A woman pauses at her writing desk beside a sunlit window, with a laptop, books, and a cup of tea overlooking a peaceful lakeside town.

Von Jane Sonnenschein
Erstfassung vom 8. April 2026 · Überarbeitet am 28. Oktober 2026

Heute habe ich meine Abonnements bei WeChat durchgesehen und bin dabei zufällig auf einen Account gestoßen, dem ich schon vor vielen Jahren gefolgt bin. Es handelt sich um einen sogenannten WeChat Official Account, also einen Veröffentlichungskanal innerhalb der chinesischen App WeChat, der in etwa eine Mischung aus Blog und Newsletter ist.

Ich muss zugeben, dass ich in den vergangenen zwei Jahren kaum noch regelmäßig Artikel auf WeChat gelesen habe. Hätte ich nicht im letzten Jahr wieder angefangen zu schreiben, hätte ich wahrscheinlich viele dieser Accounts längst vergessen. Die Namen, die noch immer in meiner Liste stehen, kommen mir deshalb auf eine seltsame Weise vertraut vor, fast wie alte Bekannte aus einer anderen Zeit.

Diese Autorin gehört dazu.

Sie ist in der chinesischen WeChat-Szene eine ziemlich bekannte Persönlichkeit. Sie wurde nicht über Nacht durch einen oder zwei erfolgreiche Artikel berühmt, sondern hat über viele Jahre hinweg geschrieben und sich eine Leserschaft aufgebaut. Ihre Geschichte wurde außerdem immer wieder in Schreibkursen als Erfolgsbeispiel vorgestellt.

Heute bin ich zufällig auf einen ihrer neueren Artikel gestoßen. Was mich daran besonders beschäftigt hat, war weder eine neue Schreibmethode noch irgendeine weitere Erkenntnis darüber, wie man erfolgreich wird. Vielmehr schrieb sie darüber, warum sie inzwischen das Bedürfnis hat, langsamer zu werden.

Im Rückblick beschrieb sie sich als einen Menschen, der früher ausgesprochen zielorientiert gewesen sei. Beim Abnehmen zum Beispiel habe sie den Prozess überhaupt nicht genossen und kaum darauf geachtet, wie sie sich dabei fühlte. Entscheidend war für sie fast ausschließlich das Ergebnis: Hatte sie abgenommen? Hatte sie die gewünschte Zahl auf der Waage erreicht?

Auch bei vielen anderen Dingen ging sie ähnlich vor. Sobald sie sich ein Ziel gesetzt hatte, versuchte sie, möglichst alle Ablenkungen zu beseitigen und ihre Zeit und Energie darauf zu konzentrieren, dieses Ziel zu erreichen. Ob der Weg dorthin angenehm war oder ob es daneben noch andere Dinge im Leben gab, die ihre Aufmerksamkeit verdient hätten, schien damals weniger wichtig zu sein.

Als ich das las, hatte ich das Gefühl, dass sie damit nicht nur ihre eigene Vergangenheit beschrieb. Ich musste an viele Menschen denken, die in der frühen Wachstumsphase der WeChat-Publikationen und der chinesischen Online-Content-Branche erfolgreich geworden waren.

Diese Menschen hatten häufig einen bemerkenswert starken Antrieb. Dabei ging es nicht einfach nur um Fleiß oder Disziplin. Sie wussten sehr genau, was sie erreichen wollten, und waren bereit, vieles andere dafür zurückzustellen.

Wenn sie Geld verdienen, mehr Follower gewinnen oder ein Geschäft auf eine bestimmte Größe bringen wollten, konnten sie Dinge, die mit diesem Ziel wenig zu tun hatten, zunächst beiseitelassen. Stattdessen konzentrierten sie sich auf die Schritte, von denen sie sich die besten Ergebnisse versprachen.

In einer Zeit, in der digitale Plattformen schnell wuchsen, konnte diese Fähigkeit besonders viel bewirken.

Damals boten die Plattformen Menschen, die bereit waren, regelmäßig Inhalte zu veröffentlichen und schnell zu handeln, zahlreiche Möglichkeiten. Wer viel produzierte, die Regeln der Plattformen verstand und bereit war, neue Einnahmequellen auszuprobieren, hatte durchaus Chancen, seine Reichweite und sein Einkommen zu steigern.

Natürlich gab es auch damals keinen garantierten Zusammenhang zwischen Anstrengung und Erfolg. Trotzdem wirkte diese Verbindung oft unmittelbarer als heute. Es fiel leichter zu glauben, dass man mit noch mehr Einsatz, höherer Effizienz und etwas mehr Selbstdisziplin beim nächsten Mal noch bessere Ergebnisse erzielen würde.

Gerade deshalb fand ich es so interessant, dass jemand, der mit diesen Spielregeln lange ausgesprochen gut zurechtgekommen war, nun zurückblickte und sich fragte, ob dabei nicht zu viel vom eigentlichen Leben auf der Strecke geblieben war.

Ihr Artikel machte mich neugierig. Ich begann, mir einige der Erfolgsgeschichten noch einmal anzusehen, mit denen in Schreibkursen jahrelang geworben worden war. Ich wollte verstehen, was diese Menschen gemeinsam hatten und ob die Eigenschaften, die ihnen damals zum Erfolg verholfen hatten, heute noch genauso wirksam waren.

Je mehr ich darüber las, desto deutlicher fiel mir etwas auf, das man leicht übersieht.

Viele dieser erfolgreichen Autorinnen waren nicht unbedingt die talentiertesten oder nachdenklichsten unter den Menschen, die das Schreiben lernen wollten. Sie waren auch nicht zwangsläufig diejenigen mit den besten sprachlichen Fähigkeiten. Aber sie wussten meistens sehr genau, warum sie schrieben, und waren bereit, konsequent auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

In den vergangenen Tagen bin ich auf einige bemerkenswerte Beispiele gestoßen. Eine Frau schrieb innerhalb eines Jahres vierhundert Artikel. Eine andere schrieb weiter, während sie ihr Kind auf dem Arm hielt. Wieder eine andere arbeitete rund um die Beerdigung ihrer Schwiegermutter bis spät in die Nacht an Rezensionen von Fernsehserien. Eine weitere verfasste fünfunddreißig Texte in einem einzigen Monat.

Manche hatten am Anfang kaum Erfahrung mit dem Schreiben. Sobald sie sich jedoch entschieden hatten, diesen Weg beruflich einzuschlagen, suchten sie aktiv nach Gelegenheiten, Texte einzureichen, Aufträge anzunehmen und mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen.

Natürlich sind das außergewöhnliche Beispiele, aus denen man nicht ableiten sollte, dass jeder Mensch genauso leben und arbeiten müsste. Gerade wenn ich von Frauen lese, die selbst während schwerwiegender familiärer Ereignisse weitergearbeitet haben, bewundere ich einerseits ihren Einsatz. Andererseits frage ich mich, welchen Preis eine solche Lebensweise wohl gefordert hat.

Trotzdem gibt es an ihren Fähigkeiten etwas, das ich wirklich bewundere. Vielleicht auch deshalb, weil es genau das ist, womit ich selbst schon lange Schwierigkeiten habe.

Beim Schreiben verbringe ich oft viel Zeit damit, über Fragen nachzudenken, die auftauchen, bevor ich überhaupt richtig angefangen habe.

Auf welchem Account sollte ich diesen Artikel veröffentlichen? Ist mein Account klar genug ausgerichtet? Klingt diese Art zu schreiben zu sehr nach einer festen Vorlage? Ist der Titel vielleicht zu gewöhnlich? Oder entferne ich mich mit einer bestimmten Formulierung von dem, was ich ursprünglich ausdrücken wollte?

Manchmal denke ich noch weiter: Wenn Menschen einem Account folgen, weil ihnen eine bestimmte Art von Inhalten gefällt, verlieren sie dann das Interesse, sobald ich über etwas ganz anderes schreibe?

Diese Fragen sind keineswegs bedeutungslos. Wer langfristig schreiben und dabei eine eigene Stimme bewahren möchte, sollte sich durchaus Gedanken über die Ausrichtung seines Accounts, den eigenen Stil und die Erwartungen der Leser machen.

Aber ich muss auch zugeben, dass solche Überlegungen irgendwann anstrengend werden können, wenn sie vor jedem neuen Schritt wieder von vorn beginnen. Dann helfen sie nicht mehr nur dabei, Entscheidungen zu treffen, sondern kosten zunehmend Kraft.

Menschen mit sehr klaren Zielen scheinen solche Fragen leichter auf einen praktischen Punkt reduzieren zu können: Bringt mich das meinem Ziel näher?

Wenn ja, fangen sie an. Wenn nicht, stellen sie die Sache zunächst zurück.

Während ich also möglicherweise noch darüber nachdenke, wie ich etwas so schreiben kann, dass es sich für mich richtig anfühlt, oder wie ich unterschiedliche Inhalte veröffentlichen kann, ohne meine Leser zu verwirren, hat jemand anderes vielleicht längst einen Artikel geschrieben, ihn eingereicht, einen Auftrag angenommen, eine neue Plattform ausprobiert oder sogar schon das erste Geld verdient.

Ob sich der Prozess natürlich anfühlt, ob jede Formulierung dem eigenen Geschmack entspricht oder ob eine Vorgehensweise vielleicht zu kommerziell wirkt, steht dabei häufig erst an zweiter Stelle.

Früher habe ich solche Unterschiede vor allem auf die Schreibfähigkeit oder darauf zurückgeführt, wie schnell jemand etwas lernen kann. Doch wenn ich mir diese Beispiele heute noch einmal ansehe, wird mir klar, dass es nicht allein die sprachlichen Fähigkeiten sind, die Menschen voneinander unterscheiden.

Es könnte ebenso entscheidend sein, ob jemand über längere Zeit konsequent auf ein Ziel hinarbeiten kann und bereit ist, Überlegungen zurückzustellen, die das eigentliche Ergebnis nicht unmittelbar beeinflussen.

Das bringt mich zu einer Frage, über die ich inzwischen immer wieder nachdenke: Warum gelingt es manchen Menschen, mit dem Schreiben irgendwann tatsächlich Geld zu verdienen, während andere kaum vorankommen, obwohl sie ebenfalls angefangen haben zu schreiben?

Natürlich hängen die Einnahmen von vielen Faktoren ab, darunter die persönlichen Fähigkeiten, die vorhandenen Möglichkeiten und die Entwicklungsphase einer Plattform. Es wäre zu einfach, Erfolg ausschließlich durch bestimmte Charaktereigenschaften zu erklären.

Doch zumindest bei diesen Beispielen scheint mir die Qualität des Schreibens nicht der einzige wichtige Faktor zu sein.

Für Menschen, deren ausdrückliches Ziel darin besteht, Geld zu verdienen und ihre Reichweite auszubauen, können die Fähigkeit, regelmäßig Inhalte zu produzieren, aktiv nach Möglichkeiten zu suchen und sich nicht ständig durch Zweifel aufhalten zu lassen, ebenso wichtig sein.

In gewisser Weise hat mich diese Erkenntnis auch dazu gebracht, einige meiner eigenen Vorstellungen vom Schreiben noch einmal zu überdenken.

Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass Schreiben möglichst natürlich entstehen und das widerspiegeln sollte, was ich wirklich denke und empfinde. Ich möchte nicht, dass jeder Artikel nach demselben Muster aufgebaut ist, nur weil eine Plattform solche Inhalte bevorzugt. Genauso wenig möchte ich ständig Aussagen wiederholen, hinter denen ich gar nicht stehe, nur um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.

Dabei geht es mir nicht darum, mich für etwas Besseres zu halten. Das Schreiben hat für mich einfach noch eine andere Bedeutung. Ich möchte nicht, dass daraus ausschließlich eine Tätigkeit wird, bei der Inhalte produziert werden, um möglichst gute Zahlen und Ergebnisse zu erzielen.

Wenn ich die Sache jedoch aus einer anderen Perspektive betrachte, kann ich die Entscheidungen derjenigen gut verstehen, die Schreiben von Anfang an als Geschäft betrachten.

Wer Geld verdienen, mehr Leser erreichen und einen erfolgreichen Account aufbauen möchte, für den sind die Beschäftigung mit Plattformregeln, die Anpassung von Inhalten, eine höhere Veröffentlichungsfrequenz und sogar das Zurückstellen persönlicher Vorlieben nachvollziehbare Entscheidungen.

Vielleicht besteht der Unterschied zwischen uns also gar nicht darin, dass die eine Seite mehr vom Schreiben versteht als die andere. Vielleicht soll das Schreiben in unserem jeweiligen Leben einfach von Anfang an unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

Was mich an dem Artikel dieser Autorin jedoch am meisten beschäftigt hat, war nicht nur der Unterschied zwischen Menschen wie ihr und Menschen wie mir.

Viel interessanter fand ich die Frage, warum sie nach so vielen Jahren begonnen hatte, ihre frühere Lebensweise zu hinterfragen.

Eine mögliche Erklärung, die mir dabei in den Sinn kam, ist die Veränderung der äußeren Bedingungen.

Als die Content-Plattformen noch schnell wuchsen und es vergleichsweise leicht war, neue Follower zu gewinnen, brachten ein starker Ehrgeiz und anhaltender Einsatz häufig sichtbare Ergebnisse. Wer regelmäßig veröffentlichte, konnte mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wer verstand, wie die Plattformen funktionierten, konnte die Reichweite seiner Inhalte verbessern. Und wer neue Möglichkeiten früh erkannte, konnte sein Einkommen manchmal deutlich steigern.

Wenn Anstrengung immer wieder zu messbaren Fortschritten führt, ist es verständlich, dass man die eigene Vorgehensweise für richtig hält und bereit ist, auf demselben Weg weiterzugehen.

Sobald eine Plattform jedoch eine gewisse Reife erreicht, der Wettbewerb zunimmt und immer mehr Inhalte verfügbar sind, kann der Zusammenhang zwischen Einsatz und Ertrag schwächer werden.

Methoden, mit denen ein Account früher schnell wachsen konnte, funktionieren vielleicht nicht mehr so gut. Auch eine höhere Veröffentlichungsfrequenz bringt nicht unbedingt dieselbe Aufmerksamkeit wie zuvor.

Das bedeutet nicht, dass Anstrengung wertlos geworden wäre. Es bedeutet vielmehr, dass der Ertrag der eigenen Arbeit zunehmend von Faktoren abhängt, die man selbst nicht vollständig beeinflussen kann.

Für jemanden, der daran gewöhnt ist, seinen Einsatz anhand von Ergebnissen zu beurteilen, kann das schwierig werden.

Selbst wenn diese Person weiterhin genauso diszipliniert ist und genauso hart arbeitet wie früher, erreicht sie möglicherweise nicht mehr das Wachstum, an das sie sich gewöhnt hat. Die Lebens- und Arbeitsweise, die so lange gut funktioniert hat, stößt allmählich an ihre Grenzen.

Früher schien es sich vielleicht zu lohnen, andere Bereiche des Lebens zugunsten eines Ziels zurückzustellen, weil jeder neue Erfolg die Opfer unterwegs gewissermaßen aufwog.

Doch wenn das Ergebnis nicht mehr so sicher erscheint, lässt sich eine Frage immer schwerer verdrängen, die man zuvor lange aufschieben konnte:

Wenn ich bereits so viel Zeit und Kraft investiert habe, aber trotzdem nicht sicher sein kann, dass ich das erhoffte Ergebnis erreiche, welche Bedeutung hat dann der Weg dorthin für mich?

Ich frage mich, ob das vielleicht einer der Gründe ist, warum manche Menschen, die seit zehn oder sogar fünfzehn Jahren online Inhalte produzieren, inzwischen offener über ihr Leben, ihre Gefühle und ihren Umgang mit sich selbst sprechen.

Als sie jünger waren, konnten sie dank ihrer klaren Ziele und ihrer bemerkenswerten Tatkraft die Möglichkeiten nutzen, die sich ihnen damals boten. Durch jahrelange Arbeit haben sie sich etwas aufgebaut.

Doch mit zunehmendem Alter, neuen Lebenserfahrungen und Veränderungen auf den Plattformen können Dinge, die sie früher zurückgestellt haben, nach und nach wieder wichtiger werden.

Niemand kann sein ganzes Leben lang ausschließlich an die nächste Steigerung der Followerzahl, das nächste Ziel oder den nächsten Erfolg denken. Besonders dann, wenn diese Ergebnisse schwerer zu erreichen sind, bekommen Erfahrungen, die sich nicht unmittelbar in Zahlen oder Einkommen umrechnen lassen, möglicherweise wieder mehr Bedeutung.

Natürlich weiß ich nicht genau, warum diese Autorin ihre Sichtweise gerade jetzt verändert hat.

Aus einem einzigen Artikel kann ich nicht schließen, dass sie langsamer werden möchte, weil die Wachstumschancen der früheren Jahre nachgelassen haben. Vielleicht ist diese Veränderung ganz natürlich mit dem Älterwerden und ihren Lebenserfahrungen gekommen. Vielleicht hat sie inzwischen auch so viel erreicht, dass sie sich mehr Freiheit bei der Gestaltung ihres Lebens erlauben kann.

Aber ihre Überlegungen haben mir tatsächlich eine andere Seite eines stark zielorientierten Lebens gezeigt.

Der Vorteil einer solchen Lebensweise liegt darin, dass sie einen Menschen über lange Zeit in Bewegung halten und seine Chancen verbessern kann, bestimmte Ergebnisse zu erreichen.

Ihre Grenze zeigt sich jedoch möglicherweise dann, wenn jemand über Jahre hinweg die Ergebnisse in den Mittelpunkt seines Lebens stellt und sich daran gewöhnt, den eigenen Wert danach zu beurteilen, ob die gesetzten Ziele erreicht wurden. Ändern sich die äußeren Bedingungen, kann es schwerfallen, einen neuen Mittelpunkt im Leben zu finden.

Ähnliches kann passieren, wenn ein Ziel nicht mehr die Zufriedenheit bringt, die man früher damit verbunden hat.

Während ich diese Gedanken aufschreibe, wird mir plötzlich klar, dass die Zeit, die ich in den vergangenen Tagen mit diesen alten Erfolgsgeschichten verbracht habe, keineswegs verschwendet war.

Früher fiel mir bei solchen Geschichten vor allem auf, wie viel diese Menschen arbeiteten und wie konsequent sie ihre Ziele verfolgten. Anschließend verglich ich mich mit ihnen und fragte mich, warum ich nicht genauso handeln konnte.

Ich bewunderte ihre Effizienz, war aber gleichzeitig ratlos darüber, warum ich selbst so oft bei Einzelheiten hängen blieb, über die sie sich offenbar kaum Gedanken machten.

Heute kann ich ihre Erfolge etwas klarer einordnen.

Ein großer Teil ihres Erfolgs beruhte darauf, dass sie wussten, was sie wollten, und über lange Zeit hinweg konsequente, praktische Entscheidungen trafen. Sie waren nicht unbedingt klüger als andere oder in jeder Hinsicht fähiger. Ihre Arbeitsweise verschaffte ihnen unter den damaligen Bedingungen einfach bestimmte Vorteile.

Gleichzeitig verstehe ich inzwischen besser, dass diese Art zu leben nicht für jeden Menschen geeignet ist.

Und nur weil manche Menschen in einer bestimmten Phase damit erfolgreich waren, bedeutet das noch lange nicht, dass jeder, der etwas erreichen möchte, denselben Weg gehen muss.

Für mich heißt diese Erkenntnis nicht, dass ich meine Ansprüche an das, was ich schreibe und wie ich mich ausdrücke, aufgeben sollte. Ebenso wenig bedeutet sie, dass ich mich in einen Menschen verwandeln müsste, der nur noch darüber nachdenkt, wie sich Schreiben möglichst effizient in Einkommen umwandeln lässt.

Ich möchte weiterhin, dass in meinen Texten Raum für persönliche Gedanken und Gefühle bleibt.

Aber ich muss auch anerkennen, dass mich meine Neigung, vor jedem Schritt alles infrage zu stellen, manchmal tatsächlich ausgebremst hat. Einige der Fragen, über die ich mir so viele Gedanken mache, ließen sich wahrscheinlich auch beantworten, nachdem ich einfach angefangen habe.

Ich kann von erfolgreichen Autorinnen lernen, klarere Ziele zu setzen und entschlossener zu handeln, ohne deshalb ihre gesamte Lebensweise übernehmen zu müssen.

Schließlich sind die Fähigkeit, etwas Nützliches zu lernen, und die Entscheidung, auf eine bestimmte Weise zu leben, zwei verschiedene Dinge.

Wenn ich nun noch einmal an den Artikel denke, den ich heute gelesen habe, berührt mich vor allem, dass jemand, der früher Ziele und Ergebnisse in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hat, inzwischen beginnt, die Erfahrungen des Lebens selbst ernster zu nehmen.

Vielleicht hat sie bereits genug Jahre damit verbracht, zu lernen, wie man unermüdlich auf ein Ziel nach dem anderen hinarbeitet. Nun versucht sie etwas zu lernen, das zunächst einfach klingt, in Wirklichkeit aber erstaunlich schwierig sein kann: weiterhin zu arbeiten und Ziele zu verfolgen, dabei jedoch auch auf die eigenen Gefühle zu achten, ohne jeden Augenblick des Lebens nur als einen weiteren Schritt auf dem Weg zu irgendeinem Ergebnis zu betrachten.

Ich vermute, dass diese Veränderung nicht nur Menschen betrifft, die online Inhalte produzieren.

Vielleicht ist es eine Frage, mit der sich früher oder später viele Menschen auseinandersetzen müssen, die jahrelang hart gearbeitet, sich mit anderen gemessen und immer wieder neue Erfolge angestrebt haben.

Schon von klein auf lernen viele von uns, wie man für ein Ziel arbeitet. Wir lernen, effizienter zu werden, durchzuhalten und Schwierigkeiten zu überwinden.

Weniger vertraut sind wir vielleicht damit, das eigene Leben auch dann wertzuschätzen, wenn am Ende kein klar bestimmbares Ergebnis auf uns wartet.

Was mich heute also am meisten bewegt hat, war nicht einfach die Tatsache, dass diese Autorin beschlossen hat, langsamer zu werden.

Es war vielmehr ihre Bereitschaft, etwas anzuerkennen, dem sie früher offenbar wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte: Unabhängig davon, ob wir unsere Ziele erreichen, verdienen auch das Leben, das wir auf dem Weg dorthin führen, und die Gefühle, die wir dabei erleben, unsere Aufmerksamkeit.

Für viele Menschen, die sich daran gewöhnt haben, sich selbst an ihrer Anstrengung und ihren Ergebnissen zu messen, ist es vielleicht sogar schwieriger, das zu lernen, als sich noch mehr anzustrengen.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 为什么越努力的人,最后反而慢下来了?

Englische Version: Why Do the Hardest-Working People Eventually Slow Down?

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