Von Jane Sonnenschein · 20. März 2026
Gestern habe ich einen Text über die Diskussion um einen Buchblogger geschrieben, der online als „Fake“ entlarvt worden war. Daraufhin meldeten sich in den Kommentaren einige Menschen, die selbst ernsthaft Buch-Content machen. Manche wiesen mich darauf hin, dass ich einige Details der ursprünglichen Geschichte nicht ganz richtig verstanden hatte. Das nehme ich an.
Viel länger beschäftigt hat mich aber ein anderer Kommentar.
Jemand schrieb sinngemäß: Lesen könne manchmal wirklich schwer und zäh sein. Manchmal müsse man lange innehalten, sich ausruhen und das Gelesene erst einmal wiederkäuen. Die sogenannten schönen oder treffenden Sätze blieben einem oft gar nicht im Gedächtnis. Und wenn man sich dann trotzdem zwinge, eine Lese-Notiz zu schreiben, fühle sich das meiste – abgesehen von einigen wenigen gelungenen Texten – an wie Erbrochenes nach einer misslungenen Verdauung.
Leider verschwand dieser Kommentar aus irgendeinem Grund kurze Zeit später.
Als ich ihn las, hat er mich sofort getroffen.
Das Bild ist nicht besonders schön, aber es war fast schon brutal präzise. Es beschrieb genau dieses leichte Unbehagen, das ich beim Lesen vieler Buchnotizen schon oft gespürt hatte: Da steht viel, man merkt auch, dass sich jemand Mühe gegeben hat, und trotzdem wirkt der Text trocken und flach – als hätte man etwas wieder herausgebracht, bevor es wirklich verdaut war.
In diesem Moment wollte ich plötzlich ernsthaft darüber schreiben, was „Lesen“ für mich eigentlich bedeutet.
Offen gesagt konnte ich mit der klassischen Form von Lese-Notizen noch nie besonders viel anfangen.
Viele Menschen verstehen darunter: Wenn ein Buch zu Ende gelesen ist, sollte man die wichtigsten Stellen herausschreiben, die Struktur des Autors ordnen, noch einmal zusammenfassen, worum es eigentlich ging, und am besten zusätzlich eine Mindmap erstellen. Erst dann gilt ein Buch irgendwie als wirklich „gelesen“.
Je länger ich selbst lese, desto weniger Bedeutung hat diese Art des Lesens für mich.
Denn der eigentliche Wert eines Buches liegt für mich nicht darin, ob ich die Gedanken des Autors anschließend noch einmal sauber zusammenfassen kann.
Wichtiger ist, ob es in diesem Buch einen Satz, eine Szene oder einen kleinen Abschnitt gab, der mich wirklich getroffen hat.
Und wenn mich etwas getroffen hat: Habe ich danach weitergedacht?
Woran hat es mich erinnert? Welche Erfahrung aus meinem eigenen Leben hat es berührt? An welchen Knoten in mir ist es geraten? Welche alte Wunde hat es mich gezwungen anzusehen? Oder hat es mir plötzlich geholfen, etwas ein wenig besser zu verstehen, über das ich schon lange nachgedacht hatte, ohne eine Antwort zu finden?
Wenn all das nicht passiert und ich lediglich einen schönen Satz abschreibe, denke: „Wow, genau so ist es“, und dann aufhöre, dann bleibt dieser Satz für mich eben auch nur ein schöner Satz.
Ich glaube inzwischen, dass genau hier eines der größten Probleme vieler Buch-Accounts liegt.
Natürlich können auch sie von einem Satz im Buch berührt sein. Sie schreiben ihn sorgfältig heraus, ordnen ihre Notizen und machen daraus einen Beitrag. Das Problem ist nur, dass viele an diesem ersten Moment des Berührtseins stehen bleiben.
Dann heißt es:
Dieser Satz ist so wahr.
Dieser Satz ist so heilsam.
Den muss ich mir unbedingt merken.
Aber wenn dich ein Satz wirklich getroffen hat, müsste danach nicht eigentlich noch etwas kommen?
Was genau daran ist wahr – und warum?
Was hat das mit meinem eigenen Leben zu tun?
Welche konkreten Erfahrungen in mir berührt dieser Gedanke?
Kann daraus etwas entstehen, das wirklich mein eigener Gedanke ist?
Viele gehen diesen Schritt nicht weiter.
Vielleicht wirken deshalb so viele Lese-Notizen am Ende trocken und flach, fast wie ein Protokoll dessen, was jemand gelesen hat, statt wie etwas, das tatsächlich durch einen Menschen hindurchgegangen ist. Oder, um noch einmal das ziemlich harte Bild aus diesem Kommentar zu benutzen: wie Erbrochenes.
Der Vergleich ist hart, aber ich habe sofort verstanden, was damit gemeint war.
Denn oft sieht etwas nach „Output“ aus, obwohl eigentlich nur etwas wieder herauskommt, das noch gar nicht richtig verdaut wurde.
Es ist noch nicht Teil des eigenen Denkens geworden, im Inneren hat noch keine wirkliche Verwandlung stattgefunden – und genau das spürt man beim Lesen.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich viele Buchnotizen nicht bis zum Ende lesen kann.
Nicht weil diese Menschen sich keine Mühe geben oder nichts zu sagen hätten. Im Gegenteil. Manchmal schreibt jemand in einer Kommentarspalte sehr ausführlich, oder man unterhält sich mit der Person und merkt sofort: Das ist kein leerer Mensch. Da sind Erfahrungen, Gedanken und ein eigener Blick auf die Welt.
Doch dann klickt man auf das Profil und versucht, die eigentlichen Buchnotizen zu lesen – und kommt trotzdem nicht hinein.
Da steht ein dichter Block aus Text, die Sätze wirken trocken, die Gestaltung lässt einem kaum Luft. Man merkt, dass in diesem Menschen etwas steckt, aber es ist ihm noch nicht gelungen, das so auszudrücken, dass ein anderer wirklich hineinfinden kann.
Dadurch ist mir etwas immer klarer geworden:
Gedanken zu haben bedeutet nicht automatisch, sie für andere schreiben zu können.
Inhalt zu haben bedeutet nicht automatisch, ihn ausdrücken zu können.
Wenn ich in Zukunft wieder über Bücher schreibe, möchte ich deshalb wahrscheinlich nicht mehr so sehr erzählen, „worum es in diesem Buch geht“.
Mich interessiert viel mehr:
Welcher Satz hat mich getroffen? Warum hat er mich getroffen? Wie verbindet er sich mit etwas, das ich selbst erlebt habe? Und welcher neue Gedanke ist daraus entstanden?
Denn das Spannende am Lesen liegt für mich immer weniger darin, die Gedanken eines Autors noch einmal zusammenzufassen. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Buch in einem selbst tatsächlich etwas ausgelöst hat.
Ich habe mich übrigens nie für jemanden gehalten, der besonders viele Bücher liest.
Früher schrieben mir manche Menschen unter meinen Beiträgen auf meinem WeChat Official Account – einem öffentlichen Publikationskanal innerhalb von WeChat –, dass sie bei meinen Texten immer das Gefühl hätten, ich müsse unglaublich viel gelesen haben.
Meistens habe ich das nicht groß richtiggestellt. Aber wenn ich ehrlich bin, gehöre ich überhaupt nicht zu den Menschen, die ständig große Klassiker oder besonders anspruchsvolle Literatur lesen.
Im Gegenteil: Früher habe ich vor allem Romane gelesen. Viele davon waren Liebesgeschichten oder leichtere Bücher, bei denen ich eine Weile aus der Realität herauskommen und etwas Luft bekommen konnte.
Tragödien mochte ich sogar schon immer eher wenig.
Nicht weil ich oberflächlich bin, sondern weil ich oft dachte: Das Leben ist doch schon schwer genug. Warum sollte ich mir freiwillig noch eine zusätzliche Schicht Schmerz ins Herz legen?
Ich habe Freunden früher sogar gesagt, dass ich zwar gern Tragödien schreibe, sie aber nicht gern lese. Wenn ich vorher weiß, dass eine Geschichte besonders traurig ist, kann es sogar passieren, dass ich sie gar nicht erst anfange.
Irgendwann habe ich auch etwas anderes akzeptiert: Ein Buch, in das ich einfach nicht hineinkomme, muss ich nicht mit Gewalt zu Ende lesen.
Nicht jeder muss die Bücher lesen, von denen alle anderen sagen, man „müsse sie gelesen haben“, nur um zu beweisen, dass man Tiefe besitzt.
Es gibt eigentlich gar nicht viele Bücher, die mich wirklich nachhaltig geprägt haben. Aber wenn eines es tut, dann ist diese Wirkung auch real.
Zum Beispiel Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.
Die Art, wie dieser Roman mit Bewusstseinsströmen arbeitet, hat mich damals stark berührt und später sogar meinen eigenen Schreibstil beeinflusst. Beim Lesen wurde mir zum ersten Mal sehr deutlich: Man kann einen Roman tatsächlich auf diese Weise schreiben.
Diese Mischung aus Metaphern, Bildern, Bewusstseinsstrom und Gedanken, die sich Schicht für Schicht weiterentwickeln und manchmal auch nicht sofort ganz verständlich sind – genau diese Art von Sprache hatte mir selbst immer schon gefallen.
Damals hatte ich ein sehr starkes Gefühl: als hätte ich plötzlich jemanden gefunden, der ähnlich empfindet wie ich. Oder als hätte ich zum ersten Mal eine Art Zuhause für die Art des Schreibens gefunden, die mir selbst entspricht.
Ein anderes Beispiel ist Kognitives Erwachen.
Damals war ich sehr orientierungslos, ich kreiste ständig in denselben Gedanken und war voller innerer Unruhe und Angst. Dieses Buch hat mir zum ersten Mal leise gezeigt, dass viele dieser Dinge eine Struktur haben. Dass nicht nur ich so bin, dass nicht nur ich mich ständig verhedderte und nicht wusste, wie ich aus meinen Gedanken herauskommen sollte.
Ich habe das Buch nicht nur mehr als einmal gelesen, sondern es auch zweimal vollständig als Hörbuch gehört.
Es war kein Buch, bei dem mich jeder einzelne Satz getroffen hätte. Aber in genau dieser Phase meines Lebens hat es mir wirklich geholfen.
Ob ein Buch Bedeutung hat, hängt deshalb für mich weder davon ab, ob es als Klassiker gilt, noch davon, ob man seinen Inhalt anschließend vollständig wiedergeben kann.
Entscheidend ist, ob es eine Spur in einem hinterlassen hat.
Manche Bücher liest man, und danach sind sie einfach vorbei.
Von anderen erinnert man sich vielleicht nur an einen einzigen kleinen Abschnitt, aber genau dieser Abschnitt bleibt jahrelang irgendwo im Inneren und verändert langsam ein wenig, wie man die Welt betrachtet.
Dann hatte dieses Buch für einen selbst bereits Bedeutung.
Irgendwann habe ich außerdem gemerkt, dass es im Leben eigentlich nicht an Methoden mangelt.
Es gibt unzählige Bücher über Selbstentwicklung, unzählige Ratgeber und Methodenbücher. Jedes zweite Buch verspricht Heilung und sagt einem: Du musst lernen loszulassen. Du musst dich selbst mehr lieben. Du kannst langsam neu anfangen. Du verdienst ein besseres Leben.
Wer aber wirklich schon schwierige Zeiten durchlebt hat, weiß, dass man nicht durch einen einzigen Satz plötzlich alles versteht.
Und auch ein „Neuanfang“ wird nicht Wirklichkeit, nur weil dieses Wort schön klingt.
Viele Bücher schreiben darüber viel zu leicht.
Als würde ein Mensch eines Morgens aufwachen und plötzlich alles verstanden haben.
Als könne ein Satz reichen, um die Vergangenheit loszulassen.
Als würde sich das ganze Leben sofort wenden, sobald man gelernt hat, „etwas besser zu sich selbst zu sein“.
Aber die Wirklichkeit funktioniert nicht so.
Etwas wirklich zu verstehen dauert oft lange und kann schmerzhaft sein.
Dahinter stehen sehr konkrete Schwierigkeiten, sehr konkrete Stellen, an denen man festhängt, viele Wiederholungen, Rückschläge und Momente, in denen man immer wieder gegen dieselbe Wand läuft. Ein schöner Satz verändert keinen Menschen von heute auf morgen. Und auch ein gekauftes Buch, ein gespeicherter Beitrag oder ein bewegender Satz aus einem Livestream geben einem nicht sofort eine neue Art zu leben.
Deshalb bin ich inzwischen vorsichtiger geworden bei Inhalten, die besonders gut über „Neuanfang“, „Heilung“ oder dieses plötzliche „Jetzt habe ich alles verstanden“ schreiben.
Nicht weil darin alles falsch wäre.
Sondern weil solche Texte einen eigentlich komplizierten, mühsamen und sehr konkreten Prozess oft viel zu leicht aussehen lassen.
Manchmal berühren sie gar nicht wirklich dein Wachstum.
Sie beruhigen nur den Teil in dir, der sich gerade unbedingt sofort besser fühlen möchte.
Wenn ich heute zurückblicke, verstehe ich deshalb wahrscheinlich endlich, warum mich diese klassische Form von Lese-Notizen immer weniger interessiert.
Nicht weil ich gegen Notizen bin und auch nicht, weil ich etwas gegen das Abschreiben schöner Sätze hätte.
Was mich stört, ist nur, wenn das Lesen genau dort stehen bleibt: beim Herausstreichen, beim kurzen Erstaunen, bei diesem „Wow, genau so ist es“.
Denn ein schöner oder treffender Satz ist nicht das Ziel.
Er ist höchstens ein Eingang.
Wenn dich ein Satz wirklich getroffen hat, sollte er nicht nur auf dem Papier stehen bleiben. Er sollte weitergehen – hinein in deine Erfahrungen, in deine Urteile, in all die Dinge, die du selbst nie ganz erklären konntest und die trotzdem schon lange irgendwo in dir feststecken.
Und dann wird daraus durch Nachdenken, Verdauen und Verarbeiten ganz langsam etwas Eigenes.
Erst an diesem Punkt ist Lesen nicht mehr nur das Sammeln von Zitaten.
Erst dann hat ein Buch wirklich angefangen, in einem zu wirken.
Wenn ich also künftig wieder über Bücher schreibe, werde ich wahrscheinlich nicht mehr versuchen, für den Autor zusammenzufassen, was er geschrieben hat.
Ich möchte nur noch darüber schreiben, welcher Satz mich getroffen hat, warum er mich getroffen hat und welchen Teil meines eigenen Lebens er berührt.
Denn ich glaube immer mehr:
Lesen ist nicht das Sammeln von Zitaten. Entscheidend ist, was daraus in einem selbst entsteht.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 读书不是摘抄,转化才是
Englische Version: Reading Isn’t About Collecting Quotes. It’s About Transformation.


Leave a comment