A woman sits quietly by a window at sunset in a cozy home interior, surrounded by warm light and everyday objects, creating a calm and reflective atmosphere.

Von Jane Sonnenschein · Erste Fassung vom 5. Januar 2026 · Überarbeitet am 18. September 2026

„Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, muss aber vorwärts gelebt werden.“
— Søren Kierkegaard

Prolog | Warum ich immer wieder zum Weishang¹ zurückgekehrt bin

Wenn man nur darauf schaut, was später passiert ist, könnte man leicht denken, meine Zeit im Weishang sei einfach nur ein gewöhnlicher Versuch gewesen, ein eigenes Geschäft aufzubauen. Heute sehe ich jedoch, dass ich damals aus einer sehr konkreten Lebenssituation heraus auf diesen Weg geraten bin.

2017 wurde meine Tochter geboren. Chris litt damals unter einer schweren Depression und hatte zusätzlich Migräne und andere gesundheitliche Probleme. Unser Kind war noch sehr klein, und wir hatten keine Eltern in der Nähe, die uns hätten helfen können. Viele Aufgaben innerhalb der Familie blieben deshalb ganz selbstverständlich an mir hängen.

Ich musste mich um ein kleines Kind kümmern und gleichzeitig einen Weg finden, wie wir finanziell über die Runden kommen konnten.

Schon vor der Geburt meiner Tochter hatte ich viele Jahre im Import- und Exportgeschäft gearbeitet. Als ich noch mit meinem früheren Partner zusammen war, importierten wir hauptsächlich Waren aus China nach Deutschland und verkauften sie hier weiter. Nachdem ich ein Kind bekommen hatte, reichten meine Zeit und meine Kraft allein nicht mehr aus, um ein Geschäft in dieser Größenordnung weiterzuführen. Also änderte ich langsam die Richtung und versuchte, deutsche Produkte nach China zu verkaufen.

Ungefähr zu dieser Zeit kam ich auch zum ersten Mal mit Weishang in Berührung.

Am Anfang verkaufte ich Windeln. Rückblickend passte dieses Modell eigentlich recht gut zu meiner damaligen Situation: Wenn ein Kunde oder jemand aus der Vertriebsebene unter mir bestellte, wurde die Ware direkt über das System verschickt. Ich selbst musste mich also kaum um Lagerbestand oder Logistik kümmern.

Später verkaufte ich Lippenstifte, danach kamen andere Produkte hinzu. Das letzte Projekt, an dem ich mich beteiligte, war Unterwäsche – und dort investierte ich auch am meisten Geld.

Warum wechselte ich immer wieder von einem Projekt zum nächsten?

Lange Zeit hatte ich darauf nur eine Antwort: Weil ich mich noch nie wirklich genug angestrengt hatte.

Im Weishang gab es damals eine sehr vertraute Art, Misserfolg zu erklären. Wenn es bei dir nicht lief, ließ sich immer ein Grund finden: Du hast nicht oft genug auf WeChat Moments gepostet, dem sozialen Feed innerhalb von WeChat, Chinas All-in-one-Messenger und Social-App. Du hast nicht genug Leute angesprochen. Du konntest dein Gesicht nicht verlieren. Du warst nicht überzeugend genug, nicht ausdauernd genug oder hattest einfach nicht genug Geld investiert.

Und ich war genau der Typ Mensch, der diese Erklärung sehr leicht glaubte.   

Denn objektiv gesehen gehörte ich tatsächlich nicht zu den Menschen, die leicht ein Geschäft über ihren bestehenden Freundes- und Bekanntenkreis aufbauen können.

Ich verließ China mit ungefähr zwanzig Jahren. Schon vorher hatte ich nur wenige Freunde, und auch zu meinen früheren Mitschülern hatte ich nie besonders enge Beziehungen. Nachdem ich viele Jahre im Ausland gelebt hatte, verloren sich viele dieser Kontakte noch weiter.

Außerdem bin ich nicht jemand, der schnell mit anderen warm wird oder ohne Mühe einen großen Bekanntenkreis aufbaut. Als ich also begann, über WeChat Moments Geschäfte zu machen, merkte ich diesen Unterschied sehr schnell.

Damals entstanden viele Dàigòu-Geschäfte² und Weishang-Geschäfte zunächst über bestehende Beziehungen. Freunde, ehemalige Mitschüler, Nachbarn oder Verwandte sahen auf WeChat Moments, was man verkaufte, und daraus entstanden nach und nach die ersten Kunden.

Heute ist es selbstverständlich, über Xiaohongshu – eine chinesische Lifestyle- und Social-Discovery-Plattform, die manchmal grob mit einer Mischung aus Instagram und Pinterest verglichen wird –, über Kurzvideos oder andere soziale Medien völlig fremde Menschen zu erreichen. Als ich jedoch mit diesem Geschäft anfing, steckten solche Kanäle entweder noch ganz am Anfang oder ich hatte schlicht noch nie darüber nachgedacht, über soziale Medien gezielt neue Kunden zu gewinnen.

Für jemanden wie mich, dessen bestehender Bekanntenkreis ohnehin eher klein und still war, lief der Einstieg deshalb zwangsläufig langsamer.

Wenn ich das damals hätte akzeptieren können, wäre vieles vielleicht einfacher gewesen. Tatsächlich hätte sich mein Dàigòu-Geschäft durchaus zu einem relativ stabilen Geschäft entwickeln können, wenn ich langsam einen Kundenstamm aufgebaut und kontinuierlich weitergemacht hätte.

Aber damals wollte ich mich damit nicht zufriedengeben.

Ich dachte immer, das Problem müsse bei mir liegen.

Warum konnten andere auf WeChat Moments so selbstverständlich reden, ständig neue Menschen kennenlernen und scheinbar mühelos eine ganze Gruppe um sich versammeln – und ich nicht?

War mir mein Gesicht zu wichtig? War ich nicht aktiv genug? Konnte ich einfach nicht gut genug reden? Würde ich vielleicht irgendwann genauso werden wie sie, wenn ich mich nur noch ein bisschen stärker dazu zwang?

Heute sehe ich, dass genau das einer der wichtigsten Gründe war, warum ich später immer wieder in neue Weishang-Projekte einstieg.

Natürlich wollte ich Geld verdienen.

Der finanzielle Druck auf unsere Familie war real, und mein Kind war noch klein. Wenn ich mich um sie kümmern und gleichzeitig ein Einkommen haben konnte, war das für mich nicht nur praktisch, sondern beinahe eine ideale Lösung.

Genau deshalb fühlten sich damals auch so viele Mütter mit kleinen Kindern in China vom Weishang angezogen. Wenn man sein Kind selbst betreuen muss und nicht einfach wieder in einen normalen Vollzeitjob zurückkehren kann, wirkt ein Geschäft, das man angeblich mit dem Handy führen und zeitlich selbst einteilen kann, sehr attraktiv.

Bei mir war dieses Bedürfnis noch ausgeprägter.

Chris’ körperliche und psychische Verfassung war instabil, und er hatte nicht jeden Monat Arbeit. Gleichzeitig hatten wir keine Eltern in der Nähe, die uns unterstützen konnten. Als meine Tochter ungefähr ein Jahr alt war, begann ich bereits, Firmen anzumelden und wieder nach Möglichkeiten zu suchen, Geld zu verdienen, obwohl ich noch zu Hause war und mich um sie kümmerte.

Ich konnte kaum ertragen, einfach zu Hause zu sitzen und zuzusehen, wie unsere Ersparnisse langsam weniger wurden. Damals kam mir nicht einmal ernsthaft der Gedanke, staatliche Unterstützung zu beantragen. Mein erster Gedanke war immer nur: Ich muss selbst einen Weg finden, Geld zu verdienen.

In diesem Sinne bot mir Weishang zunächst tatsächlich eine Möglichkeit, die erstaunlich gut zu meiner damaligen Situation zu passen schien.

Aber heute weiß ich auch, dass Geld nie der einzige Grund war, warum ich immer wieder zurückging.

Es gab noch etwas Tieferes.

Ich wollte mich selbst verändern.

Ich wollte so ein Mensch werden, der mit jedem reden kann, Beziehungen mühelos pflegt und überall schnell eine Gruppe von Menschen um sich versammelt.

Ich bewunderte Menschen, die voller Energie wirkten und andere mitziehen konnten. Irgendwo in mir glaubte ich, dass sich nicht nur mein Geschäft verändern würde, wenn ich eines Tages auch so werden könnte. Vielleicht würde sich dann mein ganzes Leben verändern.

Nach jedem gescheiterten Versuch fragte ich mich deshalb nur selten ernsthaft: „Passt dieses Modell überhaupt zu mir?“

Viel eher fragte ich: „Habe ich meine eigenen Grenzen immer noch nicht wirklich überwunden?“

Wenn ein Projekt nicht funktionierte, suchte ich das nächste. Wenn ich diesmal nicht genug investiert hatte, investierte ich beim nächsten Mal mehr. Wenn ich immer noch nicht zu dem Menschen geworden war, den ich mir vorgestellt hatte, versuchte ich es eben noch einmal.

Beim letzten Mal, als es um Unterwäsche ging, investierte ich mehr Geld als je zuvor und ging auch tiefer in dieses System hinein.

Viele Jahre später verstand ich langsam, dass ich damals eigentlich zwei völlig unterschiedliche Probleme gleichzeitig lösen wollte.

Das eine war ganz praktisch: Ich brauchte eine Möglichkeit, Geld zu verdienen und gleichzeitig mein Kind betreuen zu können.

Das andere hatte mit meiner Unzufriedenheit über meine eigene Persönlichkeit zu tun. Ich wollte ein Geschäftssystem benutzen, um mich selbst in einen anderen Menschen zu verwandeln.

Diese beiden Dinge habe ich viele Jahre miteinander vermischt.   

Und genau deshalb konnte ich, als sich viele Jahre später plötzlich eine der mächtigsten Personen aus dieser alten Welt wieder bei mir meldete, zum ersten Mal mit genügend Abstand auf die Erzählung schauen, die mich damals immer wieder an mir selbst hatte zweifeln lassen.

Vor ein paar Tagen schrieb mir jemand, mit dem ich seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hatte.

Sie fragte zuerst, ob ich noch in Deutschland lebe und ob ich inzwischen Arbeit habe. Nach ein wenig Small Talk erzählte sie mir ganz beiläufig, dass sie gerade ein neues Projekt entdeckt habe, bei dem der Einstieg nicht viel koste. Mit nur 599 Yuan könne man anfangen.

Als ich ihre Nachricht sah, löste sie eigentlich nicht besonders viel in mir aus.

Ich war weder wütend noch interessiert.

Es fühlte sich eher so an, als hätte jemand plötzlich eine Seite in einem Buch aufgeschlagen, das ich schon vor vielen Jahren geschlossen hatte.

Nur war die Person, die mich da kontaktierte, damals keine gewöhnliche Weishang-Verkäuferin gewesen.

Sie hatte einmal an der Spitze eines Teams mit zehntausenden Menschen gestanden

Wenn man nicht weiß, welche Position sie damals hatte, kann man leicht unterschätzen, was es bedeutete, dass ausgerechnet sie sich wieder bei mir meldete.

Als die Firma auf ihrem Höhepunkt war, gehörten sie und ein weiterer männlicher Verantwortlicher zu denjenigen, die sehr früh große Teams aufgebaut hatten. Dieser Mann arbeitete damals gleichzeitig noch in einer staatlichen Behörde. Sie selbst wurde dagegen zu einer der auffälligsten weiblichen Führungspersonen im gesamten System.

Sie konnte außergewöhnlich gut reden und war sehr stark darin, Werbung zu machen, Menschen zu organisieren und innerhalb eines Teams Begeisterung zu erzeugen. Ihr eigenes Studio wurde groß, und unter ihr arbeiteten schließlich zehntausende Vertriebspartner.

Innerhalb der Firma gehörte ihr Team zu den bekanntesten und erfolgreichsten überhaupt. Für uns weiter unten war sie längst keine gewöhnliche Führungskraft mehr, sondern eine jener „Größen“, deren Geschichte ständig als Beispiel gezeigt wurde und von denen alle lernen sollten.

Damals konnte man sie nicht einfach so auf WeChat hinzufügen. Normalerweise musste man schon eine relativ hohe Vertriebsstufe erreicht haben, bevor man überhaupt Zugang zu ihrem Kreis bekam – angeblich, damit man „von den Großen lernen“ konnte.

Meine eigene Upline bewunderte sie damals sehr.

Wenn man sie also nur nach den Maßstäben dieses Systems beurteilt, war sie ganz sicher keine Person, die im Weishang „nicht erfolgreich geworden“ war.

Im Gegenteil: Sie hatte ein Erfolgsniveau erreicht, von dem die überwältigende Mehrheit der gewöhnlichen Vertriebspartner nur träumen konnte, und sie hatte tatsächlich sehr viel Geld verdient.

Genau deshalb fand ich ihre spätere Entwicklung umso bemerkenswerter.

Nicht lange nach Beginn der Pandemie trennten sich ihre Wege und die der Firma endgültig. Warum es genau so weit kam, weiß ich bis heute nicht.

Damals sorgte die Sache innerhalb der Organisation für viel Unruhe.

Die Firma ging sehr streng mit Führungskräften um, die das System verließen. Sobald eine Upline ausstieg, sollten die Vertriebspartner darunter normalerweise ebenfalls den Kontakt zu ihr abbrechen und durften ihr nicht aus dem Unternehmen folgen.

Meine eigene Upline hatte diese Frau früher so sehr bewundert und löschte sie später trotzdem aus ihren WeChat-Kontakten.

Zu diesem Zeitpunkt zog ich mich selbst bereits langsam aus diesem Umfeld zurück und kümmerte mich nicht mehr bewusst darum, alte Kontakte zu bereinigen. Ich löschte sie deshalb nie.

Vermutlich war genau das der Grund, warum sie mich viele Jahre später noch immer in ihrer Kontaktliste hatte.

Darüber, warum sie letztlich mit der Firma brach, hörte ich später unterschiedliche Versionen.

Innerhalb des ursprünglichen Unternehmens wurde über ihren Weggang nicht freundlich gesprochen. Auch meine eigene Upline hatte später ihre eigene Sicht auf die Sache.

Nach Aussagen, die diese frühere Führungsperson selbst später öffentlich machte, konnte sie jedoch immer weniger akzeptieren, wie sich das Weishang-Modell im Laufe der Zeit entwickelt hatte.

Ihrer Ansicht nach konzentrierte sich das verlässlich verdiente Geld immer stärker auf die Spitze der Pyramide. Viele gewöhnliche Vertriebspartnerinnen, vor allem Mütter mit kleinen Kindern, mussten dagegen immer mehr Geld nachschießen, wenn sie aufsteigen, bessere Margen bekommen und im System konkurrenzfähig bleiben wollten.

Diesen Teil hatte ich zumindest selbst erlebt.

Soweit ich mich erinnere, waren viele Vertriebsstufen direkt daran gekoppelt, wie viel Ware man abnahm.

Schon die niedrigeren Aufstiege bedeuteten Investitionen im Bereich von zehntausenden Yuan. Wer noch weiter nach oben wollte und eine höhere Stufe wie die sogenannte „Shèzhǎng“-Stufe³ erreichen wollte, musste mitunter mehr als 100.000 Yuan investieren.

Ich selbst geriet damals in eine ziemlich merkwürdige Situation, nachdem ich eine eigene Vertriebspartnerin gewonnen hatte. Auf unserer damaligen Stufe war der Unterschied zwischen unseren Margen sehr klein. Wenn ich wirklich ihre übergeordnete Vertriebspartnerin werden und eine größere Gewinnspanne haben wollte, musste ich selbst wieder deutlich mehr Geld investieren und eine weitere Stufe aufsteigen.

Diese Struktur drängte die Beteiligten ganz automatisch dazu, immer weiter nachzulegen.   

Dann kam die Pandemie, und das Geschäft wurde deutlich schwieriger.

Nach ihrer eigenen Darstellung sah diese frühere Führungsperson, wie viele Mütter große Summen investierten und ihre Ware gleichzeitig immer schwerer verkaufen konnten. Die Bestände, auf denen sie sitzen blieben, konnten auch nicht einfach an die Firma zurückgegeben werden.

Später erklärte sie ihren Bruch mit dem Unternehmen damit, dass sie diese Situation irgendwann nicht mehr akzeptieren konnte. Sie habe angefangen zu empfinden, dass das Geld, das sie an der Spitze verdiente, letztlich darauf beruhte, dass sehr viele Menschen unter ihr das Risiko trugen.

War das die ganze Wahrheit?

Das weiß ich nicht.

Ich habe nicht genug Informationen, um zu beurteilen, was genau zwischen ihr und der Firma passiert ist oder warum sie am Ende bereit war, ein Team aufzugeben, das bereits auf zehntausende Menschen angewachsen war.

Wahrscheinlich war die Realität komplizierter als jede einzelne Version, die später darüber kursierte.

Aber eine Sache konnte ich in den Jahren danach selbst beobachten.

Nachdem sie die Firma verlassen hatte, hörte sie nicht auf, Geschäfte zu machen.

Sie arbeitete mit WeChat Channels, der Kurzvideo- und Livestream-Funktion innerhalb von WeChat. Sie probierte Produkte zum Abnehmen aus, Projekte rund um Zahngesundheit und später noch verschiedene andere Dinge.

Sie war immer noch dieselbe Frau, die außergewöhnlich gut reden konnte, und sie verstand weiterhin viel von Werbung. An ihren Beiträgen konnte man erkennen, dass die Kommunikationsstärke, Ausstrahlung und Tatkraft, mit denen sie einst dieses riesige Team aufgebaut hatte, nicht plötzlich verschwunden waren, nur weil sie die Firma verlassen hatte.

Trotzdem erreichte keines ihrer späteren Projekte auch nur annähernd noch einmal die damalige Größenordnung.

Genau deshalb begann ich ihren früheren Erfolg anders zu betrachten, als eine Frau, die einmal an der Spitze eines Teams mit zehntausenden Menschen gestanden hatte, Jahre später wieder ihre alte Kontaktliste durchging, mich fand, fragte, ob ich noch in Deutschland sei und Arbeit hätte, und mir anschließend von einer neuen „Chance mit niedriger Einstiegshürde“ für gerade einmal 599 Yuan erzählte.

Ich glaube nicht, dass ihr die Fähigkeiten gefehlt haben.

Ganz im Gegenteil.

Wer ein Team dieser Größenordnung aufbauen und führen kann, verfügt offensichtlich über starke Fähigkeiten in Kommunikation, Überzeugung, Werbung, Organisation und darin, andere Menschen zu mobilisieren.

Aber genau dort beginnt die eigentliche Frage.

Wenn jemand einmal ein Team von zehntausenden Menschen aufgebaut hat, dann diese eine Plattform verlässt und trotzdem dieselbe Redekunst, Erfahrung, Tatkraft und jahrelange Weishang-Erfahrung behält, es aber nie wieder schafft, dieselbe Größenordnung zu erreichen, muss ich mich fragen:

Wie viel von ihrem damaligen Erfolg kam wirklich allein von ihr – und wie viel entstand durch diesen ganz bestimmten historischen Moment, durch das bereits aufgebaute System der Firma und durch den Rückenwind einer Zeit, in der Weishang rasant wuchs?

Als wir selbst mitten in diesem System steckten, dachten wir fast nie so darüber nach.

Wenn wir jemanden an der Spitze sahen, erklärten wir alles ganz selbstverständlich mit persönlichen Eigenschaften: Sie ist eben stark. Sie kann etwas. Sie arbeitet härter als die anderen.

Sobald jemand Erfolg hat, schreiben wir das Ergebnis sehr schnell vollständig dieser Person zu.

Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass Fähigkeiten zwar wichtig sind, aber nie in einem luftleeren Raum wirken.

Bestimmte Fähigkeiten können, wenn sie genau auf den richtigen Zeitpunkt und die richtige Struktur treffen, zehnfach oder noch stärker verstärkt werden. Verschwindet dieses Umfeld, erreicht derselbe Mensch mit derselben Ausstrahlung und demselben Arbeitseinsatz womöglich nie wieder dasselbe Ergebnis.

Dass sie nach all den Jahren wieder auftauchte, gab mir zum ersten Mal die Möglichkeit, die ganze Sache von außerhalb dieses Systems zu betrachten.   

Nachdem ich selbst diese Welt wirklich verlassen hatte, hatte ich Ende 2021 zum letzten Mal Kontakt zu meiner damaligen Upline. Seitdem hat sich mein Leben längst in eine ganz andere Richtung bewegt, und Weishang spielt darin schon lange keine Rolle mehr.

Gerade dieser Abstand war wichtig.

Denn als diese frühere Leiterin eines Teams mit zehntausenden Menschen wieder in meinem WeChat auftauchte, war meine erste Frage nicht mehr: „Lohnt sich dieses Projekt?“

Stattdessen stellte ich mir zum ersten Mal eine ganz andere Frage:

Wenn ein Geschäftsmodell wirklich noch wächst und sich weiterentwickelt, warum muss es Jahre später zurückkommen und nach Menschen suchen, die längst ausgestiegen sind?

Nachdem diese Frage einmal da war, konnte ich sie nicht mehr ignorieren.

Also schaute ich mir wieder einige Beiträge aus meinem damaligen Umfeld an. Ich wollte wissen, was aus dem Geschäft geworden war, an das wir früher so sehr geglaubt hatten.

Damals war Unterwäsche das wichtigste Produkt der Firma gewesen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie oft über Professionalität, Marke, den Status der Branche und das angeblich riesige Wachstumspotenzial gesprochen wurde.

Einige Jahre später war davon deutlich weniger übrig.

In den Beiträgen tauchten immer wieder neue Produkte, neue Projekte und neue Verkaufsargumente auf: Kollagenpulver, Hautpflegeprodukte und allerlei Versprechen darüber, „besser auszusehen“ oder „jünger zu wirken“.

Ob diese Produkte an sich gut oder schlecht waren, interessierte mich irgendwann gar nicht mehr besonders.

Was mich innehalten ließ, war vielmehr, wie vertraut mir die Erzählung vorkam.

Die Produkte konnten wechseln. Die Geschichte konnte wechseln. Doch jedes Mal gab es wieder eine neue „Chance“, ein neues „Zeitfenster“ und dieselbe unterschwellige Botschaft: Wenn du jetzt nicht zugreifst, verpasst du vielleicht wieder etwas Wichtiges.

Da begann ich zu verstehen, dass mich damals nie nur ein bestimmtes Produkt festgehalten hatte.

Was mich wirklich festhielt, war eine ganze Art, Erfolg, Chancen und Anstrengung zu erklären.

Wenn ein System tatsächlich noch viel neuen Raum zum Wachsen hat, zieht es ganz natürlich neue Menschen an und breitet sich weiter aus.

Wenn es aber zunehmend alte Kontaktlisten durchsucht, Menschen zurückholt, die seit Jahren ausgestiegen sind, und ihnen erneut sagt: „Jetzt gibt es wieder eine neue Chance“, dann hat sich zumindest etwas an der ursprünglichen Wachstumslogik verändert.

Ab diesem Punkt richtete ich meinen Blick zum ersten Mal nicht mehr auf die Frage:

„Warum habe ich es damals nicht geschafft?“

Sondern auf eine andere:

Wie ist der Erfolg, den wir damals gesehen haben, eigentlich wirklich entstanden?

Als ich anfing, auf diese Weise darüber nachzudenken, konnte ich auch die Person, die ich damals gewesen war, etwas besser verstehen.

Viele Jahre lang fragte ich mich rückblickend manchmal, ob ich einfach nicht lange genug durchgehalten hatte. Vielleicht war ich nicht hart genug. Vielleicht hatte ich mich nicht genug angestrengt.

Wenn etwas nicht funktioniert, ist es sehr leicht, die gesamte Erklärung in sich selbst zu suchen. Man beginnt zu glauben, die Geschichte hätte vielleicht völlig anders geendet, wenn man nur etwas länger durchgehalten oder sich noch etwas mehr gezwungen hätte.

Heute glaube ich immer stärker, dass ich damals nicht einfach deshalb ausgestiegen bin, weil ich „nicht durchgehalten“ habe.

Diese Logik hat nie wirklich zu mir gepasst.

Ich bin nicht gut darin, meine persönlichen Beziehungen ständig für ein Geschäft aufzubrauchen. Ich fühle mich auch nicht wohl damit, vage Versprechen über die Zukunft gegen das Vertrauen anderer Menschen in der Gegenwart einzutauschen.

Und ich mag keine Situation, in der ich selbst das Risiko tragen muss, während das, was wirklich sicher ist, in den Händen anderer bleibt.

Eigentlich wusste ich einiges davon schon damals.

Ich hatte nur noch nicht genug Vertrauen in meine eigenen Wahrnehmungen.

Ich traute mich nicht, mir einzugestehen, dass die eigentliche Frage vielleicht gar nicht lautete: „Warum bekomme ich das nicht hin?“

Vielleicht hätte die Frage vielmehr lauten müssen: „Was, wenn diese Art zu arbeiten einfach nicht zu mir passt?“

Deshalb habe ich dieses Mal, als diese frühere Weishang-Größe wieder auftauchte, nicht stundenlang das neue Projekt analysiert oder hin und her überlegt, ob es sich vielleicht doch lohnen könnte.

Nicht weil ich mich plötzlich für etwas Besseres halte. Und auch nicht, weil ich glaube, inzwischen über allen anderen zu stehen.

Ich weiß einfach sehr klar, dass dies kein Ort mehr ist, an den ich zurückkehren möchte.

Vor vielen Jahren hätte ich eine solche Einladung vielleicht noch als Chance gesehen.

Ich hätte mich ernsthaft gefragt: Soll ich es noch einmal versuchen? Was, wenn es diesmal anders läuft? Was, wenn andere nur deshalb erfolgreich waren und ich nicht, weil ich zu früh aufgegeben habe?

Ich muss mir heute nichts mehr auf diese Weise beweisen.

Manche Erfahrungen sind nicht dazu da, damit wir Jahre später noch einmal den ganzen Fall aufrollen und entscheiden, ob unser früheres Ich damals recht oder unrecht hatte.

Manchmal ist man schon sehr weit gegangen, und plötzlich zeigt einem jemand noch einmal die alte Kreuzung. In diesem Moment stellt man ganz ruhig fest: Ich möchte diesen Weg einfach nicht mehr nehmen.

Als sich diese frühere Weishang-Größe wieder bei mir meldete, empfand ich deshalb keine Reue.

Ich fragte mich auch nicht mehr: „Was wäre gewesen, wenn ich damals geblieben wäre?“

Ich wusste plötzlich nur eine Sache sehr sicher.

Was ich damals verlassen habe, war nicht einfach nur eine sogenannte Chance.

Ich habe eine ganze Lebensweise verlassen, die mich auf Dauer immer wieder in Konflikt mit mir selbst gebracht hätte.   


Anmerkungen

1. Wēishāng (微商) — Wörtlich bedeutet der Begriff ungefähr „Mikrohandel“. In China wurde Weishang vor allem in den 2010er-Jahren für den Verkauf über persönliche soziale Netzwerke verwendet, insbesondere über WeChat und dessen Moments-Feed. Der Begriff konnte ganz allgemein sozialen Direktverkauf bezeichnen, viele Unternehmen entwickelten jedoch mehrstufige Vertriebs- und Agentursysteme, in denen Teilnehmer Waren einkauften, weitere Vertriebspartner unter sich aufbauten und durch verschiedene Rangstufen aufstiegen. In diesem Essay bezieht sich Weishang auf genau diese Art von vertriebsbasiertem System, die die Autorin selbst erlebt hat.

2. Dàigòu (代购) — Wörtlich bedeutet dàigòu „im Auftrag einkaufen“. Gemeint ist ein in China verbreitetes Modell, bei dem Einzelpersonen Waren im Ausland kaufen und für Kunden in China weiterverkaufen oder ihnen gegen Aufpreis besorgen. Besonders in den 2010er-Jahren liefen viele solcher Geschäfte zunächst über persönliche Kontakte und soziale Netzwerke wie WeChat.

3. Shèzhǎng (社长) — Wörtlich kann shèzhǎng je nach Kontext etwa „Leiter“ oder „Vorsitzender“ bedeuten. In diesem Fall war es die interne Bezeichnung einer höheren Vertriebsstufe innerhalb des damaligen Unternehmens und kein allgemein gültiger Titel in der Weishang-Branche.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 微商大佬再次找上我,我终于看清了这套叙事

Englische Version: When a Former Weishang Power Player Contacted Me Again, I Finally Saw the Narrative Clearly

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