Von Jane Sonnenschein · 18. Mai 2026
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ – Ludwig Wittgenstein
Vor Kurzem ist mir etwas Interessantes aufgefallen. Manchmal hört meine Tochter draußen einen sehr umgangssprachlichen deutschen Ausdruck und erzählt mir später zu Hause ganz aufgeregt davon. Wenn ich sie frage, was dieser Ausdruck bedeutet, versucht sie, ihn mir auf Chinesisch zu erklären. Doch mitten in der Erklärung gerät sie häufig ins Stocken. Sie sucht mühsam nach den passenden Worten, während ich nicht recht verstehe, was sie mir sagen möchte. Manchmal sage ich deshalb zu ihr: „Du kannst es mir auch auf Deutsch erklären, wenn das leichter ist. Englisch geht ebenfalls.“
Eigentlich müsste es auf diese Weise einfacher sein. Viele dieser Ausdrücke hat sie schließlich in einem deutschsprachigen Umfeld gehört, und auf Deutsch könnte sie ihre Bedeutung vermutlich sogar genauer wiedergeben. Trotzdem möchte sie das nicht. Sie besteht darauf, Chinesisch zu sprechen. Wenn es ihr nicht gelingt, sich verständlich auszudrücken, wird sie zunehmend ungeduldig. Frage ich noch ein- oder zweimal nach, wächst ihr Ärger, bis sie schließlich sagt: „Ich will es dir nicht mehr erzählen. Du nervst.“
Früher dachte ich, sie sei in solchen Momenten einfach unnötig stur. Ich hatte ihr doch bereits gesagt, dass sie Deutsch oder Englisch verwenden dürfe. Warum bestand sie also darauf, alles auf Chinesisch zu erklären, obwohl sie sich damit nicht verständlich machen konnte? Je angestrengter sie nach Worten suchte, desto weniger schien sie zu finden, und am Ende waren wir beide gereizt. Ein ganz gewöhnliches Gespräch endete dann, ohne dass eine von uns beiden zufrieden war.
Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dahinter vermutlich mehr steckte als bloßer Eigensinn. Für meine Tochter ist Chinesisch die Sprache, die sie mit ihrer Mutter spricht. Diese Verbindung scheint sich tief in ihr eingeprägt zu haben. In der Schule spricht sie Deutsch, ebenso beim Spielen mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern. Die meisten Regeln, Scherze, Konflikte und kleinen Alltagserlebnisse, denen sie in Deutschland begegnet, finden ebenfalls auf Deutsch statt. Sobald sie jedoch wieder bei mir ist, wechselt sie ganz selbstverständlich ins Chinesische.
Selbst wenn sie mir ein deutsches Wort erklären möchte und genau weiß, dass es auf Deutsch wesentlich leichter wäre, versucht sie instinktiv, es mir auf Chinesisch zu erzählen. Durch dieses kleine Detail wurde mir bewusst, dass man die Sprachen in einer mehrsprachigen Familie nicht allein danach beurteilen kann, welche stärker und welche schwächer ist. Häufig hat jede Sprache ihren eigenen Platz im Leben eines Menschen.
Manche Sprachen gehören zur Schule und zu den Freundschaften, andere sind mit dem Vater oder der Mutter verbunden. Einige begleiten Spiele, das Internet und Onlinevideos, während andere in den kleinen, alltäglichen Gesprächen innerhalb der Familie leben, die für Außenstehende kaum sichtbar sind. Auf den ersten Blick wirken sie vielleicht nur wie unterschiedliche Kommunikationsmittel. Mit der Zeit verbinden sie sich jedoch eng mit bestimmten Menschen, Situationen und Beziehungen.
In unserer Familie war das schon immer so. Meine Tochter und ich sprechen hauptsächlich Chinesisch miteinander, während mein Mann und ich überwiegend Englisch verwenden. Mit seinen deutschen Freunden spricht er Deutsch, und wenn er online mit Menschen aus verschiedenen Ländern spielt, verständigt er sich auf Englisch. Unsere Tochter verbringt ihren Schulalltag in einem deutschsprachigen Umfeld, aber wenn sie mit mir redet, wechselt sie fast nie von selbst ins Deutsche.
Dieses Sprachmuster ist nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Es hat sich über viele Jahre hinweg im gemeinsamen Alltag entwickelt. Deshalb verstehe ich inzwischen, dass eine Sprache für ein Kind nicht nur eine Frage des Sprechenkönnens ist. Sie kann zugleich mit einem bestimmten Menschen, einer bestimmten Situation und einer bestimmten Art von Beziehung verbunden sein.
Für meine Tochter ist Chinesisch nicht einfach eine Sprache, die im Unterricht vorkommt, und auch keine geordnete Sammlung von Wörtern in einem Lehrbuch. Es ist die Sprache, in der sie nach mir ruft, mir Fragen stellt, sich bei mir beschwert oder Trost und Nähe sucht. Es ist außerdem die Sprache, in der sie versucht, die Welt von draußen mit nach Hause zu bringen und mir davon zu erzählen.
Das ist bedeutsam, denn sobald es um mehrsprachige Kinder geht, beginnen viele Menschen sofort zu vergleichen. Welche Sprache ist die stärkste? Welche spricht das Kind am flüssigsten? In welcher verfügt es über den größten Wortschatz? Und welche Sprache darf überhaupt als seine „eigentliche“ Muttersprache gelten?
Diese Fragen sind nicht bedeutungslos. Die Sprache, in der ein Kind sich am genauesten ausdrücken kann, und die Sprache, die seinen Alltag am stärksten prägt, sagen durchaus etwas über seine tatsächliche sprachliche Entwicklung aus. Wenn wir Sprachen jedoch ausschließlich nach Stärke und Schwäche beurteilen, übersehen wir leicht etwas ebenso Wichtiges: Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Verständigung. Sie ist auch eine Beziehung.
Wenn meine Tochter mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern Deutsch spricht, ist Deutsch die Sprache, durch die sie Zugang zur Schule und zur Welt ihrer Gleichaltrigen findet. Wenn sie mithilfe des Englischen Spiele, Videos oder Inhalte aus dem Internet versteht, verbindet Englisch sie mit einem weiteren Teil der Welt. Wenn sie mit mir Chinesisch spricht, ist Chinesisch die Sprache, durch die sie ihre Verbindung zu ihrer Mutter aufrechterhält.
Diese Sprachen laufen nicht zwangsläufig im selben Wettbewerb gegeneinander. Sie müssen sich auch nicht gegenseitig verdrängen oder ersetzen. Meistens erfüllen sie einfach unterschiedliche Aufgaben in verschiedenen Bereichen ihres Lebens.
Eine mehrsprachige Familie ähnelt in gewisser Weise einem Haus mit mehreren Zimmern. Die Küche ist nicht das Schlafzimmer, und das Schlafzimmer ist nicht das Arbeitszimmer. Wir würden nicht behaupten, ein Zimmer sei bedeutungslos, nur weil ein Kind die meiste Zeit im Wohnzimmer verbringt. Solange ein anderes Zimmer weiterhin genutzt wird und darin wirkliches Leben stattfindet, steht es nicht leer.
Früher wurde ich unruhig, wenn meine Tochter sich auf Chinesisch nicht genau ausdrücken konnte. Wenn sie einen Gedanken offensichtlich verstanden hatte, aber die passenden chinesischen Worte nicht fand, fragte ich mich instinktiv, ob ihr Chinesisch vielleicht doch nicht gut genug sei.
Sie hörte beispielsweise einen umgangssprachlichen deutschen Ausdruck und versuchte, ihn mir auf Chinesisch zu erklären, kam dabei aber nicht recht weiter. Sie wusste, welche Wirkung das Wort im Deutschen hatte und in welchen Situationen man es ungefähr verwendete. Sobald sie diese Bedeutung jedoch ins Chinesische übertragen wollte, geriet sie ins Stocken.
Nach und nach verstand ich, dass ein Kind nicht automatisch eine Brücke zwischen zwei Sprachen bauen kann, nur weil es beide spricht. Es kennt vielleicht ein Wort auf Deutsch und verfügt zugleich über einige verwandte Ausdrücke im Chinesischen, doch diese beiden Sprachsysteme verbinden sich nicht von selbst miteinander. Das Kind braucht Zeit, um nach einer Verbindung zu suchen, und manchmal braucht es jemanden, der gemeinsam mit ihm sucht.
Wenn ich sie nur dränge und frage: „Aber was bedeutet es denn nun genau auf Chinesisch?“, wird sie schnell nervös. Das Gespräch fühlt sich dann für sie nicht mehr wie ein gewöhnlicher Austausch an, sondern beginnt einer Prüfung zu ähneln.
Gehe ich anders vor und sage: „Erzähl mir zuerst, in welcher Situation man das sagt. Dann versuche ich zu erraten, wie wir es auf Chinesisch ausdrücken könnten“, wird alles leichter. Sie muss nicht sofort eine perfekte Antwort liefern. Es genügt, wenn sie mir den Zusammenhang und den Ton beschreibt: ob der Ausdruck scherzhaft gemeint ist oder einen leichten Vorwurf enthält, ob vor allem Kinder ihn untereinander verwenden oder ob Erwachsene ihn ebenfalls benutzen. Sobald sie mir die Situation erklärt hat, kann ich ihr helfen, einen chinesischen Ausdruck mit einer ähnlichen Bedeutung zu finden.
Auf diese Weise ist Sprache keine Last mehr, die sie allein tragen muss, sondern wird zu einer Brücke, die wir gemeinsam bauen. Inzwischen glaube ich, dass genau darin eine der natürlichsten Formen sprachlicher Bildung in einer mehrsprachigen Familie liegt. Es geht nicht unbedingt darum, sich jeden Tag hinzusetzen und Vokabeln auswendig zu lernen. Ebenso wenig bedeutet es, jeden Fehler eines Kindes fortwährend zu verbessern. Vielmehr geht es darum, gemeinsam nach Worten zu suchen, wenn uns im Alltag ein Ausdruck, eine Situation oder ein Gefühl begegnet, das sich nur schwer erklären lässt.
Manchmal erscheint das chinesische Wort zuerst, während eine andere Vorstellung zunächst über das Deutsche in ihr Leben tritt. Manche Witze sind auf Englisch lustig, verlieren aber ihre Wirkung, sobald man sie ins Deutsche übersetzt. Manche chinesischen Formulierungen klingen wiederum merkwürdig, wenn man versucht, sie gewaltsam ins Deutsche zu übertragen. Gerade solche kleinen Verschiebungen zeigen einem Kind allmählich, dass Sprachen einander nicht Wort für Wort entsprechen.
Jede Sprache besitzt ihre eigenen Gewohnheiten, Bilder und Tonlagen und trägt zugleich ihren kulturellen Hintergrund in sich. Solche Unterschiede zu verstehen, ist selbst für Erwachsene nicht immer leicht. Für ein Kind, dessen Sprachen sich noch entwickeln, ist es erst recht eine anspruchsvolle Aufgabe.
Deshalb möchte ich die Sprachen meiner Tochter nicht mehr einfach in stark und schwach einteilen. Wichtiger ist für mich die Frage, ob sie weiterhin bereit ist, in einer bestimmten Sprache wirklich mit mir zu kommunizieren. Wird sie nur dazu gezwungen, Chinesisch zu sprechen, um Aufgaben zu erledigen oder die Erwartungen von Erwachsenen zu erfüllen, wird diese Sprache irgendwann zu einer Belastung.
Wenn sie mir jedoch in einem ganz gewöhnlichen Gespräch weiterhin einen deutschen Ausdruck auf Chinesisch erklären möchte, obwohl sie stockt und zwischendurch nach Worten suchen muss, liegt in diesem Versuch etwas sehr Wertvolles. Sie entscheidet sich nicht für Chinesisch, weil es in diesem Moment die einfachste Sprache wäre. Sie entscheidet sich dafür, weil die Person, die vor ihr sitzt, ihre Mutter ist.
Diese sprachliche Gewohnheit reicht tiefer, als ich früher angenommen hatte. Natürlich sollte ich sie deshalb nicht romantisieren oder so tun, als hätte meine Tochter keinerlei Schwierigkeiten mit dem Chinesischen. Sie kommt weiterhin ins Stocken, kann manche Dinge nicht klar erklären und findet gelegentlich nicht die passenden Worte. Einige Begriffe sind ihr auf Deutsch vertrauter, während manche ihrer chinesischen Formulierungen noch ungenau bleiben. All das gehört zur Realität ihrer mehrsprachigen Entwicklung.
Doch immer häufiger denke ich, dass diese Realität nicht automatisch ein Scheitern bedeutet. Sie zeigt lediglich, dass das Sprachsystem eines mehrsprachigen Kindes von Natur aus aus mehreren Schichten besteht. Nicht jedes Wort liegt in derselben Schublade, nicht jede Situation lässt sich problemlos von einer Sprache in die andere übertragen, und nicht jede Sprache muss genau dieselbe Aufgabe erfüllen.
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, dafür zu sorgen, dass jede Schublade mit genau denselben Dingen gefüllt ist. Vielmehr können wir unseren Kindern dabei helfen, nach und nach mehr Wege zwischen den einzelnen Schubladen anzulegen. Kennt meine Tochter ein Wort auf Deutsch, können wir gemeinsam nach einem ähnlichen Ausdruck im Chinesischen suchen. Kennt sie eine chinesische Redewendung, können wir überlegen, ob es im Deutschen etwas Vergleichbares gibt. Hört sie einen englischen Witz, können wir darüber sprechen, warum er auf Deutsch plötzlich nicht mehr so lustig klingt.
Das mögen Kleinigkeiten sein, doch gerade dadurch entstehen allmählich Verbindungen zwischen ihren Sprachen. Sprache in einer mehrsprachigen Familie sollte nicht nur als Wettbewerb zwischen stärkeren und schwächeren Ausdrucksmöglichkeiten betrachtet werden. Sie ähnelt vielmehr einer Landkarte der Beziehungen: Eine Sprache verbindet ein Kind mit der Schule, eine andere mit seinen Freundschaften, eine weitere mit seinem Vater oder seiner Mutter, und wieder eine andere mit seinen Spielen, Interessen und seiner zukünftigen Welt.
Seit ich Sprache auf diese Weise betrachte, ist ein großer Teil meiner Sorge langsam verschwunden. Ich konzentriere mich nicht mehr ausschließlich darauf, ob das Chinesisch meiner Tochter dauerhaft genauso stark sein wird wie ihr Deutsch. Stattdessen frage ich mich stärker, ob Chinesisch in ihrem Leben weiterhin einen wirklichen Platz besitzt.
Dieser Platz ist vielleicht nicht besonders groß, und Chinesisch wird ihren schulischen und gesellschaftlichen Alltag vermutlich nie so umfassend begleiten wie Deutsch. Solange diese Sprache jedoch weiterhin zwischen uns verwendet wird und unsere Nähe, unsere Meinungsverschiedenheiten, unsere Scherze und unsere alltäglichen Gespräche tragen kann, ist sie keine Sprache, die ihr Leben verloren hat.
Wenn meine Tochter das nächste Mal mühsam versucht, mir einen deutschen Ausdruck auf Chinesisch zu erklären, möchte ich etwas weniger ungeduldig sein. Es ist nicht schlimm, wenn ihre Erklärung ungenau bleibt oder sie mitten im Satz innehält, weil ihr das richtige Wort fehlt. Selbst wenn die Frustration langsam die Oberhand gewinnt, kann wenigstens ich einen Schritt zurücktreten und langsamer werden.
Was in diesem Moment wirklich zählt, ist vielleicht nicht, ob sie sofort die genaueste chinesische Übersetzung findet. Entscheidend ist vielmehr, dass sie noch immer bereit ist, die Welt von draußen auf Chinesisch zu mir nach Hause zu bringen.
Für eine mehrsprachige Familie ist allein das bereits etwas Schwieriges, Wertvolles und Bewahrenswertes.
Dieser Essay ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 在多语家庭里,语言不是比赛,而是位置
Englische Version: In a Multilingual Family, Languages Do Not Compete — Each Has Its Place


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