Von Jane Sonnenschein · 21. März 2026

In den letzten beiden Tagen habe ich alte Texte von mir sortiert. Dabei hatte ich manchmal das Gefühl, nicht nur meine Texte, sondern auch mich selbst ein wenig neu zu ordnen.

Es gibt so viele Dinge, von denen ich längst dachte, ich hätte sie vergessen. Im Alltag fallen sie mir überhaupt nicht mehr ein. Doch manchmal reicht eine bestimmte Situation, ein Satz oder ein vertrautes Gefühl, und plötzlich tauchen sie aus irgendeiner verborgenen Ecke der Erinnerung wieder auf. Es ist, als würde jemand ganz vorsichtig an einem Faden ziehen, und auf einmal wird eine ganze Erinnerung wieder lebendig.

Genau so war es heute.

Heute Nachmittag bin ich mit der Straßenbahn losgefahren. Draußen war es unglaublich windig, so sehr, dass ich mich ganz benommen fühlte. Gestern hatte es sich noch richtig nach Frühling angefühlt, alles blühte. Heute dagegen war der Himmel plötzlich grau, und kalte Windböen schlugen einem entgegen. Typisch deutsches Wetter, das sich manchmal von einem Tag auf den anderen völlig verändert.

Bevor ich losging, hatte ich noch Alicia dazu angehalten, Chinesisch zu lernen. Dadurch wurde es ziemlich hektisch, und ich hätte die Bahn beinahe verpasst. Als ich endlich saß, fiel die ganze Anspannung von mir ab. Gleichzeitig wurde ich unglaublich müde.

Ich bin in der Straßenbahn eingeschlafen.

Dabei war ich erst ein paar Haltestellen gefahren. Trotzdem war ich schon so müde, dass ich die Augen am liebsten gar nicht mehr geöffnet hätte. In diesem Moment kam mir ein Gedanke, den ich nur zu gut kannte: Warum nicht einfach sitzen bleiben und noch ein paar Stationen weiterfahren?

Ich mochte dieses leichte Schaukeln beim Bus- oder Straßenbahnfahren schon immer.

Früher, wenn es mir nicht gut ging und ich nicht wusste, mit wem ich reden oder wie ich mit meinen Gefühlen umgehen sollte, bin ich manchmal einfach allein in einen Bus oder eine Straßenbahn gestiegen. Ich fuhr bis zur Endhaltestelle und anschließend wieder zurück.

Manchmal hatte ich dafür nicht einmal einen bestimmten Grund. Ich wollte einfach eine Weile unterwegs sein und mich durch die Stadt fahren lassen. Solange ich noch nicht ausgestiegen war, hatte ich das Gefühl, die Rückkehr in die Wirklichkeit ein bisschen hinauszögern zu können.

Wenn ich heute darüber nachdenke, war ich wahrscheinlich schon immer so. Wenn ich mit meinen Gefühlen nicht wusste, wohin, half es mir, einfach eine Weile unterwegs zu sein.

Später, noch in der Straßenbahn, stieß ich auf einen Artikel, den Xiaobai an diesem Tag veröffentlicht hatte. Xiaobai ist ein Bekannter, der ebenfalls schreibt und den ich über Xiaohongshu kennengelernt habe (eine chinesische Social-Media-Plattform, die persönliche Beiträge, Alltagstipps und Community-Austausch verbindet und in manchen Bereichen an Instagram erinnert).

Er erzählte darin, wie er auf dem Heimweg mit dem Fahrrad einfach einmal eine andere Strecke genommen hatte, um ein kleines bisschen aus seinem gewohnten Alltag auszubrechen.

Nachdem ich den Text gelesen hatte, hinterließ ich ihm einen Kommentar. Ich schrieb, dass ich in letzter Zeit ziemlich unter Druck stand und sein Text mit seinen lebendigen Alltagsszenen mir ein wenig geholfen hatte, mich zu entspannen.

Er antwortete mir:

„Dann such dir doch auch mal einen ungewöhnlichen Weg, so wie ich.“

Dieser eine Satz versetzte mich plötzlich zehn Jahre zurück.

Auf einmal fiel mir ein, dass ich vor vielen Jahren selbst einmal etwas ganz Ähnliches geschrieben hatte.

Damals hatte ich nach der Arbeit meine Straßenbahn verpasst. Ganz spontan entschied ich mich, einen anderen Weg zu nehmen und mit der gerade fertiggestellten S-Bahn zu fahren.

An dieser Strecke war viele Jahre lang gebaut worden. So lange, dass ich irgendwann schon dachte, sie würde zu meinen Lebzeiten wohl gar nicht mehr fertig werden.

Und dann saß ich an jenem Tag eher zufällig doch darin.

Als ich ausstieg, kam mir die Umgebung ziemlich verlassen vor. Vor mir lag eine neue gläserne Fußgängerbrücke. Dahinter führte ein schmaler Weg weiter, auf beiden Seiten von Bäumen gesäumt. Es war ruhig und alles wirkte ein wenig fremd.

Ich war ziemlich verwirrt und hatte auch Hunger. Eigentlich dachte ich, ich wäre falsch gefahren und müsste noch einmal umsteigen.

Schließlich fragte ich eine ältere Dame nach dem Weg. Sie zeigte mir die Richtung, und ich ging weiter, obwohl ich mir immer noch nicht ganz sicher war.

Unterwegs kam ich an kleinen Einfamilienhäusern und stillen Straßen vorbei. Dabei hatte ich ständig dieses unsichere Gefühl, dass ich mich vielleicht immer weiter von meinem eigentlichen Ziel entfernte.

Doch als ich fast am Ende des Weges angekommen war, hob ich den Kopf.

Und plötzlich sah ich auf der anderen Straßenseite das Haus, in dem ich wohnte.

Ich kann mich bis heute genau an dieses Gefühl erinnern.

Ich musste also gar nicht noch einmal umsteigen.

Am Ende dieses Weges war ich tatsächlich schon zu Hause.

Als mir diese alte Geschichte heute wieder einfiel, berührte mich das auf eine Weise, die ich kaum in Worte fassen kann.

Vielleicht ist der Mensch einfach so.

Man glaubt, bestimmte Dinge lägen längst hinter einem. Man glaubt, man hätte sie verstanden, losgelassen oder wäre langsam darüber hinweggekommen.

Doch etwas wirklich zu verstehen oder innerlich zu heilen, verläuft niemals einfach geradlinig. Es fühlt sich eher an wie ein ständiges Hin und Her.

Manchmal glaubt man, es gehe einem inzwischen wieder gut.

Und manchmal reichen ein grauer Himmel, ein heftiger Wind oder eine schaukelnde Straßenbahnfahrt, und plötzlich fühlt man sich wieder wie früher.

Man ist immer noch müde. Man möchte manchmal immer noch fliehen. Und wenn der Druck zu groß wird, taucht wieder dieser Gedanke auf: Lass mich einfach noch ein paar Haltestellen weiterfahren. Ich möchte jetzt noch nicht aussteigen.

Aber vielleicht sind es gerade deshalb die ganz kleinen Dinge des Alltags, die einem plötzlich besonders kostbar erscheinen.

Ein kleiner Text voller alltäglicher Beobachtungen, ein Satz wie „Nimm doch mal einen ungewöhnlichen Weg“ oder etwas, das man vor zehn Jahren beiläufig aufgeschrieben hat – all das kann einen Menschen, dem das Leben gerade fast die Luft nimmt, für einen Moment wieder ein Stück zu sich selbst zurückholen.

Nicht, weil damit plötzlich alles geheilt wäre.

Auch nicht, weil man danach auf einmal alles verstanden hätte.

Sondern einfach, weil man in diesem Moment ein kleines Stück von sich selbst wiederfindet.

Während ich in den letzten Tagen meine alten Texte durchgesehen habe, ist mir immer deutlicher geworden, dass vieles, was wir früher aufgeschrieben haben, weit mehr war als nur eine Erinnerung an unseren Alltag.

Oft haben wir, ohne es selbst zu merken, auch uns selbst festgehalten.

Wir haben festgehalten, wie wir uns verirrt haben, wie wir nach einem Weg gesucht haben und wie uns in schwierigen Momenten eine Fahrt, eine Abzweigung oder ein unerwarteter Ausgang geholfen hat, uns wenigstens ein kleines Stück aus diesem bedrückenden, eingeengten Gefühl zu befreien.

Als ich vor zehn Jahren jenen Text schrieb, hätte ich wahrscheinlich nie gedacht, dass mich viele Jahre später ein beiläufiger Satz eines anderen Menschen wieder an diese Geschichte erinnern würde.

Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich nach all den Jahren, nach so vielem Hin und Her und so manchen Umwegen, noch immer von solchen Momenten berührt sein würde, in denen man einfach einmal einen anderen Weg nimmt.

Denn manchmal ist es gar nicht nötig, das ganze Leben endlich verstanden zu haben, um wieder ein wenig durchatmen zu können.

Manchmal reicht es schon, vorübergehend die Richtung zu ändern, an einer anderen Stelle abzubiegen und ein kleines Stück vom gewohnten Weg abzuweichen.

Und sei es nur, dass man ein paar Haltestellen weiterfährt. Dass man die Rückkehr in die Wirklichkeit noch ein wenig hinausschiebt.

Oder dass man in einem Text von vor zehn Jahren noch einmal der Person begegnet, die man damals war: jemandem, der noch auf der Suche war, sich manchmal verirrte und trotzdem ganz unerwartet beinahe direkt vor der eigenen Haustür landete.

Wenn ich so darüber nachdenke, müssen wir vielleicht über viele Dinge gar nicht so schnell ein endgültiges Urteil fällen.

Wie leicht ist es denn schon, wirklich mit allem ins Reine zu kommen?

Und wie leicht fällt es einem, tatsächlich loszulassen?

Vielleicht bedeutet Heilung einfach nur, dass wir uns mitten in diesem ständigen Hin und Her gelegentlich wiedererkennen können – auf einem alten Weg, in einem alten Text oder in einem Gefühl, das wir längst hinter uns gelassen zu haben glaubten.

Und manche Wege, die zunächst wie ein großer Umweg aussehen, führen uns am Ende an einen Ort, den wir gar nicht erwartet hätten.

Am Ende des Weges war plötzlich mein Zuhause.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 路的尽头,原来就是家

Englische Version: At the End of the Road, There Was Home All Along

Leave a Reply