Von Jane Sonnenschein · 14. März 2026
Kurz vor dem Schlafengehen bin ich auf Xiaohongshu (einer chinesischen Lifestyle- und Social-Media-Plattform, die häufig mit einer Mischung aus Instagram und Pinterest verglichen wird) auf ein interessantes Video gestoßen.
Eine deutsche Bloggerin, die Chinesisch spricht, redete darin auf Deutsch und mischte immer wieder chinesische Wörter ein. Irgendwann erwähnte sie den chinesischen Begriff Yuanfen¹ und fragte: Wie könnte man dieses Wort auf Deutsch übersetzen?
Ihre Antwort war: Schicksal.
In den Kommentaren wurde sofort lebhaft diskutiert.
Einige schrieben, das sei nicht ganz richtig. Schicksal entspreche eher dem chinesischen Wort für „Schicksal“ oder „Bestimmung“, während Yuanfen etwas anderes bedeute.
Darunter fragte jemand weiter: Und wie würde man dann Youyuan wufen² übersetzen?
Eine Antwort darauf fand ich besonders lustig: Dann eben Schicksal.
Nachdem ich das Video zu Ende gesehen hatte, dachte ich plötzlich: Eigentlich ist das ein unglaublich interessantes Thema.
Oberflächlich betrachtet geht es nur darum, wie man ein bestimmtes Wort übersetzt. Aber wenn man ein wenig weiter darüber nachdenkt, merkt man, dass das wirklich Schwierige gar nicht die Sprache selbst ist. Schwierig zu übersetzen ist vielmehr das ganze Bündel aus Gefühlen, Erfahrungen und Vorstellungen vom Leben, das in einem solchen Wort steckt.
Natürlich findet man für viele Wörter in einer anderen Sprache etwas, das ungefähr dasselbe bedeutet.
Doch sobald man versucht, die Bedeutung wirklich vollständig auszudrücken, merkt man: Inhaltlich scheint es ähnlich zu sein, aber das Gefühl dahinter ist doch deutlich anders.
Yuanfen ist wahrscheinlich genau so ein Wort.
Viele würden es spontan mit Schicksal übersetzen.
Das ist nicht völlig falsch, und trotzdem fehlt etwas.
Denn Schicksal klingt im Deutschen für mich schwerer. Es wirkt eher wie etwas, das bereits geschehen ist, etwas, dessen Ausgang im Grunde schon feststeht.
Das Wort trägt etwas Endgültiges in sich, manchmal sogar einen Hauch von Hilflosigkeit: Es ist nun einmal so gekommen, und man kann nichts mehr daran ändern.
Es erinnert mich an den deutschen Satz, der in Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins vorkommt:
Es muss sein.
Es muss so sein.
Dieses Gefühl ist nicht dieses leichte, kaum sichtbare Ziehen, das man beim Zusammentreffen zweier Menschen spürt. Es ist eher das Gefühl, das sich erst im Rückblick einstellt: Die Dinge sind nun einmal bis hierher gekommen. Es konnte vielleicht gar nicht anders sein.
Aber das chinesische Yuanfen ist nicht so hart.
In dem Wort steckt durchaus etwas Schicksalhaftes.
Doch es ist nicht dasselbe wie „Schicksal“.
Schicksal wirkt eher wie ein Ergebnis. Es ist schwerer und endgültiger, als wäre alles bereits entschieden. Das Schicksalhafte in Yuanfen dagegen ähnelt eher einer unsichtbaren und doch irgendwie spürbaren Kraft, die zwischen Menschen wirkt, wenn sie sich begegnen, einander näherkommen und ein Stück ihres Weges gemeinsam gehen.
Es ist dieses schwer erklärbare Gefühl hinter der Frage, warum gerade diese Menschen sich begegnen, warum sie sich näherkommen und warum sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens plötzlich voreinanderstehen.
Man kann nicht beweisen, dass es diese unsichtbare Verbindung wirklich gibt. Und trotzdem hat man manchmal das leise Gefühl, dass da tatsächlich etwas ist.
Genau das macht Yuanfen zu einem so besonderen Wort.
Es sagt nicht mit absoluter Gewissheit: Das war vorherbestimmt.
Es klingt eher wie: Manche Dinge werden vielleicht nicht vollständig von uns selbst entschieden. Und manche Menschen tauchen vielleicht nicht nur durch reinen Zufall in unserem Leben auf.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich immer das Gefühl hatte, dass in Yuanfen ein wenig Zen steckt.
Es ist ein sehr östlich geprägtes Wort.
Es stellt nicht so stark in den Mittelpunkt: „Ich habe diese Entscheidung getroffen.“ Und es versucht auch nicht, alles möglichst schnell auf eine klare Ursache und Wirkung zurückzuführen.
Es entspricht eher einer östlichen Art, das Leben zu empfinden: Man weiß, dass vieles nicht vollständig unter der eigenen Kontrolle steht. Man kann es nur erleben, spüren und irgendwann annehmen.
Fast so, als gäbe es im Leben tatsächlich etwas Unsichtbares, das einen weiterführt. Nicht unbedingt etwas Mystisches oder Religiöses. Aber etwas, das trotzdem da zu sein scheint.
Wem man begegnet, mit wem man ein Stück Weg gemeinsam geht, an wem man vorbeigeht und an welcher Stelle man selbst stehen bleibt – vieles davon lässt sich nicht eindeutig erklären. Und gleichzeitig spürt man manchmal, dass dahinter mehr steckt als nur: „Ich habe mich dafür entschieden.“
Vielleicht berührt mich das Wort Yuanfen gerade deshalb so sehr, weil es anerkennt, dass Menschen ihr Leben eben nicht vollständig kontrollieren können.
Darin liegt eine sehr östliche Form von Sanftheit: Nicht alles lässt sich bekommen. Nicht alles lässt sich festhalten. Nicht alles lässt sich erklären. Und trotzdem kann man irgendwann sagen: Wenn die Dinge nun einmal bis hierher gekommen sind, dann hat auch das vielleicht seinen eigenen Grund.
Vielleicht ist genau deshalb im Chinesischen ganz selbstverständlich die Wendung Youyuan wufen² entstanden.
Diese vier chinesischen Zeichen sind besonders schwer zu übersetzen.
Rein wörtlich scheint die Bedeutung zunächst gar nicht so kompliziert zu sein: Es gab Yuan, aber nicht Fen.
Schwierig ist vielmehr die sehr feine emotionale Struktur, die in diesen vier Zeichen steckt.
Es bedeutet nicht einfach: „Wir sind nicht zusammengekommen.“
Und man kann es auch nicht mit einem beiläufigen „Es hat eben nicht funktioniert“ abtun.
Youyuan wufen bedeutet oft nicht, dass zwei Menschen keine Gefühle füreinander hatten.
Es bedeutet auch nicht, dass sie sich nie wirklich nahegekommen sind.
Ganz im Gegenteil.
Oft sagt man damit: Wir sind uns tatsächlich begegnet. Wir sind uns nähergekommen. Wir sind ernsthaft ein Stück miteinander gegangen, vielleicht sogar sehr tief.
Nur ist aus dieser Beziehung am Ende kein vollständiges gemeinsames Ende geworden.
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr glaube ich, dass genau darin das Besondere an diesem Ausdruck liegt.
Es ist nicht so, dass kein Yuan da gewesen wäre. Diese Verbindung war da. Auch die Tiefe war da. Aber am Ende fehlte jenes Fen, das es den beiden ermöglicht hätte, den Weg bis zum Schluss gemeinsam zu gehen.
Deshalb steckt darin sowohl Bedauern als auch Akzeptanz, sowohl Verlust als auch eine gewisse Bereitschaft, sich dem Unveränderlichen zu fügen.
Nicht, dass es nicht wehgetan hätte. Aber irgendwann hat man so lange darunter gelitten, dass einem nur noch bleibt anzuerkennen: Manche Dinge lassen sich nicht allein dadurch festhalten, dass man es ehrlich und von Herzen will.
Meine Beziehung zu meinem früheren Partner fühlt sich im Rückblick sehr ähnlich an.
Wir waren zehn Jahre zusammen.
In diesen zehn Jahren waren wir im Grunde rund um die Uhr, sieben Tage die Woche miteinander verbunden. Wir haben zusammen gejobbt, zusammen studiert, gemeinsam eine Firma gegründet und unseren Alltag miteinander geteilt.
Diese Dichte war längst mehr als das, was man normalerweise meint, wenn man sagt: „Wir waren eine Zeit lang zusammen.“
Es fühlte sich eher so an, als hätten wir die gemeinsame Zeit, die viele andere Paare über ein ganzes Leben verteilen, schon im Voraus zusammengedrängt und in diesen zehn Jahren miteinander verbracht.
Später sagte irgendwann jemand – ich weiß heute nicht mehr, wer es war – sinngemäß zu uns:
„Ihr beiden habt die gemeinsame Zeit, die andere Ehepaare vielleicht über ein ganzes Leben haben, einfach schon vorher aufgebraucht.“
Als ich diesen Satz damals hörte, hat er etwas in mir berührt.
Denn plötzlich brachte er vieles von dem auf den Punkt, was ich selbst nie richtig hatte erklären können.
Natürlich gab es zwischen uns Yuanfen.
Ohne diese Verbindung wären wir uns nie so nahegekommen. Unsere Leben hätten sich auch nicht so tief miteinander verflochten.
Und trotzdem hatte ich am Ende immer stärker das Gefühl, dass sich unsere Geschichte nicht allein mit Yuanfen erklären ließ.
Da war noch etwas Größeres. Etwas, das im Rückblick eher wie „Schicksal“ wirkt – als hätte diese Beziehung von Anfang an eine bestimmte, fast vorgegebene Intensität in sich getragen und gleichzeitig schon eine Richtung, die irgendwann zur Trennung führen würde.
Deshalb lässt sie sich am Ende nicht mehr nur mit Yuanfen erklären.
Denn dann geht es nicht mehr nur um das überraschende Zusammentreffen zweier Menschen, sondern auch um das Gewicht ihres Endes.
Aber einfach „Schicksal“ kann ich es ebenfalls nicht nennen.
„Schicksal“ ist mir dafür zu groß und zu hart. Es klingt fast wie ein Hammer, der am Ende das endgültige Urteil fällt.
Youyuan wufen ist anders.
Dieser Ausdruck erlaubt einem anzuerkennen, dass diese Beziehung wirklich war. Dass auch diese Jahre wirklich waren. Dass zwei Menschen tatsächlich sehr tief in das Leben des anderen eingetreten sind.
Und gleichzeitig gibt er einem Worte dafür, zu akzeptieren, dass sie am Ende trotzdem nicht zusammengeblieben sind.
Deshalb empfinde ich Yuanfen und „Schicksal“ zwar als miteinander verwandt, aber eben nicht als dasselbe.
Yuanfen ist eher dieses unsichtbare Ziehen zwischen Menschen.
„Schicksal“ dagegen fühlt sich mehr nach einem größeren Zusammenhang an, nach einer Art übergeordnetem Verlauf und nach dem Gewicht des Endes.
Und Youyuan wufen ist eine besonders feine, sanfte und zugleich traurige chinesische Art, etwas auszudrücken: Wir sind uns begegnet. Unsere Gefühle waren echt. Wir sind einander sehr nahegekommen. Und trotzdem sind wir am Ende auseinandergegangen.
Wenn ich also zu dem Video vom Anfang zurückkehre: Warum hat man bei Yuanfen immer das Gefühl, dass es sich eigentlich gar nicht richtig übersetzen lässt?
Nicht, weil es im Deutschen kein Wort für „Schicksal“ gäbe.
Und auch nicht, weil Menschen außerhalb Chinas diese schwer erklärbaren Verbindungen zwischen Menschen grundsätzlich nicht verstehen könnten.
Das wirklich Schwierige ist, dass Yuanfen im Chinesischen nie nur eine einzelne Wortbedeutung bezeichnet. Dahinter steht eine viel größere kulturelle Art zu empfinden.
In diesem einen Wort steckt gleichzeitig:
der Zufall des Begegnens,
der Grund, warum Menschen sich näherkommen,
die Tiefe des gemeinsamen Weges,
der Schmerz des Verpassens,
und im Rückblick diese kleine, sanfte Bereitschaft, das Unveränderliche anzunehmen.
All das kann das Chinesische mit nur zwei Zeichen ganz leicht mitschwingen lassen.
In einer anderen Sprache braucht man dafür oft einen ganzen Satz oder sogar einen vollständigen Absatz, nur um einen Teil davon überhaupt zu berühren.
Manche Wörter sind also nicht deshalb schwer zu übersetzen, weil es kein entsprechendes Wort gibt.
Sie sind schwer zu übersetzen, weil hinter ihnen eine andere Art steht, die Welt zu sehen.
Ich musste dabei an ein Gespräch denken, das ich einmal mit meinem Mann über chinesische Redewendungen hatte. Ganz beiläufig erwähnte ich einen Ausdruck: Dongshi xiaopin³.
Er fragte mich, was das bedeute, und ich fing an, ihm die Geschichte dahinter zu erzählen.
Als ich fertig war, sah er mich ziemlich verblüfft an und sagte:
„Du hast doch gesagt, das sei ein Wort. Warum hast du mir jetzt eine ganze Geschichte erzählt?“
Später dachte ich: Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum es für viele Menschen außerhalb der chinesischen Sprache so schwer ist, Chinesisch wirklich in seiner ganzen Tiefe zu verstehen.
Viele chinesische Wörter und Ausdrücke – besonders jene, die auf den ersten Blick so kurz und leicht wirken – enthalten eben nicht nur eine Definition.
Hinter ihnen steckt oft eine ganze verdichtete Geschichte, eine Szene, ein Urteil und ein Gefühl.
Diese ganze Dichte und Tiefe versteckt sich in nur wenigen chinesischen Zeichen.
Yuanfen ist wahrscheinlich genau so ein Wort.
Anmerkungen
1. Yuanfen (缘分) – Ein chinesischer Begriff für eine schwer erklärbare Verbindung oder Fügung, durch die Menschen einander begegnen und in das Leben des anderen treten. Darin können Zufall, der richtige Zeitpunkt, Nähe und ein leiser Hauch von Schicksal zusammenkommen. Anders als „Schicksal“ klingt Yuanfen jedoch weniger endgültig und weniger schwer. Der Begriff wird besonders häufig für Begegnungen und Beziehungen verwendet, bei denen man das Gefühl hat, dass zwei Menschen nicht ganz zufällig zueinandergefunden haben.
2. Youyuan wufen (有缘无分) – Der Ausdruck setzt sich aus den Vorstellungen von Yuan und Fen zusammen. Er beschreibt zwei Menschen, die jene Verbindung hatten, durch die sie sich begegnen, sich näherkommen und vielleicht sogar eine tiefe Beziehung miteinander erleben konnten, denen aber am Ende das Fen fehlte, das sie dauerhaft zusammengeführt hätte. In dem Ausdruck liegen gleichzeitig Liebe, Bedauern, Verlust, Resignation und Akzeptanz: Die Beziehung war echt und bedeutungsvoll, aber sie führte trotzdem nicht zu einem gemeinsamen Ende.
3. Dongshi xiaopin (东施效颦) – Eine chinesische Redewendung, die auf einer alten Geschichte beruht. Die schöne Xishi soll wegen Schmerzen in der Brust manchmal die Stirn gerunzelt haben, was sie in den Augen anderer sogar noch schöner wirken ließ. Eine andere Frau namens Dongshi beobachtete dies und begann, ihren Gesichtsausdruck nachzuahmen, weil sie glaubte, dadurch ebenfalls schöner zu werden. Das Ergebnis war jedoch das Gegenteil. Heute beschreibt die Redewendung das blinde Nachahmen eines anderen Menschen, ohne zu verstehen, warum etwas bei ihm funktioniert. Sie zeigt sehr gut, wie eine kurze chinesische Wendung eine ganze Geschichte und zugleich ein kulturelles Urteil in nur wenigen Zeichen enthalten kann.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 为什么“缘分”翻不成德语?
Englische Version: Why Can’t “Yuanfen” Be Translated into German?


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