A nostalgic writing desk beside a sunlit window overlooking golden rice fields, with an open notebook, an old clock, and a ring resting on a stalk of rice.

Von Jane Sonnenschein · 15. März 2026

Heute Abend bin ich beim Scrollen durch Xiaohongshu (eine chinesische Plattform zum Teilen von Alltag, Erfahrungen und Empfehlungen, die häufig mit einer Mischung aus Instagram und Pinterest verglichen wird) auf einen interessanten Beitrag gestoßen. Der Titel lautete: „Sogar die KI hat meinen Text für KI-generiert gehalten.“

Die Verfasserin war vermutlich eine Schülerin oder Studentin. Sie hatte selbst einen Text geschrieben und anschließend Doubao und DeepSeek, zwei chinesische KI-Assistenten, gebeten, jeweils einen weiteren Text in ihrem Stil zu verfassen. Dann stellte sie alle drei Texte nebeneinander und ließ die Leser raten, welcher von ihr selbst stammte und welche beiden von einer KI geschrieben worden waren.

Schon die Frage machte neugierig. Noch interessanter war allerdings, dass in den Kommentaren eifrig geraten wurde und sogar eine KI den Text, den sie selbst geschrieben hatte, für KI-generiert hielt. Am Ende schien die Verfasserin selbst ein wenig verunsichert zu sein.

Anfangs habe ich den Beitrag einfach aus Neugier geöffnet. Ich wollte sehen, was dabei herausgekommen war. Doch je länger ich las, desto ernster wurde ich. Denn diese drei Texte berührten eine Frage, über die ich in den vergangenen Tagen ohnehin immer wieder nachgedacht hatte.

Wie schreibt man eigentlich über Gefühle?

Oder genauer gesagt: Warum gibt es Texte, in denen jemand ständig betont, wie schlecht es ihm geht und wie sehr er leidet, ohne dass ich beim Lesen viel davon spüre? Und warum gibt es andere Texte, in denen Traurigkeit nicht einmal direkt erwähnt wird, die mich aber trotzdem sofort erreichen?

Ich habe die drei Texte mehrmals gelesen.

Der erste war sprachlich recht einfach und ließ sich mühelos lesen, auch wenn mir einige Vergleiche etwas gezwungen vorkamen. Beim zweiten hatte ich zunächst große Schwierigkeiten, überhaupt weiterzulesen. Irgendwann bekam ich davon fast Kopfschmerzen. Später zwang ich mich, ihn noch einmal vollständig zu lesen, und dachte schließlich, dass ausgerechnet dieser Text vielleicht eher von einem Menschen stammen könnte. Er enthielt Wiederholungen und eine gewisse Unordnung, die nicht vollständig geglättet worden waren.

Den dritten Text las ich zweimal. Er war insgesamt flüssiger, klarer aufgebaut und wirkte eher wie etwas, das jemand geschrieben hatte, der sein Handwerk bereits beherrschte.

Doch was mich wirklich innehalten ließ, war nicht die Frage, welcher Text nach KI klang.

Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich eigentlich schon immer ziemlich genau gewusst hatte, welche Art zu schreiben mich überzeugt.

Mit einer allzu direkten Art, Gefühle auszudrücken, konnte ich mich nie besonders anfreunden.

Damit meine ich nicht, dass man nicht schreiben dürfte: „Ich bin traurig“, „Mir geht es schlecht“ oder „Mein Herz ist gebrochen.“ Natürlich kann man das. Doch wenn ein ganzer Text immer wieder betont, wie sehr jemand leidet, wirkt dieses Leid manchmal seltsam unglaubwürdig.

Nicht unbedingt, weil das Gefühl selbst unecht wäre. Aber sobald ein Gefühl nur noch benannt wird, bleibt am Ende leicht eine bloße Aussage übrig. Man hat verstanden, was der Autor mitteilen möchte, ohne den beschriebenen Augenblick wirklich miterlebt zu haben.

Ich habe immer mehr an eine andere Art des Schreibens geglaubt.

Ich schreibe nicht direkt über Traurigkeit.

Ich schreibe über ein Zimmer, in dem es so still ist, dass ich beinahe meinen eigenen Atem hören kann, während nur die Uhr an der Wand gleichmäßig weitertickt.

Ich schreibe darüber, wie sich die Traurigkeit langsam ausbreitet, beinahe wie Wasser, das nach und nach in einen Raum eindringt.

Ich schreibe über ein Kind, das auf dem Weg zum Kindergarten mit der Hand am Zaun eines Feldes entlangstreicht, bis eines Tages ein viel zu großer Ring von seinem Finger rutscht und ins Reisfeld fällt.

Ich schreibe über eine Mutter, die so sparsam lebt, dass sie sich selbst kaum Fleisch gönnt, ihrem Kind aber beim Essen immer wieder etwas davon in die Schüssel legt.

Ich schreibe über ein kleines Flugzeug, das an der Zimmerdecke befestigt war und dort seine Kreise flog, über eine Spielzeugpistole, die leuchten konnte, über eine Pflanze in der Ecke des Zimmers und über all die scheinbar unwichtigen Dinge am Kühlschrank.

Meistens überlege ich mir vorher gar nicht, welches Gefühl ich mit einer bestimmten Szene ausdrücken möchte. Diese Einzelheiten tauchen einfach auf, während ich schreibe.

Erst wenn ich meine Texte später noch einmal lese, verstehe ich allmählich, dass ich Gefühle eigentlich schon immer auf diese Weise beschrieben habe.

Früher hatte ich mir darüber kaum Gedanken gemacht.

Die Rückmeldungen zu meinen Texten waren oft ziemlich vage. Man sagte mir, ich könne gut schreiben. Doch hinter diesem Lob verbarg sich häufig noch etwas anderes. Manche fanden meine Texte schwer verständlich, andere hielten sie für ein wenig inhaltsleer.

Mein Vater sagte früher sogar ganz direkt zu mir: „Deinen Texten fehlt die Seele.“

Was er damit meinte, war im Grunde recht einfach: Er verstand sie nicht.

Er fand, dass ich viel schrieb und dass meine Sätze vielleicht schön klangen. Aber er konnte nicht erkennen, worauf das Ganze hinauslief. Er fand keinen klaren Mittelpunkt und verstand nicht, was ich eigentlich sagen wollte. Für ihn bedeutete das, dass diesen Texten die Seele fehlte.

Lange Zeit habe ich dieses Urteil selbst beinahe geglaubt.

Ich dachte, vielleicht könnte ich zwar schöne Sätze formulieren, Vergleiche finden und eine bestimmte Stimmung erzeugen, aber nicht unbedingt etwas schreiben, das wirklich Substanz hatte.

Deshalb versuchte ich über viele Jahre hinweg, eine andere Art von Autorin zu werden. Ich wollte mehr literarische Klassiker lesen, lernen, Geschichten zu erzählen, und meinen Texten mehr Inhalt geben. Ich wollte so schreiben, wie man es allgemein von jemandem erwartet, der wirklich schreiben kann.

Erst vor Kurzem, als ich einige meiner alten Texte wieder hervorgeholt und gelesen habe, wurde mir plötzlich etwas klar.

Vielleicht konnte ich nicht etwa schlecht schreiben. Vielleicht hatte ich meine eigene Art zu schreiben einfach nie als solche erkannt.

Meine Stärke lag nie darin, Dinge sofort auf den Punkt zu bringen oder eindeutig zu benennen.

Es liegt mir nicht besonders, einen Text damit zu beginnen, dass ich den Lesern erkläre: „Ich bin sehr traurig“, „Mein Vater und ich haben ein gutes Verhältnis“ oder „Meine Beziehung zu meiner Mutter ist kompliziert.“

Viel eher lasse ich Gefühle in Szenen, Handlungen und kleinen Gegenständen auftauchen, die auf den ersten Blick gar nichts Bestimmtes auszudrücken scheinen.

Ein Beispiel dafür ist etwas, das ich als Kind über meinen Vater geschrieben habe.

Ich habe nicht direkt geschrieben, dass mein Vater mich sehr liebte, und auch nicht, dass unsere Beziehung auf eine bestimmte Weise kompliziert war.

Stattdessen erzählte ich davon, wie er einmal von einer Geschäftsreise zurückkam und mir eine Spielzeugpistole und ein kleines Flugzeug mitbrachte, das man an der Decke befestigen konnte und das sich dort im Kreis bewegte. Außerdem kaufte er mir einen Ring, der offensichtlich überhaupt nicht zu einem Kind passte. Es war eher ein Ring, wie ihn ältere Menschen trugen, und er war für meinen Finger viel zu groß.

Später strich ich auf dem Weg zum Kindergarten häufig mit der Hand an dem Zaun entlang, der an den Feldern vorbeiführte. Eines Tages rutschte mir dabei der Ring vom Finger und fiel ins Reisfeld.

Diese Einzelheiten erklären für sich genommen eigentlich gar nichts.

Doch wenn sie nebeneinanderstehen, ist plötzlich sehr viel darin enthalten: die etwas unbeholfene Art meines Vaters, seine Liebe zu zeigen, die Atmosphäre zu Hause, die von den Streitigkeiten meiner Eltern geprägt war, die Freude eines Kindes über ein Geschenk seines Vaters und dieses schwer zu beschreibende Gefühl von Leere, wenn etwas Wertvolles plötzlich verschwunden ist.

Ähnlich ist es, wenn ich über meine Mutter schreibe.

Auch da würde ich nicht damit anfangen zu erklären, dass unsere Beziehung von tiefer Zuneigung, aber auch von einer gewissen Hilflosigkeit geprägt ist.

Ich würde eher davon erzählen, wie sparsam sie immer gewesen ist. Obwohl sie sich selbst kaum etwas gönnte, legte sie mir beim Essen immer wieder Fleisch in die Schüssel.

In dieser kleinen Bewegung steckt bereits so vieles: Liebe, Schuldgefühle, Zurückhaltung, Mitgefühl und der Schmerz darüber, was ein anderer Mensch stillschweigend für einen entbehrt hat.

Mit der Zeit habe ich immer besser verstanden, warum mich gerade diese Art des Schreibens überzeugt.

Es sind nicht die Texte, in denen jemand ständig erklärt, wie sehr er leidet, wie tief seine Liebe ist oder wie ungerecht er behandelt wurde. Es sind die Texte, in denen diese Gefühle gar nicht ausdrücklich benannt werden müssen, weil ich sie in der beschriebenen Szene bereits spüren kann.

Das ist mir beim Schreiben immer wichtiger geworden: Etwas zu spüren, bedeutet für mich mehr, als nur darüber zu lesen.

Wenn jemand schreibt: „Ich bin traurig“, erfahre ich etwas über den Zustand dieser Person.

Wenn jemand dagegen von einem Zimmer erzählt, in dem es so still ist, dass nur noch die Uhr gleichmäßig tickt, kann ich diese Traurigkeit selbst beinahe spüren.

Für mich macht das einen großen Unterschied.

Im ersten Fall wird mir ein Ergebnis mitgeteilt. Im zweiten entsteht ein Augenblick, in den ich als Leserin eintreten kann.

Und die zweite Möglichkeit hat mich immer stärker überzeugt.

Denn was ein Gefühl für mich glaubhaft macht, ist nicht die wiederholte Erklärung, wie schlecht es jemandem geht. Es ist der Moment, in dem ich seinen Schmerz in der Stille eines Zimmers, im Ticken einer Uhr, in einem Atemzug oder in einem Ring erkenne, der in einem Reisfeld verschwindet, obwohl der Text diesen Schmerz nie ausdrücklich benennt.

Vielleicht mag ich deshalb auch jene Beiträge mit Schreibtipps immer weniger, in denen einzelne Techniken allzu bewusst eingesetzt werden.

Heute habe ich noch einen anderen Beitrag gesehen, der mehr als dreitausend Likes hatte. Der Titel lautete ungefähr: „Ein genialer Schreibtrick, um Gefühle auszudrücken.“

Als ich ihn öffnete, fand ich genau das, was ich erwartet hatte.

Schreibe nicht „Ich bin nervös“, sondern beschreibe, wie sich jemandes Adamsapfel beim Schlucken bewegt. Schreibe nicht „Ich bin traurig“, sondern beschreibe stattdessen eine bestimmte körperliche Reaktion oder irgendein anderes Detail. Dann folgten Methode eins, Methode zwei und Methode drei, am Ende noch eine übersichtliche Liste mit praktischen Tipps.

Für Menschen, die gerade erst mit dem Schreiben beginnen, kann so etwas durchaus hilfreich sein. Es erinnert an eine PowerPoint-Präsentation oder eine Checkliste, also an eine fertige Methode, die man sofort anwenden kann.

Aber so verstehe ich Schreiben eigentlich nicht.

Für mich bedeutet natürliches Schreiben nicht, dass ich zuerst beschließe, eine bestimmte Stimmung durch eine Landschaft oder einen Gegenstand auszudrücken, und mir anschließend bewusst eine tickende Uhr, ein stilles Zimmer, eine Bewegung im Hals oder irgendein anderes passendes Detail ausdenke.

Natürlich wird das Schreiben für mich dann, wenn ein Gefühl bereits da ist und die Dinge, die dazugehören, beim Schreiben von selbst auftauchen.

Diese Gegenstände gehören ohnehin zu meinem Leben. Ich habe sie gesehen, mit ihnen gelebt oder sie in meiner Erinnerung behalten. Während ich schreibe, kommen sie gemeinsam mit dem Gefühl wieder zum Vorschein. Gerade deshalb tragen sie etwas Echtes in sich.

Wenn man es umgekehrt macht und zuerst die Technik festlegt, um anschließend ein Gefühl hineinzufüllen, kann das Ergebnis schnell gekünstelt wirken.

Dann wirken die Vergleiche gezwungen, die Bilder wirken gezwungen, und sogar die Traurigkeit sieht irgendwann aus, als hätte man sie eigens für ein Foto inszeniert.

Als ich heute Abend die drei Texte zu Ende gelesen hatte, interessierte mich deshalb kaum noch, welcher davon nach KI klang und welcher nicht.

Viel mehr beschäftigte mich die Frage, warum ich auf bestimmte Arten zu schreiben so unmittelbar reagiere.

Vielleicht habe ich endlich ein wenig besser verstanden, woran das liegt.

Weil ich selbst schon immer so geschrieben habe.

Wenn ich über Traurigkeit schreibe, benenne ich die Traurigkeit nicht unbedingt direkt. Und wenn ich über Liebe schreibe, muss ich auch die Liebe nicht ausdrücklich nennen.

Gerade bei den kompliziertesten Gefühlen, die sich nur schwer erklären lassen und die schnell etwas von ihrer Tiefe verlieren, sobald man sie allzu eindeutig ausspricht, habe ich mich nie hauptsächlich auf fertige Schlussfolgerungen verlassen.

Ich lasse Szenen stehen, kleine Gesten und ein wenig Raum für das, was unausgesprochen bleibt.

Dieser Raum ist wichtig.

Denn wenn er da ist, können die Leser ihn selbst betreten. Der eine spürt darin Traurigkeit, ein anderer Liebe. Wieder jemand anderes erkennt vielleicht Hilflosigkeit oder Verlust.

Jeder bringt seine eigenen Erfahrungen mit, und deshalb werden die Gefühle, die verschiedene Menschen aus demselben Text mitnehmen, niemals vollkommen identisch sein.

Ich sehe darin kein Problem. Ganz im Gegenteil: Für mich gehört genau das zu den wertvollsten Dingen am Schreiben.

Wenn ich einfach schreibe: „Mein Vater und ich hatten ein sehr gutes Verhältnis“, dann können die Leser lediglich verstehen, was dieser Satz bedeutet.

Wenn ich aber von dem kleinen Flugzeug an der Decke, der leuchtenden Spielzeugpistole und dem Ring erzähle, der ins Reisfeld gefallen ist, können sie selbst versuchen, etwas in diesen Szenen zu entdecken.

Vielleicht merken sie, dass hinter diesen Einzelheiten noch etwas anderes steckt, das im Text nicht ausdrücklich erklärt wird.

Und dieses eigene Empfinden kann oft tiefer reichen als eine fertige Aussage.

Deshalb glaube ich inzwischen immer stärker, dass es beim Schreiben über Gefühle nicht in erster Linie darum geht, ein Gefühl möglichst deutlich auszurufen, sondern darum, den betreffenden Augenblick lebendig werden zu lassen.

Ich möchte den Lesern nicht alles im Voraus erklären, sondern ihnen genug Raum lassen, damit sie selbst einen Zugang finden können.

Es ist nicht so, dass ich diese Schreibtechniken nicht verstehe.

Ich bin nur immer mehr davon überzeugt, dass nicht die Technik selbst Menschen berührt, sondern die Frage, ob sie aus einem echten Gefühl heraus entstanden ist.

Wenn ich jetzt noch einmal an den Xiaohongshu-Beitrag denke, den ich heute Abend gesehen habe, an diesen Titel „Sogar die KI hat meinen Text für KI-generiert gehalten“, dann war für mich letztlich gar nicht die Frage am interessantesten, welcher der drei Texte nach KI klang.

Viel wichtiger war, dass mich dieses kleine Experiment wieder einmal dazu gebracht hat, auf mich selbst zurückzublicken.

Nach all diesen Jahren glaube ich offenbar noch immer am stärksten an eine Art des Schreibens, die Gefühle nicht vorschnell erklärt und festlegt. Vielleicht habe ich schon immer so geschrieben. Vielleicht wollte ich nie einfach nur die Worte „Mir geht es schlecht“ zu Papier bringen.

Ich schreibe über das Ticken einer Uhr, ein stilles Zimmer und einen Ring, der in ein Reisfeld gefallen ist.

Und all das, was ich nie direkt ausgesprochen habe, war die ganze Zeit schon da.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 我不直接写悲伤,我写钟声、房间和一枚掉进稻田里的戒指

Englische Version: I Don’t Write About Sadness Directly. I Write About a Clock, a Room, and a Ring Lost in a Rice Field.

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