A panoramic illustration contrasting a modern Chinese city with visible surveillance cameras and a quiet German residential street, symbolizing different views of safety and privacy.

Von Jane Sonnenschein · 29. Juli 2026

„Zu sagen, Privatsphäre sei einem egal, weil man nichts zu verbergen habe, ist so, als würde man sagen, Meinungsfreiheit sei einem egal, weil man nichts zu sagen habe.“
— Edward Snowden

Kurz bevor ich heute das Haus verließ, sah ich zufällig ein Video von einem chinesischen Blogger, der in Deutschland lebt. Sein Vater war zum ersten Mal zu Besuch in Deutschland. Als die beiden auf der Straße unterwegs waren, fuhr ein Auto einfach bei Rot über die Ampel.

Sein Vater erschrak.

„Das ist doch viel zu gefährlich“, sagte er. „Gibt es hier keine Überwachungskameras? Wie kann jemand sich so etwas trauen?“

Der Blogger erklärte ihm, dass es auf deutschen Straßen vergleichsweise wenige Überwachungskameras gebe, vor allem wegen des Datenschutzes. Halb im Scherz fragte er seinen Vater, ob es wirklich sinnvoll sei, die Daten so gut zu schützen, wenn die Menschen sich dafür auf der Straße nicht mehr sicher fühlten.

Es war nur ein kurzes Video mit einem leicht spöttischen Unterton. In den vergangenen Jahren ist es im chinesischen Internet immer beliebter geworden, sich über das angeblich „rückständige“ Europa lustig zu machen: Mobile Zahlungen seien umständlich, Gesichtserkennung werde kaum eingesetzt, Geschäfte schlössen zu früh, Behörden arbeiteten zu langsam und in vielen Wohnungen gebe es nicht einmal eine Klimaanlage.

Wenn es um Deutschland geht, wird der Datenschutz oft zur Erklärung für alles. Wegen des Datenschutzes dürfe man keine Kameras installieren. Wegen des Datenschutzes dürften Schulen Informationen nicht einfach weitergeben. Wegen des Datenschutzes blieben viele Probleme, die sich mit technischen Mitteln schnell lösen ließen, in mehreren Schichten Bürokratie stecken.

Ganz unbegründet sind diese Beschwerden nicht.

Im Hortbereich der Schule meiner Tochter gibt es einen Raum, in dem die Kinder ihre Schulranzen und persönlichen Sachen ablegen. Es gibt dort keine einzelnen Schließfächer, und der Raum wird nicht ständig von einer erwachsenen Person beaufsichtigt. Immer wieder verschwinden Dinge. Manchmal ist es Geld, manchmal ein kleiner Gegenstand, an dem ein Kind hängt, oder ein etwas teureres Schulutensil.

Eltern haben schon vorgeschlagen, eine Kamera zu installieren oder Schließfächer anzuschaffen. Kameras werfen jedoch Fragen zum Datenschutz auf, Schließfächer wiederum kosten Geld. Nachdem das Thema einige Male besprochen wurde, passiert meistens nichts.

Weil es auch bei den Sachen meiner Tochter schon Probleme gegeben hatte, schlug eine Erzieherin schließlich vor, sie solle ihren Ranzen neben dem Arbeitsplatz der Hortmitarbeiter abstellen. Dort könnten die Erwachsenen ein Auge darauf haben.

Für ein einzelnes Kind mag das vorübergehend funktionieren. Eine dauerhafte Lösung für alle kann es aber nicht sein. Würde jedes Kind, dem schon einmal etwas abhandengekommen ist, seinen Ranzen neben den Erziehern abstellen, würde deren Arbeitsplatz bald zu einer Gepäckaufbewahrung werden.

Aus chinesischer Sicht scheint die direkteste Lösung offensichtlich: Man installiert eine Kamera. Wenn etwas gestohlen wird, kann man auf der Aufnahme sehen, wer es genommen hat. Gleichzeitig könnte die Kamera mögliche Diebe von vornherein abschrecken.

Deshalb reagieren viele Chinesen verständnislos, wenn sie hören, dass eine Kamera wegen des Datenschutzes nicht installiert werden könne. Manche sehen darin sogar einen weiteren Beweis dafür, dass die deutsche Gesellschaft ineffizient, starr und wenig bereit sei, pragmatische Lösungen zu finden.

Doch als ich weiterging, wurde mir plötzlich klar, dass man diese Diskussion nicht mit dem einfachen Satz beenden kann: „Deutsche legen mehr Wert auf Privatsphäre, Chinesen dagegen mehr auf Sicherheit.“

Die eigentlich interessante Frage ist nicht, welche Gesellschaft fortschrittlicher ist oder welche Entscheidung eindeutig richtig wäre. Viel spannender ist die Frage, warum Menschen in diesen beiden Gesellschaften so unterschiedliche Dinge sehen, wenn sie auf dieselbe Kamera blicken.

Chinesen denken dabei häufig zuerst an Sicherheit, Ordnung und Effizienz. Deutsche denken eher an Macht, Aufzeichnungen und die Gefahr, dass persönliche Daten missbraucht werden könnten.

Keine dieser Reaktionen ist über Nacht entstanden. Beide wurden über lange Zeit durch Geschichte und Alltagserfahrungen geprägt.

Die deutsche Empfindlichkeit gegenüber dem Datenschutz hat einen sehr konkreten historischen Hintergrund.

Während der Zeit des Nationalsozialismus nutzte der Staat Informationen über Identität, Herkunft, Abstammung und persönliche Lebensumstände, um Menschen einzuordnen, zu verfolgen und zu vernichten. In der DDR baute die Staatssicherheit ein riesiges Überwachungssystem auf. Kollegen, Freunde und manchmal sogar Familienmitglieder konnten Informationen über einen Menschen an den Staat weitergeben.

Waren die Kontakte, Äußerungen und privaten Beziehungen einer Person erst einmal dokumentiert, konnten diese Aufzeichnungen ihre Arbeit, ihr tägliches Leben und ihre gesamte Zukunft beeinflussen.

In der kollektiven Erinnerung Deutschlands sind persönliche Daten deshalb nicht einfach harmlose Informationen. Eine Angabe, die heute aus einem scheinbar praktischen Grund gesammelt wird, kann in anderen Händen zu einem Mittel der Ausgrenzung, Kontrolle oder Verfolgung werden.

Auch die große Wachsamkeit gegenüber rechtsextremen politischen Kräften hängt mit dieser Geschichte zusammen. Die AfD hat in den vergangenen Jahren beträchtliche Wahlerfolge erzielt. Dennoch sind die etablierten Parteien in Deutschland im Allgemeinen nicht bereit, mit ihr eine Regierungskoalition einzugehen.

Manche Menschen mögen diese Vorsicht inzwischen für übertrieben halten. Die Angst dahinter ist jedoch nicht schwer zu verstehen. Die deutsche Gesellschaft weiß, dass bestimmte politische Kräfte am Anfang nicht unbedingt gefährlich wirken. Wenn sie aber erst einmal Macht gewonnen und sich in staatlichen Institutionen festgesetzt haben, lassen sie sich möglicherweise nur schwer wieder begrenzen.

Chris sagte einmal zu mir, dass das Lernen über die neuere deutsche Geschichte für viele Deutsche keine Quelle nationalen Stolzes sei. Es bedeute vielmehr, sich immer wieder mit einer schweren Verantwortung und einem Gefühl der Scham auseinanderzusetzen.

Eine solche historische Prägung kann eine Gesellschaft natürlich auch in die andere Richtung treiben. Sie kann dazu führen, dass Menschen gegenüber rechten politischen Bewegungen, staatlicher Macht und der Sammlung von Daten überempfindlich werden. Sie zeigt aber auch, dass Deutsche nicht deshalb so hartnäckig am Datenschutz festhalten, weil sie Effizienz nicht verstehen würden.

Ihre tiefer liegenden Fragen lauten: Wer wird die Kameras kontrollieren, die heute im Namen der Sicherheit installiert werden? Wie lange werden die Aufnahmen gespeichert? Könnten die Daten später für andere Zwecke verwendet werden? Und wenn sich die Menschen ändern, die darüber verfügen, können normale Bürger die Macht, die sie einmal abgegeben haben, überhaupt wieder zurückholen?

Deutschland nimmt deshalb ein gewisses Maß an Ineffizienz in Kauf, anstatt ohne Weiteres die Tür für eine systematische Erfassung einzelner Menschen zu öffnen.

Diese Entscheidung hat ihren Preis. Manchmal behindert sie tatsächlich das normale Funktionieren der Gesellschaft. Sie ist aber keine grundlose Marotte, sondern eine Wachsamkeit, die aus historischen Verletzungen gewachsen ist.

Die chinesische Erfahrung sieht ganz anders aus.

Chinesen haben nicht von Natur aus weniger Bedürfnis nach Privatsphäre. Es wäre auch viel zu grob zu behaupten, sie interessierten sich einfach nicht dafür. Treffender wäre zu sagen, dass viele Chinesen in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem für persönliche Privatsphäre von Anfang an nur wenig Platz vorgesehen war.

Dadurch sind wir es eher gewohnt, gesehen zu werden. Wir neigen auch stärker dazu, dies als einen unvermeidlichen Teil des Lebens hinzunehmen.

China war über lange Zeit eine landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft, die auf engen Gemeinschaften beruhte. Ein Mensch war an sein Land, seine Familie und sein Dorf gebunden. Sein Leben gehörte nicht nur ihm selbst, sondern spielte sich unter den Blicken von Verwandten, Nachbarn und der gesamten Gemeinschaft ab.

Welches Kind war besonders erfolgreich? Welche Schwiegertochter galt als nicht fürsorglich genug? Welches Ehepaar hatte sich gestritten? Welche Tochter hatte gut geheiratet? Welcher Sohn verdiente viel Geld?

All das konnte zu einem Gesprächsthema für das ganze Dorf oder die erweiterte Familie werden.

Damals gab es keine Überwachungskameras, aber überall waren Augen. Es gab keine Datenbanken, aber Nachrichten bewegten sich ständig zwischen Verwandten, Nachbarn und Dorfbewohnern. Was in einer Familie geschah, blieb nur selten wirklich in dieser Familie.

In einer solchen sozialen Ordnung wurde ein Mensch nicht zuerst als unabhängiges „Ich“ betrachtet. Er war das Kind bestimmter Eltern, die Frau oder der Mann eines anderen, selbst Mutter oder Vater und Mitglied einer bestimmten Familie.

Sein Erfolg gehörte nicht nur ihm. Er konnte zugleich als guangzong yaozu¹ verstanden werden, also als etwas, das der Familie und den Vorfahren Ehre brachte. Auch ein Scheitern war nicht nur eine persönliche Enttäuschung. Es konnte dazu führen, dass die Eltern ihr Gesicht verloren oder die Familie zum Gegenstand von Gerede wurde.

Das ist einer der Gründe, warum Vergleiche im chinesischen Leben eine so große Rolle spielen.

Schulnoten werden verglichen, Einkommen werden verglichen. Wohnungen, Autos, Ehen, Kinder und Berufe werden auf eine unsichtbare Rangliste gesetzt.

Eigentlich müsste ein Mensch nur sein eigenes Leben leben. Doch häufig soll er gleichzeitig die Hoffnungen seiner Eltern, das Ansehen der Familie und den Wunsch tragen, dass die ganze Familie gesellschaftlich aufsteigen möge.

Diese Kultur des Vergleichens wurde den Menschen nicht plötzlich durch eine bestimmte Politik oder einen offensichtlichen Zwang aufgezwungen. Sie ist über Jahrtausende hinweg langsam in den Alltag und in die Körper der Menschen eingedrungen.

Sie ist weniger sichtbar als eine Geldstrafe, eine Bestrafung oder die Drohung, die Arbeit zu verlieren. Gerade weil sie überall ist, wird sie jedoch leichter als selbstverständlich akzeptiert.

Eltern glauben oft nicht, dass sie eine Grenze überschreiten, wenn sie ihre erwachsenen Kinder nach deren Einkommen oder Liebesleben fragen. Sie halten es für ihre Aufgabe, sich darum zu kümmern.

Verwandte sehen es nicht unbedingt als Einmischung an, wenn sie jemanden zur Heirat oder zum Kinderkriegen drängen. Sie gehen davon aus, dass die Gründung einer Familie eine gesellschaftliche Pflicht ist, die jeder erfüllen sollte.

Wer sich Vergleichen entzieht oder sich nicht an herkömmlichen Vorstellungen von Erfolg orientieren möchte, wird schnell als faul, ehrgeizlos oder verantwortungslos gegenüber der Familie bezeichnet.

Auch das Leben in großen Gemeinschaften hat die Vorstellung eines privaten Raumes weiter geschwächt.

Als meine Generation zur Schule ging, war es nichts Ungewöhnliches, dass sieben oder acht Schülerinnen und Schüler in einem Schlafsaalzimmer wohnten. Wir schliefen in einem engen Raum, nutzten gemeinsame Waschräume und waren ständig den Gewohnheiten, der Hygiene, den familiären Verhältnissen, den Gefühlen und der körperlichen Anwesenheit der anderen ausgesetzt.

Zähneputzen, Schnarchen, Pupsen, Weinen, Streiten oder ein Paket von zu Hause zu bekommen – all das ließ sich kaum privat halten.

In Deutschland bedeutet eine WG normalerweise, dass mehrere Menschen Küche und Bad teilen, während jeder ein eigenes Zimmer hat. Selbst wenn Menschen unter demselben Dach leben, bleibt die Zimmertür eine klare Grenze.

Dass einander fremde Menschen über längere Zeit dasselbe Schlafzimmer teilen, ist hier sehr selten.

Ich wohne seit ungefähr zehn Jahren in meinem jetzigen Haus. Abgesehen von gelegentlichem Kontakt mit der Familie unter uns, weil unsere Töchter miteinander spielen, habe ich die anderen Nachbarn fast nie in ihren Wohnungen besucht.

Bei manchen wüsste ich nicht einmal, wie sie heißen, wenn ihre Namen nicht an den Türen stünden. Sie fragen mich nicht beiläufig, wie viel ich im Monat verdiene. Sie äußern sich auch nicht dazu, ob ich verheiratet bin oder noch ein weiteres Kind bekommen sollte.

Dass Deutsche so gern über das Wetter sprechen, wird von Chinesen manchmal als Kälte oder mangelnde menschliche Nähe verstanden. Man kann es aber auch als Respekt vor Grenzen sehen: Solange unsere Beziehung nicht eng genug ist, gehe ich nicht automatisch davon aus, dass ich ein Recht darauf habe, in dein Privatleben einzutreten.

Wer mit einem eigenen Zimmer, einer privaten Schublade und Bereichen des Lebens aufwächst, die er niemandem erklären muss, wird Privatsphäre ganz selbstverständlich als ein Grundrecht verstehen.

Wer dagegen in Schlafsälen, unter ständigen Vergleichen durch Verwandte und umgeben vom Gerede der Nachbarschaft aufwächst, kann sich ebenfalls nach einem eigenen Raum sehnen. Gleichzeitig wird er es eher für unvermeidlich halten, gesehen, befragt und beurteilt zu werden.

Wenn dann Kameras im öffentlichen Raum auftauchen, fragen sich viele Chinesen deshalb nicht zuerst, ob ihre Rechte verletzt werden. Sie denken eher daran, ob die Kameras einen Dieb überführen, einen Täter finden oder Verkehrsunfälle verhindern können.

Aus unserer eigenen Lebenserfahrung heraus standen wir ohnehin schon immer unter den Blicken anderer. Kameras verwandeln die Augen der früheren engen Gemeinschaft lediglich in die technischen Augen der modernen Gesellschaft.

Doch auch die chinesische Gesellschaft verändert sich inzwischen sehr deutlich.

Chinas großflächige Industrialisierung, Urbanisierung und marktwirtschaftliche Entwicklung haben sich innerhalb weniger Jahrzehnte vollzogen. Ein Prozess, der in vielen europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften mehrere Jahrhunderte dauerte, wurde in China in die Lebenszeit von zwei oder drei Generationen zusammengedrängt.

Die Generation unserer Eltern erlebte materielle Knappheit, gemeinschaftliches Wohnen und starke familiäre Pflichten. Als meine Generation aufwuchs, kamen Großstädte, Hochhäuser, das Internet und der Wettbewerb der Marktwirtschaft in sehr kurzer Zeit hinzu. Für die in den 1990er- und 2000er-Jahren Geborenen gehören Begriffe wie persönliche Entscheidung, psychische Grenzen und ein unabhängiges Leben inzwischen zur Alltagssprache.

Diese Generationen sind in beinahe völlig verschiedenen Welten aufgewachsen und leben dennoch innerhalb derselben Familien zusammen.

Viele Eltern sind weiterhin überzeugt, dass ein Kind nicht nur für sich selbst lebt. Es soll heiraten, Kinder bekommen, eine Wohnung kaufen, erfolgreich sein, die Eltern stolz machen und die Familie sowie ihre Hoffnungen in die Zukunft weitertragen.

Besonders schwer war diese Last für die Generation der Einzelkinder. Auf einem einzigen Kind können die unerfüllten Wünsche der Eltern, die Hoffnung der ganzen Familie auf sozialen Aufstieg und die Sorge liegen, wer sich später um die alten Eltern kümmern wird.

Das erklärt auch, warum chinesische Eltern bereit sind, so viele Mittel in ihre Kinder zu investieren. Familien geben manchmal beinahe alles aus, was sie haben: für eine Wohnung in einem guten Schulbezirk, Nachhilfeunterricht, ein Studium im Ausland, das Eigenkapital für eine Wohnung oder die Kosten einer Hochzeit.

In dieser Unterstützung steckt oft eine sehr tiefe Liebe. Gleichzeitig kann sie mit schweren Erwartungen verbunden sein. Wenn eine ganze Familie so viel für einen Menschen geopfert hat, wird es schwierig, sein Leben noch als vollständig eigene Angelegenheit zu betrachten.

Heute wollen immer mehr junge Menschen zum chinesischen Neujahrsfest nicht nach Hause fahren. Sie möchten nicht von qida gu bada yi² nach ihrem Einkommen, ihrer Beziehung, ihren Heiratsplänen oder ihrem Kinderwunsch ausgefragt werden. Sie möchten auch nicht mehr an immer denselben familiären Inszenierungen teilnehmen, nur damit ihre Eltern vor den Verwandten das Gesicht wahren können.

Für die ältere Generation wirken diese jungen Menschen möglicherweise egoistisch, distanziert oder verantwortungslos. Aus Sicht der Jüngeren sagen sie vielleicht zum ersten Mal ernsthaft: Das ist mein Leben. Ich möchte nicht, dass alle anderen darüber urteilen.

Auch das Leben in den Städten verändert die Abstände zwischen den Menschen.

Früher saßen die Bewohner im Sommer gemeinsam vor den Häusern oder in den Höfen. Streit und familiäre Probleme ließen sich vor den Nachbarn kaum verbergen. Heute leben die Menschen in Hochhäusern und schließen hinter sich schwere Wohnungstüren. Sie können jahrelang Wand an Wand wohnen, ohne ein echtes Gespräch miteinander zu führen.

Menschen verlassen weiterhin Dörfer und kleine Städte und ziehen in große Metropolen. Sie entfernen sich von ihren Familiennetzwerken und vertrauten Gemeinschaften und gründen Haushalte, die nur noch aus einer oder zwei Personen bestehen.

Wenn sich die Lebensräume verändern, verändert sich auch die Art, wie Menschen sich selbst verstehen.

Immer mehr Chinesen beginnen zu spüren, dass sie nicht zuerst das Kind, die Ehefrau, der Ehemann oder die Eltern eines anderen sein müssen, bevor sie sie selbst sein dürfen. Sie können zuerst als eigenständiger Mensch existieren und danach ihre verschiedenen Beziehungen und sozialen Rollen einnehmen.

Doch das Verständnis von Privatsphäre bei jungen Chinesen trägt weiterhin die Widersprüche dieser beschleunigten Modernisierung in sich.

Sie können es zutiefst ablehnen, wenn Verwandte nach ihrem Einkommen fragen, ohne sich an Sicherheitskontrollen in U-Bahn- oder Bahnhöfen zu stören. Sie wehren sich gegen die Einmischung der Eltern in ihre Ehe, sind aber daran gewöhnt, im öffentlichen Raum von Kameras aufgezeichnet zu werden. Sie wollen dem Blick der Familie entkommen, sehen die Datensammlung durch Plattformen, Unternehmen und öffentliche Systeme jedoch nicht unbedingt als denselben Eingriff.

Das bedeutet nicht, dass sie heuchlerisch oder unlogisch sind. Es bedeutet, dass zwei unterschiedliche historische Zeiten gleichzeitig in ihnen leben.

Sie versuchen, die ständige Beobachtung der traditionellen engen Gemeinschaft hinter sich zu lassen. Zugleich sind sie in einer stark digitalisierten Umgebung aufgewachsen, die auf Klarnamen, Überwachungskameras und ständiger Datenerfassung beruht.

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich beim mobilen Internet in China beobachten.

Europäische und nordamerikanische Gesellschaften durchliefen eine längere Phase, in der Computer und das Internet vor allem über Webseiten genutzt wurden. Die Menschen gewöhnten sich zunächst an private Computer, E-Mails und Webseiten und wechselten erst später schrittweise in das Zeitalter der Smartphones.

Chinas Digitalisierung begann später. Noch bevor viele Menschen wirklich mit Computern vertraut waren, verbreiteten sich Smartphones bereits im ganzen Land. Deshalb gibt es viele chinesische Haushalte, die keinen Computer besitzen, während fast jeder ein Mobiltelefon hat.

Daraus entstand in China ein eigenes mobiles Ökosystem mit mobilen Zahlungen, Super-Apps, Mini-Programmen, QR-Codes und Dienstleistungen, die fast vollständig über das Smartphone erledigt werden.

Dieses System ist sehr effizient und bequem. Gleichzeitig sind die Menschen dadurch eher bereit, Daten und Zugriffsrechte gegen nützliche Dienstleistungen einzutauschen. Für viele chinesische Nutzer bedeutet Technik zuerst, dass ein Problem gelöst wird, und nicht, dass neue Risiken durch Macht und Kontrolle entstehen.

Deutsche halten eher inne und fragen: Was genau gebe ich für diese Bequemlichkeit auf?

Keine dieser beiden Reaktionen sollte einfach bewundert oder verspottet werden.

Der deutsche Datenschutz schützt persönliche Grenzen. Wenn er jedoch zu weit geht, kann er öffentliche Systeme auch starr und ineffizient machen. Probleme, die eigentlich lösbar wären, bleiben dann über lange Zeit ungelöst.

Chinas Einsatz von Kameras, Klarnamensystemen und datenbasierter Verwaltung hat zu mehr Effizienz und einem stärkeren Gefühl öffentlicher Sicherheit geführt. Gleichzeitig kann er dazu führen, dass Menschen weniger empfindlich für die Grenzen von Macht werden. Auf jede Sorge um die Privatsphäre lässt sich dann bequem antworten: „Ich habe doch nichts Falsches getan. Warum sollte mich das interessieren?“

Sicherheit und Privatsphäre waren noch nie eine einfache Entscheidung zwischen Schwarz und Weiß.

Eine Gesellschaft ohne ausreichende öffentliche Kontrolle kann Menschen, die gegen Regeln oder Gesetze verstoßen, mehr Möglichkeiten geben. Eine Gesellschaft, die jeden Menschen überall erfasst, muss sich jedoch ständig fragen, ob diejenigen, die über diese Daten verfügen, ausreichend kontrolliert werden.

Deutsche haben Angst davor, dass Macht erneut ihre Grenzen überschreiten könnte. Deshalb sind sie bereit, einen Teil der Effizienz zu opfern. Chinesen fürchten eher, dass das Leben wieder in Unordnung geraten könnte. Deshalb sind sie eher bereit, einen Teil ihrer persönlichen Grenzen gegen Sicherheit und Bequemlichkeit einzutauschen.

Beide Ängste beruhen auf realen historischen Erfahrungen.

Mich hat die chinesische Idee des zhongyong³ schon immer sehr angesprochen. Sie bedeutet nicht, von zwei Extremen einfach jeweils die Hälfte zu nehmen. Sie bedeutet auch nicht, keine klare Haltung einzunehmen, damit sich niemand angegriffen fühlt.

Zhongyong bedeutet, zu erkennen, dass im Yin auch Yang liegt und im Yang auch Yin. Es geht darum, immer wieder nach einem Gleichgewicht zu suchen, das sich an veränderte Umstände anpassen kann.

Datenschutz ist wichtig. Er sollte aber nicht zum Vorwand werden, mit dem jedes praktische Problem ungelöst bleibt. Technik kann die öffentliche Sicherheit schützen. Ihre Bequemlichkeit darf uns jedoch nicht davon abhalten, nach den Grenzen von Macht und Datennutzung zu fragen.

Menschen brauchen Freiheit, Gesellschaften brauchen Ordnung. Jeder sollte ein Leben führen dürfen, ohne unnötig beobachtet zu werden. Gleichzeitig braucht eine Gesellschaft ein öffentliches System, das schwächere Menschen schützt und diejenigen zur Verantwortung ziehen kann, die anderen schaden.

Wenn wir über Überwachungskameras sprechen, sprechen wir nie nur über Kameras. Wir sprechen darüber, unter welchen Blicken ein Mensch seit seiner Kindheit gelebt hat und welche Geschichte ihm beigebracht hat, wovor er sich fürchten muss.

Manche Menschen haben Angst, dass niemand sieht, was ein Täter getan hat. Andere haben Angst, dass diejenigen, die die Kameras kontrollieren, das gesamte Leben aller Menschen sehen können.

Erst wenn wir verstehen, woher diese Ängste kommen, können wir einfache Gegensätze wie „China ist fortschrittlich, Deutschland ist rückständig“ oder „In China gibt es keine Privatsphäre, Deutschland respektiert die Menschenrechte“ hinter uns lassen. Erst dann können wir wirklich begreifen, warum diese beiden Gesellschaften dort angekommen sind, wo sie heute stehen.

Was junge Menschen in China gerade erleben, ist vielleicht der Anfang eines langen Wandels.

Wir wollen unser Leben nicht mehr nur als Kind, Partner oder Elternteil eines anderen führen. Wir wollen unser ganzes Leben nicht länger in ein Zeugnis für die Familie verwandeln. Und wir beginnen anzuerkennen, dass jeder Mensch einen privaten Raum brauchen darf, den er niemandem erklären muss.

Dieser Wandel wird nicht innerhalb einer einzigen Generation abgeschlossen sein. Regeln, die in Gesetzen stehen, lassen sich schnell ändern. Gewohnheiten, die in den Körper eingeschrieben sind, lösen sich sehr viel langsamer.

Anmerkungen

1. Guāngzōng yàozǔ (光宗耀祖): Wörtlich bedeutet der Ausdruck, „den Vorfahren Ehre zu bringen und den Ruhm der Familie zu vermehren“. In der traditionellen chinesischen Kultur werden die Leistungen eines Menschen häufig nicht nur als persönlicher Erfolg verstanden, sondern auch als Quelle von Stolz, Ansehen und gesellschaftlichem Status für die gesamte Familie und frühere Generationen.

2. Qī dà gū bā dà yí (七大姑八大姨): Eine umgangssprachliche chinesische Bezeichnung für eine große Zahl von Tanten und anderen weitläufigen Verwandten. Die genannten Zahlen sind nicht wörtlich gemeint. Der Ausdruck wird oft scherzhaft oder genervt verwendet, wenn von Verwandten die Rede ist, die sehr persönliche Fragen stellen, Familienmitglieder miteinander vergleichen oder ungefragt ihre Meinung zu Einkommen, Heirat, Kindern und anderen privaten Entscheidungen äußern.

3. Zhōngyōng (中庸): Häufig wird der Begriff als „Lehre von der Mitte“ übersetzt. Gemeint ist jedoch mehr als eine mittlere Position oder ein einfacher Kompromiss. In der chinesischen Philosophie bezeichnet zhongyong ein angemessenes, lebendiges Gleichgewicht. Gegensätzliche Kräfte werden nicht als vollständig voneinander getrennt verstanden, sondern können einander enthalten und sich ineinander verwandeln. Deshalb muss auch die eigene Reaktion immer wieder an die konkrete Situation angepasst werden.

Dieser Essay ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 为什么中国人看见摄像头想到安全,德国人却先想到隐私

Englische Version: Why Chinese People See Safety in Surveillance Cameras, While Germans Think First of Privacy

Leave a comment