Von Jane Sonnenschein · 17. September 2026

Vor ein paar Tagen bin ich auf Threads über einen Satz gestolpert. Sinngemäß hieß es dort, das Daodejing bestehe aus etwas mehr als fünftausend chinesischen Schriftzeichen, und kein einziges davon fordere den Menschen dazu auf, sich noch mehr anzustrengen. Stattdessen gehe es darum, eine Umgebung zu finden, die zu einem passt, zur Ruhe zu kommen – und genau darin liege der eigentliche Sinn des Lebens.

Natürlich ist das keine wirklich treffende Zusammenfassung des Daodejing. Eigentlich ist die Aussage sogar bewusst etwas überspitzt. Trotzdem hatte der Beitrag mehr als sechstausend Likes und über vierhundert Reposts. Wahrscheinlich war es gerade die Kombination aus diesem Satz und diesen Zahlen, die mich dazu brachte, noch einmal genauer hinzusehen.

Fast gleichzeitig sah ich auf TikTok einen chinesischen Creator, der sein eigenes Buch über das Daodejing bewarb. Zuvor hatte er rund um den Text achtundfünfzig Geschichten entwickelt und sie zunächst als PDF verkauft. Inzwischen hatte er daraus ein gedrucktes Buch gemacht, das er über Amazon anbietet.

Eigentlich hatten diese beiden Dinge nichts miteinander zu tun. Aber weil sie mir fast zur gleichen Zeit begegneten, begann ich ernsthaft darüber nachzudenken: Warum schafft es ein mehr als zweitausend Jahre altes Buch bis heute, so viele Menschen innehalten zu lassen?

Später dachte ich, vielleicht liegt es gar nicht daran, dass moderne Menschen plötzlich wieder die antike Philosophie entdeckt haben.

Vielleicht sind wir einfach sehr müde.

Von klein auf lernen viele von uns einen erstaunlich klaren Lebensweg kennen: Als Kind muss man gut lernen, damit man auf eine gute Schule kommt. Auf eine gute Schule soll man kommen, damit man später einen guten Beruf findet. Mit einem guten Beruf verdient man Geld, kauft eine Wohnung oder ein Haus, heiratet und bekommt Kinder. Und wenn man irgendwann selbst Kinder hat, sagt man ihnen wiederum: Du musst jetzt gut lernen, damit du später einen guten Beruf bekommst.

Der Kreis ist beinahe lückenlos geschlossen.

Für jeden Schritt gibt es ein Ziel, für jeden Schritt einen Maßstab, und für jeden Schritt gibt es jemanden, der einem sagen kann, woran man erkennt, ob man ihn richtig macht.

Das Merkwürdige ist nur, dass kaum jemand zwischendurch stehen bleibt und fragt:

Wozu soll das alles am Ende eigentlich führen? 

Dabei musste ich plötzlich an eine sehr alte Geschichte über einen Fischer denken.

Ein Mann sieht einen Fischer am Meer in der Sonne liegen und fragt ihn: „Das Wetter ist so schön. Warum gehst du nicht fischen? Wenn du mehr Fische fängst, könntest du doch mehr Geld verdienen.“

Der Fischer fragt: „Und wenn ich viel Geld verdient habe?“

Daraufhin beginnt der andere Mann, seine Zukunft zu planen. Er könnte ein größeres Boot kaufen, mehr Leute einstellen, sein Geschäft ausbauen und immer mehr verdienen. Und wenn er eines Tages genug Geld hätte, könnte er sich zur Ruhe setzen, an einen schönen Ort am Meer fahren und dort jeden Tag in der Sonne liegen, ohne etwas tun zu müssen.

Der Fischer hört sich das an und fragt:

„Aber liege ich nicht jetzt schon in der Sonne?“

Natürlich taugt diese Geschichte nicht wirklich als Anleitung fürs Leben.

Im wirklichen Leben brauchen wir eine Wohnung, eine Krankenversicherung, Bildung für unsere Kinder und etwas Geld für Krankheit und Alter. Wer heute am Strand liegt, hat deshalb noch lange nicht die Sicherheit, die er morgen braucht.

Aber der Grund, warum die Geschichte etwas schwarzhumorig wirkt, liegt in einer anderen Frage:

Verbringen wir vielleicht irgendwann unser ganzes Heute damit, uns auf den Tag vorzubereiten, an dem wir endlich leben können?

Geld ist selbstverständlich wichtig.

Aber Geld ist ursprünglich nur ein Werkzeug.

In gewisser Weise ähnelt es der heutigen KI. KI kann die Fähigkeiten eines Menschen enorm erweitern, aber sie kann ihm nicht sagen, wofür er diese Fähigkeiten einsetzen möchte. Mit Geld ist es ähnlich. Es kann Sicherheit, Freiheit und mehr Möglichkeiten schaffen, aber es kann uns nicht beantworten, welche Art von Leben überhaupt eine gute Wahl wäre.

Und doch hat die moderne Konsum- und Wirtschaftsgesellschaft eine starke Tendenz dazu, aus einem Werkzeug irgendwann ein Ziel zu machen.

Vielleicht verdienen wir ursprünglich Geld, weil wir Sicherheit wollen, und irgendwann wird das Verdienen selbst zum Zweck. Vielleicht arbeiten wir, weil unser Leben dadurch leichter werden soll, und am Ende geben wir den größten Teil unserer Zeit und Energie an die Arbeit ab. Vielleicht wünschen wir uns, dass unsere Kinder es später einmal leichter haben, halten aber dafür die ganze Familie über Jahre in einem angespannten Zustand, immer mit Blick auf diese „Zukunft“.

Besonders merkwürdig ist, dass unsere materiellen Lebensbedingungen heute eindeutig besser sind als in vielen früheren Zeiten. Für einen beträchtlichen Teil der Menschen ist die Frage, ob morgen genug zu essen da sein wird, nicht mehr das dringendste tägliche Problem. Auch grundlegende Bildung ist sehr viel verbreiteter geworden.

Eigentlich müsste man meinen, dass Menschen mehr Raum für ihr inneres Leben bekommen, sobald der reine Überlebensdruck nachlässt.

In Wirklichkeit scheint oft genau das Gegenteil zu passieren.

Wir haben immer mehr Werkzeuge, immer höhere Effizienz, immer mehr Waren und immer schnellere Informationen. Trotzdem fühlen sich viele Menschen müde und leer und wissen nicht mehr, wofür sie all diese Dinge Tag für Tag eigentlich tun.

Vielleicht tauchen deshalb gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Gefühle wie tang ping¹ – „sich flach hinlegen“ –, „Ich will bei diesem Wettbewerb nicht mehr mitmachen“ oder „Wozu soll ich mich überhaupt noch anstrengen?“ so leicht auf. Ich möchte das nicht einfach als Faulheit abtun.

Wenn ein Mensch wirklich glaubt, dass sich sein Leben durch Anstrengung deutlich verbessern wird, gibt er normalerweise nicht so leicht völlig auf.

Was Menschen wirklich erschöpft, ist häufig etwas anderes: jeden Tag zu rennen, ohne zu wissen, wo das Ziel liegt; immer mehr hineinzustecken, ohne noch klar zu sehen, was man eigentlich zurückbekommt; und nach jedem erreichten Ziel festzustellen, dass vorne schon das nächste wartet.

Denn eine kommerzielle Gesellschaft kann uns immer sagen:

Es reicht noch nicht.

Das Einkommen könnte noch etwas höher sein. Das Haus könnte noch größer sein. Das Kind könnte auf eine noch bessere Schule gehen. Im Beruf könnte es noch eine Stufe weiter nach oben gehen. Das Leben könnte noch etwas schöner, feiner und perfekter werden.

Nur sagt uns kaum jemand ernsthaft:

Wann ist genug eigentlich genug? 

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass es dabei nicht nur um Geld geht.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, wie wir heute die Welt verstehen.

Modernes Wissen hat eine sehr deutliche Eigenschaft: Es wird immer spezialisierter und immer feiner. Aus einem Fach entstehen neue Fachgebiete, ein Problem wird in immer kleinere Forschungsfragen zerlegt. Heute kann jemand Jahrzehnte damit verbringen, sich mit einem sehr kleinen Ausschnitt eines Themas zu beschäftigen, und um diesen Ausschnitt wirklich zu verstehen, muss er zunächst enorme Mengen früherer Forschung lesen.

Genau diese Spezialisierung ist natürlich einer der Gründe dafür, dass moderne Wissenschaft so große Fortschritte machen konnte.

Unser Wissen über den Körper, das Universum, Materie und Gesellschaft ist in vielen einzelnen Bereichen weit größer als das von Menschen, die vor einigen tausend Jahren lebten.

Aber daraus entsteht gleichzeitig ein interessantes Ergebnis:

Die Menschheit als Ganzes weiß immer mehr, während der Anteil dieses Wissens, den ein einzelner Mensch wirklich überblicken kann, immer kleiner wird.

Wir werden immer besser darin, Probleme auseinanderzunehmen.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass wir auch besser darin werden, sie wieder zusammenzusetzen.

Manchmal denke ich dabei an die Geschichte von den blinden Männern und dem Elefanten.

Heute besteht das Problem nicht darin, dass wir über den Elefanten überhaupt nichts wissen. Einer kennt den Rüssel bis ins kleinste Detail, ein anderer die Beine, jemand untersucht das Nervensystem und jemand anderes die Verdauung. Jeder von ihnen weiß über seinen kleinen Teil vielleicht weit mehr als Menschen früherer Zeiten.

Aber am Ende muss trotzdem jemand noch einmal fragen:

Wie lebt eigentlich der ganze Elefant?

Mit Menschen ist es ähnlich.

Wenn jemand unter Ängsten leidet, kann er heute Techniken zur Emotionsregulation lernen. Wer schlecht schläft, kann sich mit Schlaf beschäftigen. Wer ineffizient arbeitet, lernt Zeitmanagement. Wer keine Motivation hat, trainiert seine Umsetzungskraft. Wenn eine Beziehung schwierig wird, kann man Kommunikationstechniken lernen.

All diese Dinge können hilfreich sein.

Wenn ein Mensch aber jeden Tag mehr als zehn Stunden arbeitet, dauerhaft unter finanzieller Belastung steht und seine Familie, sein Arbeitsumfeld und die gesamte Struktur seines Lebens ihn ständig erschöpfen, dann kann die Frage „Wie machen wir diesen Menschen noch anpassungsfähiger?“ manchmal so wirken, als würden wir nur seine Kopfschmerzen behandeln, ohne uns zu fragen, was mit dem ganzen Körper los ist.

Vielleicht verstehe ich deshalb immer besser, warum in vielen alten chinesischen Denktraditionen das Ganze eine so große Rolle spielt.

Ob Himmel, Erde und Mensch, Yin und Yang, das Handeln im Einklang mit den Umständen oder die Vorstellung, dass auch zu viel des Guten problematisch werden kann – dahinter steckt oft eine ähnliche Grundannahme:

Der Mensch ist kein isolierter Punkt.

Wir leben in einer Umgebung und in Beziehungen.

Wie es uns geht, hängt nicht nur davon ab, ob „ich als Mensch mich genug anstrenge“. Es hängt auch von unserer Zeit, unserer Familie, unserem Körper, unserer gesellschaftlichen Umgebung, unseren Wünschen und davon ab, wie viel wir tatsächlich tragen können.

Deshalb bedeutet shun qi zi ran² nicht, sich hinzulegen und gar nichts mehr zu tun. Und shun shi er wei³ bedeutet auch nicht, die eigene Handlungsfähigkeit aufzugeben.

Beides erinnert eher daran, dass wir nicht automatisch davon ausgehen sollten, mehr Kraft sei immer besser, mehr Geschwindigkeit sei immer besser und mehr Besitz sei immer besser.

Denn sobald das richtige Maß verloren geht, kann auch etwas Gutes zum Problem werden.

Anstrengung ist selbstverständlich etwas Gutes.

Aber wenn ein Mensch sich so sehr anstrengt, dass sein Körper zusammenbricht, seine familiären Beziehungen verloren gehen und er innerlich über Jahre ausgebrannt ist – ist dann nicht auch die Anstrengung selbst längst über das richtige Maß hinausgegangen?

Geld ist wichtig.

Aber wenn ein Mensch für Geld genau das Leben opfert, das er mit diesem Geld ursprünglich schützen wollte, ist das Werkzeug dann nicht irgendwann selbst zum Herrn geworden?

Auch Effizienz ist etwas Gutes.

Aber wenn eine Gesellschaft immer besser darin wird, die Fragen „Wie können wir das schneller machen?“, „Wie können wir mehr verdienen?“ und „Wie können wir mehr produzieren?“ zu beantworten, während immer weniger Menschen fragen, wofür all das am Ende eigentlich da sein soll, könnten wir dann nicht zu einer merkwürdigen Zivilisation werden:

zu einer, die immer mehr kann und gleichzeitig immer weniger weiß, warum sie all das überhaupt tut? 

Ich möchte deshalb die Vergangenheit nicht romantisieren.

Natürlich gab es damals Kriege, Krankheiten, Armut, starre Hierarchien und Lebensbedingungen, die für viele Menschen heute kaum vorstellbar wären. Dass alte Denker philosophische Werke hinterlassen konnten, bedeutet auch nicht, dass gewöhnliche Menschen damals jeden Tag in Ruhe über den Sinn des Lebens nachdenken konnten.

Die Spezialisierung der modernen Gesellschaft, Wissenschaft, individuelle Rechte und technischer Fortschritt haben uns echte Freiheiten gebracht. Wir können nicht zweitausend Jahre zurückgehen – und wir müssen es auch nicht.

Was vielleicht verloren gegangen ist und wieder wertvoll werden könnte, ist nicht das Leben der Menschen von damals, sondern die Art von Fragen, die ihnen selbstverständlich erschienen:

Wie steht ein Mensch zur Welt?

Was ist genug?

Was ist angemessen?

Wann sollte man weitergehen, und wann sollte man stehen bleiben?

Wie kann ein Mensch leben, ohne sich selbst zu verlieren, während er ständig mehr bekommt?

Als ich später noch einmal an jenen Satz auf Threads dachte, der das Daodejing im Grunde auf „Finde eine Umgebung, die zu dir passt, und erlaube dir, zur Ruhe zu kommen“ reduziert hatte, fand ich ihn immer noch nicht wirklich treffend.

Das Daodejing fordert Menschen nicht dazu auf, sich nicht mehr anzustrengen.

Wenn ich das, was ich aus dieser zufälligen Begegnung mit diesen Gedanken mitgenommen habe, in einen einzigen Satz bringen müsste, würde ich es eher so sagen:

Wirksame Kraft bedeutet oft nicht, noch mehr Kraft aufzuwenden, sondern weniger Energie darauf zu verschwenden, ständig gegen die Richtung der Dinge anzukämpfen.

Unsere Generation hat bereits unglaublich viel darüber gelernt, wie man etwas tut.

Wie man lernt, wie man arbeitet, wie man Geld verdient, wie man effizienter wird, wie man neue Werkzeuge benutzt und sogar, wie man KI dafür einsetzt, all diese Dinge noch schneller zu erledigen.

Vielleicht wird aber gerade eine andere Frage immer seltener:

Warum tue ich das überhaupt?

Denn wenn diese Frage nie eine Antwort bekommt, kann ein Mensch sehr lange immer weiterlaufen.

Bis er eines Tages plötzlich merkt, dass er schon sehr weit gekommen ist, viel mehr besitzt als früher und trotzdem an irgendeinem ganz gewöhnlichen Abend wieder vor derselben Frage sitzt:

Warum bin ich eigentlich jeden Tag so beschäftigt? Wofür mache ich das alles? 


Anmerkungen

1. tang ping (躺平) — Wörtlich etwa „sich flach hinlegen“. Der Ausdruck wurde in China in den vergangenen Jahren populär und beschreibt eine Haltung, bei der Menschen sich dem ständigen Wettbewerb um Arbeit, Einkommen, Wohnung, Status und Leistung zumindest teilweise entziehen. Je nach Zusammenhang kann darin Erschöpfung, Resignation, stiller Widerstand oder die bewusste Entscheidung liegen, die eigenen Ansprüche zu reduzieren, statt endlos weiter mitzumachen.

2. shun qi zi ran (顺其自然) — Wörtlich ungefähr „den Dingen erlauben, ihrem natürlichen Verlauf zu folgen“. Gemeint ist nicht zwangsläufig Passivität oder Nichtstun, sondern eher die Bereitschaft, Entwicklungen nicht ständig mit Gewalt kontrollieren zu wollen und den tatsächlichen Umständen Raum zu geben.

3. shun shi er wei (顺势而为) — Bedeutet sinngemäß, „im Einklang mit der Tendenz oder dem Lauf der Dinge zu handeln“. Es geht nicht darum, die eigene Initiative aufzugeben, sondern wahrzunehmen, in welche Richtung sich Bedingungen ohnehin bewegen, und die eigene Handlung daran anzupassen, statt permanent dagegen anzukämpfen.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 我们知道得越来越多,却越来越不知道该怎么活

Englische Version: We Know More and More, Yet We Know Less and Less How to Live

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