A warm conceptual scene connecting a traditional workshop with a modern office, symbolizing the shift from formal vocational qualifications to practical skills, experience, and lifelong learning.

Von Jane Sonnenschein · 24. August 2026

Vor Kurzem habe ich meine sechseinhalbmonatige Weiterbildung im Bereich Social Media Management erfolgreich abgeschlossen.

In dieser Zeit habe ich auch mehrere meiner eigenen Social-Media-Accounts wieder aufgebaut. Außerdem habe ich meine eigene Website eingerichtet und begonnen, sie regelmäßig zu aktualisieren. Doch all diese Dinge haben ein sehr praktisches Problem: Ganz gleich, ob man Social Media betreibt, Artikel schreibt oder langsam eine eigene Website aufbaut – wenn man gerade erst anfängt, lässt sich damit kurzfristig kaum ein verlässliches Einkommen erzielen.

Das Leben wartet aber nicht einfach, nur weil man gerade an etwas arbeitet, das vielleicht erst langfristig Früchte trägt.

Wenn man seinen Alltag finanzieren und zum Lebensunterhalt einer Familie beitragen muss, bleibt ein Job mit einem stabilen Einkommen sehr wichtig. Deshalb habe ich in letzter Zeit wieder angefangen, ernsthaft über die Jobsuche nachzudenken.

Eines Tages sah ich zufällig im Internet, dass in den nächsten Tagen eine Jobmesse stattfinden sollte, und erwähnte das nebenbei gegenüber Chris.

Er sagte sofort: „Das wäre eigentlich ziemlich passend für dich.“

Er war selbst schon auf Jobmessen gewesen und kannte das Ganze deshalb recht gut. Er erklärte mir, dass so eine Messe etwas ganz anderes sei, als einfach nur Bewerbungen online abzuschicken. Man könne direkt zu einem Unternehmensstand gehen, ein paar Minuten mit jemandem aus der Personalabteilung sprechen, sich vorstellen und herausfinden, nach welchen Leuten die Firma überhaupt sucht. Wenn beide Seiten den Eindruck haben, dass es passen könnte, kann man sich anschließend immer noch offiziell bewerben.

Natürlich wählen die Unternehmen dort Bewerber aus. Aber gleichzeitig kann man selbst genauso prüfen, ob das Unternehmen und die Stelle überhaupt zu einem passen.

Chris meinte, wenn ich jetzt wirklich ernsthaft nach einer Arbeit suchen wolle, sollte ich gerade solche Gelegenheiten öfter nutzen.

Im weiteren Gespräch erwähnte er wieder etwas, das er mir schon mehr als einmal erzählt hatte: In seinem Unternehmen haben einige Supervisoren und Führungskräfte ursprünglich in ganz normalen operativen Positionen angefangen und sich Schritt für Schritt weiterentwickelt. Manche kamen für sehr einfache Tätigkeiten ins Unternehmen. Erst bei der täglichen Arbeit zeigte sich, dass sie besonders zuverlässig waren, schnell lernten, Verantwortung übernahmen oder Führungspotenzial hatten. Durch interne Schulungen wechselten sie später nach und nach in andere Positionen.

Das erinnerte mich an Menschen, die ich früher während meiner Arbeit auf einem US-amerikanischen Militärstützpunkt kennengelernt hatte.

Ich arbeitete dort viele Jahre als COBS, also als Civilians on the Battlefield. Wir waren Roleplayer, die bei militärischen Übungen Zivilisten vor Ort darstellten. Die große Zahl an Roleplayern wurde nicht direkt vom Militärstützpunkt eingestellt. Stattdessen wurden die Aufträge ausgeschrieben und an externe Firmen vergeben, die anschließend für Rekrutierung und Organisation zuständig waren.

Weil ich dort so lange gearbeitet habe, habe ich im Laufe der Jahre mehrere verschiedene Auftragnehmer erlebt.

Besonders interessant fand ich, dass ich bei zwei völlig unterschiedlichen Firmen später Menschen wiedertraf, die ursprünglich genauso wie wir als ganz normale Roleplayer angefangen hatten und irgendwann in das Projektmanagement gewechselt waren.

Eine von ihnen nenne ich hier Frau S. Als ich sie damals kennenlernte, war sie wie wir einfach eine der Roleplayerinnen. Jahre später, als Chris dort bereits als Supervisor arbeitete, stellte ich fest, dass Frau S. inzwischen Projektmanagerin geworden war. Sie war für das Projektmanagement zuständig, und Chris musste beruflich direkt mit ihr zusammenarbeiten.

Ich weiß noch, wie überrascht ich damals fragte: „War Frau S. früher nicht einfach eine von uns? Und jetzt ist sie schon in dieser Position?“

Was genau in den Jahren dazwischen passiert ist und wie sie Schritt für Schritt dorthin gekommen ist, weiß ich nicht. Aber eines habe ich mit eigenen Augen gesehen: Die Position, in der jemand in ein System einsteigt, muss nicht zwangsläufig die Position sein, in der er am Ende bleibt.

Deshalb verstand ich ziemlich gut, was Chris meinte, als er wieder von den Menschen in seinem Unternehmen erzählte, die sich von operativen Einstiegspositionen langsam nach oben entwickelt hatten.

Er wollte damit nicht sagen, dass jeder, der ganz unten anfängt, irgendwann automatisch Führungskraft wird. Und natürlich glauben wir auch nicht, dass deutsche Unternehmen plötzlich aufgehört hätten, auf Ausbildung, Abschlüsse und berufliche Qualifikationen zu achten.

Chris sagte damals sinngemäß: Einige große deutsche Unternehmen scheinen langsam zu merken, dass ein passender Abschluss und die tatsächliche Fähigkeit, eine Arbeit gut zu machen, nicht genau dasselbe sind.

Und genau daraus entwickelte sich unser eigentliches Gespräch: Wenn sich die Art und Weise, wie Menschen Wissen erwerben und Fähigkeiten lernen, so stark verändert hat – funktioniert dann die alte Logik noch überall, nach der man zuerst schaut, wo jemand gelernt hat und welche Abschlüsse er besitzt, und erst danach beurteilt, was dieser Mensch tatsächlich kann?

Je länger ich darüber nachdachte, desto interessanter fand ich diese Frage.

Denn wenn man zurückblickt, ist es überhaupt nicht schwer zu verstehen, warum Deutschland traditionell so großen Wert auf berufliche Abschlüsse und Qualifikationen legt.

Das heutige deutsche System mit Ausbildung, Meisterprüfung, Handwerkskammern und IHK ist schließlich nicht irgendwann einfach am Schreibtisch erfunden worden. Dahinter steht eine lange Geschichte von Berufsverbänden, Lehrlingsausbildung und Industrialisierung. Wer früher ein anspruchsvolles Handwerk lernen wollte, musste in der Regel in diesen Beruf hineingehen, von erfahrenen Leuten lernen, praktisch arbeiten und anschließend durch Prüfungen zeigen, dass er zumindest einen allgemein anerkannten Standard erreicht hatte.

Im Industriezeitalter war dieses System ausgesprochen sinnvoll.

Wenn jemand Häuser baut, elektrische Leitungen verlegt, Maschinen herstellt oder Autos repariert, kann nicht einfach irgendeiner vorbeikommen und sagen: „Ich habe mir das zwei Monate lang zu Hause angeschaut. Ich glaube, jetzt kann ich es.“

Warum sollte man ihm vertrauen?

Wenn eine Maschine nicht funktioniert, geht es nicht darum, dass irgendeine Website schlecht aussieht. Dann kann sehr viel Geld verloren gehen. Und wenn elektrische Anlagen falsch installiert oder Gebäudestrukturen fehlerhaft gebaut werden, kann es im schlimmsten Fall sogar um Menschenleben gehen.

Ein Ausbildungsabschluss, ein Gesellenbrief oder ein Meisterbrief bedeutete deshalb früher nie nur: „Dieser Mensch hat ein paar Jahre lang etwas gelernt.“

Solche Qualifikationen erfüllten zugleich eine gesellschaftliche Vertrauensfunktion.

Dieser Mensch hat bestimmte vorgeschriebene Inhalte gelernt, praktische Erfahrung gesammelt und eine standardisierte oder anerkannte Prüfung bestanden. Deshalb können wir vernünftigerweise davon ausgehen, dass er zumindest den grundlegenden Anforderungen dieses Berufs entspricht.

Aus dieser Perspektive finde ich nicht, dass Deutschland früher einfach nur „zu sehr an Zertifikate geglaubt“ hat. Unter den damaligen wirtschaftlichen und technischen Bedingungen waren formale Abschlüsse ein ausgesprochen effizientes Signal dafür, was ein Mensch vermutlich konnte.

Was sich inzwischen verändert hat, ist die Art, wie wir Fähigkeiten erwerben.

Früher waren schon die Lernmöglichkeiten selbst knapp.

Wer Schreiner werden wollte, brauchte jemanden, der es ihm zeigte. Wer etwas über Maschinen lernen wollte, musste möglichst in einen echten Betrieb hinein. Und auch eine komplizierte Software vollständig allein zu Hause zu lernen, war deutlich schwieriger.

Damals bedeutete „keine formale Ausbildung“ tatsächlich häufig: „Diese Person hat das wahrscheinlich nie systematisch gelernt.“

Heute funktioniert diese Schlussfolgerung immer weniger.

Man kann sich WordPress, SEO, Videoschnitt, Datenanalyse, E-Commerce-Systeme, Onlinewerbung, Website-Erstellung und verschiedenste KI-Werkzeuge selbst beibringen. Es gibt Bücher, Videos, Communities und Onlinekurse. Und KI hat diese Entwicklung noch einmal beschleunigt, weil viele Fragen, für die man früher erst jemanden finden musste, der einem etwas erklärt, heute direkt während der Arbeit gestellt werden können.

Früher hätte man bei einer Software, die man nicht beherrschte, wahrscheinlich zuerst gefragt: Wo kann ich das lernen?

Heute öffnet man sie oft einfach und beginnt. Sobald man irgendwo nicht weiterkommt, fragt man genau an dieser Stelle nach.

Damit beginnen zwei Dinge, die früher sehr eng zusammengehörten, langsam auseinanderzugehen: eine Fähigkeit zu erwerben und dafür eine anerkannte Bildungseinrichtung zu durchlaufen.

Genau darüber denke ich in den letzten Jahren immer häufiger nach.

Mein eigener beruflicher Weg war eigentlich schon immer ziemlich untypisch. Als ich mein eigenes Unternehmen führte, hatte ich keinen schön geordneten Berufstitel, den eine deutsche Personalabteilung auf den ersten Blick sofort einordnen konnte. Tatsächlich habe ich aber fast alle Aufgaben übernommen, die beim Betrieb eines Onlineshops anfallen: Produktbilder erstellen, Artikel einstellen, Werbung schalten, mit Kunden kommunizieren, Bestellungen bearbeiten, einkaufen, Waren verwalten, Logistik organisieren, After-Sales-Service leisten und Beschwerden bearbeiten.

Später kam das Exportgeschäft hinzu. Damit kamen noch mehr praktische Probleme aus dem grenzüberschreitenden Geschäft dazu. Wenn irgendetwas schieflief, musste ich selbst schnell beurteilen, was zu tun war, und eine Lösung finden.

Im wirklichen Leben ist so eine Erfahrung leicht zu verstehen, denn man macht diese Dinge schließlich jeden Tag.

Sobald man aber versucht, all das in einen typisch deutschen Lebenslauf zu pressen, entsteht plötzlich eine erstaunlich schwierige Frage:

Was bin ich eigentlich beruflich?

E-Commerce?

Büro und Verwaltung?

Kundenservice?

Content?

Ich habe all diese Dinge gemacht. Aber wenn ich mich mit genau einer der üblichen Berufsbezeichnungen aus einer deutschen Stellenanzeige beschreiben müsste, würde es plötzlich schwierig werden.

Irgendwie habe ich alles davon gemacht, und gleichzeitig beschreibt keiner dieser standardisierten Berufstitel wirklich vollständig, was ich kann.

Daraus entsteht ein interessanter Widerspruch: Die Fähigkeiten eines Menschen können sehr breit sein, während sein berufliches Etikett ausgesprochen schwach ist.

Wenn ein Bewerbungsverfahren Menschen in der ersten Runde weiterhin vor allem anhand formaler Qualifikationen und standardisierter Berufsbezeichnungen aussortiert, kann jemand längst sehr viel relevante Arbeitserfahrung gesammelt haben und trotzdem schon an der ersten Hürde scheitern – bevor er überhaupt die Möglichkeit bekommt zu zeigen, was er tatsächlich kann.

Deshalb komme ich immer wieder auf einen Satz zurück, der während unseres Gesprächs entstanden ist:

KI senkt die Hürde, Fähigkeiten zu erwerben. Aber sie löst nicht automatisch das Problem, diese Fähigkeiten auch glaubwürdig nachzuweisen.

Heute kann jemand einen Beruf tatsächlich beherrschen, obwohl er nicht den genau dazugehörigen formalen Abschluss besitzt.

Für das Unternehmen bleibt trotzdem eine entscheidende Frage:

Woher weiß ich, dass du es wirklich kannst?

Früher war die einfachste Antwort: auf den Abschluss schauen.

Passende Ausbildung vorhanden?

Ja oder nein.

Ein einziges Dokument kann einer Personalabteilung sehr schnell helfen, aus mehreren hundert Bewerbungen eine überschaubare Auswahl zu machen. Dass dieses Verfahren so lange funktioniert hat, lag nicht einfach daran, dass Unternehmen bequem waren. Personalentscheidungen bedeuten immer, unter unvollständigen Informationen Risiken einschätzen zu müssen.

Aber je stärker sich die Fragen „Wo hast du das gelernt?“ und „Kannst du es heute wirklich?“ voneinander entfernen, desto mehr zusätzliche Signale werden Unternehmen vermutlich brauchen.

Was hast du tatsächlich schon gemacht?

Hast du an echten Projekten gearbeitet?

Was kannst du vorzeigen?

Kannst du im Vorstellungsgespräch ein Problem verständlich erklären?

Wie löst du eine praktische Aufgabe?

Wie schnell lernst du, wenn du erst einmal im Unternehmen bist?

Und wenn es für ein Problem keine fertige Lösung gibt: Versuchst du selbst, einen Weg zu finden?

Natürlich waren solche Dinge auch früher wichtig. Aber solange formale Qualifikationen als sehr zuverlässiger Hinweis auf die tatsächliche Kompetenz galten, musste man ihnen nicht dieselbe Bedeutung geben. Heute rücken sie wieder stärker in den Vordergrund.

Ich glaube trotzdem nicht, dass das bedeutet, dass Abschlüsse künftig „nichts mehr wert“ sein werden.

Das wäre nur das andere Extrem.

In der Pflege, in der Medizin, in Elektroberufen, im Sicherheitsbereich, im Bauwesen und in vielen Berufen mit klarer rechtlicher oder technischer Verantwortung kann man niemanden einfach arbeiten lassen, nur weil er sagt: „Ich habe mir das ein halbes Jahr lang mit KI beigebracht.“

Viele formale Qualifikationen existieren gerade deshalb, weil eine Gesellschaft bestimmte Risiken nicht einfach der Selbsteinschätzung einzelner Menschen überlassen kann.

Was sich vermutlich tatsächlich verändert, ist, dass sich der Arbeitsmarkt stärker in verschiedene Bereiche aufteilt.

Bei manchen Berufen werden stark standardisierte Ausbildungen und formale Qualifikationen weiterhin unverzichtbar bleiben. Bei einer anderen Gruppe von Tätigkeiten – etwa E-Commerce, Content, digitale Prozesse, Marketing, bestimmte Bürotätigkeiten, Web, Projektkoordination und auch manche IT-Bereiche – verändern sich Werkzeuge und Arbeitsweisen dagegen so schnell, dass ein traditionelles Berufsbild mit einer dreijährigen Ausbildung nicht immer mit der Realität Schritt halten kann.

Ein bestimmtes Werkzeug kann man vielleicht in drei Monaten lernen, und ein halbes Jahr später ist es bereits wieder verändert oder ersetzt worden. Jemand kann nie das offiziell dazu passende Fach gelernt haben und trotzdem schon mehrere Jahre lang reale Projekte in diesem Bereich umgesetzt haben.

Wenn ein Unternehmen dann weiterhin darauf besteht: „Du musst zuerst exakt die dreijährige Ausbildung für diesen Beruf abgeschlossen haben, bevor ich überhaupt sehen will, ob du die Arbeit beherrschst“, kann eine zunehmend absurde Situation entstehen.

Der Mensch mit dem perfekt passenden Abschluss kennt vielleicht die Werkzeuge nicht besonders gut, die heute tatsächlich benutzt werden.

Und derjenige, der jeden Tag damit arbeitet, bekommt wegen eines fehlenden Dokuments nicht einmal die Gelegenheit zu zeigen, was er kann.

Je schneller sich die Technik verändert, desto sichtbarer wird dieser Widerspruch.

Das Industriezeitalter brauchte vor allem standardisierte Fähigkeiten.

Unternehmen wollten wissen: Kann dieser Mensch nach einem festgelegten Verfahren dieselbe Aufgabe zehntausendmal zuverlässig richtig erledigen?

Das strenge deutsche Berufsbildungssystem war in diesem Umfeld besonders stark, weil Stabilität, Standards und Zuverlässigkeit zu den wichtigsten Werten industrieller Produktion gehörten.

Im KI-Zeitalter verändert sich jedoch bei immer mehr Berufen die entscheidende Frage.

Wenn ein Werkzeug, das heute selbstverständlich ist, in sechs Monaten vielleicht schon ganz anders aussieht, reicht es für ein Unternehmen nicht mehr, nur zu fragen:

Was hast du vor fünf Jahren gelernt?

Es muss auch wissen:

Was kannst du heute? Und wenn morgen etwas Neues kommt, wie schnell kannst du es lernen?

Dadurch gewinnen Lernfähigkeit, übertragbare Fähigkeiten, Urteilsvermögen, Problemlösung und Eigeninitiative zunehmend an Bedeutung.

Dabei musste ich an einen Essay denken, den ich vor einiger Zeit geschrieben habe: Wir leben vielleicht gerade im KI-Jahr 1890.

Damals ging es mir um die Frage, wie KI die Arbeit selbst neu definiert.

Wenn aber Arbeit neu definiert wird, folgt fast zwangsläufig die nächste Frage:

Müssen wir dann nicht auch neu darüber nachdenken, wie wir beweisen, dass jemand für eine bestimmte Arbeit „qualifiziert“ ist?

Ich glaube inzwischen nicht, dass die kommende Veränderung so aussehen wird:

„Studienabschlüsse und Berufsqualifikationen verlieren ihren Wert.“

Wahrscheinlicher ist, dass ein Abschluss langsam von etwas, das fast wie eine Eintrittskarte funktioniert, zu einem von mehreren Hinweisen auf die Fähigkeiten eines Menschen wird.

Ein Abschluss kann zeigen, dass jemand systematisch ausgebildet wurde und über eine gewisse fachliche Grundverlässlichkeit verfügt.

Berufserfahrung zeigt, was jemand tatsächlich schon gemacht hat.

Projekte und Arbeitsproben zeigen, was jemand heute kann.

Vorstellungsgespräche, praktische Aufgaben und Probearbeit können weitere Hinweise liefern.

Und interne Schulungen im Unternehmen können das ergänzen, was noch fehlt.

Früher verlief ein beruflicher Weg oft relativ klar: Zuerst bewies man durch Schul- oder Studienabschluss, Ausbildung oder eine andere formale Qualifikation, dass man die Grundlage für einen bestimmten Beruf besitzt. Danach stieg man in die entsprechende Tätigkeit ein.

Bei immer mehr Berufen könnte diese eine feste Route in Zukunft an Bedeutung verlieren. Unternehmen werden weiterhin auf Ausbildung und Abschlüsse achten, aber möglicherweise stärker darauf schauen, welche praktische Erfahrung jemand bereits gesammelt hat, was diese Person heute tatsächlich kann, wie schnell sie Neues lernt und ob fehlendes Wissen später durch Weiterbildung oder interne Qualifizierung ergänzt werden kann.

Eine solche Veränderung passiert natürlich nicht über Nacht.

Schon gar nicht in Deutschland.

Ein über Generationen entstandenes System wirft seine alten Regeln nicht einfach weg, nur weil sich die Technik innerhalb weniger Jahre verändert hat.

Unternehmen können relativ schnell sagen: „Quereinsteiger sind willkommen“, „Kompetenzen sind uns wichtiger“ oder „Was noch fehlt, bringen wir Ihnen intern bei.“

Aber wenn eine Personalabteilung dann tatsächlich Bewerbungen durchgeht und vor sich jemanden ohne die übliche Ausbildung sieht, kann die Hand, die seit Jahrzehnten an ein bestimmtes Auswahlmuster gewöhnt ist, trotzdem für einen Moment zögern.

Institutionen haben, ähnlich wie Menschen, eine Art Muskelgedächtnis.

Sie können längst wissen, dass die alte Bewegung nicht mehr ganz zur heutigen Wirklichkeit passt. Sobald jedoch ein Risiko auftaucht, greifen sie trotzdem instinktiv wieder auf das zurück, was sie am besten kennen.

Wenn Chris also sagt, einige große deutsche Unternehmen würden langsam „aufwachen“, verstehe ich das heute eher so:

Deutschland hat nicht plötzlich aufgehört, formale Qualifikationen wichtig zu finden. Einige Unternehmen beginnen vielmehr zu erkennen, dass sie möglicherweise gerade die fähigsten Menschen aussortieren, wenn sie weiterhin mit den Filtern der alten Arbeitswelt nach Mitarbeitern für eine neue Arbeitswelt suchen.

Genau diese Veränderung finde ich wirklich interessant.

Denn ein Abschluss war nie dasselbe wie Fähigkeit.

Er war über lange Zeit einfach eine der zuverlässigsten, praktischsten und kostengünstigsten Möglichkeiten, Fähigkeiten einzuschätzen.

Doch je leichter Wissen zugänglich wird und je mehr unterschiedliche Wege es gibt, etwas tatsächlich zu lernen, desto stärker verschiebt sich die entscheidende Frage von:

„Wo hast du das gelernt?“

zu:

„Was kannst du wirklich?“

Und vielleicht kommt irgendwann noch eine weitere Frage dazu:

„Wenn als Nächstes etwas auftaucht, das du noch nicht kannst – bist du in der Lage, es zu lernen?“

Wenn Wissen nicht mehr so knapp ist wie früher, werden Abschlüsse deshalb nicht verschwinden.

Aber vielleicht ist tatsächlich der Zeitpunkt gekommen, noch einmal neu zu fragen, was sie eigentlich beweisen.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 当知识不再稀缺,证书究竟还在证明什么?

Englische Version: When Knowledge Is No Longer Scarce, What Do Credentials Still Prove?

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