Von Jane Sonnenschein · Erstfassung: 18. April 2026 · Überarbeitet: 4. September 2026
Je länger ich in Deutschland lebe, desto deutlicher spüre ich, dass viele Unterschiede zwischen China und dem Westen weit über verschiedene Lebensgewohnheiten oder Familienvorstellungen hinausgehen. Selbst bei der Frage, wie das Verhältnis zwischen „Gott“ oder „Göttern“ und dem Menschen eigentlich aussehen sollte, gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen.
Mit der Zeit habe ich verstanden, dass ich mit der Vorstellung vom christlichen „Herrn“ nie wirklich etwas anfangen konnte. Ein Grund dafür ist, dass mir dieses Verhältnis von „Herr“ und „Diener“ fremd geblieben ist. Aber dahinter steckt noch etwas Tieferes:
Die „Götter“, mit deren Vorstellung ich aufgewachsen bin, und der „Herr“, von dem hier gesprochen wird, sind für mich einfach nicht dieselbe Art von Wesen.
Im intuitiven Verständnis vieler Chinesen ist ein Gott nicht in erster Linie ein weit über den Menschen stehendes Wesen, das Gehorsam verlangt, dem man dienen und dem man sich selbst vollständig überlassen soll.
Natürlich achten Chinesen ihre Götter. Sie fürchten sie auch, und sie beten zu ihnen.
Aber das Verhältnis zwischen Mensch und Gott ist oft kein Verhältnis zwischen Herr und Diener. Es ist viel unmittelbarer, viel praktischer und viel näher am menschlichen Alltag.
Wer sich Frieden und Sicherheit wünscht, betet um Frieden.
Wer sich finanzielles Glück erhofft, wendet sich an den Gott des Reichtums.
Wer sich ein Kind wünscht, kann zu Sòngzǐ Niángniang¹ beten.
Wer aufs Meer hinausfährt, betet zu Māzǔ².
Wer sich Ruhe und Schutz für die Familie wünscht, verehrt vielleicht Zàowángyé³, den Küchengott.
Und wer Unrecht erlebt hat, sich ungerecht behandelt fühlt oder etwas nicht hinnehmen kann, verbindet mit Gottheiten wie Chénghuáng⁴ oder Guāndì⁵ manchmal auch die Hoffnung auf Gerechtigkeit.
Im traditionellen chinesischen Empfinden ist die Entfernung zwischen Göttern und Menschen also nicht ganz so absolut.
Ein Gott ist nicht unbedingt die eine höchste Autorität, vor der man sein ganzes Leben lang auf den Knien liegen muss. Oft ist er eher wie eine Hand, die ein Mensch inmitten von Leid, Wünschen, Angst, Unsicherheit und Hoffnung nach oben ausstreckt.
Diese ausgestreckte Hand bedeutet nicht unbedingt Unterwerfung.
Oft bittet sie vielmehr um eine Antwort.
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto stärker hatte ich das Gefühl, dass chinesische Götter in gewisser Weise Götter sind, die auf die menschliche Welt antworten.
Natürlich will ich damit nicht sagen, dass Chinesen ihren Göttern keinen Respekt entgegenbringen.
Ganz im Gegenteil. Ehrfurcht spielt in der chinesischen Kultur eine wichtige Rolle.
Aber diese Ehrfurcht bedeutet häufig nicht: „Ich muss mich dir vollständig übergeben.“ Sie fühlt sich eher so an: Ich weiß, dass du da bist. Und ich weiß auch, dass es in dieser Welt vieles gibt, was Menschen nicht völlig kontrollieren können. Deshalb komme ich zu dir, bete zu dir, bitte dich um etwas und begegne dir mit Respekt. Aber dadurch definiere ich mich nicht als Diener oder Sklave eines anderen.
Für mich ist dieser Unterschied sehr groß.
Ich habe lange darüber nachgedacht und irgendwann verstanden, dass dieses Gefühl viel mit dem kulturellen Hintergrund zu tun hat, aus dem wir kommen.
Chinesisches Denken wurde nie nur von einer einzigen geschlossenen Lehre getragen.
Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus haben sich über Jahrtausende mit noch älteren Vorstellungen von Yin und Yang, Schicksal, Vergeltung sowie Glück und Unglück vermischt.
Deshalb begegnet man im chinesischen Alltag eher selten einer streng abgegrenzten Haltung wie:
„Ich gehöre zu genau diesem religiösen System, also darf ich die Welt nur auf diese eine Weise verstehen.“
Meistens vermischen sich verschiedene Vorstellungen.
Wenn etwas Schwieriges geschieht, sagt man vielleicht: Das ist Schicksal.
Wenn man etwas Falsches getan hat, denkt man an Ursache und Folge.
Wenn man zu sehr an etwas festhält, erinnert man sich daran, loszulassen.
Wenn etwas zu Ende geht, sagt man sich vielleicht, man solle dem Lauf der Dinge folgen.
Wenn jemand zu weit geht, spricht man davon, dass alles Maß und Gleichgewicht braucht.
Und noch etwas tiefer darunter tragen viele Menschen einen ganz einfachen Gedanken in sich: Was der Mensch tut, wird vom Himmel gesehen.
Es wäre nicht richtig zu sagen, all diese Vorstellungen kämen aus dem Buddhismus.
Ebenso wenig stammen sie ausschließlich aus dem Daoismus oder allein aus dem Konfuzianismus.
Aber im Lauf der Zeit sind sie alle in den chinesischen Alltag eingeflossen und haben sich zu einer sehr natürlichen chinesischen Art entwickelt, das Leben zu verstehen.
Vielleicht ist auch deshalb das Verhältnis zwischen Chinesen und ihren Göttern von Anfang an so nah an der menschlichen Welt geblieben.
Menschen beten nicht nur wegen dessen, was nach dem Tod kommt, und auch nicht nur, weil ihre Seele gerettet werden soll.
Viel häufiger geht es um das Leben unmittelbar vor ihnen: Sie wünschen sich Sicherheit für die Familie, Erfolg im Geschäft, Gesundheit für die Kinder, eine gute Reise und Schutz vor Unglück. Wenn sie leiden, möchten sie, dass jemand dieses Leid hört. Wenn ihnen Unrecht widerfährt, möchten sie einen Ort haben, an den sie ihre Klage tragen können. Und selbst wenn das Leben schwer ist, hoffen sie, dass irgendwo noch ein Weg für sie offenbleibt.
Diese Wünsche sind sehr konkret.
Und sehr menschlich.
Deshalb gibt es in China viele Gottheiten, die seit Generationen von sehr vielen Menschen verehrt werden. Nicht weil diese Götter bedingungslose Unterwerfung verlangen, sondern weil Menschen glauben, dass sie líng⁶ sind – dass sie reagieren, dass Gebete bei ihnen etwas bewirken können, dass sie Menschen helfen.
Dieses „Menschen helfen“ ist kein besonders erhabener theologischer Begriff.
Es kann sogar ziemlich weltlich und manchmal auch etwas zweckorientiert wirken.
Aber gerade das empfinde ich als sehr chinesisch.
Denn chinesische Götter waren nie völlig vom alltäglichen Leben getrennt.
Sie sind nah am Herd, nah am Wind des Meeres, nah an Krankheit und Schmerz. Sie sind nah an Kindern, Ehe, Haus und Familie, Ernte und Geld.
Kurz gesagt: Chinesische Götter wohnen nicht nur irgendwo im Himmel und bleiben dort.
Sehr oft wohnen sie mitten im Rauch, in der Wärme und im Durcheinander des menschlichen Lebens.
Vielleicht trägt die chinesische Vorstellung von Göttern gerade deshalb so stark dieses Gefühl von „Antwort“ in sich.
Man betet nicht unbedingt, um zu beweisen, dass man treu genug, gehorsam genug oder würdig genug ist, jemandes Diener zu sein.
Man betet, weil man leidet, weil man Angst hat, weil man etwas erbittet und weil man hofft.
Man nimmt seine Not, seine Wünsche und sein eigenes Schicksal mit und sucht irgendwo nach einem Ausgang.
Das unterscheidet sich sehr von der Sprache, die ich später in der Kirche gehört habe.
Dort begegneten mir häufiger Wörter wie „Herr“, „Gehorsam“, „Dienst“, „sich hingeben“ oder „Diener“.
In dem chinesischen kulturellen Empfinden, mit dem ich aufgewachsen bin, sind mir dagegen Wörter vertrauter wie „Schutz“, „Segen“, „Verdienst ansammeln“, „Ursache und Folge“, „Schicksal“, „der Wille des Himmels“, „dem Lauf der Dinge folgen“ und „Antwort“.
Schon die Wörter sind andere.
In der einen Beziehung erscheint Gott stärker als Autorität.
In der anderen erscheint ein Gott eher als eine Macht, die vom menschlichen Leid berührt werden kann.
Ich möchte damit nicht sagen, dass die zweite Vorstellung irgendwie höherwertig wäre. Und ich behaupte auch nicht, dass chinesischer Glaube frei von ganz praktischen Interessen wäre. Die chinesische Welt der Götter und Geister ist durchaus stark vom Alltag geprägt. Manchmal wirkt sie gerade deshalb, weil sie so weltlich und lebensnah ist, auf manche Menschen weniger „rein“.
Aber ich glaube inzwischen immer stärker, dass gerade diese Weltlichkeit sehr nah an einer tieferen chinesischen Denkweise liegt.
Wir sind nicht unbedingt Menschen, die sich vollständig aus der Hand geben und darauf warten, dass jemand anderes sie endgültig rettet.
Wir sind eher Menschen, die mitten im Leid an das Schicksal glauben können und sich trotzdem weigern, sich ihm völlig zu ergeben.
Wir beten. Wir bitten. Wir glauben. Wir zeigen Ehrfurcht.
Aber gleichzeitig wollen wir selbst noch ein wenig weiterkämpfen, noch etwas länger tragen und uns noch einen kleinen Schritt vorwärtsbewegen.
Deshalb sind die chinesischen Mythen, die mich am stärksten berühren, nie Geschichten gewesen, in denen Menschen sich den Göttern völlig unterwerfen.
Im Gegenteil.
Ob Jīngwèi das Meer auffüllt, Kuāfù der Sonne nachjagt, Yǔ der Große die Fluten bändigt oder Hòuyì die Sonnen vom Himmel schießt – das Erstaunlichste an diesen Geschichten ist nicht, wie mächtig die Götter sind.
Es ist die Tatsache, dass Menschen angesichts von Himmel, Erde und Schicksal nicht vollständig zurückweichen.
Vielleicht kann ich chinesische Götter auch deshalb leichter annehmen.
Nicht weil ich „traditioneller“ wäre als andere, sondern weil dieses Verhältnis zwischen Gott und Mensch etwas in mir anspricht, das sehr tief sitzt:
Ein Gott darf hoch über den Menschen stehen, aber nicht so hoch, dass der Mensch darunter völlig verschwindet.
Ein Gott darf Ehrfurcht auslösen, aber er sollte dem Menschen nicht das Rückgrat nehmen.
Am Ende kann ich deshalb nicht so gut mit einem „Herrn“ etwas anfangen, der hoch oben wartet, bis Menschen sich ihm unterwerfen.
Viel näher ist mir ein Gott, der mit menschlichem Leid, Wünschen, Schicksal und Alltagsleben verflochten bleibt – und der in gewisser Weise auf die menschliche Welt antwortet.
Denn solche Götter fühlen sich für mich eher wie chinesische Götter an.
Und auch dieses Verhältnis fühlt sich eher danach an, wie Chinesen gelernt haben, mit der Welt umzugehen.
Es gibt eine tiefe Linie in der chinesischen Kultur, die letztlich nicht in Richtung Eroberung und Herrschaft führt, sondern wieder hinunter ins gewöhnliche menschliche Leben.
Weiterleben. Die Familie zusammenhalten. Sich um das kümmern, was direkt vor einem liegt. Das Geld verdienen, das verdient werden muss. Die Verantwortung tragen, die man tragen muss.
Das fühlt sich viel eher wie eine Grundfarbe chinesischen Lebens an.
Deshalb habe ich zunehmend das Gefühl, dass ein wichtiger Grund dafür, dass die chinesische Zivilisation bis heute weiterbestehen konnte, vielleicht in einer außergewöhnlich starken Fähigkeit liegt, sich selbst immer wieder am Leben zu halten.
Nicht durch große leere Worte. Nicht dadurch, dass man schnell aufgibt. Und auch nicht dadurch, dass man seine gesamte Kraft in der Eroberung dessen verbraucht, was außerhalb liegt. Sondern eher dadurch, dass man seine Energie darauf richtet, das eigene Leben, die eigene Ordnung und die konkrete Wirklichkeit Stück für Stück weiterzutragen.
Anmerkungen
1. Sòngzǐ Niángniang(送子娘娘)
Eine traditionelle chinesische Fruchtbarkeitsgöttin, an die sich Menschen wenden, wenn sie sich Kinder wünschen. Ihre Verehrung findet sich in unterschiedlichen regionalen Traditionen und ist eng mit konkreten familiären Hoffnungen verbunden, statt Teil einer einzigen einheitlichen religiösen Lehre zu sein.
2. Māzǔ(妈祖)
Eine chinesische Meeresgöttin, die traditionell besonders von Seeleuten, Fischern, Händlern und Küstengemeinschaften verehrt wird, vor allem im Südosten Chinas und in Taiwan. Menschen bitten Mazu um Schutz auf See und eine sichere Reise. Ihre Verehrung zeigt besonders deutlich, wie eng chinesische Gottheiten oft mit bestimmten Gefahren und Bedürfnissen des Alltags verbunden sind.
3. Zàowángyé(灶王爷)
Der Küchengott, eine traditionelle Gottheit des Haushalts, die mit Herd, Familie und häuslichem Leben verbunden ist. Im Volksglauben wacht er über den Haushalt und das Verhalten der Familienmitglieder. Er ist damit ein besonders anschauliches Beispiel für eine chinesische Gottheit, deren Gegenwart nicht in einer weit entfernten heiligen Sphäre gedacht wird, sondern mitten im eigenen Zuhause.
4. Chénghuáng(城隍)
Wörtlich etwa „Stadtgott“. Traditionell gilt Chénghuáng als göttlicher Beschützer einer Stadt oder Region und wird außerdem mit Gerechtigkeit, moralischem Urteil und dem Schutz der lokalen Gemeinschaft verbunden. Verschiedene Städte konnten eigene Chénghuáng-Tempel und lokale Traditionen haben.
5. Guāndì(关帝)
Die vergöttlichte Form des historischen Generals Guan Yu. Später wurde er weithin als Symbol für Loyalität, Rechtschaffenheit, Mut und Gerechtigkeit verehrt. Seine Bedeutung reicht über chinesische Volksreligion hinaus und findet sich auch in daoistischen und buddhistischen Zusammenhängen sowie in der Populärkultur.
6. líng(灵)
In diesem Zusammenhang lässt sich líng nicht mit einem einzigen deutschen Wort vollständig wiedergeben. Wenn Menschen sagen, dass eine Gottheit oder ein Tempel líng sei, meinen sie meistens, dass Gebete dort als wirksam gelten, dass die Gottheit auf Bitten „antwortet“ oder dass der Ort den Ruf hat, dass Gebete dort tatsächlich etwas bewirken. Das Wort enthält also einen sehr praktischen Gedanken von spiritueller Wirksamkeit und Reaktionsfähigkeit, der im chinesischen Volksglauben häufig vorkommt.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version:为什么中国人的神,更像是在回应人间
Englische Version: Why Chinese Gods Seem More Like They Respond to Human Life


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