A warm literary scene with an open book on a wooden desk, a quiet European city view outside the window, and a peaceful atmosphere symbolizing chance encounters, fate, and reflection.

Von Jane Sonnenschein Erster Entwurf: 16. März 2026 · Überarbeitet: 16. Juni 2026

Vor ein paar Tagen schrieb ich einen Artikel darüber, warum sich der chinesische Begriff Yuanfen¹ so schwer ins Deutsche übersetzen lässt. Nachdem ich ihn veröffentlicht hatte, meldeten sich in den Kommentaren einige Leserinnen und Leser mit ihren eigenen, sehr ernst gemeinten Überlegungen dazu.

Jemand nannte Schicksal, was eher in Richtung „fate“ geht. Andere schlugen Fügung vor, weil darin stärker dieses Gefühl einer unsichtbaren Ordnung oder eines geheimnisvollen Arrangements mitschwingt. Wieder andere dachten an Verbindung, aber das klingt zu neutral, fast wie eine abstrakte Beziehung zwischen zwei Dingen. Auch Karma wurde genannt, doch dieses Wort ist religiös viel stärker aufgeladen und betont eher Ursache und Wirkung, karmische Folgen und die Kette zwischen Handlungen und ihren Konsequenzen. Sogar Vorausbestimmung kam ins Spiel – aber das klingt zu sehr danach, als sei alles schon im Voraus festgelegt. Zu viel Schicksal, zu wenig Offenheit. Irgendetwas fehlte immer.

Vielleicht gerade deshalb, weil keine Übersetzung wirklich passte, wurde am Ende sogar die Leserin oder der Leser, die oder der diesen Begriff ursprünglich ins Gespräch gebracht hatte, ein wenig ungeduldig und schrieb sinngemäß: Wenn man Yuanfen künftig übersetzen müsse, könne man die Stelle eigentlich einfach leer lassen und in Klammern dazuschreiben: „Das Wort hat kein Gegenstück im Deutschen.“ Dann wäre die Sache wenigstens unkompliziert erledigt.

Als ich das las, musste ich zugleich lachen und den Kopf schütteln. Ich antwortete nur: Ganz so weit müssen wir vielleicht doch nicht gehen. Beim nächsten Mal kann man immer noch schauen, welches deutsche Wort im jeweiligen Zusammenhang am ehesten passt.

Aber obwohl all diese Wörter jeweils einen Teil der Bedeutung berühren, scheinen sie nie ganz an den tiefsten Kern von Yuanfen heranzukommen. Denn im Chinesischen ist dieser Begriff sehr fein. Natürlich steckt darin ein Hauch von Schicksal, aber nicht so viel, dass alles längst geschrieben wäre. Da ist der Zufall einer Begegnung, etwas, das Menschen zueinanderzieht, und zugleich eine kaum greifbare Nähe, die man nicht recht erklären kann. Es ist keine kalte Vorherbestimmung und auch kein starres Schicksalsdenken. Eher entsteht aus vielen kleinen Zufällen, die sich irgendwann übereinanderlegen, langsam eine Bedeutung.

Bis ich den letzten Kommentar las.

Darin schrieb jemand, dass man Yuanfen vielleicht besser verstehen könne, wenn man es vor dem buddhistischen Hintergrund von Yuanqi² betrachtet. Vielleicht komme eine Formulierung wie Zusammentreffen von Bedingungen dem Gefühl sogar näher: Menschen begegnen sich, weil sich unter zufälligen Umständen bestimmte Bedingungen treffen und zusammenfügen.

In genau diesem Moment musste ich plötzlich an den Eindruck denken, den Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins vor zwanzig Jahren bei mir hinterlassen hatte – besonders an die „sechs Zufälle“ im Buch.

Je länger ich darüber nachdachte, desto stärker hatte ich das Gefühl, dass genau darin das liegt, was Yuanfen so schwer übersetzbar und zugleich so berührend macht. Niemand hat es vorher festgelegt. Niemand hat Schritt für Schritt geplant, dass alles genau hierhin führen würde. Es ist eher eine Reihe von Einzelheiten, die sich eigentlich nie hätten treffen müssen und die doch in einem bestimmten Moment plötzlich alle zusammenkommen.

Gerade weil nichts davon zwingend war, entsteht, wenn all diese Dinge tatsächlich gleichzeitig geschehen, manchmal dieses seltsame Gefühl: Vielleicht war das doch nicht nur Zufall.

Vielleicht kommt genau das Yuanfen am nächsten.

Als ich jung war, liebte ich Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins besonders.

Als ich das Buch zum ersten Mal las, begriff ich, dass man einen Roman offenbar auch so schreiben konnte. Man musste nicht ordentlich von Anfang bis Ende eine Geschichte erzählen, die Figuren brav von einem Punkt zum nächsten führen oder jede Emotion und jeden Gedanken vollständig erklären. Ein Roman durfte springen und treiben. Er konnte erzählen und gleichzeitig nachdenken. Und aus einem einzigen Satz konnte plötzlich etwas entstehen, das sich wie ein Gefühl von Schicksal anfühlte, ohne dass man genau sagen konnte, was es eigentlich war.

Damals war ich noch sehr jung. Von einem wirklichen „Verstehen“ Kunderas konnte eigentlich keine Rede sein. Ich wurde einfach von einem starken Gefühl getroffen. Ich konnte es nicht benennen, wusste nur, dass ich dieses Buch mochte. Sehr sogar. So sehr, dass ich selbst Romane auf diese Weise schreiben wollte.

Später schrieb ich meinen ersten halbwegs gelungenen literarischen Text. Er hieß Kann man Buddha werden, wenn man die Hacke aus der Hand legt? und war wohl eher eine längere Erzählung. Ich schrieb ihn in diesem springenden, ein wenig vom Bewusstseinsstrom geprägten Stil. Danach wurde er in einer Zeitschrift meiner Universität veröffentlicht. Mein Vater las ihn und sagte: „Du schreibst wirklich sehr gut. Aber ich habe nicht verstanden, was du eigentlich erzählen willst.“

Heute denke ich: Diese Einschätzung war ziemlich treffend.

Denn schon damals mochte ich eigentlich gar nicht besonders die Art von Text, die alles klar und ordentlich erklärt. Mich zog etwas anderes an: diese Sprünge im Denken, das Fließen des Bewusstseins, die Fähigkeit, sich nicht ständig darum zu bemühen, etwas auszuerklären, und trotzdem ein ganz feines Gefühl plötzlich direkt ins Herz zu bringen. Diese Art von Schreiben geht nicht geradeaus. Sie macht einen Umweg, treibt ein Stück davon, entfernt sich und landet dann plötzlich wieder genau dort, wo sie hinwollte.

Als ich jung war, liebte ich das ganz instinktiv. Ich wusste nur nicht, warum es mich so stark anzog.

Zwanzig Jahre später begann ich langsam zu verstehen, dass ich damals wahrscheinlich nicht nur Kunderas „Stil“ mochte und auch nicht nur Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins als Buch. Er schrieb vielmehr über etwas, das ich selbst schon sehr früh undeutlich gespürt hatte, aber nie in Worte fassen konnte: diese verschwommene, schwer festzulegende Beziehung zwischen Zufall und Schicksal.

Ich erinnere mich noch immer an die Stellen über den Zufall.

Damals war ich wahrscheinlich zu jung, um ihre ganze Bedeutung wirklich zu erfassen. Aber das Gefühl, das sie in mir auslösten, blieb. Offenbar müssen Begegnungen zwischen Menschen nicht aus einer großen Schicksalsordnung entstehen. Es muss auch keine unsichtbare Hand geben, die längst im Voraus alles arrangiert hat. Oft ist das, was wir später als Schicksal empfinden, nichts anderes als mehrere kleine, verstreute Zufälle, die ursprünglich überhaupt nichts miteinander zu tun hatten und sich dann ausgerechnet im selben Moment überlagern.

Für sich genommen ist keiner davon besonders wichtig. Aber sobald sie gleichzeitig zusammenkommen, entsteht plötzlich etwas, das sich kaum erklären lässt – fast so, als hätte es im Hintergrund doch irgendeine Ordnung gegeben.

Vielleicht liegt genau darin das, was Yuanfen so schwer erklärbar und zugleich so berührend macht: Viele Zufälle, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, versammeln sich plötzlich im selben Moment. Und daraus entsteht eine Bedeutung, die man nicht recht erklären kann, als hätte im Hintergrund tatsächlich eine unsichtbare Hand ganz leicht nachgeholfen.

Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich selbst einmal einen solchen Moment erlebt.

Eigentlich war alles anders geplant gewesen. Die Zeit stand fest, der Ort auch, ebenso das, was ich tun wollte. Doch dann kam es wegen eines kleinen Konflikts, der auch mit meinem eigenen Charakter zu tun hatte, dazu, dass ich früher ging als vorgesehen. Zufällig waren gerade Ferien, das Studentenwohnheim war leer, und ich wusste nicht, wohin ich sonst sollte. Und ebenso zufällig war die andere Person an diesem Tag nicht weggegangen, sondern allein zu Hause.

So kam es durch eine ganze Reihe scheinbar unbedeutender Abweichungen zu einer Begegnung, die ursprünglich überhaupt nicht hätte stattfinden sollen.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, denke ich oft, dass vieles von dem, was wir später Yuanfen nennen, vielleicht genau so entsteht. Niemand hat es entworfen. Niemand wusste vorher, dass es passieren würde. All die Dinge, die außerhalb unserer eigentlichen Pläne lagen, kamen plötzlich in einem einzigen Moment zusammen.

Erst heute wird mir klar: Ist das nicht genau der Grund, warum mich das Wort Yuanfen später immer wieder berührt hat?

Es ist nicht nur deshalb so bewegend, weil darin ein wenig Schicksal steckt. Es lässt uns vielmehr spüren, dass manche kaum erklärbaren Annäherungen zwischen Menschen vielleicht doch mehr sind als ein einfaches „Zufällig passiert“ – und trotzdem nicht gleich bedeuten müssen, dass alles unverrückbar vorherbestimmt war.

Vielleicht stapelt das Leben einfach viele kleine Zufälle still übereinander, bis daraus etwas entsteht, das beinahe wie Schicksal wirkt. Man kann kaum sagen, wo es eigentlich angefangen hat. Man kann auch nicht beweisen, ob irgendetwas davon „vorgesehen“ war. Aber es ist geschehen. Und wenn man viele Jahre später zurückblickt, fühlt es sich manchmal nicht mehr wie bloßer Zufall an.

Ich glaube, genau das mochte ich damals an Kundera.

Nicht die Antwort, sondern dieses Gefühl, das sich nie völlig festlegen lässt. Nicht das Ergebnis, sondern etwas, das leicht in der Schwebe bleibt. Nicht das Bedürfnis, alles sauber in Schwarz und Weiß zu trennen, sondern die Bereitschaft anzuerkennen, dass so vieles im Leben irgendwo dazwischen liegt: zwischen Zufall und Schicksal, Leichtigkeit und Schwere, eigener Entscheidung und dem Gefühl, von etwas mitbewegt zu werden.

Zum Beispiel dieser deutsche Satz:

Einmal ist keinmal.

Was nur einmal geschieht, ist beinahe so, als wäre es nie geschehen.

Diesen Satz habe ich all die Jahre nicht vergessen. Er ist so kurz wie ein Schlag, und gleichzeitig trägt er ein Gewicht in sich, das sich nur schwer erklären lässt. Als ich jung war, verstand ich wahrscheinlich gar nicht wirklich, was er bedeutete. Ich spürte nur instinktiv, dass darin etwas sehr Tiefes, sehr Kaltes und sehr Wahres lag.

Erst viel später, als ich wieder darüber nachdachte, begann ich zu verstehen, was mich daran vielleicht so berührt hatte: diese Trostlosigkeit, die darin liegt, dass ein menschliches Leben nicht wiederholbar ist. Viele Dinge lassen sich deshalb nicht vergleichen. Man kann nicht überprüfen, wie es anders gewesen wäre.

Irgendwann merkte ich auch, dass mich nicht nur das Thema des Zufalls getroffen hatte, sondern ebenso diese extrem kurzen, harten Sätze bei Kundera, die sich anhören, als würde das Schicksal selbst einen Hammer fallen lassen.

Da ist zum Beispiel noch:

Es muss sein.

Es kann nicht anders sein.

Auch das ist so ein Satz. Kurz, hart, schwer. Sobald er fällt, braucht es kaum noch eine Erklärung. Man spürt unmittelbar seine Kraft. Es ist keine sanfte, beruhigende Kraft, sondern eher so etwas wie ein Hammerschlag des Schicksals: Die Dinge sind nun an diesem Punkt angekommen. So viel man auch noch zweifelt oder argumentiert – daran lässt sich nichts mehr ändern.

Später kaufte ich verschiedene Ausgaben des Buches. Eine chinesische, eine deutsche, eine englische.

Und doch ist es seltsam: Den tiefsten Eindruck hinterließ bei mir die deutsche Fassung.

Nicht, weil mein Deutsch damals besonders gut gewesen wäre. Im Gegenteil, ich verstand längst nicht alles. Aber manche Sätze bekommen im Deutschen eine Schwere und Härte, die sich für mich anders anfühlt als in anderen Sprachen. Fast wie ein Stein, der ins Innere fällt.

Ich habe das Buch auch auf Englisch gelesen. Es ist nicht so, dass die englische Sprache schlechter wäre. Sie traf mich nur nicht auf dieselbe Weise. Deutsch dagegen schon. Manche deutschen Wörter, manche Sätze prägten sich mir damals ein. Und zwanzig Jahre später konnte ich mich noch immer an ihr Gewicht erinnern.

Erst heute verstehe ich, dass literarisches Lesen nie nur eine Frage davon ist, ob man etwas „verstanden“ hat.

Manchmal trifft einen ein Buch in jungen Jahren nicht deshalb so stark, weil man es bereits wirklich begreift. Vielleicht berührt einfach etwas darin genau den Teil in einem selbst, für den man noch keinen Namen hat.

Das kann Verwirrung sein, Verlust, Einsamkeit, ein schwer erklärbares Heimweh oder eine Empfindlichkeit für Zufall und Schicksal, die man selbst noch gar nicht versteht. Man kann damals vielleicht nicht erklären, was da passiert. Aber man vergisst es nicht. Man erinnert sich an dieses Gefühl, getroffen worden zu sein – als hätte plötzlich ein sehr schmaler Lichtstrahl genau auf einen selbst geleuchtet.

So liebte ich Kundera, als ich jung war.

Nicht weil ich ihn „verstanden“ hätte, sondern weil mich etwas in seinen Büchern getroffen hatte. Nicht weil ich alles analysiert und begriffen hätte, sondern weil ein Teil in mir ihn erkannte, noch bevor mein Verstand es konnte.

Deshalb kann ich heute, so viele Jahre später, endlich sagen: Ich liebte Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins damals nicht nur, weil es gut geschrieben war, und auch nicht nur, weil es ein berühmtes Buch war.

Es zeigte mir zum ersten Mal, dass die Dinge, die uns im Leben am tiefsten im Gedächtnis bleiben, nicht immer aus dramatischen großen Ereignissen entstehen. Oft sind es gerade eine Reihe kleiner Zufälle. Ein sehr kurzer, aber schwerer Satz. Eine kaum erklärbare Mischung aus Leichtigkeit und Schwere. Eine Erschütterung, die man als junger Mensch nicht erklären kann und an die man sich trotzdem Jahrzehnte später noch erinnert.

Zwanzig Jahre später verstand ich endlich, warum ich Milan Kundera damals so sehr liebte.

Weil er Dinge geschrieben hatte, die ich damals nur fühlen, aber noch nicht sagen konnte.

Und ich brauchte danach noch sehr, sehr viele Jahre meines Lebens, um diese Dinge langsam zu erkennen.

────────────────────────────────

Anmerkungen

1. Yuanfen (缘分)
Yuanfen bezeichnet eine chinesische Vorstellung von einer besonderen Verbindung, die durch Begegnungen, den richtigen Zeitpunkt und das Zusammentreffen verschiedener Umstände entsteht. Der Begriff wird häufig für Liebe, Freundschaft und andere bedeutsame menschliche Begegnungen verwendet. Er lässt sich weder mit Schicksal noch mit Fügung, Zufall oder Bestimmung vollständig wiedergeben. Anders als eine starre Vorstellung von Vorherbestimmung enthält Yuanfen oft gerade das Gefühl, dass mehrere nicht planbare Bedingungen zusammenkommen und dadurch eine Beziehung oder Begegnung eine besondere Bedeutung erhält.

2. Yuanqi (缘起)
Yuanqi ist ein Begriff mit buddhistischem Hintergrund. Gemeint ist, dass Dinge nicht unabhängig und aus sich selbst heraus entstehen, sondern durch das Zusammenwirken verschiedener Ursachen und Bedingungen. In der chinesischen Sprache und Kultur hat diese Vorstellung auch die Art beeinflusst, wie über Begegnungen, Beziehungen und Veränderungen gesprochen wird: Etwas entsteht, weil bestimmte Bedingungen zusammenkommen, und kann sich verändern oder vergehen, wenn sich diese Bedingungen wieder verändern.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 我二十年后才明白,自己当年为什么那么喜欢米兰·昆德拉

Englische Version: Twenty Years Later, I Finally Understood Why I Loved Milan Kundera So Much

Leave a comment