Von Jane Sonnenschein · 21. Juli 2026
„Bildung ist nicht das Füllen eines Eimers, sondern das Entzünden eines Feuers.“ — häufig W. B. Yeats zugeschrieben
Vor ein paar Tagen schrieb ich einen Artikel mit dem Titel Haben wir Shāng Zhòngyǒng die ganze Zeit falsch gelesen?[1]
Nachdem der Artikel erschienen war, las ihn eine Leserin sehr aufmerksam und stellte in den Kommentaren eine gute Frage:
„Warum darf Begabung nicht verschwendet werden? Warum muss man unbedingt erfolgreich sein? Warum darf man nicht einfach ein ganz normaler Mensch sein?“
Als ich diesen Satz las, war mein erster Impuls nicht, zu widersprechen. Mir wurde vielmehr klar, dass wir den Satz „Man sollte Begabung nicht verschwenden“ vielleicht von Anfang an unterschiedlich verstanden haben.
In der Vorstellung vieler Menschen scheint ein Kind, sobald es als begabt gilt, automatisch einen anstrengenderen Weg einschlagen zu müssen: mehr Training, höhere Erwartungen, bessere Leistungen als andere und am Ende Erfolg in irgendeinem Bereich.
Wenn all das nicht geschieht, heißt es bedauernd: Dieses Kind hat seine Begabung verschwendet.
Wenn man es so versteht, kann „Begabung nicht verschwenden“ tatsächlich zu einer schweren Forderung werden. Fast so, als würde ein Mensch allein deshalb, weil er etwas intelligenter oder in einem bestimmten Bereich talentierter ist als andere, das Recht verlieren, ein gewöhnliches Leben zu führen. Als müsse er für seine Fähigkeiten irgendwann eine besonders beeindruckende Lebensbilanz vorlegen.
Aber so verstehe ich Begabung nicht.
Begabung ist für mich weder eine Eintrittskarte zum Erfolg noch eine Schuld, die man später mit guten Platzierungen, hohem Einkommen oder gesellschaftlichem Status begleichen muss.
Begabung bedeutet zunächst einmal nur, dass einem Menschen bestimmte Dinge leichter fallen als anderen. Er findet schneller hinein, versteht Zusammenhänge schneller und erlebt dabei vielleicht leichter Interesse, Befriedigung und einen eigenen inneren Antrieb.
Eine Begabung nicht zu verschwenden bedeutet deshalb auch nicht, jemanden zum Erfolg zu zwingen.
Es bedeutet, dafür zu sorgen, dass ein Mensch nicht zu früh die Verbindung zu dem verliert, was ihm wirklich liegt und was er wirklich gern tut.
I
Ich sage meiner Tochter oft, dass ich ihre sprachliche Begabung nicht verkümmern lassen möchte.
Manchmal beschwert sie sich: „Warum spielen meine Klassenkameraden alle, während ich noch drei Sprachen lernen muss? Warum müssen die das nicht und ich schon?“
Objektiv gesehen hat sie durchaus viel Zeit zum Spielen. Verglichen mit vielen gleichaltrigen Kindern in China hat sie sogar ziemlich viel freie Zeit. Im Vergleich zu den deutschen Kindern in ihrem Umfeld muss sie allerdings tatsächlich ein bisschen mehr lernen.
Neben dem Deutschen in der Schule soll sie auch ihr Englisch und Chinesisch behalten. Besonders beim Chinesischen liegt zwischen Hören und Sprechen auf der einen Seite und Lesen und Schreiben auf der anderen ein großer Abstand. Nur weil ein Kind Chinesisch sprechen kann, lernt es deshalb nicht automatisch, chinesische Schriftzeichen zu lesen und zu schreiben.
Wenn man „eine Begabung nicht verschwenden“ so versteht, dass Eltern ihr Kind unbedingt erfolgreich machen wollen, könnte mein Beharren darauf, dass meine Tochter weiter Chinesisch lernt, tatsächlich wie ein sehr zweckorientiertes Antreiben wirken.
Aber so ist es nicht.
Als meine Tochter klein war, waren das Hören und Sprechen von Chinesisch und Englisch für sie kein besonders mühsamer Lernprozess. Sie saß nicht jeden Tag da und lernte lange Wortlisten auswendig. Sie beherrschte diese Sprachen auch nicht deshalb, weil sie ständig Prüfungen schrieb.
Für sie gehörten diese Sprachen einfach zum Leben.
Sie hört sehr schnell feine Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachen und kann ganz selbstverständlich zwischen mehreren Sprachen wechseln. Im Vergleich zu vielen Gleichaltrigen hat sie beim Sprachenlernen tatsächlich einen recht deutlichen Vorteil.
Diesen Vorteil habe ich mir nicht ausgedacht. Und ich sehe nicht unbedingt etwas Besonderes in ihr, nur weil sie mein Kind ist.
Es ist etwas, das sich im Alltag über viele Jahre immer wieder beobachten lässt.
Sie lernt Sprachen leichter als andere und erfasst vieles schneller.
Wenn das so ist, warum sollte ich dann unter dem Motto „Ein Kind sollte es möglichst leicht haben“ zulassen, dass diese Fähigkeit auf der oberflächlichsten Ebene des Hörens und Sprechens stehen bleibt und irgendwann langsam verschwindet, wenn sich ihre sprachliche Umgebung verändert?
II
Natürlich bedeutet sprachliche Begabung nicht, dass Lesen und Schreiben ebenfalls völlig mühelos von selbst entstehen.
Auch meine Tochter hatte beim Lesen chinesischer Texte eine Zeit lang Schwierigkeiten. Sie konnte Chinesisch verstehen und sprechen, doch weil sie noch nicht genügend Schriftzeichen kannte, hatte sie keinen Zugang zu einer komplexeren schriftlichen Welt. Manche Themen, die sie in einem Gespräch problemlos verstand, wirkten plötzlich fremd, sobald sie schriftlich vor ihr standen.
Mit der Zeit lernte sie immer mehr Schriftzeichen, und inzwischen hat sie diese Schwelle beim Lesen allmählich überschritten.
Was jetzt wirklich weiter geübt werden muss, ist das Schreiben.
Chinesische Schriftzeichen schreiben zu können und gesprochenes Chinesisch zu verstehen sind nicht dieselbe Fähigkeit. Jemand kann ein sehr gutes Gedächtnis haben und ein Schriftzeichen im Kopf sofort wiedererkennen. Das bedeutet trotzdem nicht, dass er es ohne Übung auch korrekt schreiben kann.
Es ist ähnlich wie bei jemandem, der sehr viel weiß. Viel Wissen macht einen Menschen noch nicht automatisch zu einem guten Lehrer.
Als ich an der Universität war, hatte ich einmal einen Dozenten, bei dem genau das der Fall war. Natürlich verfügte er über genügend Fachwissen, sonst hätte er nicht an einer Universität unterrichten können. Im Unterricht saß er jedoch mit ausdruckslosem Gesicht vorne und las einfach seine Folien vor. Es fehlte an Erklärungen, Rhythmus und Austausch. Die ganze Veranstaltung machte einen schläfrig.
Das Problem bestand nicht darin, dass er zu wenig wusste.
Das Problem war, dass „Wissen besitzen“ und „Wissen an andere weitergeben können“ zwei verschiedene Fähigkeiten sind.
Genauso sind sprachliches Gespür, mündlicher Ausdruck, Leseverständnis und Schreiben nicht dieselbe Fähigkeit. Nur weil die eine stark ausgeprägt ist, ersetzt sie nicht automatisch die Übung, die für eine andere nötig ist.
Ein wirklich begabter Mensch braucht vielleicht weniger Übung als andere und kann etwas trotzdem recht schnell beherrschen.
Aber Menschen, die überhaupt keine Übung brauchen, sind letztlich äußerst selten.
Wenn ich meine Tochter beim chinesischen Lesen und Schreiben also manchmal ein wenig anschiebe, dann nicht, weil ich von ihr erwarte, dass sie später Linguistin, Schriftstellerin oder irgendeine andere im gesellschaftlichen Sinne erfolgreiche Person wird.
Ich tue es, weil ein neunjähriges Kind die langfristigen Folgen seiner Entscheidungen noch nicht allein überblicken kann.
Heute könnte sie aufhören, weil sie das Schreiben ein bisschen langweilig findet. Wenn sie aber eines Tages wirklich chinesische Bücher lesen, die chinesische Kultur besser verstehen oder sich auf Chinesisch tiefer mit ihrer Familie austauschen möchte, könnte dieser Weg inzwischen sehr schwierig geworden sein.
Wenn Eltern ein Kind manchmal „ein Stück weit anschieben“, bedeutet das deshalb nicht unbedingt, dass sie sein Leben für es entscheiden.
Oft bedeutet es einfach, einem Kind in einer Phase, in der ihm noch der langfristige Blick fehlt, dabei zu helfen, grundlegende Hürden zu überwinden, die selbst Begabung nicht automatisch verschwinden lässt.
III
Dass Menschen die Förderung einer Begabung so schnell mit Erfolgsdruck verbinden, hat auch damit zu tun, dass wir „Anstrengung“ oft automatisch mit „Leiden“ gleichsetzen.
Wenn jemand lange an einer schwierigen Sache arbeitet, denken Außenstehende schnell: Der muss sich unglaublich zusammenreißen. Er verzichtet auf so viel. Er leidet bestimmt darunter.
Aber für jemanden, der einen bestimmten Bereich wirklich liebt, sieht die Sache nicht unbedingt so aus.
Ein Mensch, der sehr gut in Mathematik ist und Mathematik wirklich liebt, kann vielleicht zehn oder mehr Stunden über einem schwierigen Problem sitzen.
Für jemanden, der Mathematik nicht mag, klingt das beinahe wie Folter.
Doch die Aufregung, die Befriedigung und das Erfolgserlebnis, wenn dieser Mensch schließlich eine Lösung findet, können Außenstehende ebenso wenig ohne Weiteres nachempfinden.
Von außen sieht man nur jemanden, der mehr als zehn Stunden an einem Schreibtisch sitzt, und denkt: Wie anstrengend.
Für ihn selbst können genau diese Stunden ein Zustand tiefster Konzentration sein, in dem er die Zeit vergisst und sogar Freude empfindet.
Wir können nicht aus unserer eigenen Abneigung gegen eine Sache schließen, dass ein anderer Mensch leiden muss, nur weil er sich lange und intensiv damit beschäftigt.
Natürlich führt Begabung auch nicht automatisch zu Interesse.
Nur weil jemand etwas gut kann, muss er daraus keinen Beruf machen. Er kann es als Hobby behalten. Er kann sich als Erwachsener auch für einen völlig anderen Weg entscheiden.
Was wirklich respektiert werden sollte, ist die Frage, ob dieser Mensch überhaupt eine Wahl hat.
Wenn ein Kind gern zeichnet und offensichtlich ein gutes Gespür für visuellen Ausdruck besitzt, die Eltern Zeichnen aber für nutzlos halten und ihm weder Material noch Möglichkeiten geben; wenn ein Kind gern Maschinen auseinanderbaut und voller Neugier wissen will, wie Strukturen und Mechanismen funktionieren, Erwachsene darin aber nur Unfug sehen; wenn ein Kind ein sehr feines Gespür für Sprache besitzt, aber sein Umfeld alles Weitere als zu umständlich empfindet, sodass am Ende nur die einfachste Alltagskommunikation übrig bleibt – dann sind das für mich Beispiele von „Verschwendung“.
Verschwendet wird dabei weder ein möglicher zukünftiger Spitzenplatz noch ein potenzieller erfolgreicher Mensch.
Verschwendet wird die tiefe Verbindung, die zwischen einem Menschen, seinen eigenen Interessen und seinen Fähigkeiten hätte entstehen können.
IV
Wo verläuft also die Grenze zwischen der Förderung einer Begabung und dem Zwang, ein Kind erfolgreich machen zu wollen?
Ich glaube, der Unterschied liegt weder darin, ob Eltern überhaupt etwas von ihrem Kind verlangen, noch darin, ob ein Kind manchmal müde wird.
Entscheidend ist, wem dieses Antreiben am Ende dient.
Wenn Eltern ihr Kind nur antreiben, um die eigene Eitelkeit zu befriedigen; wenn das Kind beweisen soll, dass sie als Eltern alles richtig gemacht haben; wenn es andere übertreffen, auf eine angesehene Schule kommen und später mehr Geld verdienen soll – dann kann Begabung sehr leicht zu einer schön verpackten Form von Druck werden.
Je besser das Kind wird, desto höher werden die Erwartungen.
Sobald es innehält, heißt es, es würde seine guten Voraussetzungen vergeuden.
In einer solchen Beziehung ist die Begabung nicht mehr die Fähigkeit des Kindes.
Sie wird zu einem Grund, aus dem die Eltern meinen, etwas vom Kind einfordern zu dürfen.
Aber es gibt auch eine andere Form des Anschiebens.
Erwachsene können die wirklichen Interessen und Stärken eines Kindes sehen und gleichzeitig erkennen, dass Wachstum immer auch Phasen von Trägheit, Engpässen und kurzfristigem Denken mit sich bringt. Dann können sie im richtigen Moment Struktur schaffen, Ressourcen bereitstellen und dort für etwas Durchhaltevermögen sorgen, wo es nötig ist.
Eine solche Unterstützung verlangt nicht, dass das Kind später unbedingt jemand Bestimmtes werden muss.
Sie macht auch nicht aus jeder Übung eine Leistungskontrolle.
Sie hilft dem Kind lediglich durch jene Grundlagen hindurch, die sich mit momentaner Begeisterung allein nicht bewältigen lassen, die aber nötig sind, wenn man in irgendeinen Bereich wirklich tiefer einsteigen möchte.
Wenn meine Tochter bastelt, kann sie sich stundenlang selbst damit beschäftigen, ohne dass irgendjemand sie antreiben muss. Das ist ihr Interesse. Das ist ihr eigener innerer Antrieb.
Beim Schreiben chinesischer Schriftzeichen findet sie die Wiederholungen dagegen manchmal langweilig. Dann braucht sie Erinnerungen und meine Begleitung.
Das beweist weder, dass sie keine sprachliche Begabung hat, noch dass ich gegen ihren Willen versuche, sie in Richtung Erfolg zu drängen.
Interesse kann einen Menschen bis zur Tür bringen.
Aber es schafft nicht immer ganz allein jedes notwendige Grundlagentraining.
Zwischen „Ich mag das“ und „Ich beherrsche das wirklich“ liegen bei fast jeder Fähigkeit Phasen, die nicht besonders spannend sind.
Wer Musik lernt, muss Grundlagen üben. Beim Zeichnen gehören Linienführung und Aufbau dazu. Schreiben braucht Lesen, Überarbeiten und langfristige Übung. Auch im Sport gehört Wiederholung dazu.
Wir können von einem Kind nicht erwarten, dass es während seines gesamten Aufwachsens immer nur das tut, was sich im jeweiligen Moment gut anfühlt.
Und wir sollten nicht jedes unangenehme Gefühl automatisch als Schaden verstehen.
Wovor wir wirklich aufmerksam sein müssen, sind nicht gelegentliche Müdigkeit, Frust oder der Wunsch, heute einmal nicht zu üben.
Es sind anhaltende Angst, Beschämung, Abwertung und der Verlust echter Wahlmöglichkeiten.
V
„Warum darf man nicht einfach ein gewöhnlicher Mensch sein?“
Natürlich darf man das.
Ein Mensch mit mathematischer Begabung muss kein Mathematiker werden. Jemand, der sehr gut schreiben kann, muss niemals etwas veröffentlichen. Ein Mensch mit ausgeprägtem musikalischem Gespür kann einfach in seinem eigenen Leben singen und ein Instrument spielen.
Ein gewöhnliches Leben ist kein Scheitern.
Aber ein gewöhnliches Leben bedeutet auch nicht, dass ein Mensch bewusst auf alles verzichten muss, was ihm liegt und was er liebt.
Wir stellen uns „Erfolg“ und „Normalität“ manchmal so vor, als wären es zwei vollkommen entgegengesetzte Möglichkeiten: Wer keinen gesellschaftlichen Erfolg anstrebt, dürfte sich für nichts besonders einsetzen, müsse an nichts festhalten und sollte am besten immer ein leichtes Leben ohne Training und Schwierigkeiten führen.
Aber auch ein ganz gewöhnliches Leben braucht Fähigkeiten, Anstrengung und Entscheidungen.
Wer Beziehungen pflegen, seine Arbeit erledigen und für sich selbst sorgen möchte, muss trotzdem vieles lernen.
Kein Leben, das es wert ist, gelebt zu werden, kommt völlig ohne Einsatz und Durchhaltevermögen aus.
Entscheidend ist nicht, wie hoch jemand am Ende steht.
Entscheidend ist, ob die Anstrengung, die er auf sich nimmt, noch etwas mit seinem eigenen Lebensgefühl zu tun hat.
Ein Mensch muss weder berühmt noch reich sein und auch nicht zu den Besten gehören.
Trotzdem kann er sich erfüllt und glücklich fühlen, weil er ein schwieriges Problem verstanden, etwas mit den eigenen Händen geschaffen, eine Sprache gelernt oder einen Text geschrieben hat, in dem er wirklich etwas von sich selbst ausdrücken konnte.
Vielleicht wird diese Freude von der Welt nie gesehen.
Aber dadurch ist sie nicht weniger wichtig als Erfolg.
VI
Wenn ich also sage, dass ich die Begabung meines Kindes nicht verschwenden möchte, meine ich damit nicht, dass sie ihre drei Sprachen später gegen einen bestimmten Beruf eintauschen muss.
Ich entwerfe für sie auch keinen Lebensweg, der zwingend zum Erfolg führen soll.
Ich denke einfach: Wenn sie diese Fähigkeit besitzt und unsere Familie zufällig auch ein Umfeld bietet, in dem diese Sprachen vorhanden sind, dann bin ich bereit, Zeit zu investieren und sie dabei zu begleiten, diese Fähigkeit zu bewahren.
Wenn sie erwachsen ist, kann sie selbst entscheiden, welchen Platz diese Sprachen in ihrem Leben einnehmen sollen.
Sie kann Chinesisch und Englisch zu beruflichen Fähigkeiten machen. Sie kann sie aber auch einfach zum Lesen, Reisen oder für Gespräche mit ihrer Familie nutzen. Vielleicht entscheidet sie sich als Erwachsene sogar dafür, sie eine Zeit lang kaum zu verwenden.
Aber dann trifft sie diese Entscheidung wenigstens aus einer Position des Besitzens heraus.
Nicht deshalb, weil ihr als Kind niemand geholfen hat, die Schwelle zum Lesen und Schreiben zu überschreiten, und sie später einen Verlust nur noch mit dem Satz erklären kann: „Eigentlich habe ich das sowieso nie gebraucht.“
Was ich meinem Kind geben möchte, ist nicht die Aufgabe, unbedingt erfolgreich sein zu müssen.
Ich möchte ihr mehr echte Möglichkeiten geben.
Der Sinn der Förderung einer Begabung besteht nicht darin, aus einem gewöhnlichen Kind einen außergewöhnlichen Menschen zu machen.
Es geht darum, einem Menschen die Chance zu geben, sich selbst vollständiger kennenzulernen:
Was kann ich gut?
Was mache ich gern?
Wofür möchte ich mich einsetzen?
Und welche Schwierigkeiten bin ich bereit, dafür in Kauf zu nehmen?
Ob dieser Mensch später erfolgreich wird oder diese Fähigkeit überhaupt zu seinem Beruf macht, ist nicht die einzige mögliche Antwort.
Wirklich schade ist nicht, wenn ein begabter Mensch am Ende ein ganz gewöhnliches Leben führt.
Wirklich schade ist, wenn er noch gar keine Gelegenheit hatte herauszufinden, was er wirklich liebt und wozu er fähig ist, bevor er durch Missverständnisse, Gleichgültigkeit oder übermäßige Kontrolle von Erwachsenen bereits die Verbindung zu dem lebendigsten Teil seiner selbst verloren hat.
Ein Mensch darf sich selbstverständlich für ein gewöhnliches Leben entscheiden.
Aber bevor er diese Entscheidung trifft, sollte er wenigstens die Möglichkeit bekommen, sich selbst kennenzulernen und diesem Weg einmal wirklich ein Stück näherzukommen.
Deshalb glaube ich, dass nicht nur die auffälligen Begabungen einiger weniger Kinder etwas sind, das wir nicht leichtfertig verkümmern lassen sollten.
Es geht ebenso um all die Fähigkeiten jedes einzelnen Kindes, die vielleicht nicht in ein einheitliches Schema passen, ihm aber eines Tages helfen können, seinen eigenen Platz im Leben zu finden.
Eltern können ihren Kindern wahrscheinlich keinen absolut richtigen Weg planen.
Aber sie können aufmerksam hinschauen:
Wobei kann sich dieses Kind besonders leicht konzentrieren?
Was versteht es auffallend schnell?
Bei welcher Art von Schwierigkeit ist es trotzdem bereit, es immer wieder zu versuchen?
Und welchen Dingen nähert es sich von selbst, auch wenn dafür keinerlei Belohnung wartet?
Solche kleinen Zeichen lassen sich vielleicht nicht sofort in Schulnoten umwandeln.
Aber möglicherweise zeigen sie viel genauer als ein Zeugnis, worauf ein Kind später langfristig bauen kann.
Bildung bedeutet nicht, jedes Kind durch dieselbe Tür zu schicken.
Sie bedeutet, ein Kind lange genug zu begleiten, damit es allmählich erkennen kann, welche Tür besser zu ihm passt.
Hinter dieser Tür wartet vielleicht nicht der Erfolg im gesellschaftlichen Sinne.
Aber vielleicht wartet dort ein Leben mit weniger Selbstzweifeln – und eines, das ein Mensch auf Dauer lieber leben möchte.
Anmerkung
1. Shāng Zhòngyǒng(伤仲永)
Ein bekannter klassischer chinesischer Prosatext des Gelehrten und Politikers Wang Anshi aus der Song-Dynastie. Erzählt wird von Fang Zhongyong, einem außergewöhnlich begabten Kind, dessen frühe Fähigkeiten später verkümmern, weil seine Begabung nicht weiter gefördert wird. In China wird die Geschichte häufig als Beispiel dafür verwendet, dass selbst große Begabung ohne geeignete Bedingungen und weitere Entwicklung verloren gehen kann. Die Frage, was genau mit „Begabung verschwenden“ gemeint ist, lässt allerdings unterschiedliche Deutungen zu.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 为什么不能“浪费天赋”?因为发展天赋并不等于逼一个人成功
Englische Version: Why Shouldn’t a Gift Be “Wasted”? Because Developing a Gift Is Not the Same as Forcing Someone to Succeed


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