Von Jane Sonnenschein · 8. April 2026
Als ich heute die Nachricht sah, dass Chen Lihua gestorben ist, war mein erster Gedanke: „Die Frau von Tang Seng ist gestorben.“¹
So haben viele Menschen in China sie tatsächlich im Gedächtnis: als Ehefrau von Chi Chongrui, einem der Schauspieler, die Tang Seng in der klassischen Fernsehfassung von Die Reise nach Westen verkörperten. Doch als ich auf die Meldung klickte und etwas über ihr Leben las, kam mir ein ganz anderer Gedanke:
Sie gehörte wirklich zu einer Zeit, in der man sein Schicksal manchmal tatsächlich verändern konnte, wenn man nur hart genug ums Überleben kämpfte.
Öffentlichen Informationen zufolge wurde Chen Lihua 1941 in Beijing geboren. Ihre Familie war arm, und sie brach die Schule noch vor dem Abschluss ab. Später begann sie in Hongkong mit Immobilieninvestitionen und gründete 1988 die Fu Wah International Group. Danach baute sie ihr Immobiliengeschäft weiter aus und beschäftigte sich außerdem intensiv mit Zitan, chinesischem Rot-Sandelholz, das sie sammelte und dem sie später sogar ein eigenes Museum widmete.
2016 führte sie mit einem geschätzten Vermögen von 50,5 Milliarden Yuan die Hurun-Liste der reichsten Frauen Chinas an. 1990 heiratete sie Chi Chongrui, und ihre Ehe stand über Jahrzehnte immer wieder im öffentlichen Interesse. Am 5. April 2026 starb Chen Lihua im Alter von 85 Jahren in Beijing.
Wenn man so einen Lebenslauf liest, denkt man schnell an eine Legende: Milliardärin, enorme Vermögen, eine Frau, die aus Armut kam und ihr Leben vollständig verändert hat.
Aber in den letzten Jahren empfinde ich das Wort „Legende“ immer häufiger als fast zu leicht.
Was mich an ihr berührt, ist nicht nur, wie reich sie am Ende wurde. Für mich steht sie für die Überlebenslogik einer ganzen Generation von Chinesen: Menschen, die echte Armut erlebt hatten und deshalb eher bereit waren, Risiken einzugehen, etwas auszuhalten und daran zu glauben, dass sich das eigene Schicksal irgendwann verändern lässt, wenn man nur mutig genug weiterkämpft.
Sie kam aus armen Verhältnissen, brach die Schule ab, musste früh ihren Lebensunterhalt verdienen und schaffte es später bis ganz nach oben. Dahinter standen natürlich persönliche Fähigkeiten und Mut. Aber ebenso wichtig war ein bestimmtes Zeitfenster, das ihre Generation tatsächlich hatte.
Heute hatte ich einen Videoanruf mit meiner Mutter, und dabei erzählte sie zufällig wieder von zwei meiner jüngeren Cousins.
Der Jüngere war in seiner Jugend ziemlich schwierig. In der Schule lief es schlecht, und wegen einer gewalttätigen Auseinandersetzung saß er sogar einmal im Gefängnis. Nach dem üblichen Maßstab hätte man vermutlich gesagt, dass so jemand kaum eine besonders gute Zukunft vor sich hat. Und ausgerechnet er betreibt heute gemeinsam mit seinem älteren Bruder eine Fabrik für Formenbau. Selbst in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit ist ihr Geschäft in den letzten Jahren immer weiter gewachsen.
Die Familie meines Onkels war früher sehr arm. Als sie einen zweiten Sohn bekam, wurde sie unter der damaligen chinesischen Familienplanungspolitik hart bestraft.² Die Strafe war so schwer, dass ihnen sogar Schweine weggenommen wurden. Danach kamen Schulden, Verluste im Geschäft, ein Schlaganfall und viele Jahre, in denen das Leben finanziell sehr schwierig blieb. Und trotzdem hat diese Familie nach all diesen Rückschlägen irgendwann wieder langsam Fuß gefasst.
Ich kenne noch eine andere Familie, die damals ebenfalls bitterarm war. Weil sie unbedingt noch einen Sohn wollte, gab sie eine geborene Tochter an eine andere Familie weiter.
Aus heutiger Sicht ist das natürlich eine Verletzung, die eng mit den Bedingungen jener Zeit verbunden war – und eine äußerst grausame dazu.
Später verdiente die Familie mit Jadehandel viel Geld und veränderte ihre wirtschaftliche Lage vollständig. Am Ende ging es ihr sogar deutlich besser als vielen Menschen um sie herum. Interessant ist nur: Als die leiblichen Eltern die Tochter später wieder in ihr Leben zurückholen wollten, wollte sie nichts davon wissen, weil ihre Adoptiveltern sie sehr gut behandelt hatten.
Warum musste ich heute plötzlich an all diese Menschen denken?
Weil ich immer stärker das Gefühl habe, dass viele Ängste und viele Verwirrungen unserer Generation auf den Glauben der vorherigen Generation an eine Sache zurückgehen: auf ihren Glauben an Anstrengung.
Warum glaubten sie so fest daran, dass es sich lohnt, Leid auszuhalten? Warum waren sie so überzeugt davon, dass sich harte Arbeit am Ende auszahlt? Warum glaubten sie, dass es immer irgendeinen Weg nach oben geben würde – durch Prüfungen, Bildung, Geschäfte oder einfach dadurch, dass man sich noch ein bisschen mehr anstrengt?
Nicht, weil sie naiv waren. Und auch nicht, weil sie besonders gerne Motivationssprüche verbreiteten.
Sondern weil sie es wirklich erlebt hatten.
Sie hatten gesehen, wie Menschen durch ein eigenes Geschäft ihr Leben veränderten. Sie hatten gesehen, wie Menschen durch Bildung ein Dorf verließen und einen sozialen Aufstieg schafften. Sie selbst oder Menschen in ihrem Umfeld hatten tatsächlich die Chancen genutzt, die durch die gewaltigen Veränderungen in China entstanden waren, und sich Schritt für Schritt ein anderes Leben aufgebaut.
Über einen langen Zeitraum nach Beginn der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik³ gab es für viele ganz normale Menschen tatsächlich Chancen auf sozialen Aufstieg. Diese Chancen waren nie gleich verteilt und auch keineswegs immer fair, aber sie waren real.
Deshalb waren Sätze wie „Wer Leid aushält, kann sein Schicksal verändern“ oder „Wenn du nur hart genug kämpfst, wird am Ende etwas daraus“ für diese Generation keine leeren Parolen.
Sie entsprachen ihrer eigenen Lebenserfahrung.
Und genau deshalb kann ich heute immer besser verstehen, warum so viele chinesische Eltern ihre Kinder derart stark antreiben.
Sie machen das nicht völlig grundlos. Und sie sind auch nicht von Natur aus Menschen, die ihre Kinder unbedingt kontrollieren wollen.
Viele Eltern halten so verbissen an Vorstellungen fest wie „Man darf nicht schon an der Startlinie verlieren“, „Du musst dich mehr anstrengen“, „Du musst mithalten“, „Du musst mehr Aufgaben machen“, „Du musst durchhalten“, weil in der Welt, in der sie selbst groß geworden sind, tatsächlich ein relativ klarer Zusammenhang zwischen Anstrengung und Ergebnis bestand.
Wer etwas mehr aushielt, etwas härter arbeitete und eine Gelegenheit mehr ergriff, konnte sein Leben tatsächlich verändern.
Diese Eltern haben selbst von dieser Logik profitiert oder zumindest beobachtet, wie sie bei anderen funktioniert hat.
Deshalb ist es nur natürlich, dass sie glauben, diese Logik müsse heute noch genauso gelten.
Aber genau hier beginnt das Problem.
Die Zeit hat sich längst verändert.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Anstrengung heute nichts mehr bringt. Es bedeutet nur, dass die Landkarte, an der sich die vorherige Generation orientiert hat, langsam unzuverlässig wird.
Soziale Aufstiegsmöglichkeiten sind enger geworden, die Konkurrenz ist härter, und Technologie sowie KI verändern gerade in rasantem Tempo die Regeln vieler Branchen. Die frühere Gewissheit, dass man sein Leben schon irgendwie drehen kann, wenn man nur hart genug kämpft, gibt es immer weniger.
Viele Lebensregeln, an die die vorherige Generation fest geglaubt hat, stimmen heute nur noch zur Hälfte. Die andere Hälfte ist längst leise weggebrochen.
Viele Eltern haben das aber noch nicht vollständig erkannt.
So entsteht eine sehr verbreitete Verschiebung: Auf der einen Seite wirken die alten Erfahrungen weiter, auf der anderen Seite hat sich die Realität längst verändert. Die ältere Generation ist mit dieser Methode tatsächlich irgendwo angekommen, während die jüngere Generation denselben Weg gehen kann und trotzdem nicht mehr am gleichen Ziel landet.
Genau deshalb fühlt sich das heutige neijuan⁴ so schwer an.
Denn dahinter steckt nicht einfach nur Konkurrenz, Angst oder blindes Mitmachen. Dahinter steckt die Pfadabhängigkeit einer ganzen Generation. Sie vertraut der Straße, die sie selbst hierhergebracht hat, so sehr, dass es schwerfällt zu akzeptieren, dass genau diese Straße heute vielleicht nicht mehr die wirksamste ist.
Vor ein paar Tagen sah ich ein Video von einem chinesischen Blogger, der in Deutschland lebt. Er hatte beschlossen, Deutschland zu verlassen und mit seinem Kind nach China zurückzukehren. In den Kommentaren warnten ihn viele davor, dass er nach der Rückkehr den enormen Konkurrenzdruck rund um Kinder und Bildung in China wahrscheinlich kaum aushalten würde.
Doch ein Satz aus seinem Video ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.
Er sagte, irgendwann müsse man lernen, drei Dinge zu akzeptieren: dass man selbst ein ganz normaler Mensch ist, dass die eigenen Eltern ganz normale Menschen sind und dass auch das eigene Kind ein ganz normaler Mensch ist.
Als ich das hörte, hatte ich gemischte Gefühle.
Denn vielleicht fehlt vielen Eltern gar nicht noch mehr Härte oder noch mehr Konkurrenzdenken. Vielleicht fehlt ihnen vor allem etwas mehr Klarheit.
Die Klarheit zu erkennen, was für ein Mensch das eigene Kind tatsächlich ist; was zu ihm passt und was nicht; welche Anstrengung noch sinnvoll ist und welche nur daraus entsteht, dass alle anderen weiterlaufen und man selbst Angst hat, stehen zu bleiben.
Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe von Eltern am Ende gar nicht darin, ein Kind in dieselbe Vorlage wie alle anderen zu drücken. Vielleicht geht es vielmehr darum, es vor einem Teil dieses unnötigen Drucks zu schützen und ihm nach und nach dabei zu helfen zu erkennen, wohin sein eigener Weg führen könnte.
Und damit komme ich wieder auf Chen Lihua zurück.
Was ihre Generation geschafft hat, verdient natürlich Respekt. Aber was mich an ihrem Leben am meisten bewegt, ist nicht nur die Geschichte einer Frau, die aus Armut zu einer der reichsten Frauen Chinas wurde.
Ihr Leben macht mir vielmehr etwas anderes deutlich: Es gibt Zeiten, in denen extremes Durchhalten das eigene Schicksal tatsächlich verändern kann. Und es gibt Zeiten, in denen etwas anderes knapp wird – nämlich zuerst zu erkennen, in welcher Zeit man eigentlich lebt, und erst dann zu entscheiden, wie man darin leben möchte.
Vielleicht sollten wir heute nicht einfach versuchen, die Art des Leidens und Kämpfens der vorherigen Generation zu kopieren.
Denn unsere Welt verändert sich viel zu schnell.
Allein die Entwicklung von Technologie, neuen Werkzeugen und Hightech hat innerhalb von zehn oder fünfzehn Jahren Veränderungen ausgelöst, für die es früher vielleicht Jahrzehnte oder noch länger gebraucht hätte.
Wenn Eltern in einer solchen Welt weiterhin instinktiv glauben, dass „noch mehr leisten“, „noch stärker konkurrieren“ und „noch mehr aushalten“ die einzige Antwort sein können, reicht das vielleicht nicht mehr.
Statt Kinder blind auf eine immer vollere Rennbahn zu schieben, könnte etwas anderes wichtiger werden: ihnen dabei zu helfen, sich selbst klarer zu verstehen, sich an Veränderungen anpassen zu können und auch in einer Zeit, in der Werkzeuge ständig wechseln, zu wissen, wer sie sind, was ihnen liegt und in welche Richtung sie gehen wollen.
Vielleicht sollten Eltern ihren Kindern heute am Ende nicht nur sagen:
„Du musst dich noch mehr anstrengen.“
Sondern vielmehr:
„Du musst klarer sehen.“
Dich selbst klarer sehen. Die Zeit, in der du lebst, klarer verstehen. Und den Weg finden, der wirklich zu dir passt.
William Butler Yeats wird häufig der Satz zugeschrieben: „Bildung ist nicht das Füllen eines Eimers, sondern das Entzünden eines Feuers.“
Vielleicht ist es wichtiger, dieses Feuer im Kind zu entzünden, als ihm sämtliche Erfolgsrezepte der vorherigen Generation auf einmal einzutrichtern.
Damit es in einer immer komplizierteren und sich immer schneller verändernden Welt nicht nur lernt, zu konkurrieren, Prüfungen zu bestehen und anderen hinterherzulaufen, sondern langsam auch Urteilsvermögen, Orientierung und jene Klarheit entwickelt, die verhindert, dass es sich einfach von der Menge mitreißen lässt.
Denn die vorherige Generation ist durch ihren eigenen Fluss gegangen.
Und die Kinder von heute werden irgendwann lernen müssen, ihre eigene Brücke zu überqueren. 为什么今天的中国家长这么卷?陈丽华这一代,其实早就给出了答案.pdfPDF
Anmerkungen
1. Táng Sēng (唐僧)
Tang Seng ist der buddhistische Mönch im Zentrum des klassischen chinesischen Romans Die Reise nach Westen (Xiyouji, 西游记), einem der bekanntesten Werke der chinesischen Literatur. Die Geschichte wurde in den 1980er-Jahren als äußerst populäre chinesische Fernsehserie verfilmt und gehört für mehrere Generationen in China zum gemeinsamen kulturellen Gedächtnis. Chi Chongrui, Chen Lihuas Ehemann, war einer der Schauspieler, die Tang Seng in dieser Fernsehfassung verkörperten. Deshalb verbinden viele Menschen in China Chen Lihua spontan mit der Formulierung „Tang Sengs Frau“, obwohl sie selbst eine äußerst erfolgreiche Unternehmerin war.
2. Jìhuà shēngyù zhèngcè (计划生育政策) – chinesische Familienplanungspolitik
Über mehrere Jahrzehnte begrenzte China durch strenge familienpolitische Vorschriften die Zahl der Kinder, die viele Familien haben durften. Die konkreten Regeln unterschieden sich je nach Zeit und Region. Wer ein nicht genehmigtes weiteres Kind bekam, konnte jedoch mit hohen Geldstrafen und anderen Sanktionen belegt werden. Gerade in ländlichen Gebieten konnten diese Maßnahmen sehr hart durchgesetzt werden. Der Hinweis im Text, dass der Familie sogar Schweine weggenommen wurden, steht in diesem historischen Zusammenhang.
3. Gǎigé kāifàng (改革开放) – Reform und Öffnung
Damit wird die umfassende wirtschaftliche Reformphase bezeichnet, die Ende der 1970er-Jahre in China begann. Marktwirtschaftlichere Strukturen, Privatunternehmen, ausländische Investitionen, Industrialisierung und Urbanisierung eröffneten vielen Menschen neue Möglichkeiten, auch wenn diese Chancen nie gleichmäßig verteilt waren. Für die im Essay beschriebene Generation verstärkte diese Zeit die Überzeugung, dass Bildung, Unternehmergeist, Risikobereitschaft und harte Arbeit das Schicksal einer ganzen Familie verändern können.
4. Nèijuǎn (内卷)
Wörtlich wird neijuan häufig mit „Involution“ übersetzt. Im heutigen Chinesisch beschreibt der Begriff jedoch vor allem eine erschöpfende Form des Konkurrenzkampfs: Alle investieren immer mehr Zeit, Kraft und Geld, weil die anderen dasselbe tun, obwohl der zusätzliche Aufwand nicht unbedingt zu entsprechend besseren Ergebnissen führt. Im Bildungsbereich meint neijuan häufig zusätzlichen Unterricht, immer mehr Übungen, Aktivitäten und höhere Erwartungen, weil Eltern und Kinder das Gefühl haben, aus diesem Wettbewerb nicht aussteigen zu können.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 为什么今天的中国家长这么卷?陈丽华这一代,其实早就给出了答案
Englische Version: Why Are Chinese Parents So Intensely Competitive Today? Chen Lihua’s Generation Had Already Given Us the Answer


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