Von Jane Sonnenschein · 18. April 2026

In den Jahren, die ich inzwischen in Deutschland lebe, habe ich viele Menschen kennengelernt, die Christen sind.

Manche sind in christlichen Familien aufgewachsen, wurden ganz selbstverständlich getauft, gingen am Wochenende in die Kirche, und Feste wie Weihnachten oder Ostern waren für sie nicht einfach nur freie Tage, sondern Teil eines Lebens, das wirklich von Religion geprägt war. Andere waren ursprünglich gar nicht besonders gläubig. Erst durch eine Ehekrise, Krankheit, Einsamkeit oder eine andere schwierige Phase ihres Lebens fanden sie langsam den Weg in die Kirche und wurden schließlich zu Menschen, die tief glauben.

Ich habe das immer wieder beobachtet und ihnen zugehört.

Ehrlich gesagt kann ich durchaus verstehen, warum Menschen glauben. Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich sogar etwas, das mir früher vielleicht weniger klar war: Viele Menschen glauben nicht unbedingt zuerst an eine bestimmte Lehre. Was sie zuerst berührt, ist vielleicht eher das Gefühl, endlich aufgefangen zu werden.

Das Leben bringt sehr viel Leid mit sich.

Der Körper macht Probleme, die Ehe zerbricht, mit den Kindern läuft es schwierig. Man lebt in einem fremden Land und versucht irgendwie allein durchzuhalten, die Eltern sind weit weg, und auch Freunde können einem nicht immer wirklich helfen.

Wenn es dann einen Ort gibt, der einem sagt: Dein Schmerz ist nicht sinnlos. Deine Verwirrung bleibt nicht ungesehen. Du gehst nicht allein durch die Dunkelheit. Vor dir ist ein „Herr“¹, der dir den Weg erhellt, und hinter dir steht eine Gemeinschaft, die dich trägt – dann kann ich gut verstehen, warum das für viele Menschen so tröstlich ist.

Das verstehe ich.

Wirklich.

Und trotzdem habe ich nie wirklich an „den Herrn“ glauben können.

Ich habe lange darüber nachgedacht und irgendwann gemerkt, dass das Problem nicht darin liegt, dass ich grundsätzlich jede Vorstellung von etwas ablehne, das größer ist als der Mensch.

Im Gegenteil.

Ich glaube durchaus, dass manche Dinge im Leben ihren eigenen Lauf haben. Ich glaube an Schicksal und an Ursache und Wirkung. Auch mit manchen Vorstellungen aus dem Buddhismus und Daoismus kann ich etwas anfangen: mit dem Gedanken an schicksalhafte Begegnungen, daran, sich nicht immer gegen den Lauf der Dinge zu stemmen, den eigenen Geist zu kultivieren, an Folgen des eigenen Handelns oder daran, dass gute Taten auch Gutes nach sich ziehen können.

Wenn sich etwas nicht vollständig mit Vernunft erklären lässt, denke ich manchmal ganz instinktiv: Vielleicht war es einfach Schicksal.

Ich bin also keineswegs ein Mensch, der an gar nichts glaubt.

Was ich aber nie akzeptieren konnte, ist eine bestimmte Form der Beziehung: dass der Mensch zum Diener Gottes werden soll, Ihm sein ganzes Leben lang dienen und sich vollständig in eine Haltung der Unterordnung begeben soll.

Zum ersten Mal wurde mir dieses Unbehagen wirklich bewusst, als ich an christlichen Treffen teilnahm.

Beim Lesen der Bibel hörte ich immer wieder vom „Herrn“, vom „Dienen“, vom „Gehorsam“ und davon, dass „wir Diener Gottes sind“. Eine Aussage ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Sinngemäß hieß es, der Mensch solle ein Diener zu Füßen Gottes sein und Ihm sein ganzes Leben lang dienen.

In diesem Moment zog sich in mir etwas zurück.

Mein erster Gedanke war: Wenn Gott wirklich so erhaben, groß und vollkommen ist – warum braucht Er dann Menschen als Diener?

Warum sollte ein Mensch sein ganzes Leben damit verbringen, Ihm zu dienen?

Und wenn Er wirklich Gott ist, warum muss die Beziehung zwischen Mensch und Gott dann überhaupt als eine Beziehung zwischen „Herr“ und „Diener“ verstanden werden?

Viele Christen sehen darin natürlich überhaupt kein Problem.

Für sie ist der „Herr“ kein Herrscher im weltlichen Sinn, und ein „Diener“ ist kein erniedrigter Sklave. Sie verstehen darunter Demut, Vertrauen, Hingabe und eine Antwort auf Gottes Liebe. Diese Erklärungen kenne ich. Ich weiß, dass Christen sich damit nicht absichtlich selbst erniedrigen wollen.

Aber genau hier komme ich innerlich nicht weiter.

Denn für mich trägt das chinesische Wort Zhǔ (主), das im chinesischen Christentum für „Herr“ verwendet wird, ganz selbstverständlich eine hierarchische Bedeutung in sich.

Bedeutet Zhǔ nicht auch „Herr“ oder „Meister“?

Und wenn ich „mein Herr“ sage – stelle ich mich dann nicht gleichzeitig selbst auf die Seite des Dieners?

Genau diese Beziehung kann ich nicht akzeptieren.

Es geht mir nicht darum, dass ich nicht anerkennen könnte, wie klein und begrenzt der Mensch ist. Und auch nicht darum, dass ich jede Vorstellung von einer höheren Ordnung ablehne.

Was ich nicht akzeptieren kann, ist die Vorstellung, dass ich, um Trost, Zugehörigkeit oder inneren Frieden zu finden, mich selbst in eine solche Struktur stellen soll:

Ich bin unten, Er ist oben.

Meine Aufgabe ist es, mich zu fügen, Seine ist es, mich zu führen.

Ich gebe mich selbst aus der Hand, und Er gibt meinem Leben seine Bedeutung.

Das kann ich bis heute nicht.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich immer stärker das Gefühl habe, dass die geistigen Grundlagen der chinesischen Kultur ganz anders funktionieren.

Natürlich glauben auch Chinesen an Götter, verehren Buddhas und Gottheiten und sprechen über Schicksal und karmische Folgen. Aber zumindest so, wie ich es empfinde, ist die Beziehung zwischen Chinesen und dem Göttlichen oft keine absolute Beziehung zwischen Herr und Diener.

Viele Formen chinesischer Spiritualität wirken eher vermischt, alltagsnah und tief in das gewöhnliche Leben eingebettet. Sie erinnern oft mehr an eine Lebensphilosophie als an ein klar abgegrenztes Glaubenssystem.

Wenn dir etwas Schweres widerfährt, fragst du dich vielleicht, ob es Schicksal war.

Wenn du etwas Falsches getan hast, denkst du vielleicht an Ursache und Wirkung.

Wenn du an etwas festhängst, sagt jemand zu dir, du solltest lernen loszulassen.

Wenn du dich zu sehr an etwas klammerst, wird dir geraten, den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen.

Wenn du etwas Gutes tust, hast du vielleicht das Gefühl, damit gutes Verdienst anzusammeln.

In all diesen Gedanken stecken Spuren des Buddhismus, des Daoismus und des Konfuzianismus, aber auch Vorstellungen von Yin und Yang, Ausgleich, dem Willen des Himmels, moralischen Folgen und Segen. Im chinesischen Alltag sind diese Dinge nicht immer sauber voneinander getrennt. Viele Menschen könnten vermutlich selbst nicht genau sagen, welcher Satz nun buddhistisch und welcher daoistisch ist.

Mit der Zeit ist daraus eine ziemlich stabile chinesische Sicht auf das Leben entstanden.

Und in dieser Art zu denken fühlt sich die Beziehung zwischen dem Menschen und etwas Höherem oft weniger so an:

„Ich werde dein Diener.“

Sondern eher so:

Ich versuche, dich zu verstehen.

Ich habe Achtung vor dir.

Ich richte mich nach dir.

Aber ich gebe mich dir nicht vollständig hin.

Für mich ist das ein großer Unterschied.

Ich glaube sogar, dass mich gerade deshalb viele chinesische Mythen so berühren. Denn wenn Menschen darin Himmel, Schicksal oder Katastrophen gegenüberstehen, knien sie nicht einfach nur nieder und bitten um Hilfe. Sie versuchen trotzdem selbst, etwas zu tun.

Ob Jīngwèi tián hǎi, Kuāfù zhú rì, Dà Yǔ zhì shuǐ oder Hòu Yì shè rì² – in all diesen Geschichten steckt für mich dieselbe Kraft:

Egal wie groß der Himmel ist – der Mensch darf nicht einfach aufgeben.

Den Himmel achten, aber das eigene Handeln nicht aufgeben.

An das Schicksal glauben, ohne sich ihm vollständig auszuliefern.

Wissen, dass vieles außerhalb der eigenen Kontrolle liegt, ohne deshalb die eigene Handlungsfähigkeit aufzugeben.

Damit kann ich etwas anfangen.

Wenn man mich also unbedingt fragen würde, warum ich nie wirklich an „den Herrn“ glauben konnte, ist meine Antwort eigentlich ziemlich einfach:

Nicht, weil ich grundsätzlich nicht an Schicksal glaube, nicht an Ursache und Wirkung und nicht daran, dass es etwas geben könnte, das größer ist als der Mensch.

Sondern weil ich die Beziehung zwischen Mensch und Gott nie als Beziehung zwischen „Herr“ und „Diener“ verstehen konnte.

Ich kann akzeptieren, dass der Mensch Grenzen hat. Und ich kann akzeptieren, dass es im Leben vieles gibt, das wir nicht erklären können.

Aber ich möchte nicht, nur um Trost zu finden, meine eigene Handlungsfähigkeit, meine Würde und mein Urteil vollständig zu Füßen eines höheren Wesens legen.

Manche Menschen brauchen ein Licht außerhalb ihrer selbst.

Ich bin eher daran gewöhnt, mich im Dunkeln langsam vorwärtszutasten.

Das bedeutet nicht, dass der eine Weg klüger oder besser ist als der andere.

Manche Menschen glauben, dass Hingabe ihnen Frieden gibt.

Ich selbst glaube bis heute eher daran, dass man, selbst wenn man an das Schicksal glaubt, in diesem Leben trotzdem ein Stück eigenes Rückgrat behalten sollte.


Anmerkungen

1. Zhǔ (主)
Zhǔ ist im chinesischen Christentum die übliche Bezeichnung für „den Herrn“. Außerhalb des christlichen Zusammenhangs kann das Schriftzeichen 主 jedoch auch „Herr“, „Meister“, „Eigentümer“, „Hausherr“ oder allgemein die Person bezeichnen, die über etwas bestimmt. Deshalb kann das Wort für chinesische Muttersprachler stärker eine hierarchische Beziehung anklingen lassen, als es bei der deutschen christlichen Bezeichnung „der Herr“ unmittelbar der Fall sein muss. Genau diese sprachliche und emotionale Verbindung zwischen „Herr“ und der entsprechenden Position eines Dieners ist für den Gedanken dieses Essays entscheidend.

2. Jīngwèi tián hǎi (精卫填海), Kuāfù zhú rì (夸父逐日), Dà Yǔ zhì shuǐ (大禹治水), Hòu Yì shè rì (后羿射日)
Dabei handelt es sich um bekannte Geschichten aus der chinesischen Mythologie. Jingwei ist ein kleiner Vogel, der unermüdlich Steine und Zweige ins Meer trägt, um es aufzufüllen. Kuafu verfolgt die Sonne. Yu der Große widmet viele Jahre seines Lebens der Eindämmung verheerender Überschwemmungen. Hou Yi schießt mehrere Sonnen vom Himmel, die die Erde versengen. Die Geschichten unterscheiden sich stark voneinander, werden aber häufig mit einer ähnlichen Haltung verbunden: Der Mensch begegnet gewaltigen natürlichen oder kosmischen Kräften nicht nur mit Unterwerfung, sondern auch mit eigenem Handeln, Beharrlichkeit und Widerstandskraft.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 为什么我始终信不进“主”

Englische Version: Why I Have Never Been Able to Believe in “the Lord”

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