Von Jane Sonnenschein · 16. März 2026
Ich habe immer stärker das Gefühl, dass es sehr wichtig ist, Dinge festzuhalten, die passiert sind: Gedanken, die ich damals hatte, Fragen, die mich in einer bestimmten Lebensphase immer wieder beschäftigt haben.
Nicht nur, weil daraus später vielleicht ein Text entstehen kann, und auch nicht nur, weil ich irgendwelches „Material“ sammeln möchte. Wichtiger ist etwas anderes: Ich habe zunehmend Angst vor dem Gedanken, eines Tages mit sechzig auf die vergangenen Jahrzehnte zurückzublicken und genau zu wissen, dass ich viel erlebt, viel ausgehalten und über vieles nachgedacht habe – aber wenn ich mich wirklich erinnern will, ist da nur noch ein verschwommener Nebel.
Nichts lässt sich mehr richtig greifen. Nichts lässt sich mehr klar erzählen.
Ich finde diese Vorstellung ziemlich bedrückend.
Als hätte man viele Jahre gelebt und wäre doch irgendwie nicht wirklich darin gewesen.
Früher hatte ich oft das Gefühl, dass ich eigentlich gar nichts zu schreiben hätte.
Meine Tage sahen alle ziemlich ähnlich aus. Ich saß meistens am Computer, ging nicht besonders oft raus und hatte auch nicht viel Kontakt zu anderen Menschen. Von außen wirkte mein Leben fast eintönig: Essen, Kind, Haushalt, Arbeit, Sorgen, Müdigkeit – immer wieder dieselben Dinge.
Wenn ich mich dann hinsetzte und schreiben wollte, dachte ich oft: Worüber eigentlich?
Was davon soll überhaupt erzählenswert sein?
Der Druck des Alltags ließ sich nicht richtig in Worte fassen, genauso wenig diese gewisse Taubheit. Am Ende blieb nur der Eindruck zurück, dass in meinem Leben eigentlich gar nicht so viel passiert.
Heute sehe ich das anders.
Es liegt nicht daran, dass im Leben nichts steckt, worüber man schreiben könnte.
Die Frage ist vielmehr, ob man gelernt hat, es wahrzunehmen.
Dieser Gedanke hatte mich schon viel früher einmal berührt.
Als ich vor einigen Jahren Cognitive Awakening las, blieb mir eine Passage aus dem Vorwort besonders im Gedächtnis. Der Autor beschrieb dort einen Zustand, den man ungefähr als „wach sein und trotzdem schlafen“ bezeichnen könnte: Ein Mensch lebt scheinbar ganz normal weiter, erledigt Tag für Tag seine Aufgaben, ist aber innerlich lange Zeit gar nicht wirklich wach. Er kennt sich selbst kaum, hat keine klare Vorstellung davon, wie er leben möchte, und trifft nur selten bewusste Entscheidungen über sein eigenes Leben.
Später veränderte sich das Leben von zwei engen Freunden des Autors plötzlich sehr stark. Als er daraufhin auf die vergangenen zehn oder zwanzig Jahre seines eigenen Lebens zurückblickte, stellte er fest, dass in seinem Kopf fast nur Leere war.
Natürlich hatte er in all diesen Jahren gelebt.
Aber die freie Zeit, die mit Kurzvideos vergangen war, die verschlafenen Nachmittage, die beiläufigen Gespräche – all das war einfach wie Wasser davongeflossen.
Zwanzig Jahre waren vergangen, und trotzdem war kaum etwas wirklich deutlich in Erinnerung geblieben.
Ich weiß noch, dass mich diese Stelle damals getroffen hat.
Denn viele Menschen kennen wahrscheinlich solche Phasen.
Heute gleicht dem Gestern, morgen wird zur Kopie von heute. Ein Tag sieht aus wie der nächste, und irgendwann gerät man in eine Art dumpfen Autopiloten.
Man weiß natürlich, dass die Zeit vergeht.
Man merkt nur selten wirklich, was sie in einem selbst hinterlässt.
Deshalb kann ich gut verstehen, warum auf Xiaohongshu – einer chinesischen Lifestyle- und Social-Media-Plattform, die oft lose mit einer Mischung aus Instagram und Pinterest verglichen wird – viele Menschen davon berührt waren, dass der Schriftsteller Ma Boyong Tagebuch führt. Einige bekamen sofort Lust, selbst etwas aufzuschreiben, auch wenn es zunächst nur ein einfacher Bericht über den Alltag war.
Sie wollten einfach von jedem Tag ein bisschen etwas zurücklassen.
Denn ein Menschenleben ist eigentlich gar nicht so lang.
Etwas mehr als dreißigtausend Tage klingt zunächst nach sehr viel. Aber wenn man später zurückblickt, sind viele davon still und unbemerkt in Wiederholungen verschwunden.
Die Länge unseres Lebens können wir nur begrenzt beeinflussen.
Aber vielleicht können wir etwas für seine Tiefe und Weite tun.
Ein Tag, den man bewusst erlebt, und ein Tag, durch den man irgendwie hindurchgeht, sind auf dem Kalender beide einfach nur ein Tag.
Aber das Gewicht, das sie im eigenen Leben hinterlassen, kann völlig unterschiedlich sein.
Und genau darin liegt für mich der Sinn des Aufschreibens.
Es hilft dabei, wenigstens ein wenig von dem festzuhalten, was sonst einfach verschwinden würde.
Ein Gedanke an einem bestimmten Tag. Eine Frage, die einen über Monate beschäftigt. Ein Gefühl nach einem Gespräch, das noch lange nachwirkt. Ein Moment, der damals vollkommen gewöhnlich erschien und Jahre später vielleicht plötzlich wie der Anfang einer Veränderung aussieht.
In dem Augenblick selbst wirken solche Dinge oft klein und kaum erwähnenswert.
Aber das, was einem Leben seine eigentliche Struktur und Textur gibt, sind oft gar nicht die großen, dramatischen Ereignisse. Es sind diese kleinen, wiederkehrenden, alltäglichen Veränderungen, die tatsächlich stattgefunden haben.
Heute musste ich wieder daran denken, weil mich eine andere kleine Sache berührt hat.
Vor einiger Zeit hinterließ ein Leser unter meinem Essay Die gefallenen Blätter zurück an den Baum bringen – die Art zu schreiben, die ich erst später verstanden habe einen Kommentar.
Er bedankte sich für den Text und schrieb, dass ihm dadurch plötzlich etwas klar geworden sei. Er habe das Gefühl, seine eigene „Baumstruktur“ gefunden zu haben.
Für ihn sei die gelbe Lösslandschaft, in der er geboren und aufgewachsen war, eine unerschöpfliche Quelle für Geschichten. Der Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Gedanken, die daraus entstehen, und die Verbindungen zwischen verschiedenen Erlebnissen – all das könne immer weitergeschrieben werden.
Diesen Kommentar habe ich mir gemerkt.
Denn als ich angefangen habe zu schreiben, wusste ich bereits, dass meine Texte nie für alle Menschen sein würden.
Auch muss nicht jeder Text sehr viele Menschen erreichen.
Wichtiger ist mir etwas anderes: Vielleicht gibt es irgendwann irgendwo genau einen Menschen, den ein bestimmter Satz trifft und der dadurch kurz innehält und über sein eigenes Leben nachdenkt.
Das reicht mir.
Es gibt ohnehin schon so viele Menschen, die ständig angespannt und voller Sorgen sind. Wenn jemand nach einem meiner Texte auch nur ein kleines bisschen weniger unruhig ist, dann habe ich nicht das Gefühl, ihn umsonst geschrieben zu haben.
Später folgte mir dieser Leser, und wir wechselten ein paar Nachrichten. Er schlug vor, uns gegenseitig zu folgen, weil er selbst ebenfalls schreibt.
Also schaute ich auf sein Profil und las einige seiner neueren Texte.
Vor ein paar Tagen veröffentlichte er einen neuen Beitrag über seine Kindheit auf dem Lössplateau. Er schrieb über seine Familie, über das Yaodong¹, in dem sie lebten, und über den kleinen Hund der Familie.
Seine Art zu schreiben war sehr ruhig und warm.
Nichts wirkte absichtlich emotional, nichts übertrieben. Es war einfach dieses angenehme, unaufgeregte Erzählen, bei dem sich die Worte langsam entfalten dürfen. Beim Lesen spürt man etwas, das ganz leise durch den Text fließt. Es drängt sich nicht auf und berührt gerade deshalb.
Besonders eine Stelle blieb mir im Gedächtnis.
Sinngemäß schrieb er, dass viele Erinnerungen mit der Zeit verschwommener werden. Wenn dann nicht einmal mehr Fotos vorhanden sind, fühlt es sich manchmal so an, als hätte die Zeit einen Teil dieser Jahre einfach heimlich gestohlen.
Er erinnerte sich an die erste Hälfte seiner Kindheit. Er erinnerte sich an Lingling. Er erinnerte sich an den Hund, der sie damals begleitet hatte.
Aber wie das spätere Leben dieses Hundes aussah, konnte er kaum noch rekonstruieren.
Vielleicht hatte er es nicht völlig vergessen.
Vielleicht wollte ein Teil von ihm sich auch nicht erinnern.
Oder vielleicht fiel diese spätere Zeit genau in jene Jahre, in denen Schule, Entscheidungen über die Zukunft und andere Verpflichtungen so viel Raum einnahmen, dass kaum noch Platz für Gefühle blieb.
Als ich das las, hat mich etwas daran sofort berührt.
Denn plötzlich wurde mir wieder klar, dass Schreiben nicht nur „Ausdruck“ ist.
Und auch nicht nur bedeutet, eine Meinung zu formulieren.
Schreiben hat noch eine andere, sehr schlichte und zugleich sehr tiefe Bedeutung:
Es versucht, der Zeit etwas wieder abzunehmen.
Erinnerungen zurückzuholen, die sonst verschwimmen würden.
Gefühle zurückzuholen, die wir Jahre später vielleicht gar nicht mehr erklären könnten.
Menschen, Ereignisse, Orte, Geräusche und Szenen festzuhalten, von denen wir einmal dachten, dass wir sie niemals vergessen würden – und die trotzdem langsam verblassen.
Und zugleich hinterlässt Schreiben dem zukünftigen Ich einen Weg, auf dem es vielleicht eines Tages zurückgehen kann.
Später schrieb ich ihm einen Kommentar und sagte, wie sehr ich seine ruhige, unaufgeregte Art zu erzählen mochte.
Ich schrieb auch, dass dies vielleicht eine der Bedeutungen des Schreibens sei:
für die Zukunft einen Weg zurückzulassen, auf dem man später noch einmal zurückblicken kann.
Eigentlich sagte ich diesen Satz auch zu mir selbst.
Denn mir wird immer klarer, wie schön es ist, eine Ausdrucksform zu finden, die sich wirklich nach einem selbst anfühlt.
Nicht jeder muss auf dieselbe Art schreiben.
Nicht jeder Text braucht eine starke These oder eine besonders kraftvolle Stimme.
Manche Menschen schreiben scharf und direkt, andere ruhig.
Manche sind gut darin, Dinge zu analysieren, andere im Erzählen.
Manche können ein Thema bis ins Kleinste auseinandernehmen. Andere führen den Leser mit einer ruhigen, unaufgeregten Stimme Schritt für Schritt zurück zum Leben selbst.
Den eigenen Weg zu finden, ist bereits eine Form des Ankommens.
Und wenn man diesen Weg einmal gefunden hat, merkt man plötzlich: Es gibt im Leben überhaupt nicht zu wenig zu schreiben.
Im Gegenteil.
Es gibt beinahe zu viel.
Selbst wenn man jeden Tag am Computer sitzt, selbst wenn das eigene Leben langweilig, wiederholend oder unspektakulär erscheint – sobald man anfängt, genauer hinzusehen und bewusster zu fühlen, ist das Leben nicht mehr nur eine leere Hülle.
Dann merkt man, dass kein Tag vollkommen umsonst war.
Ein Gedanke kann sich zu einem ganzen Essay weiterentwickeln.
Ein Satz aus einem gewöhnlichen Gespräch kann einem lange im Kopf bleiben.
Der Kommentar eines anderen Menschen kann einen an einem müden Tag ganz sanft weitertragen.
Sogar eine lange Phase der Taubheit oder dieses schwer erklärbare Gefühl innerer Leere kann etwas sein, das es wert ist, aufgeschrieben zu werden.
Deshalb möchte ich all diese Dinge heute festhalten.
Nicht, weil ich plötzlich besonders produktiv geworden bin.
Und auch nicht, weil ich auf einmal besonders gut schreiben könnte.
Ich möchte einfach nicht mehr zusehen, wie mein eigenes Leben Abschnitt für Abschnitt an mir vorbeizieht und nichts davon zurückbleibt.
Wenn ich einmal alt bin und zurückblicke, möchte ich noch sehen können, worüber ich mir in einem bestimmten Jahr Sorgen gemacht habe. Wann ich angefangen habe, manches langsam zu verstehen. An welchem Tag mir plötzlich klar wurde, dass mein Leben doch nicht so leer an Geschichten war, wie ich immer dachte. Und aus welchem kleinen Moment ein bestimmter Text entstanden ist.
Und ich wünsche mir auch, dass meine Tochter eines Tages, wenn sie diese Texte liest, nicht nur eine undeutliche Figur namens „Mama“ darin sieht.
Ich möchte, dass sie einen lebendigen Menschen erkennt.
Einen Menschen, der verwirrt war, gekämpft hat, manchmal abgestumpft war, von Dingen berührt wurde und langsam versucht hat, sich selbst aus diesem halb wachen, halb schlafenden Zustand herauszuziehen.
Einen Menschen, der sich selbst eine Linie hinterlassen wollte, der er später wieder zurück folgen kann.
Leben bedeutet nicht nur, immer weiter nach vorne zu gehen.
Manchmal ist es genauso wertvoll, während man weitergeht ein paar Wegzeichen hinter sich zu lassen.
Ein wenig Beweis.
Ein paar Spuren, die sagen:
So habe ich einmal gelebt.
Allein das ist etwas sehr Kostbares.
Und während ich diesen Text zu Ende schreibe, bin ich mir einer Sache noch sicherer geworden.
Warum schreiben wir?
Weil Erinnerungen verschwimmen. Weil die Zeit Dinge abträgt. Und weil vieles, wenn wir gar nichts davon festhalten, irgendwann tatsächlich so wirken kann, als wäre es nie geschehen.
Schreiben kann die Zeit vielleicht nicht aufhalten.
Aber vielleicht kann es verhindern, dass wir uns selbst völlig verlieren, während die Zeit uns immer weiter nach vorne schiebt.
Es ermöglicht uns, irgendwann in der Zukunft zurückzublicken und den Menschen wiederzuerkennen, der wir einmal waren.
Und entlang dieser Worte noch einmal dorthin zurückzugehen.
Uns selbst einen Weg zurückzulassen.
Anmerkungen
1. Yaodong (窑洞)
Ein Yaodong ist eine traditionelle Höhlenwohnung, die vor allem auf dem chinesischen Lössplateau in Nord- und Nordwestchina verbreitet ist. Manche dieser Wohnungen werden direkt in Lösshänge hineingegraben, andere als bogenförmige Gebäude in ähnlicher Bauweise errichtet. Durch die dicken Erdschichten bleiben sie im Sommer vergleichsweise kühl und im Winter warm. Yaodong sind nicht nur eine Wohnform, sondern eng mit der Landschaft, dem Familienleben und den Erinnerungen vieler Menschen auf dem Lössplateau verbunden.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 写作,给自己留一条回望的路
Englische Version: Writing: Leaving Yourself a Path Back


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