Von Jane Sonnenschein · 11. April 2026
Vor einigen Jahren war mein Verhältnis zu der Mutter meines Partners, die ich im Alltag oft meine Schwiegermutter nenne, ziemlich angespannt. Nicht, weil wir zusammenlebten und es jeden Tag Reibereien gab. Im Gegenteil: Wir wohnten überhaupt nicht zusammen.
Sie lebt in Süddeutschland, ungefähr dreihundert Kilometer von uns entfernt. Normalerweise kommt sie vielleicht zweimal im Jahr zu Besuch. Manchmal um Ostern herum, manchmal wenn die Weihnachtsmärkte geöffnet sind. Oder sie lädt uns zu sich nach Hause ein, damit wir Weihnachten dort verbringen und vielleicht zwei Wochen bleiben.
Eigentlich sollte bei so viel Abstand kaum ein ernsthafter Schwiegermutter-Schwiegertochter-Konflikt entstehen. Aber in jenen Jahren trug ich viel Groll gegen sie in mir. Erst später wurde mir langsam klar, dass ich einen deutschen Menschen nach den Maßstäben einer chinesischen popo¹ beurteilt hatte.
In meiner Vorstellung hilft eine Schwiegermutter zumindest ein wenig mit. Entweder kümmert sie sich manchmal um das Kind, oder sie unterstützt die junge Familie finanziell ein bisschen. Es muss nicht viel sein, aber wenigstens sollte man spüren, dass sie in dieser Familie irgendwie beteiligt ist.
Deutsche haben jedoch oft ein sehr starkes Gefühl für Grenzen. Wenn meine Schwiegermutter zu Besuch kam, übernachtete sie nie bei uns. Sie und ihr jetziger Mann nahmen sich meistens ein Hotelzimmer, und sie aßen sogar nur selten bei uns zu Hause. Damals hatte ich oft das Gefühl, als käme sie uns nur nebenbei besuchen.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, sehe ich, dass darin ein großer kultureller Unterschied lag. Für Deutsche ist es ganz normal, im Hotel zu schlafen und die eigenen Mahlzeiten selbst zu organisieren. Aber in meiner chinesischen Vorstellung fühlt es sich merkwürdig an, wenn Familienmitglieder zu Besuch kommen, vor allem Ältere, und dann nicht zu Hause übernachten — und nicht einmal richtig gemeinsam mit einem essen.
Wenn sie nach Leipzig kamen, gingen sie meist auch in der Stadt spazieren. Ihr jetziger Mann mag außerdem den gebratenen Fisch in einer bestimmten Bar in der Innenstadt sehr gern. Deshalb blieben sie meistens nicht extra bei uns zum Essen. Unten im Supermarkt schnell etwas kaufen oder draußen irgendwo einfach etwas essen — für sie war das völlig normal. Aber in meiner Vorstellung fühlte sich das immer irgendwie nicht richtig an.
Sogar bei ihr zu Hause war es ähnlich. Zum Frühstück gab es Brot. Mittags gab es oft keine richtige Mahlzeit. Man aß einfach, was im Kühlschrank war: Brot, Schinken, Kuchen. Für sie war das alles ganz normal. Nur abends wurde meistens richtig gekocht.
Nach chinesischer Gewohnheit ist es anders. Wenn Gäste ins Haus kommen — ganz zu schweigen vom eigenen Sohn und der Schwiegertochter, oder sogar von qinjia² — sollte man doch wenigstens mit Sorgfalt eine richtige Mahlzeit zubereiten oder die Gäste ordentlich zum Essen ausführen. Aber sie machten es nicht so. Früher speicherte ich solche kleinen Details still in meinem Herzen ab. Je mehr ich davon sammelte, desto mehr fand ich, dass sie ein sehr kalter Mensch sei.
Auch im Alltag hatten wir nicht besonders viel Kontakt. Manchmal schickte sie kleine Geschenke, aber in meinen damaligen Augen zählte das nicht wirklich.
Besonders rund um die Geburt unseres Kindes, dazu die schlechte Gesundheit meines Partners, später die Pandemie, Arbeitslosigkeit und all die Lasten des Lebens — ich trug sehr vieles allein. Dadurch wurde der Groll in mir noch stärker.
Damals war ich ihr gegenüber nicht nur kühl. Man könnte sogar sagen: Ich begegnete ihr mit Feindseligkeit. Jedes Mal, wenn wir uns sahen, hatte ich kaum Lust, mit ihr zu sprechen. Ich suchte nicht absichtlich Streit, aber ich zeigte ihr auch kein freundliches Gesicht. In ihrer Gegenwart war ich fast die ganze Zeit kalt.
Einerseits fand ich, dass sie als Schwiegermutter zu „kalt“ sei. Andererseits konnte ich auch einige Entscheidungen aus ihrem früheren Leben nie ganz loslassen.
Als sie jung war, ließ sie sich scheiden und kehrte mit zwei Kindern aus den USA nach Deutschland zurück. Später hatte sie Beziehungen mit mehreren Männern, die nicht wirklich zu ihr passten. Dadurch wurde das familiäre Umfeld sehr schwierig, und das hatte großen Einfluss auf das Aufwachsen meines Partners.
Es gab noch eine Sache, die mir lange im Kopf blieb.
Mein Partner ist sehr intelligent und lernt schnell, besonders in Mathematik, Physik und Chemie. Aber damals wollte meine Schwiegermutter vor allem, dass er möglichst schnell mit der Schule fertig wurde und früh eine Ausbildung begann. Obwohl ein Lehrer ihr etwas anderes geraten hatte, änderte sie ihre Meinung nicht.
Aus meiner Sicht haben diese Entscheidungen den späteren Lebensweg meines Partners bis zu einem gewissen Grad beeinflusst.
Deshalb ging ich ihr in jenen Jahren, wenn sie uns besuchte, eigentlich aus dem Weg. Und sie beschwerte sich auch selten über mich. Deutsche haben oft klare Grenzen und äußern Unzufriedenheit nicht so leicht. Nach außen sah es also so aus, als gäbe es zwischen uns keinen Konflikt. Aber diese Verkrampfung war wirklich da.
Vor einigen Jahren begann ich plötzlich, etwas langsam zu verstehen: Sie schuldet uns eigentlich nichts. Dieser Satz klingt sehr einfach. Aber erst nachdem ich ihn wirklich verstanden hatte, begann sich meine innere Haltung Stück für Stück zu lösen.
Später wurde mir klar, dass meine vielen Vorwürfe gegen sie an der Oberfläche zwar so aussahen, als ginge es nur um sie als Person. In Wirklichkeit waren aber viele andere Gefühle darin vermischt.
Da waren kulturelle Unterschiede zwischen China und Deutschland. Da waren meine unterschiedlichen Erwartungen an eine chinesische und an eine deutsche Schwiegermutter. Da war auch meine Enttäuschung über die Herkunftsfamilie meines Partners. Dazu kam, dass ich in jenen Jahren selbst zu sehr unter Druck stand, zu viel Bitterkeit in mir hatte und keinen Ausweg fand. So wurde sie zu der Person, an der sich mein Groll am leichtesten festmachen ließ.
Aber als ich begann, sie aus einer anderen Perspektive zu sehen, wurde das Gewicht in meinem Herzen leichter.
Später, wenn sie zu uns kam, konnte ich sogar ganz normal mit ihr sprechen. Wir redeten über alltägliche Dinge, über das Leben, und langsam wurde die Atmosphäre viel entspannter.
Einmal sagte mein Partner ziemlich überrascht, er hätte nicht gedacht, dass wir beide so lange zusammensitzen und reden könnten. Ehrlich gesagt war ich selbst auch überrascht.
Nachdem sich unsere Beziehung entspannt hatte, sah ich nach und nach auch Dinge, die ich früher nicht gesehen hatte.
Als zum Beispiel unser Backofen kaputtging und ein neuer mehr als fünfhundert Euro kosten sollte, bezahlte sie ihn ohne Zögern für uns. Später begann ich einen Kurs und brauchte ein Headset mit Mikrofon. Eigentlich lag mein Budget bei siebzig oder achtzig Euro, aber dann fand ich ein passenderes Modell für mehr als einhundertachtzig Euro. Nachdem ich es ihr erzählt hatte, stimmte sie ebenfalls sehr unkompliziert zu.
Früher hätte ich vielleicht gedacht: Das sollte sie doch ohnehin tun. Aber heute denke ich: Das ist ihre Art, innerhalb ihrer eigenen Grenzen Unterstützung zu zeigen.
Sie ist nicht die Art ältere Person, die sich jeden Tag nach einem erkundigt, sich in alles einmischt oder ihre Gefühle sehr warm und überschwänglich ausdrückt. Aber das heißt nicht, dass sie gar kein Herz hat. Es bedeutet nur, dass ihre Art, Zuneigung zu zeigen, ganz anders ist als die, die ich ursprünglich kannte.
Später merkte ich langsam, dass es noch einen wichtigen Grund gab, warum diese Beziehung sich entspannen konnte: Sie stellte eigentlich kaum Ansprüche an mich.
Wenn ich bei ihr zu Besuch war, musste ich mich nicht besonders bemühen, mich gut darzustellen. Ich musste auch nicht sofort aufspringen und irgendetwas übernehmen. Ob sie kochte oder aufräumte, sie machte alles in ihrem eigenen Rhythmus. Sie verlangte nicht von mir, als Schwiegertochter mitzuhelfen, und sie war auch nicht beleidigt, wenn ich nichts tat.
Wenn sie zu uns kam, war es genauso. Sie mischte sich nicht in unser Leben ein und ging nicht davon aus, dass ich mich um sie drehen müsse. Oft sagte ich: „Lasst uns doch zusammen essen.“ Aber sie blieb nicht unbedingt. Aus ihrer Sicht kamen sie selten nach Leipzig und wollten lieber nach ihren eigenen Plänen durch die Stadt gehen, ein Glas trinken oder etwas essen, worauf sie Lust hatten.
Früher hielt ich das für Kälte. Später verstand ich langsam: Wenn zwei Menschen nicht so viele Erwartungen aneinander stellen, kann eine Beziehung sogar leichter werden. Man muss sich vor dem anderen nicht beweisen, und der andere kommt auch nicht, um einen umzubauen. In gewisser Weise ist das sogar eine seltene Form von Entlastung.
Diese Grenzen sind gegenseitig. Sie greift nicht leicht in unser Leben ein, und wir gehen auch nicht automatisch davon aus, dass sie sich in unsere Familie einmischen darf. Selbst bei der Erziehung des Kindes und bei Alltagsgewohnheiten sind die Grenzen klar.
Dass unsere Beziehung später allmählich leichter wurde, hat am Ende auch mit meiner eigenen Persönlichkeit zu tun.
Ich bin kein Mensch, der besonders gut darin ist, Fürsorge durch kleine Alltagshandlungen auszudrücken. Ich bin es auch nicht gewohnt, durch die Versorgung anderer Menschen zu beweisen, dass mir jemand wichtig ist. Erst später merkte ich, dass eine Beziehung, in der beide für sich selbst sorgen können und einander nicht übermäßig fordern, in gewisser Weise sogar besser zu mir passt.
Natürlich gibt es bis heute vieles, das ich nicht verstehe.
Zum Beispiel gibt es zwischen meinem Partner und seiner älteren Schwester einen Knoten, der sich nie gelöst hat. Und der Anfang dieses Knotens hatte eigentlich mit meiner Schwiegermutter zu tun.
Damals fiel der damalige Freund meiner Schwiegermutter plötzlich ins Koma. Nachdem er ins Krankenhaus gebracht worden war, stellte sich heraus, dass er bereits Krebs im Endstadium hatte und nicht mehr zu retten war. Am Ende starb er fast durchgehend bewusstlos.
Obwohl dieser Mann nicht der leibliche Vater meines Partners und seiner Schwester war, hatte er viele Jahre mit meiner Schwiegermutter zusammengelebt. Er war immer ein anständiger Mensch gewesen und gehörte zu den wenigen, die wirklich gut zu ihr gewesen waren. Deshalb hatten mein Partner und seine Schwester durchaus tiefe Gefühle für ihn.
Weil alles so plötzlich kam, sagte meine Schwiegermutter damals zu meinem Partner, er solle seiner Schwester vorerst nichts sagen. Sie würde selbst einen passenden Zeitpunkt finden, um es ihr mitzuteilen.
Wenn ich heute zurückblicke, hatte sie vielleicht ihre eigenen Überlegungen. Die ältere Schwester meines Partners lebt in den USA, hat vier Kinder und keine Eltern in der Nähe, die sie unterstützen könnten. Für jemanden, der weit entfernt im Ausland lebt und ohnehin schon ein chaotisches, volles Leben hat, hätte eine solche schlechte Nachricht plötzlich vor allem zusätzlichen Kummer bedeutet. Kurzfristig hätte sie ohnehin kaum etwas tun können. Vielleicht sagte meine Schwiegermutter deshalb zu meinem Partner, er solle es noch nicht erzählen, weil sie selbst einen geeigneten Moment finden und es ihrer Tochter langsam sagen wollte.
Mein Partner versprach es und kontaktierte seine Schwester nicht von sich aus. Aber nicht lange danach erfuhr meine Schwägerin die Nachricht von einem Bekannten. Als sie es hörte, wurde sie sehr wütend und machte meinem Partner Vorwürfe, weil er es ihr nicht sofort gesagt hatte. Später brach der Kontakt zwischen den Geschwistern wegen dieser Sache allmählich ab.
Aus meiner Sicht war diese Sache eigentlich sehr seltsam. Denn es war ursprünglich gar nicht die Entscheidung meines Partners gewesen. Es war meine Schwiegermutter, die ihm gesagt hatte, er solle es vorerst nicht sagen. Aber am Ende gab die Schwester dem Bruder die Schuld, nicht der Person, die diese Entscheidung zuerst getroffen hatte.
Noch weniger konnte ich verstehen, dass ihre Beziehung ursprünglich gar nicht schlecht gewesen war, sie aber wegen dieser Sache viele Jahre lang keinen Kontakt mehr hatten, fast so, als würden sie nie wieder miteinander zu tun haben wollen.
Ich dachte immer: Wenn meine Schwiegermutter bereit gewesen wäre, einmal aufzustehen und einen Satz zu erklären, oder wenigstens ein wenig zwischen den Geschwistern zu vermitteln, hätte die Sache vielleicht nicht bis zu diesem Punkt kommen müssen.
Einmal sprach ich sogar ausdrücklich mit ihr darüber. Ich hoffte, sie könnte etwas tun, um die Beziehung zwischen ihrem Sohn und ihrer Tochter zu entspannen. Aber ihre Haltung war sehr klar: Das sei eine Sache zwischen den Geschwistern, und sie werde sich nicht einmischen.
Bis heute stimme ich dieser Haltung nicht zu. Aus meiner Sicht ist das immer noch zu kalt. Aber anders als früher verlange ich heute nicht mehr, dass sie nach meiner Logik handeln muss. Ich verstehe es nicht, aber ich beginne, es zu respektieren.
Später dachte ich immer öfter, dass das Schwierigste in vielen Beziehungen innerhalb einer interkulturellen Familie nicht die Frage von richtig oder falsch ist, sondern dass die Logik dahinter völlig verschieden sein kann.
Du findest, das sei Kälte; der andere findet, das seien Grenzen. Du findest, diese Sache müsse man doch ganz klar regeln; der andere findet, Erwachsene sollten ihre eigenen Angelegenheiten selbst lösen. Du findest, das sei die grundlegendste Unterstützung zwischen Familienmitgliedern; der andere findet, Geschenke, Besuche und sogar finanzielle Hilfe in wichtigen Momenten seien bereits ein Ausdruck von Zuneigung.
Solche Unterschiede lassen sich oft nicht durch Streit lösen. Auch nicht dadurch, dass einer den anderen vollständig überzeugt. Sie lassen sich höchstens langsam dadurch tragen, dass man akzeptiert: Wir sind nicht in derselben Kultur aufgewachsen. Wir können vielleicht nicht wirklich nachempfinden, was der andere empfindet. Wir müssen auch nicht alles zwanghaft gutheißen. Aber zumindest können wir lernen, nicht immer nur aus dem eigenen Blickwinkel auf die Dinge zu schauen. Ein wenig mehr Perspektivwechsel, ein wenig mehr Verständnis, ein wenig mehr Respekt.
Heute sind meine Schwiegermutter und ich sicher nicht besonders eng miteinander. Aber wenigstens fühlen wir uns nicht mehr ständig unwohl miteinander.
Für mich ist das schon ein sehr seltener Fortschritt.
Anmerkungen
- Popo(婆婆): Im Chinesischen bezeichnet popo ganz konkret die Mutter des Ehemanns oder des männlichen Partners. Es ist genauer als das deutsche Wort „Schwiegermutter“, weil das Chinesische unterschiedliche Begriffe für verschiedene Schwiegerbeziehungen hat. In vielen chinesischen Familien trägt popo außerdem starke kulturelle Erwartungen: Sie kann als jemand gesehen werden, der bei der Kinderbetreuung hilft, die junge Familie praktisch oder finanziell unterstützt, am Familienleben teilnimmt und manchmal auch Autorität ausübt. Deshalb ist das Wort emotional und kulturell stärker aufgeladen als das neutrale deutsche „Schwiegermutter“.
- Qinjia(亲家): Qinjia bezeichnet die Beziehung zwischen zwei Familien, die durch eine Ehe oder feste Partnerschaft miteinander verbunden sind, besonders zwischen den Eltern des Paares. Zum Beispiel können sich die Eltern der Frau und die Eltern des Mannes gegenseitig als qinjia bezeichnen. In der chinesischen Sozialetikette sind qinjia nicht einfach „die anderen Schwiegereltern“; oft gibt es Erwartungen an Gastfreundschaft, Respekt und formelle Höflichkeit, wenn die beiden Familien einander begegnen.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 很长一段时间,我一直对我的德国婆婆有很深的怨气,后来却慢慢想通了
Englische Version: For a Long Time, I Held Deep Resentment Toward My German Mother-in-Law. Later, I Slowly Came to Understand


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