie war lediglich in einen neuen Abschnitt ihres Lebens eingetreten. Das Ende der Kindheit muss nicht immer mit Enttäuschung verbunden sein. Manchmal wird die Welt einfach nur ein wenig wirklicher.

Früher hatte sie geglaubt, der Weihnachtsmann besitze magische Kräfte. Sie war überzeugt, dass er die Wünsche aller Kinder hören könne, und sorgte sich, er könnte nachts im Dunkeln stolpern. Deshalb stellte sie ihm etwas zu essen hin, ließ ein Licht an, malte Bilder und schrieb Briefe. Inzwischen weiß sie, wer die Geschenke vorbereitet hat. Doch das Gefühl, gehört, nicht vergessen und mit den eigenen Wünschen ernst genommen worden zu sein, wird in ihr bleiben.

Ihre Kindheit wurde nicht unterbrochen. Sie hat lediglich eine andere Form angenommen.

Sie erzählte mir auch, dass sie lange geglaubt hatte, ihr Aurora-Kleid sei ein Geschenk vom Weihnachtsmann gewesen. Sie war überrascht, als sie herausfand, dass ich es gekauft hatte, wirkte deshalb aber keineswegs enttäuscht. Sie nahm das Wort „Magie“ einfach von einer erfundenen Figur weg und legte es zurück in die Hände realer Menschen.

Dann beugte sie sich geheimnisvoll zu mir und sagte: „Mama, ich habe Charlotte übrigens nichts verraten. Sie glaubt immer noch, dass die Münzen von der Zahnfee kommen.“ Anschließend zwinkerte sie mir stolz zu.

An diesem Tag verstand ich, dass ihre Kindheit nicht einfach zu Ende gegangen war. Sie hatte sich von der Fantasie in Richtung Wachstum weiterbewegt.

Die zweite Veränderung fand bei meinem Mann statt

Wenn die Veränderung meiner Tochter etwas Natürliches war, dann war die meines Mannes schwer und bedrückend.

In diesem Jahr schien es, als hätte das Schicksal ihn noch einmal zurück in den Schlamm gedrückt.

Seine IT-Ausbildung stand kurz vor dem Abschluss, und nach Jahren der Unsicherheit war endlich ein möglicher Ausweg sichtbar geworden. Doch von den Langzeitfolgen seiner ersten Corona-Infektion hatte er sich noch immer nicht vollständig erholt, als er sich ein zweites Mal ansteckte. Dadurch rückte der erhoffte Ausweg erneut in weite Ferne.

Der körperliche Zusammenbruch nahm ihm nicht nur seine Kraft, sondern auch das Vertrauen in die Zukunft. Sein Geburtstag fällt auf Heiligabend, doch in diesem Jahr war er zu krank, um überhaupt irgendetwas feiern zu können.

Er holte den Weihnachtsbaum nicht aus dem Keller.

Er sagte, ein Weihnachtsbaum bestimme nicht darüber, ob Weihnachten sei – genauso wenig wie eine Heiratsurkunde darüber entscheide, ob Menschen wirklich eine Familie seien. Er sagte das ganz ruhig, aber ich wusste, dass hinter diesen Worten auch eine gewisse Hilflosigkeit lag. Es war nicht so, dass es ihm nichts mehr bedeutete. Ihm fehlte einfach die Kraft, die gewohnten Formen aufrechtzuerhalten.

Im Laufe dieses Jahres veränderte sich sein Ziel von „weiter nach vorn gehen“ zu „erst einmal am Leben bleiben“. Das war kein Rückschritt, sondern eine Anpassung, zu der ihn die Umstände gezwungen hatten.

Die dritte Veränderung fand in mir selbst statt

Objektiv betrachtet ist auch mein eigenes Leben nicht leicht. Meine Geschäftspartnerin beging Betrug und verschwand, wodurch mein Unternehmen praktisch zum Stillstand kam. Das Schuldenproblem hängt seit mehr als drei Jahren über mir, und auch die daraus entstandene steuerliche Krise ist bis heute nicht geklärt. Die Probleme verschwinden nicht, gelangen aber auch zu keinem Abschluss. Es fühlt sich an, als schwebe ständig ein Schwert über meinem Kopf.

Eine solche Ungewissheit kann zermürbender sein als ein einzelner, klarer Schlag.

Der Mensch, der diese Situation verursacht hat, musste bis heute keinerlei Konsequenzen tragen. In den ersten beiden Jahren wachte ich manchmal mitten in der Nacht auf und machte mir immer wieder Vorwürfe, weil ich dem falschen Menschen vertraut hatte.

Viele Menschen wären unter einem solchen Druck vermutlich längst von Angst, Selbstvorwürfen und innerer Unruhe überwältigt worden. In diesem Jahr geschah das bei mir jedoch nicht.

Nicht, weil die Probleme gelöst worden wären, sondern weil ich aufgehört hatte, ihnen mit meinen Gefühlen entgegenzukämpfen.

Selbst mich überraschte diese Veränderung.

Ich begann zu verstehen, dass manche Belastungen sich nicht dadurch lösen lassen, dass man noch ängstlicher wird, und dass manche Probleme nicht besser werden, nur weil man sich innerlich ständig an ihnen aufreibt.

Ich hatte nicht aufgehört, mich um Lösungen zu bemühen. Ich hatte lediglich aufgehört, dauerhafte Anspannung mit Verantwortungsbewusstsein zu verwechseln.

Gleichzeitig spürte ich deutlich, dass sich etwas in meinem Innersten verändert hatte. Ich begann zu wissen, wer ich bin, was ich tun kann und wo meine Grenzen liegen.

In diesem Jahr gab es keinen Weihnachtsbaum, doch ich hatte nicht das Gefühl, dass uns deshalb etwas Wesentliches fehlte. In den Gesprächen mit meiner Tochter und meinem Mann spürte ich deutlicher als je zuvor, dass unsere Beziehung nicht mehr durch äußere Formen bewiesen werden musste.

Ich begann zu akzeptieren, dass das Leben nicht immer zu einer vollständigen und schönen Erzählung verpackt werden muss.

In diesem Jahr hörte ich auf, mich möglichst schnell definieren zu wollen, und zwang mich auch nicht mehr dazu, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen. Viele Probleme sind noch immer ungelöst, und auf viele Fragen gibt es keine Antworten. Doch diese Ungewissheit versetzt mich nicht mehr sofort in Panik.

Manche Dinge sind bereits zu Ende gegangen. Andere haben schon begonnen. Aber ich bin noch nicht bereit, aus dem neuen Leben, das langsam entsteht, eine vollständige Geschichte zu machen.

Das ist keine Orientierungslosigkeit, sondern eine Pause.

Gerade deshalb möchte ich dieses Jahr festhalten.

Nicht, um Erfahrungen zusammenzufassen, einen Standpunkt zu vermitteln oder irgendetwas zu beweisen. Ich möchte lediglich eines Tages zurückblicken können und wissen: Ich habe einmal genau hier gestanden.

An einem nicht besonders hellen Heiligabend, umgeben von Kälte, Krankheit, Ungewissheit und dem Druck der Wirklichkeit, wurde ich nicht vollständig zerbrochen. Ich weiß nicht, was als Nächstes geschehen wird, aber ich begegne dem Unbekannten nicht mehr nur mit Angst.

Für mich ist allein das bereits ein Wendepunkt.

Wenn mich dieses Jahr etwas gelehrt hat, dann vielleicht nur dies:

Ob ein Mensch durchhalten kann, hängt letztlich nicht davon ab, ob sein Leben reibungslos verläuft, sondern davon, ob er selbst dann, wenn kein Weg mehr weiterzuführen scheint, noch weiß, dass die Welt ihn nicht vollständig verlassen hat.

Das ist keine Schlussfolgerung.

Es ist nur eine Aufzeichnung.

— Heiligabend 2025


Anmerkungen

1. Pengyouquan(朋友圈): Wörtlich bedeutet der Ausdruck „Freundeskreis“. Gemeint ist die soziale Feed-Funktion innerhalb von WeChat, der in China am weitesten verbreiteten Nachrichten- und Social-Media-Plattform. Dort teilen Nutzerinnen und Nutzer Fotos, kurze Texte, persönliche Neuigkeiten und Links mit ihren gespeicherten Kontakten. Wenn im chinesischen Alltag davon gesprochen wird, durch den eigenen pengyouquan zu scrollen, bedeutet dies meist, die Beiträge von Freunden, Verwandten, Bekannten und beruflichen Kontakten anzusehen.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 2025年|没有圣诞树的圣诞夜

Englische Version: 2025 | A Christmas Eve Without a Christmas Tree

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