Von Jane Sonnenschein Erstfassung vom 21. April 2026 Überarbeitet am 31. Oktober 2026
Vor einiger Zeit bin ich auf eine Nachricht gestoßen, vielleicht war es auch eine Diskussion darüber, wie Unternehmen neue Mitarbeiter finden. Um welches Unternehmen es genau ging, weiß ich heute nicht mehr. Aber ein Gedanke daraus ist mir im Gedächtnis geblieben.
Offenbar überlegen einige große Unternehmen in China, bei der Suche nach Nachwuchskräften einen anderen Weg einzuschlagen. Statt erst nach dem Universitätsabschluss nach geeigneten Bewerbern zu suchen, möchten sie schon unter Schulabgängern junge Menschen mit Potenzial finden und sie anschließend durch praktische Arbeit und eine längerfristige Begleitung ausbilden.
Als ich davon las, war ich nicht besonders überrascht. Mein erster Gedanke war vielmehr, dass das eigentlich ziemlich vernünftig klingt. Und gleich darauf fragte ich mich, ob diese Unternehmen vielleicht endlich bemerkt haben, dass Menschen mit wirklichem Potenzial nicht unbedingt am Ende eines standardisierten Bildungswegs stehen und nach ihrem Universitätsabschluss nur darauf warten, ausgewählt zu werden.
In den vergangenen Jahren habe ich immer stärker den Eindruck gewonnen, dass viele Bildungssysteme, vor allem solche, die stark auf einheitliche Vorgaben, Prüfungen, Ranglisten und wiederholte Auswahlverfahren setzen, eine Sache ausgesprochen gut können: Sie erkennen diejenigen, die gut in das bestehende System passen. Ob sie genauso gut darin sind, Menschen mit echtem Entwicklungspotenzial zu entdecken, ist für mich allerdings eine andere Frage.
Denn das eine ist nicht automatisch das andere.
Wenn wir über schulische Auswahlverfahren sprechen, übernehmen wir häufig ganz selbstverständlich bestimmte Vorstellungen. Wer gute Noten hat, gilt als klüger. Wer nicht an die gewünschte Schule kommt, scheint weniger leistungsfähig zu sein. Und wenn ein Kind in einer bestimmten Auswahlrunde nicht weiterkommt, nehmen viele an, die anderen seien eben besser.
Aber lässt sich die Fähigkeit eines Menschen wirklich so einfach beurteilen?
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich das.
In manchen Bildungssystemen werden Kinder schon sehr früh miteinander verglichen und nach ihren Leistungen eingeordnet. Später folgen weitere Auswahlverfahren, etwa beim Übergang auf weiterführende Schulen. In China beeinflussen beispielsweise der Zhongkao¹ und der Gaokao² nicht nur, welche Schulen oder Hochschulen Jugendliche besuchen können, sondern auch, welche Bildungschancen ihnen danach offenstehen.
Natürlich verstehe ich, dass ein Bildungssystem, das für sehr viele Schüler verantwortlich ist, nicht völlig ohne standardisierte Bewertungen auskommen kann. Es gibt viele junge Menschen, gute Bildungsangebote sind begrenzt, und irgendwie muss entschieden werden, wer welchen Bildungsweg einschlagen kann. Einheitliche Prüfungen bieten dafür zumindest vergleichsweise klare Regeln, nach denen sich Leistungen beurteilen lassen.
Aus Sicht derjenigen, die ein solches System organisieren müssen, liegen die Vorteile auf der Hand. Gemeinsame Lehrpläne, einheitliche Unterrichtsabläufe, Prüfungen und Bewertungskriterien erleichtern die Verwaltung. Außerdem halten sie den Aufwand für die Bewertung in Grenzen und machen es möglich, sehr große Schülergruppen miteinander zu vergleichen.
Genau hier beginnt für mich aber auch das Problem. Wenn ein System vor allem effizient, fair und praktisch umsetzbar sein muss, kann es häufig nur einen Teil dessen erfassen, was ein Mensch tatsächlich kann.
Es kann uns zeigen, wer innerhalb festgelegter Regeln gute Leistungen erzielt. Aber es kann uns nicht unbedingt sagen, wer später im Umgang mit echten Problemen das größte Entwicklungspotenzial hat.
Dass mich dieser Unterschied so beschäftigt, hängt auch mit meiner eigenen Schulzeit zusammen.
Als Kind gehörte ich nie zu den Schülern, die dauerhaft besonders gute Noten hatten. Das bedeutet nicht, dass ich schlecht in der Schule war. Verglichen mit anderen Kindern aus unserer Nachbarschaft hielten mich manche wahrscheinlich sogar für eine recht gute Schülerin. Trotzdem fiel es mir schwer, über längere Zeit gleichmäßig gute Leistungen zu bringen.
Manchmal lief es eine Weile richtig gut, doch irgendwann wurden meine Noten wieder schlechter. Nach einer Ermahnung strengte ich mich erneut an, und meine Ergebnisse verbesserten sich tatsächlich. Aber früher oder später ließ meine Disziplin wieder nach, und die Leistungen schwankten erneut.
Lange dachte ich, das zeige einfach, dass ich nicht fleißig oder diszipliniert genug sei. Erst als Erwachsene begann ich zu verstehen, dass es vielleicht nicht ganz so einfach war. Möglicherweise war ich nie jemand, der sich über lange Zeit durch standardisierte Prüfungen, Ranglisten und Bewertungen von außen zum Lernen motivieren ließ.
Besonders schwer fielen mir Multiple-Choice-Aufgaben, Richtig-oder-falsch-Fragen und Aufgaben zum Textverständnis, bei denen ich aus mehreren Möglichkeiten genau eine richtige Antwort auswählen musste.
Bei der Interpretation klassischer chinesischer Gedichte lag ich mit solchen Auswahlfragen oft daneben. Beim Textverständnis ging es mir ähnlich. Manchmal hatte ich durchaus das Gefühl, einen Text verstanden zu haben, und kreuzte trotzdem nicht die Antwort an, die der Aufgabensteller vorgesehen hatte. Merkwürdigerweise bekam ich von meinen Lehrern häufig eine gute Rückmeldung, wenn ich meine eigene Interpretation frei aufschreiben durfte.
Erst viele Jahre später wurde mir klar, was dahinterstecken könnte.
Vielleicht hatte ich den Text gar nicht falsch verstanden. Vielleicht fiel es mir einfach schwer, meine eigene Interpretation auf einige vorgegebene Antwortmöglichkeiten zu reduzieren und genau diejenige auszuwählen, die den Erwartungen des Aufgabenstellers am nächsten kam.
Natürlich braucht auch das Textverständnis bestimmte Maßstäbe, und Multiple-Choice-Fragen prüfen nicht zwangsläufig nur auswendig gelerntes Wissen. Manche Aufgaben sind sehr gut gemacht und können tatsächlich zeigen, ob jemand aufmerksam gelesen, den Aufbau eines Textes verstanden und die Absicht des Autors erkannt hat.
Trotzdem glaube ich, dass eine Prüfung nicht immer die ganze Fähigkeit eines Menschen erfassen kann, wenn seine eigene Deutung eines Textes in den vorgegebenen Antworten keinen ausreichenden Platz findet. Gerade bei literarischen Texten lassen sich Verständnis, Empfindungen und Ausdruck nicht immer auf eine einzige Möglichkeit beschränken. Standardisierte Aufgaben müssen diese Vielschichtigkeit jedoch zwangsläufig auf eine überschaubare Zahl von Antworten reduzieren.
Warum sind Schulen dann so stark auf solche Aufgaben angewiesen? Ein sehr praktischer Grund ist meiner Meinung nach, dass sie sich leichter korrigieren lassen.
Wenn sehr viele Schüler geprüft werden, kostet es erheblich mehr Zeit, von jedem eine frei formulierte Analyse zu lesen und zu bewerten. Hinzu kommen Fragen nach einheitlichen Bewertungskriterien, unterschiedliche persönliche Einschätzungen und mögliche Streitigkeiten über die Noten. Multiple-Choice- und Richtig-oder-falsch-Aufgaben lassen sich dagegen schnell korrigieren, liefern eindeutige Ergebnisse und erleichtern den Vergleich großer Schülergruppen.
Es muss also nicht daran liegen, dass Lehrkräfte den Wert frei formulierter Antworten nicht erkennen. Vielmehr sind standardisierte Lösungen oft die praktischste Möglichkeit, wenn eine Bewertung gleichzeitig effizient, bezahlbar und vergleichbar sein soll.
Solche Verfahren haben zweifellos ihren Nutzen, und in vielen Situationen funktionieren sie gut. Aber nur weil ein Verfahren nützlich ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es einen Menschen vollständig beurteilen kann.
Ich glaube inzwischen, dass das Problem vieler heutiger Bildungssysteme weniger darin besteht, dass sie keinen Wert mehr hätten, sondern eher darin, dass sie noch immer stark von Vorstellungen geprägt sind, die sich im Industriezeitalter entwickelt haben.
Industriegesellschaften brauchten sehr viele Menschen, die sich nach ähnlichen Vorgaben ausbilden ließen und ihre Aufgaben anschließend anhand festgelegter Abläufe erledigten. Ob Facharbeiter in einer Fabrik, Büroangestellte, Buchhalter oder Beschäftigte in zahlreichen anderen Berufen: Man erwartete, dass sie sich einen vergleichsweise festen Bestand an Wissen und Fertigkeiten aneigneten und innerhalb klar organisierter Strukturen ihre jeweiligen Aufgaben erfüllten.
Unter solchen Bedingungen war eine groß angelegte, standardisierte Bildung durchaus sinnvoll. Einheitliche Schulbücher, gemeinsame Lernpläne und Prüfungen sowie die Verteilung von Schülern auf unterschiedliche Bildungs- und Berufswege anhand von Abschlüssen und Noten ermöglichten es, mit begrenzten Mitteln sehr viele Menschen auszubilden.
Ich halte dieses Modell nicht grundsätzlich für falsch. Im Gegenteil: Dass heute so viele Menschen Zugang zu grundlegender Bildung und beruflicher Qualifizierung haben, wäre ohne standardisierte Strukturen kaum in diesem Umfang möglich gewesen.
Aber die Anforderungen der Gesellschaft verändern sich, und die Bildungssysteme passen sich möglicherweise nicht immer im gleichen Tempo an.
Besonders deutlich wird das heute, wo sich künstliche Intelligenz rasant entwickelt, ständig neue Werkzeuge entstehen und Wissen leichter zugänglich ist als je zuvor. Viele Tätigkeiten, für die man früher lange üben musste, werden inzwischen immer einfacher.
Standardisierte Aufgaben zuverlässig erledigen zu können, bleibt natürlich eine wertvolle Fähigkeit. Aber vielleicht reicht sie allein nicht mehr aus, um jemandem auf Dauer einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen.
Mich interessieren deshalb zunehmend andere Fähigkeiten. Kann jemand ein Problem selbst erkennen, ohne erst darauf hingewiesen zu werden? Kann er anfangen, etwas zu tun, ohne dass ihm jeder Schritt vorgegeben wird? Findet er sich selbstständig in ein unbekanntes Werkzeug ein, lernt er weiter, wenn sein bisheriges Wissen nicht ausreicht, und sucht er auch dann nach Lösungen, wenn es keine fertige Antwort gibt?
Das sind keine geheimnisvollen Begabungen, die nur besonders intelligenten Menschen vorbehalten wären. Häufig entwickeln sie sich erst im Umgang mit wirklichen Problemen, durch Ausprobieren, Fehler und die Möglichkeit, den eigenen Weg immer wieder anzupassen.
Doch gerade solche Fähigkeiten lassen sich durch standardisierte Prüfungen nur schwer messen.
Noch mehr beschäftigt mich die Frage, was passiert, wenn Kinder jahrelang einem sehr einheitlichen Lernrhythmus folgen. Wenn sie sich daran gewöhnen, dass Lehrer die Aufgaben vorgeben, Schulbücher das Tempo bestimmen und Prüfungen festlegen, welche Antworten richtig sind, werden sie möglicherweise immer besser darin, Anforderungen anderer zu erfüllen, ohne im gleichen Maß zu lernen, eigene Fragen zu stellen.
Natürlich behaupte ich nicht, dass Schüler mit guten Noten keine Eigeninitiative besitzen oder dass einheitlicher Unterricht zwangsläufig die Kreativität schwächt. Viele sehr gute Schüler können auch hervorragend selbstständig lernen. Solides Grundlagenwissen und eine systematische Ausbildung sind zudem wichtige Voraussetzungen für eigenständiges Denken.
Meine eigentliche Sorge ist eine andere: Wenn ein Bewertungssystem zu großen Wert auf messbare Ergebnisse legt, werden Fähigkeiten, die sich nicht ohne Weiteres auf einem Prüfungsbogen zeigen lassen, möglicherweise zu wenig beachtet.
Ein Kind kann ausgezeichnet darin sein, klar formulierte Aufgaben zu erledigen, und genau wissen, wie es in einer Prüfung möglichst viele Punkte erreicht. Aber wird es eines Tages auch wissen, wie es anfangen soll, wenn es vor einer Situation steht, in der ihm niemand den ersten Schritt erklärt und nicht einmal das Problem vollständig beschrieben ist?
Darin liegt für mich ein interessanter Widerspruch.
Wir wünschen uns, dass Bildung fähige Menschen hervorbringt, die selbstständig denken, aus eigenem Antrieb lernen und komplizierte Probleme lösen können. Wenn Kinder aber während ihrer gesamten Schulzeit vor allem dann Anerkennung bekommen, wenn sie bereits festgelegte Aufgaben richtig erledigen, wo sollen sie ausreichend Gelegenheit finden, den Umgang mit Situationen zu üben, für die es keine Musterlösung gibt?
Ich finde, genau damit sollte sich Bildung ernsthaft auseinandersetzen.
Deshalb kann ich auch nachvollziehen, warum manche Unternehmen darüber nachdenken, junge Menschen schon direkt nach der Schule auszuwählen und frühzeitig auszubilden.
Das bedeutet nicht, dass ein Universitätsstudium wertlos geworden wäre oder dass Schulabgänger grundsätzlich mehr können als Hochschulabsolventen. Universitäten bieten eine systematische Wissensvermittlung, Forschungsmöglichkeiten und fachliche Ressourcen. Für viele Berufe ist eine lange und anspruchsvolle Hochschulausbildung unverzichtbar.
Aber wenn ein Unternehmen vor allem Menschen braucht, die lernen wollen, eigenständig Probleme lösen können und sich durch praktische Erfahrungen weiterentwickeln, sollten Schulabschlüsse und Prüfungsnoten vielleicht nicht die einzigen Kriterien dafür sein, ob jemand eine Förderung verdient.
Schließlich entwickeln sich Menschen nicht unbedingt nach dem Zeitplan, den die Schule vorgibt.
Manche Kinder fallen schon in der Grundschule positiv auf. Sie lernen kontinuierlich, haben sehr gute Noten und scheinen früh zu wissen, was sie später einmal machen möchten. Andere brauchen deutlich länger, um einen Weg zu finden, der zu ihnen passt.
Vielleicht haben sie sehr unterschiedliche Stärken und Schwächen in einzelnen Fächern. Vielleicht kommen sie mit standardisierten Prüfungen schlecht zurecht oder schaffen es im festen Unterrichtsrhythmus nicht, ihre Fähigkeiten zu zeigen. In einem bestimmten Fachgebiet oder einer konkreten Alltagssituation können sie dagegen ein erstaunliches Verständnis und viel Eigeninitiative entwickeln.
Manche Menschen brauchen zuerst ein echtes Interesse an einer Sache, bevor sie sich intensiv damit beschäftigen. Andere können einzelne Wissensstücke erst dann miteinander verbinden, wenn sie auf ein konkretes Problem stoßen. Wieder andere sind in einem Bereich ausgesprochen begabt, schneiden insgesamt aber schlechter ab, weil ihnen andere Fächer schwerfallen.
Natürlich kann es bei solchen Kindern auch tatsächliche Lücken im Wissen oder in ihren Fähigkeiten geben, an denen sie arbeiten müssen. Ich glaube keineswegs, dass hinter jedem Schüler mit schlechten Noten automatisch ein unentdecktes Talent steckt.
Aber genauso wenig glaube ich, dass die Leistung eines Menschen in einem bestimmten Alter, bei einer einzelnen Prüfung oder auf einem bestimmten Bildungsweg bereits festlegt, wie weit er sich später entwickeln kann.
Ein Bildungssystem kann beurteilen, was jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt leistet. Aber daraus sollte nicht vorschnell ein Urteil über sein gesamtes Potenzial werden.
Denn viele Menschen, die nicht zuerst ausgewählt werden, sind nicht unbedingt weniger fähig. Vielleicht haben sie sich in dieser Lebensphase einfach nicht auf die Weise entwickelt, die das System am leichtesten erkennen kann.
Wenn ich darüber nachdenke, erinnert mich das heutige Bildungssystem manchmal an ein Sieb.
Ein Sieb hat durchaus seinen Zweck. Auch im Bildungswesen brauchen wir Regeln, um unterschiedliche Bildungsangebote und begrenzte Ressourcen zu verteilen. Aber was ein Sieb zurückhält und was hindurchfällt, hängt nun einmal stark von der Größe und Form seiner Öffnungen ab.
Wenn es nach einem ganz bestimmten Maßstab gebaut wurde, fällt alles, was nicht zu diesem Maßstab passt, leichter hindurch.
Doch nicht alles, was hindurchfällt, ist deshalb wertlos.
Manche Menschen verstehen Zusammenhänge sehr gut, tun sich aber mit vorgegebenen Antworten schwer. Andere haben viele Interessen und durchaus Potenzial, können dieses aber im erwarteten Alter noch nicht in konstant gute Noten umsetzen. Einige besitzen außergewöhnliche Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet, werden jedoch durch Schwächen in anderen Fächern ausgebremst. Und wieder andere passen einfach nicht in das gleichmäßige, vorhersehbare Entwicklungsmuster, das die Schule erwartet, könnten sich aber durch praktische Erfahrungen außerhalb der Schule sehr gut entfalten.
Am meisten bedauere ich, dass solche Menschen möglicherweise schon früh bestimmte Chancen verlieren und irgendwann sogar selbst anfangen zu glauben, sie seien tatsächlich nicht fähig genug.
Natürlich belohnt die wirkliche Welt nicht ausschließlich Innovation, selbstständiges Lernen und Problemlösung. Viele Berufe verlangen weiterhin solides Grundlagenwissen, gründliche Ausbildung und die Fähigkeit, über lange Zeit zuverlässig zu arbeiten. Eine Gesellschaft braucht unterschiedliche Menschen, und keine einzelne Bewertungsmethode kann jede Art von Begabung erkennen.
Aber je schneller sich unsere Welt verändert, desto wichtiger wird es, anzuerkennen, dass Fähigkeiten sich auf unterschiedliche Weise zeigen und dass nicht jeder Mensch mit derselben Methode angemessen beurteilt werden kann.
Gerade jetzt, wo künstliche Intelligenz immer mehr standardisierte Tätigkeiten übernehmen kann, sollten wir vielleicht mehr Raum für jene Fähigkeiten schaffen, die sich schwerer messen lassen, damit auch sie sich entwickeln und erkannt werden können.
Wenn ich heute an die Diskussion über Unternehmen zurückdenke, die Schulabgänger direkt einstellen und ausbilden möchten, verstehe ich vielleicht auch besser, warum mich diese Idee damals nicht besonders überrascht hat. Sie berührte eine Frage, über die ich ohnehin schon länger nachgedacht hatte.
Wenn die Menschen, die Unternehmen brauchen, nicht immer zuverlässig über die traditionellen Bildungswege zu finden sind, sollten dann nicht auch Auswahlverfahren, die sich hauptsächlich auf Abschlüsse, Prüfungen und einheitliche Bewertungen stützen, allmählich offener werden?
Natürlich lässt sich aus einer Nachricht, deren genaue Quelle ich inzwischen nicht einmal mehr kenne, nicht ableiten, dass sich die Einstellungspraxis der Unternehmen insgesamt verändert. Ebenso wenig beweist sie, dass Bildungssysteme ihre Fähigkeit verloren hätten, geeignete Menschen zu erkennen. Trotzdem finde ich den Gedanken dahinter durchaus diskussionswürdig.
Denn er erinnert uns daran, dass die Fähigkeiten eines Menschen nicht erst dann wertvoll werden, wenn er einen vorgeschriebenen Bildungsweg vollständig abgeschlossen hat.
Bildungssysteme erfüllen selbstverständlich weiterhin wichtige Aufgaben. Auch in Zukunft werden sie eine wesentliche Rolle dabei spielen, Bildungsangebote zu organisieren und Menschen fachlich auszubilden. Vielleicht sollten wir uns weniger davor fürchten, dass diese Systeme gar nicht mehr funktionieren, sondern eher davor, dass sie noch immer so effizient arbeiten, dass wir ihre Effizienz mit der Genauigkeit ihrer Auswahl verwechseln.
Wenn ein System zuverlässig Menschen auswählt, die seine Anforderungen erfüllen, glauben wir leicht, es habe damit auch diejenigen gefunden, deren Förderung sich am meisten lohnt.
Doch zwischen diesen beiden Aussagen liegt ein Unterschied.
Für mich geht es heute deshalb nicht darum, ob wir Prüfungen abschaffen oder Noten für unwichtig erklären sollten. Vielmehr frage ich mich, ob wir notwendige Bewertungsmaßstäbe beibehalten und gleichzeitig mehr Möglichkeiten schaffen können, damit auch Menschen wahrgenommen werden, die sich in einem anderen Tempo entwickeln, andere Stärken und Schwächen haben oder auf andere Weise denken.
Schließlich sollte Bildung nicht nur feststellen, welche Anforderungen ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt erfüllt. Sie sollte uns auch dabei helfen zu entdecken, was aus diesem Menschen noch werden könnte.
Wenn ein System immer besser darin wird, diejenigen auszuwählen, die seinen bestehenden Maßstäben entsprechen, aber zu wenig Raum für Menschen lässt, die diese Maßstäbe noch nicht erfüllen und sich trotzdem weiterentwickeln könnten, dann entgehen ihm möglicherweise nicht nur bestimmte Bildungschancen einzelner Schüler.
Es übersieht vielleicht auch Fähigkeiten, die unter anderen Bedingungen mit der Zeit hätten wachsen können.
Anmerkungen
1. Zhongkao (中考)
Der Zhongkao ist die chinesische Aufnahmeprüfung für die weiterführende Oberstufe, die in der Regel am Ende der unteren Sekundarstufe im Alter von etwa fünfzehn Jahren abgelegt wird. Die Ergebnisse beeinflussen wesentlich, welche weiteren Bildungswege Schüler einschlagen können, beispielsweise den Besuch einer allgemeinbildenden Oberstufe oder einer beruflichen Schule. Die genauen Aufnahmebedingungen und verfügbaren Schulformen unterscheiden sich je nach Region. Anders als eine gewöhnliche Abschlussprüfung kann der Zhongkao die späteren Bildungschancen eines jungen Menschen erheblich beeinflussen.
2. Gaokao (高考)
Der Gaokao ist die landesweite chinesische Hochschulaufnahmeprüfung, die normalerweise am Ende der oberen Sekundarstufe abgelegt wird. Sie gehört zu den wichtigsten Grundlagen für die Zulassung zu Universitäten und anderen Hochschuleinrichtungen. Da Studienplätze und die angesehenen Hochschulen unterschiedlich stark nachgefragt werden, können die Ergebnisse großen Einfluss auf die weiteren Bildungsmöglichkeiten haben. Auch wenn sich die Zulassungsregeln je nach Provinz und Hochschule unterscheiden, spielt der Gaokao bei der Auswahl von Studierenden in China weiterhin eine zentrale Rolle.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 为什么今天的教育制度,越来越像在错过真正有潜力的人
Englische Version: Why Does Today’s Education System Seem to Be Overlooking People with Real Potential?


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