— Eine Diskussion in den Kommentaren ließ mich die Vorstellung von zwei Muttersprachen neu überdenken

Von Jane Sonnenschein · 14. April 2026

1 | Ein Kommentar ließ mich innehalten

Vor einigen Tagen geriet ich beim Scrollen durch Xiaohongshu¹ in der Kommentarspalte mit einer anderen Mutter in eine Diskussion.

Sie sagte, ein Mensch könne nur eine Muttersprache haben – genauso, wie er nur eine Mutter habe.

Im ersten Moment wusste ich nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Der Satz klang fast wie etwas Selbstverständliches. Gleichzeitig hatte ich das undeutliche Gefühl, dass daran etwas nicht ganz stimmte.

In dem Beitrag ging es um mehrsprachige Kinder und um die Frage, wie Familien im Ausland dafür sorgen können, dass das Chinesisch ihrer Kinder erhalten bleibt.

Eine Mutter fragte in den Kommentaren, ob das Chinesisch eines Kindes jemals ein muttersprachliches Niveau erreichen könne.

Ich antwortete spontan: Ja.

Wenn jeder Elternteil innerhalb der Familie konsequent bei seiner eigenen Sprachrolle bleibt und das Kind von klein auf mit einem stabilen, natürlichen sprachlichen Input aufwächst, kann es durchaus in mehr als einer Sprache muttersprachliche Fähigkeiten entwickeln.

Ich schrieb das nicht, weil ich mir eine ideale Situation ausgedacht hatte.

Ich schrieb es, weil mir in den vergangenen Jahren, während ich meine eigene Tochter beim Aufwachsen beobachtete, immer deutlicher geworden ist, dass die sprachliche Entwicklung eines mehrsprachigen Kindes etwas ganz anderes ist als die eines Erwachsenen, der später mehrere Fremdsprachen lernt.

2 | Manche Sprachwechsel entstehen nicht durch Übersetzen

Meine Tochter wechselt in unterschiedlichen Situationen häufig ganz selbstverständlich zwischen ihren Sprachen.

Mit mir spricht sie Chinesisch, mit ihrem Vater Englisch oder Deutsch, und in der Schule befindet sie sich wieder in einem anderen sprachlichen Umfeld.

Es wirkt nicht so, als würde sie zuerst in einer Sprache denken und das Gedachte anschließend in eine andere übersetzen. Vielmehr scheint sie je nach Situation und Gesprächspartner ganz natürlich ein anderes sprachliches Ausdruckssystem aufzurufen.

Natürlich wächst sie noch, und ich möchte keine allzu endgültigen Aussagen treffen.

Aber ich glaube immer weniger daran, dass eine weitere Sprache zwangsläufig auf der Stufe einer lediglich „sehr gut beherrschten Fremdsprache“ bleiben muss.

Die andere Mutter sah das anders.

Für sie konnte ein Mensch nur eine Muttersprache haben. Im besten Fall könne Chinesisch zu einer gut gesprochenen Fremdsprache werden, sagte sie, aber es könne niemals wirklich dasselbe sein wie eine Muttersprache.

Wir diskutierten in den Kommentaren einige Male hin und her.

Erst später wurde mir bewusst, dass wir uns eigentlich nicht über ein einzelnes Wort stritten. Wir waren bei einem Punkt angelangt, den viele mehrsprachige Familien leicht übersehen:

Wenn Eltern von Anfang an davon ausgehen, dass ein Kind nur eine Muttersprache haben kann, wird die andere Sprache innerlich sehr leicht zu einer „ziemlich gut beherrschten Fremdsprache“ herabgestuft.

Und diese Vorstellung beeinflusst unmittelbar alles, was später folgt: wie konsequent die Eltern bleiben, wie viel sprachlichen Input sie geben und wie entschlossen sie den Platz dieser Sprache im Familienleben bewahren.

3 | Auf der Plattform wirkt alles selbstverständlich, im wirklichen Leben ist es nicht so einfach

Vor dieser Diskussion hatte ich mich mit dieser Frage nie besonders gründlich beschäftigt.

Das lag unter anderem daran, dass sich die drei Sprachen unserer Tochter bisher relativ ausgeglichen entwickelt haben.

Bei ihrem Chinesisch ist ein bestimmtes Verhalten besonders auffällig: Sobald ich anwesend bin, wechselt sie fast augenblicklich ins Chinesische.

Dieser Wechsel geschieht nicht so, dass sie erst überlegen muss, welche Sprache sie verwenden soll. Er gleicht eher einer natürlichen, automatischen Reaktion.

Selbst wenn Mitschüler oder Lehrer in der Nähe sind, ist ihre erste Reaktion häufig, mit mir Chinesisch zu sprechen, sobald sie sich direkt an mich wendet.

Wir haben sie schon darauf hingewiesen, dass es in Situationen, an denen andere Menschen beteiligt sind, oft besser ist, eine Sprache zu verwenden, die alle verstehen können.

Doch bei ihr hat sich bereits eine sehr natürliche Reaktion entwickelt: Sobald sie sich mir zuwendet, ruft sie unmittelbar das Chinesische ab.

Dass mich das so beeindruckt, liegt auch daran, dass sie normalerweise sehr auf ihren Vater hört und Regeln und mögliche Folgen ernst nimmt. Ihr Vater hat sich darüber bereits einige Male geärgert.

Trotzdem ließ sich diese sprachliche Reaktion nicht ohne Weiteres verändern.

In gewisser Weise zeigt gerade das, dass Chinesisch für sie keine Entscheidung mehr ist, über die sie zunächst nachdenken muss. Sie greift ganz natürlich und unmittelbar darauf zu.

Deshalb hatte ich früher den Eindruck, es sei in einer mehrsprachigen Familie eigentlich ganz selbstverständlich, dass ein Kind mit zwei oder drei Sprachen aufwächst.

Je mehr Beiträge dieser Art ich auf Xiaohongshu sah, desto leichter entstand der Eindruck, dass Kinder in mehrsprachigen Familien einfach ganz natürlich so heranwachsen.

Doch nach und nach wurde mir klar, dass der Alltag nicht so aussieht, wie er auf einer Plattform dargestellt wird.

Ich kenne viele Kinder aus chinesisch-deutschen Familien. Manche sprechen fast gar kein Chinesisch, andere nur mit großer Mühe. Es gibt sogar Familien, in denen der deutsche Vater selbst Chinesisch spricht, während das Kind sich trotzdem nur stockend auf Chinesisch ausdrücken kann.

Bei Kindern, deren beide Eltern chinesisch sind, hat Chinesisch in den ersten Jahren meist einen deutlicheren Vorteil, weil die Familie zu Hause auf Chinesisch miteinander spricht.

Aber auch das bedeutet nicht, dass die Sprache später automatisch stabil bleibt.

Wenn die Kinder älter werden und die Eltern sie nicht weiterhin bewusst begleiten, kann auch ihr Chinesisch allmählich schwächer werden.

Manche Kinder können zwar noch Chinesisch sprechen, doch ihr Sprachgefühl beginnt bereits etwas ungewohnt zu wirken. In anderen Familien wechseln Geschwister untereinander mit der Zeit immer selbstverständlicher ins Deutsche.

All diese Erscheinungen habe ich nach und nach wahrgenommen.

Erst nach jener Diskussion in der Kommentarspalte stellte ich mir die Frage zum ersten Mal ganz bewusst:

Kann ein Mensch tatsächlich nur eine Muttersprache haben, oder verstehen wir den Begriff „Muttersprache“ vielleicht von Anfang an zu einfach?

4 | Was ist eine Muttersprache? Ein Satz meines Mannes brachte mich darauf

Später sprach ich mit meinem Mann über dieses Thema.

Englisch und Deutsch sind für ihn beide Muttersprachen.

Er sagte, das Gefühl einer Muttersprache sei eigentlich ganz einfach – es sei wie das Öffnen einer Schublade. Wenn man eine Sprache brauche, ziehe man einfach die entsprechende Schublade auf.

Es gebe keine Übersetzung und keinen Übergang. Man denke den Gedanken auch nicht zuerst in einer anderen Sprache.

Dieser Satz hat mich sehr berührt.

Ich selbst spreche drei Sprachen, weiß aber ganz genau, dass nur Chinesisch meine Muttersprache ist.

Wie fließend ich die beiden anderen Sprachen auch beherrschen mag – beim Sprechen bleibt in meinem Kopf immer ein gewisses Gefühl des Umwandelns.

Die meisten Menschen, die eine Fremdsprache gelernt haben, kennen dieses Gefühl.

Wenn wir beginnen, eine neue Sprache zu lernen, denken wir meist nicht unmittelbar in dieser Sprache. Zuerst entsteht die Bedeutung in unserer Muttersprache, und anschließend übersetzen wir sie in die Zielsprache, zum Beispiel ins Englische oder Deutsche.

Je länger wir eine Sprache verwenden und je sicherer wir darin werden, desto schwächer wird dieses Übersetzungsgefühl im Alltag.

Viele einfache Formulierungen können irgendwann direkt ausgesprochen werden, ohne dass sie zuvor im Kopf die Muttersprache durchlaufen müssen.

Sobald wir jedoch auf ein unbekanntes Wort stoßen oder etwas Komplexeres und Feineres ausdrücken möchten, taucht dieses Übersetzungsgefühl häufig sofort wieder auf.

Das bedeutet: Selbst eine sehr gut beherrschte Fremdsprache trägt oft noch eine Spur des Weges in sich, der von der Muttersprache zu ihr führt.

Der muttersprachliche Zugriff funktioniert meist anders.

Man denkt nicht zuerst in einer Sprache und wechselt danach in eine andere. Es ist eher so, als würde man direkt auf der Ebene der Bedeutung zugreifen.

In diesem Moment verstand ich plötzlich etwas:

Viele Menschen glauben instinktiv, dass es zwei Muttersprachen nicht geben könne – nicht unbedingt, weil ein solcher Zustand tatsächlich unmöglich ist, sondern weil sie selbst nie eine Sprache erlebt haben, die ohne dieses Übersetzungsgefühl funktioniert.

5 | Vom Übersetzen einzelner Wörter zum Übertragen von Bedeutung

Während meines Studiums arbeitete ich zeitweise als Statistin auf einem amerikanischen Militärstützpunkt in Deutschland. Dort begegnete ich auch vielen Dolmetschern.

Manche arbeiteten in einem typischen „Fremdsprachenmodus“: Eine Person sagte einen Satz, und der Dolmetscher übertrug diesen Satz. Die eigentliche Arbeitseinheit schien eher das einzelne Wort oder der einzelne Satz zu sein.

Im Grunde ging es dabei weiterhin darum, eine sprachliche Form durch eine andere zu ersetzen.

Mein Mann hat ebenfalls als Simultandolmetscher zwischen Englisch und Deutsch gearbeitet.

Beim Dolmetschen übertrug er jedoch normalerweise nicht Satz für Satz und Wort für Wort. Er hörte zunächst einen ganzen Abschnitt, nahm dessen Bedeutung auf, und sein Gehirn erzeugte anschließend eine vollständige Formulierung in der anderen Sprache.

Es ging nicht darum, Sprache in Sprache zu übertragen.

Es ging darum, Bedeutung in Bedeutung zu übertragen.

Diese beiden Vorgänge unterscheiden sich stark voneinander.

Der erste ähnelt eher der Verwendung einer Fremdsprache. Der zweite kommt der Funktionsweise eines muttersprachlichen Systems näher.

Deshalb glaube ich inzwischen immer mehr, dass es bei der Frage, ob ein Mensch nur eine Muttersprache haben könne, gar nicht in erster Linie um sprachliche Fähigkeiten geht.

Es geht darum, wie wir den Begriff „Muttersprache“ überhaupt verstehen.

Wenn wir ihn mit Abstammung und persönlicher Identität vergleichen, dann hat ein Mensch selbstverständlich nur eine Mutter.

Aus der Perspektive des Spracherwerbs lässt sich eine Muttersprache jedoch eher als ein sprachliches System verstehen, das sich von früher Kindheit an über lange Zeit in einer natürlichen Umgebung entwickelt und auf das ein Mensch unmittelbar auf der Bedeutungsebene zugreifen kann.

In einer mehrsprachigen Familie ist es durchaus möglich, dass ein Kind gleichzeitig mehr als ein solches System entwickelt.

6 | Die eigentliche Schwierigkeit liegt nicht darin, dass Kinder es nicht lernen können – sondern darin, dass Erwachsene die Sprache zuerst herabstufen

Natürlich klingt das leichter, als es im wirklichen Leben ist.

Der Alltag in einer mehrsprachigen Familie ist bei Weitem nicht so mühelos, wie er auf Plattformen oft erscheint.

Manche Kinder werden nicht plötzlich schlechter im Chinesischen. Stattdessen kommt irgendwann ein Punkt, an dem sich ihr Chinesisch einfach nicht mehr weiterentwickelt.

Einige Kinder wechseln in jungen Jahren ganz natürlich zwischen zwei Sprachen, behalten später aber allmählich nur noch eine davon.

Andere Familien wirken von außen ebenfalls mehrsprachig, doch es ist keineswegs einfach, die jeweiligen Sprachrollen über viele Jahre hinweg stabil und konsequent zu bewahren.

Erst durch diese Diskussion begann ich zu erkennen, dass in der mehrsprachigen Erziehung häufig nicht das Kind das eigentliche Hindernis ist.

Das Hindernis liegt vielmehr in der Vorstellung der Erwachsenen davon, was eine Muttersprache sein kann.

Warum glauben so viele Mütter instinktiv, ein Mensch könne nur eine Muttersprache haben?

Wie fühlt es sich tatsächlich an, zwei Muttersprachen zu besitzen?

Warum wird das Chinesisch mancher Kinder nicht plötzlich schlechter, sondern hört von einem bestimmten Zeitpunkt an einfach auf, sich weiterzuentwickeln?

Und warum wechseln manche Kinder in jungen Jahren ganz selbstverständlich zwischen zwei Sprachen, während ihnen später langsam nur noch eine bleibt?

Mit diesen Fragen werde ich mich vermutlich noch weiter beschäftigen.


Anmerkungen

  1. Xiaohongshu(小红书): Eine große chinesische Social-Media- und Lifestyle-Plattform, auf der Nutzer persönliche Beiträge, Empfehlungen, Erfahrungsberichte und Bewertungen veröffentlichen. Besonders verbreitet sind dort Inhalte zu Themen wie Elternschaft, Bildung, Reisen, Kosmetik, Einkaufen und Alltagsleben.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 母语真的只能有一个吗?

Englische Version: Can a Person Really Have Only One Mother Tongue?

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