A multilingual family at home as a child opens floating drawers filled with Chinese, English, and German language and cultural symbols.

Von Jane Sonnenschein · 27. April 2026

Vor einigen Tagen schrieb ich einen Text über die Frage, ob ein Mensch nur eine Muttersprache haben könne. In der Kommentarspalte auf Xiaohongshu¹ entwickelte sich die Diskussion jedoch sehr schnell in alle möglichen Richtungen.

Viele begannen darüber zu streiten, wie der Begriff „Muttersprache“ überhaupt definiert werden müsse. Andere erzählten, wie viele Jahre sie bereits im Ausland lebten, wie viele Fremdsprachen sie sprächen oder in welcher Sprache sie träumten. Manche verwiesen auf wissenschaftliche Definitionen, Migrationsforschung, Dialekte und die Frage, wie Dialekte mit zwei Muttersprachen zusammenhängen.

Danach las ich meinen eigenen Text immer wieder durch.

Ich konnte lange nicht verstehen, an welcher Stelle ich vom eigentlichen Thema abgekommen war und warum fast alle über etwas anderes diskutierten als über die Frage, die mich tatsächlich beschäftigt hatte.

Mit der Zeit wurde mir klar, dass das Problem vielleicht nicht allein im Text lag. Manche Erfahrungen lassen sich nur schwer erklären, wenn man sie nicht selbst gemacht oder sich noch nie die Zeit genommen hat, eine Ebene tiefer darüber nachzudenken.

Mir ging es nämlich nie in erster Linie um die abstrakte Definition, ob ein Mensch grundsätzlich zwei Muttersprachen haben könne.

Mich interessierte vielmehr eine andere Frage: Wenn in einem Menschen von früher Kindheit an tatsächlich zwei muttersprachliche Systeme heranwachsen, wie fühlt sich das dann an?

Für mich lag über dieser Frage lange Zeit eine Art dünner Schleier.

Ich selbst bin nicht mit zwei Muttersprachen aufgewachsen. Ich spreche drei Sprachen, weiß aber sehr genau, dass Chinesisch meine einzige wirkliche Muttersprache ist. Natürlich kann ich Deutsch und Englisch benutzen. Ich kann mich verständigen, arbeiten und meinen Alltag in beiden Sprachen bewältigen. Andere Menschen finden manchmal sogar, dass ich sie recht gut spreche. Doch nur ich selbst weiß, dass zwischen „recht gut“ und „Muttersprache“ noch immer etwas liegt.

Wenn ich Deutsch oder Englisch spreche, findet in meinem Kopf häufig weiterhin ein Prozess statt. Mit zunehmender Sprachpraxis ist dieser Prozess lediglich immer kürzer geworden.

Als ich die Sprachen gerade erst lernte, war er sehr deutlich: Zuerst entstand der Gedanke auf Chinesisch, dann übersetzte ich ihn Schritt für Schritt ins Deutsche oder Englische. Später wurde diese Umwandlung immer schneller – manchmal so schnell, dass ich selbst kaum noch bemerkte, dass sie überhaupt stattfand.

Sobald ich jedoch etwas Komplexeres, Feineres oder Abstrakteres ausdrücken möchte, spüre ich noch immer, dass auf der tiefsten Ebene meistens zuerst das Chinesische auftaucht.

Für mich bedeutet große Sicherheit in einer Fremdsprache deshalb häufig, dass die Umwandlung immer schneller wird. Sie bedeutet nicht unbedingt, dass die Umwandlung vollständig verschwindet.

Gerade deshalb fiel es mir lange schwer, wirklich zu verstehen, wie sich zwei Muttersprachen anfühlen. Bis ich eines Tages mit meinem Mann darüber sprach.

Er ist mit Englisch und Deutsch als zwei Muttersprachen aufgewachsen. Ich fragte ihn: „Wie fühlt sich das für Menschen wie dich eigentlich an, zwei Muttersprachen zu haben?“

Er dachte kurz nach und antwortete mit einem erstaunlich anschaulichen Bild:

„Es ist wie das Öffnen von Schubladen.“

Da ich diese Erfahrung selbst nicht besitze, konnte ich mir durch abstrakte Diskussionen über den Begriff „Muttersprache“ nie wirklich vorstellen, was damit gemeint war. Erst später, als ich beim Übersetzen, bei der Produktion von Videos und in unterschiedlichen sprachlichen Zusammenhängen immer wieder auf ähnliche Fragen stieß, begann ich zu verstehen, was er mit diesem Bild ausdrücken wollte.

Wenn er eine bestimmte Sprache braucht, zieht er einfach die entsprechende Schublade auf.

Er denkt nicht zuerst in der anderen Sprache.

Er übersetzt nicht.

Es gibt auch keinen Übergang.

Er ist sofort in dieser Sprache.

In diesem Augenblick verstand ich es. Das Bild war so präzise, dass es einen Unterschied zwischen uns sichtbar machte, den ich zuvor nie richtig hatte beschreiben können.

Für mich fühlt sich das Sprechen einer Fremdsprache manchmal noch immer so an, als würde ich von einem Zimmer in ein anderes gehen. Der Weg ist inzwischen vielleicht sehr kurz und sehr schnell, aber es bleibt das Gefühl, hinübergehen zu müssen.

Bei ihm ist es anders. Er muss nicht in ein anderes Zimmer gehen. Vor ihm befinden sich von Anfang an mehrere Schubladen. Er streckt die Hand aus und öffnet direkt diejenige, die er gerade braucht.

Dieser Unterschied ist sehr fein. Doch sobald man ihn verstanden hat, erkennt man, dass die besondere Stärke des muttersprachlichen Zugriffs nicht in erster Linie im Umfang des Wortschatzes liegt. Entscheidend ist vielmehr, dass der Weg nicht über eine Übersetzung führt.

Dadurch musste ich an etwas denken, das mir früher schon häufig aufgefallen war, das ich aber nie vollständig hatte erklären können.

Während meiner Arbeit auf einem amerikanischen Militärstützpunkt in Deutschland begegnete ich vielen Menschen, die übersetzten oder dolmetschten.

Bei manchen hörte man sofort, dass sie mit einer Fremdsprache arbeiteten. Jemand sagte einen Satz, und sie übersetzten diesen Satz. Häufig schienen sie vor allem einzelne Wörter oder Sätze zu verarbeiten.

Auch auf diese Weise konnte die Arbeit erledigt werden. Doch man spürte deutlich, dass es eher um einen sprachlichen Austausch ging: Eine Äußerung wurde in der einen Sprache in ihre Einzelteile zerlegt, und anschließend suchte man in der anderen Sprache nach ungefähr passenden Teilen, um sie dort wieder zusammenzusetzen.

Als mein Mann früher simultan zwischen Englisch und Deutsch dolmetschte, funktionierte das anders.

Er übertrug nicht Satz für Satz. Häufig hörte er zunächst einen ganzen Abschnitt, erfasste die eigentliche Bedeutung und formulierte anschließend in der anderen Sprache direkt einen vollständigen Ausdruck.

Die Einheit, die er verarbeitete, war dann nicht mehr das einzelne Wort und auch nicht der einzelne Satz. Es war die Bedeutung.

Dieser Unterschied ist entscheidend, denn wirklich anspruchsvolle Übersetzung bedeutet niemals nur, ein Wort durch ein anderes zu ersetzen. Sie überträgt Bedeutung in Bedeutung.

Als ich später selbst deutschsprachige Videos zu Erziehungs- und Familienthemen produzierte, wurde mir dieses Problem erneut sehr deutlich.

Ich arbeite nicht professionell als Übersetzerin, muss für meine Videos aber häufig zwischen Deutsch und Chinesisch wechseln. Natürlich können Übersetzungsprogramme Texte automatisch übertragen. Manchmal stimmt die Wortbedeutung, und selbst die Sätze klingen auf den ersten Blick flüssig.

Mit der Zeit erkennt man jedoch ein grundlegenderes Problem. Es geht nicht nur darum, ob etwas richtig übersetzt wurde, sondern darum, ob ein Chinese es tatsächlich so sagen würde.

Ein deutscher Ausdruck kann im Deutschen vollkommen natürlich klingen. Auch die chinesische Übersetzung kann grammatikalisch korrekt und gut lesbar sein. Trotzdem muss sie noch lange nicht so klingen, wie eine chinesische Mutter wirklich mit ihrem Kind sprechen würde.

Dadurch verstand ich noch deutlicher, dass eine hochwertige Übersetzung nicht nur die richtige Bedeutung vermitteln und nicht nur die passenden Wörter finden muss. Sie muss noch eine weitere Frage beantworten: Würden Menschen innerhalb der Kultur und des sprachlichen Zusammenhangs dieser Sprache den Gedanken tatsächlich auf diese Weise ausdrücken?

Deshalb verstehe ich unter muttersprachlichem Direktzugriff inzwischen weit mehr als die Zuordnung einzelner Wörter. Man greift unmittelbar auf ein vollständiges System aus Kontext, Tonfall, sprachlichen Gewohnheiten und kultureller Logik zu.

Dieser Zugriff auf der Ebene der Bedeutung kommt der Funktionsweise einer Muttersprache sehr nahe. In der Muttersprache entsteht der Ausdruck unmittelbar aus der Bedeutung heraus. Eine Fremdsprache trägt dagegen häufig noch Spuren der Umwandlung in sich.

Das zeigt sich besonders deutlich zwischen Sprachen wie Chinesisch, Englisch und Deutsch, die sich nicht eins zu eins entsprechen.

Viele chinesische Wendungen wirken unverständlich oder merkwürdig, wenn man sie zu wörtlich übersetzt. Ein Beispiel dafür ist jiachou buke waiyang². Natürlich lässt sich der Satz Wort für Wort übertragen. Doch sein Ton und die kulturellen Annahmen, die darin enthalten sind, gehen dabei leicht verloren.

Übersetzt werden müssen nicht die einzelnen Zeichen für „Familie“, „Schande“ und „nach außen tragen“. Übersetzt werden muss die Bedeutung, die darunterliegt. In einer anderen Sprache wird dieselbe Vorstellung möglicherweise durch ein völlig anderes Bild ausgedrückt.

Dasselbe gilt für viele englische und deutsche Witze, Wortspiele und sprachliche Doppeldeutigkeiten. Werden sie wörtlich ins Chinesische übertragen, brechen sie häufig sofort zusammen. Denn die Pointe steckt nicht allein in der Wörterbuchbedeutung. Sie ist mit der Struktur und dem kulturellen Hintergrund der jeweiligen Sprache verbunden.

Meine Tochter hat genau das einmal versucht.

Ihr Vater erzählte ihr einen englischen Witz, dessen Pointe auf der englischen Wortbildung und dem besonderen Sprachgefühl des Englischen beruhte. Später übersetzte sie ihn begeistert ins Deutsche, weil sie ihn ihren Mitschülerinnen und Mitschülern erzählen wollte.

Ich erklärte ihr, dass das so nicht funktionieren würde. Die Pointe existierte nur im Englischen. Sobald sie lediglich den äußeren Inhalt ins Deutsche übertrug, war der Witz nicht mehr lustig. Sie hatte ihn nicht falsch erzählt. Die Pointe war in dieser Form nur nie im Deutschen gewachsen.

Durch solche kleinen Situationen begann ich immer besser zu verstehen, dass eine Sprache wirklich zu beherrschen nicht bedeutet, ihre entsprechenden Wörter zu kennen. Es bedeutet zu wissen, wie diese Sprache selbst einen bestimmten Gedanken ausdrücken würde.

Vielleicht ist genau das muttersprachlicher Direktzugriff. Ich formuliere nicht zuerst einen chinesischen Satz und suche anschließend nach einem deutschen oder englischen Ersatz. Sobald eine Bedeutung entsteht, nimmt sie direkt innerhalb des passenden Sprachsystems die Form an, die dort natürlich zu ihr gehört.

Als ich später noch einmal über die Frage nachdachte, ob ein Mensch nur eine Muttersprache haben könne, verspürte ich plötzlich kaum noch den Wunsch, darüber zu streiten.

Oft diskutieren die Beteiligten nämlich gar nicht über dieselbe Ebene. Manche streiten über wissenschaftliche Definitionen, andere über statistische Kategorien, und wieder andere möchten beweisen, wie viele Sprachen sie persönlich beherrschen.

Mich interessierte jedoch immer nur eine Frage: Wenn ein Kind von frühester Kindheit an ganz selbstverständlich in zwei oder sogar drei Sprachen aufwächst, können in seinem Kopf dann mehrere solcher „Schubladen“ entstehen?

Inzwischen glaube ich immer stärker, dass dies möglich ist.

Die Voraussetzung besteht jedoch nicht darin, wie viele Sprachen ein Kind gelernt hat oder wie fließend es sie später spricht. Entscheidend ist, ob es bereits sehr früh eine stabile, natürliche und langfristige sprachliche Umgebung erlebt.

Idealerweise geschieht dieser sprachliche Input nicht ungeordnet, sondern ist mit bestimmten Menschen, Beziehungen und Situationen verbunden.

Mit Mama ist die Sprache Chinesisch.

Mit Papa ist es Englisch.

In der Schule ist es Deutsch.

Mit der Zeit ist eine Sprache dann nicht mehr nur eine Sprache. Sie wird Teil einer Beziehung. Sobald das Kind einen bestimmten Menschen sieht, weiß es bereits, welche Schublade es öffnen muss.

Deshalb empfinde ich inzwischen nicht die besondere Leistung als das Faszinierendste am muttersprachlichen Zugriff, sondern seine Natürlichkeit.

Der Wechsel geschieht so selbstverständlich, dass man ihn selbst kaum bemerkt. So selbstverständlich, dass man möglicherweise gar nicht versteht, weshalb ein anderer Mensch in seinem Kopf noch einen zusätzlichen Schritt gehen muss.

Genau dieser zusätzliche Schritt bildet jene schwer zu beschreibende und doch immer vorhandene Grenze zwischen einer Muttersprache und einer Fremdsprache.

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema bis heute deshalb so sehr, weil mir das Bild vom Öffnen der Schubladen im Gedächtnis geblieben ist.

Zum ersten Mal ließ es mich wirklich erkennen, dass manche Sprachen erst später erlernt werden.

Bei anderen Menschen waren sie dagegen von Anfang an vorhanden – und sind unmittelbar in ihrem Denken gewachsen.


Anmerkungen

  1. Xiaohongshu(小红书): Wörtlich bedeutet der Name „Kleines Rotes Buch“. Xiaohongshu ist eine große chinesische Social-Media- und Lifestyle-Plattform, auf der Nutzerinnen und Nutzer persönliche Erfahrungen, Empfehlungen, Fotos, kurze Videos, Erziehungsthemen und Informationen zu Konsum und Alltag teilen. Die Kommentarbereiche entwickeln sich häufig zu Orten ausführlicher persönlicher Diskussionen, in denen sehr unterschiedliche Erfahrungen und Standpunkte aufeinandertreffen.
  2. Jiachou buke waiyang(家丑不可外扬): Ein traditionelles chinesisches Sprichwort, das sich wörtlich ungefähr mit „Die Schande der Familie soll nicht nach außen getragen werden“ übersetzen lässt. Gemeint ist die Vorstellung, dass Konflikte, beschämende Ereignisse oder problematische Angelegenheiten innerhalb einer Familie nicht mit Außenstehenden besprochen werden sollten. Der Ausdruck ist eng mit dem Schutz des Familienansehens, der Angst vor gesellschaftlicher Bewertung und dem Konzept von mianzi(面子) – dem sozialen „Gesicht“ beziehungsweise Ansehen einer Person oder Familie – verbunden.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 所谓“双母语”到底是什么状态?我先生用了一个很形象的比喻:像拉抽屉

Englische Version: What Does It Actually Feel Like to Have Two Mother Tongues? My Husband Used a Vivid Metaphor: It’s Like Opening Drawers

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