Von Jane Sonnenschein · 26. April 2026

Heute bin ich auf Xiaohongshu (einer chinesischen Lifestyle- und Social-Media-Plattform, die häufig mit einer Mischung aus Instagram und Pinterest verglichen wird) auf einen interessanten Beitrag gestoßen.

Darin hieß es, dass das KI-Zeitalter, in dem wir heute leben, erstaunlich viel mit der Zeit um 1890 gemeinsam habe – also mit jener Phase, in der Elektrizität gerade begann, in den Alltag und die Gesellschaft einzuziehen.

Im ersten Moment fand ich diesen Vergleich etwas übertrieben.

Das eine ist künstliche Intelligenz, das andere Elektrizität. Das eine geschieht heute, das andere geschah vor mehr als hundert Jahren. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto passender erschien mir dieser Vergleich.

Denn was die Welt wirklich verändert, ist oft nicht der Augenblick, in dem eine neue Technologie erfunden wird. Die eigentliche Veränderung beginnt erst dann, wenn sie nach und nach in das gesamte Produktionssystem eingebaut wird und dadurch bestehende Arbeitsweisen, Berufe, Unternehmen, Städte und Lebensformen neu organisiert.

Als die ersten elektrischen Lampen auftauchten, dachten die Menschen vielleicht zunächst nur: Jetzt brauchen wir keine Öllampen mehr.

Doch was die Welt später wirklich veränderte, war nicht eine einzelne Glühbirne. Es waren Stromnetze, Fabriken, Fließbänder, Produktion bei Nacht, moderne Städte und eine völlig neue Art, industrielle Arbeit zu organisieren.

Bei KI ist es heute ähnlich.

Viele Menschen betrachten sie noch immer vor allem als Werkzeug: Sie lassen damit einen Werbetext schreiben, ein Bild erzeugen, einen Artikel übersetzen oder Informationen ordnen.

Aber genau darin liegt nicht das eigentlich Beunruhigende.

Beunruhigend wird es dann, wenn KI eines Tages nicht mehr nur bei einzelnen Aufgaben hilft, sondern in den gesamten Arbeitsablauf eingebaut ist.

Dann könnten die ersten Menschen, die wirklich unruhig werden, gar nicht unbedingt diejenigen sein, die körperlich arbeiten. Es könnten vielmehr jene sein, die in Büros sitzen und bisher glaubten, mit ihren Fachkenntnissen einen sicheren Platz in der Mitte der Arbeitswelt gefunden zu haben.

Ich habe einen Freund, der Medientechnik studiert hat und seit vielen Jahren in einem Unternehmen im Bereich Werbung arbeitet. Er verdient nicht schlecht, lebt allein in Deutschland, hat keine Familie zu versorgen und auch keine besonders hohe Miete. Eigentlich ist das eine stabile Stelle, um die ihn viele Menschen beneiden würden.

Doch schon vor einigen Jahren begann er immer wieder darüber nachzudenken, ob er kündigen und eine Ausbildung in der Pflege machen sollte.

Am Anfang konnte ich das nicht so recht verstehen.

Aus einer ganz normalen Sicht hatte er doch bereits einen guten Job. Er machte ihn seit vielen Jahren, sein Einkommen war stabil, und die Arbeit war auch nicht besonders anstrengend. Warum sollte er plötzlich in einen Beruf wechseln, der so viel belastender ist?

Heute kann ich seine Unsicherheit viel besser nachvollziehen.

Wovor er wirklich Angst hat, ist nicht, eines Morgens aufzuwachen und von seiner Firma zu hören: „Du brauchst nicht mehr zu kommen. Die KI hat dich vollständig ersetzt.“

Was ihn beunruhigt, ist vielmehr das Gefühl, dass die Branche, in der er arbeitet, in Zukunft Schritt für Schritt durch KI umgebaut werden wird.

Und so ein Umbau passiert nicht von heute auf morgen.

Am Anfang sieht es vielleicht nur so aus: KI hilft dabei, einen Werbetext zu schreiben, ein paar Überschriften zu finden, ein Konzept zu strukturieren, einige Bilder zu erstellen oder eine erste Analyse zu machen.

Es wirkt zunächst einfach nur effizienter.

Doch wenn diese Werkzeuge immer leistungsfähiger werden und immer mehr einzelne Schritte miteinander verbunden sind, verändert sich die Sache.

Früher brauchte eine Werbeagentur vielleicht unterschiedliche Menschen für Texte, visuelle Gestaltung, Videos, Daten, SEO, Werbeschaltung und Kundenpräsentationen. Jeder hatte seinen kleinen spezialisierten Bereich, fast wie einen eigenen Platz am Fließband des Industriezeitalters.

Mit der Weiterentwicklung von KI könnten viele dieser Aufgabengebiete wieder stärker zusammenrücken.

Eine Person, die das Geschäft versteht, ein gutes Gespür für Gestaltung hat und Ergebnisse beurteilen kann, könnte mit einer Reihe von KI-Werkzeugen möglicherweise Aufgaben übernehmen, für die früher mehrere Menschen zusammenarbeiten mussten.

Die Menschen werden dadurch nicht unbedingt vollständig verschwinden. Aber vielleicht werden weniger von ihnen gebraucht, und auch die Fähigkeiten, auf die es ankommt, werden sich verändern.

Genau darin liegt das eigentlich Beunruhigende.

Was KI besonders gut kann, ist nicht Mauern hochzuziehen, Teller zu tragen oder ältere Menschen im Bett umzudrehen und zu waschen. Zumindest im Moment liegt ihre große Stärke vor allem darin, Informationen zu verarbeiten.

Und sehr viele Bürojobs bestehen im Kern genau daraus.

Informationen suchen und ordnen, das Wichtigste herausarbeiten, erste Entwürfe schreiben, Überschriften überarbeiten, Konzepte erstellen, übersetzen, formatieren, PowerPoint-Präsentationen bauen, Bilder erzeugen, einfache Daten auswerten und Berichte erstellen.

Früher mussten Menschen all diese Dinge Schritt für Schritt erledigen, weil das menschliche Gehirn und die menschlichen Hände selbst die Produktionsmittel waren.

Heute ist KI bei vielen dieser Aufgaben unglaublich schnell.

Wenn ein Mensch ein Dokument liest, braucht das Zeit, egal wie schnell er lesen kann. Selbst wer sehr schnell erfasst, kann nicht innerhalb weniger Sekunden ein umfangreiches Material überfliegen und gleichzeitig die wichtigsten Punkte, die Struktur und mögliche logische Probleme herausarbeiten.

KI kann das.

Das bedeutet nicht, dass KI niemals Fehler macht oder grundsätzlich besser urteilen kann als ein Mensch. Natürlich macht sie Fehler, und Menschen müssen ihre Ergebnisse kontrollieren.

Aber bei einer großen Zahl standardisierter Aufgaben der Informationsverarbeitung sind ihre Vorteile bei Geschwindigkeit und Kosten einfach zu deutlich.

Deshalb könnten in Zukunft gerade diejenigen besonders gefährdet sein, die bisher von einer Art „standardisierter Wissensarbeit“ gelebt haben.

Sie haben eine Ausbildung oder ein Studium gemacht, wurden eingearbeitet, sind in Unternehmen gegangen und haben die Fähigkeiten gelernt, die für eine bestimmte Stelle gebraucht wurden. Doch wenn genau diese Fähigkeiten von KI in einzelne Schritte zerlegt, reproduziert und automatisiert werden können, wird auch die Sicherheit, die man mit diesem Beruf verbunden hat, immer brüchiger.

Das ist einer der Gründe, warum immer mehr Menschen unruhig werden.

Früher galt körperliche Arbeit als hart, wenig angesehen und unsicher. Heute zeigt sich dagegen, dass manche Berufe, bei denen ein Mensch körperlich anwesend sein und mit realen Menschen in realen Situationen umgehen muss, kurzfristig womöglich gar nicht so leicht zu ersetzen sind.

Pflege zum Beispiel.

Pflege ist anstrengend. Sie belastet den Körper und auch emotional kann sie sehr fordernd sein. Ich möchte diesen Beruf überhaupt nicht romantisieren.

Aber Pflege hat eine Besonderheit: Sie besteht nicht einfach nur aus Informationsverarbeitung.

Man hat es mit konkreten Menschen, konkreten Körpern, konkreten Gefühlen und unvorhersehbaren Situationen zu tun. Ein älterer Mensch ist an einem Tag plötzlich nicht in seinem normalen Zustand. Ein Patient reagiert unerwartet. Ein Kind weint. In einer Familie gibt es komplizierte Kommunikationsprobleme.

Solche Situationen lassen sich nur schwer vollständig an KI übergeben.

Deshalb ist der Gedanke meines Freundes, in die Pflege zu wechseln, eigentlich gar nicht so abwegig.

Vielleicht hätte er selbst nie den Satz formuliert: „KI wird die Arbeitsabläufe der Wissensarbeit neu strukturieren.“ Aber möglicherweise hat er die Veränderung bereits gespürt, bevor er sie genau benennen konnte: Im Büro zu sitzen und Inhalte, Werbung oder Medientechnik zu machen, wirkt zwar angenehm und angesehen, muss aber in Zukunft nicht unbedingt sicher sein.

Und ich vermute, dass diese Art von Unsicherheit immer verbreiteter werden wird.

Denn vieles von dem, was unsere Generation gelernt hat, zielte letztlich darauf ab, Menschen zu Fachkräften auszubilden, die bestimmte Aufgaben zuverlässig ausführen können.

Man kann schreiben.

Man kann PowerPoint-Präsentationen erstellen.

Man kann mit Tabellen arbeiten.

Man kann einfache Designs gestalten.

Man kann Inhalte für Webseiten optimieren.

Man kann Werbematerial erstellen.

Man kann E-Mails und Berichte schreiben und Zusammenfassungen verfassen.

All diese Fähigkeiten waren im Industriezeitalter und auch im Internetzeitalter sehr nützlich.

Aber die eigentliche Frage im KI-Zeitalter lautet: Was bleibt für den Menschen übrig, wenn Maschinen einen großen Teil dieser ausführenden Aufgaben übernehmen können?

Darauf gibt es keine einfache Antwort.

Wirklich wertvoll könnten in Zukunft nicht mehr nur diejenigen sein, die wissen, wie man einen bestimmten Arbeitsschritt erledigt. Wichtiger werden vielleicht Menschen, die verstehen, wie ein ganzer Prozess aufgebaut werden sollte, woran man ein gutes Ergebnis erkennt, wo Risiken liegen, wann eine KI Unsinn erzählt und welchem eigentlichen Zweck eine Aufgabe dient.

Das bedeutet: Menschen müssen sich langsam von reinen Ausführenden zu Urteilenden, Koordinierenden, Prozessgestaltern und denjenigen entwickeln, die am Ende Verantwortung übernehmen.

Aber dieser Schritt ist nicht einfach.

Nicht jeder, der sehr gut darin ist, bestimmte Aufgaben auszuführen, kann automatisch zu jemandem werden, der einen gesamten Ablauf gestaltet. Bei vielen Menschen besteht die bisherige Berufserfahrung vor allem darin, einzelne Arbeitsschritte immer sicherer und routinierter zu erledigen.

Wenn KI genau diese Schritte übernimmt, kann plötzlich sichtbar werden, dass Fähigkeiten, die man selbst lange für sehr stabil und wertvoll hielt, neu bewertet werden.

Das ist eine der härtesten Seiten des KI-Zeitalters.

Die entscheidende Frage lautet nicht einfach:

„Kannst du KI benutzen?“

Sondern:

Wenn KI einen großen Teil der Aufgaben übernehmen kann, von denen du bisher gelebt hast – kannst du dann eine Ebene höher gehen?

Kannst du gute Fragen stellen?

Kannst du beurteilen, ob eine Antwort wirklich gut ist?

Kannst du logische Lücken erkennen?

Kannst du mehrere Werkzeuge sinnvoll miteinander verbinden?

Kannst du am Ende die Verantwortung für das Ergebnis übernehmen?

Wenn nicht, könnte deine Position gefährdet sein.

Deshalb glaube ich inzwischen immer stärker, dass die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt möglicherweise nicht zuerst diejenigen ganz unten treffen werden, sondern Menschen in der Mitte, die bisher glaubten, sich durch Wissen und berufliche Fähigkeiten eine stabile Position aufgebaut zu haben.

Genau deshalb stößt auch die Vorstellung, dass „die Menschen in den Bürozellen zuerst unruhig werden“, bei so vielen auf Resonanz.

Denn viele spüren diese Veränderung längst.

Sie gehen weiterhin jeden Tag zur Arbeit. Ihr Gehalt kommt noch. Das Unternehmen existiert noch, und ihre Stelle wurde auch noch nicht gestrichen.

Aber irgendwo in ihnen ist längst angekommen, dass sich die Richtung verändert hat.

Früher konnte man eine berufliche Fähigkeit lernen und viele Jahre davon leben.

Heute wird dieser Zeitraum immer kürzer.

Früher veränderten sich Branchen langsam und mit ihnen auch die Berufe.

Heute entwickelt sich ein Werkzeug innerhalb weniger Monate weiter, und innerhalb eines Jahres kann sich die Art, wie bestimmte Arbeit gemacht wird, grundlegend verändern.

Das macht es sehr schwer, sich wirklich sicher zu fühlen.

Trotzdem glaube ich nicht, dass Menschen dadurch an Wert verlieren werden.

Im Gegenteil. Je leistungsfähiger KI wird, desto wichtiger werden echtes menschliches Urteilsvermögen, Erfahrung, ästhetisches Gespür, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, komplizierte Situationen zu verstehen.

Aber nur dann, wenn Menschen nicht auf der Ebene stehen bleiben: „Ich weiß, wie man diesen einen Schritt erledigt.“

Wenn du nur einen gewöhnlichen Werbetext schreiben kannst, kann KI das auch.

Wenn du nur Informationen ordnen kannst, ist KI schneller.

Wenn du nur eine einfache PowerPoint-Präsentation erstellen kannst, kann KI das ebenfalls.

Und wenn deine Arbeit im Wesentlichen darin besteht, Informationen von einem Format in ein anderes zu übertragen, wird genau diese Art von Arbeit früher oder später schrumpfen.

Viel schwerer zu ersetzen ist etwas anderes: zu wissen, warum dieser Text überhaupt geschrieben werden soll, für wen er gedacht ist, welches geschäftliche Ziel dahintersteht, an welcher Stelle man nicht übertreiben darf, wo die Sprache menschlich bleiben muss, was auf einer Plattform gut funktioniert und was langfristig einer Marke schaden könnte.

Genau dort liegt die Rolle des Menschen.

Vielleicht besteht die eigentliche Fähigkeit, die wir im KI-Zeitalter lernen müssen, also nicht darin, „wie ich KI dazu bringe, einen Satz für mich zu schreiben“.

Es geht vielmehr darum, KI in die eigenen Arbeitsabläufe einzubauen, ohne dabei das eigene Urteil abzugeben.

Das könnte etwas sein, das in Zukunft sehr viele Menschen lernen müssen.

Nicht mit KI darum zu konkurrieren, wer schneller ist,

sondern zu lernen, über den Werkzeugen zu stehen, sie sinnvoll einzusetzen und die eigene Rolle in der Arbeit neu zu definieren.

Andernfalls könnten gerade die Bürojobs, die heute besonders ordentlich, stabil und angesehen wirken, als Erste die Kälte dieses Wandels spüren.

Denn KI verändert zunächst nicht die körperliche Arbeit des Menschen.

Sie verändert seine Informationsarbeit.

Und in den vergangenen Jahrzehnten haben sich sehr viele Menschen gerade durch diese Art von Arbeit einen Platz in der gesellschaftlichen Mitte aufgebaut.

Genau deshalb lohnt es sich, diese Veränderung ernst zu nehmen.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 我们现在,可能正活在 AI 版的 1890 年

Englische Version: We May Be Living Through the AI Version of 1890

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