A thoughtful young girl sits quietly with books and creative materials, suggesting the tension and balance between academic learning, personal growth, and creative freedom.

Von Jane Sonnenschein · 4. August 2026

„Der Erfolg eines Menschen ist niemals das Werk eines einzigen Bildungssystems.“

Nachdem die Fields-Medaillen 2026 bekannt gegeben worden waren, gehörten Wang Hong und Deng Yu zu den beiden Preisträgern, die im chinesischen Internet besonders viel Aufmerksamkeit bekamen. Die Fields-Medaille wird alle vier Jahre an junge Mathematikerinnen und Mathematiker verliehen, die bereits herausragende Leistungen erbracht haben und zugleich noch großes Entwicklungspotenzial besitzen. Wang Hong wurde für ihre Arbeiten unter anderem in der harmonischen Analysis, der geometrischen Maßtheorie und zum dreidimensionalen Kakeya-Problem ausgezeichnet. Damit wurde sie zur dritten Frau in der Geschichte der Fields-Medaille, die diesen Preis erhielt.

Kurz darauf erschienen immer mehr Artikel und Videos über ihren Bildungsweg und ihre Entwicklung.

Mit sechzehn Jahren kam sie an die Peking-Universität. Zunächst allerdings nicht in den Fachbereich Mathematik, in den sie eigentlich wollte, sondern an die School of Earth and Space Sciences. Später bestand sie die interne Prüfung für einen Fachwechsel und wechselte an die School of Mathematical Sciences. Nach ihrem Abschluss in Beijing ging sie an die École Polytechnique in Frankreich, promovierte später am MIT und wurde schließlich zu einer international hoch angesehenen Mathematikerin.

Allein diese Biografie wäre schon komplex und interessant genug gewesen.

Im Internet wurde daraus jedoch sehr schnell eine Geschichte, die wir inzwischen ziemlich gut kennen:

Im chinesischen Bildungssystem sei sie unterdrückt worden und habe inmitten all der Wettbewerbssieger und mathematischen Ausnahmetalente ihr Selbstvertrauen verloren. Erst in Frankreich habe sie einen guten Lehrer getroffen, der seine Studierenden zu ermutigen wusste, wodurch sie ihre Liebe zur Mathematik wiedergefunden habe. Später sei sie in die USA gegangen, dort in einem freieren und offeneren akademischen Umfeld gefördert worden und schließlich mit der Fields-Medaille ausgezeichnet worden.

Wenn man die Geschichte so erzählt, scheint die Schlussfolgerung fast von selbst zu folgen:

Siehst du? Chinesische Bildung bedeutet Prüfungen, Konkurrenz und Druck. Ein wirklich großes Talent muss erst ins Ausland gehen, bevor es endlich gesehen wird.

Diese Geschichte hat Konflikt, Wendepunkt, Unterdrückung und Rettung. Sie eignet sich hervorragend für kurze Videos und Social-Media-Artikel.

Aber lässt sich die Entwicklung eines Menschen wirklich durch eine so einfache Kette von Ursache und Wirkung erklären?

Ein echtes Leben hat selten einen so klaren „Rettungsmoment“

Wenn man sich die ausführlicheren Informationen anschaut, die bislang über Wang Hongs Weg verfügbar sind, wird schnell deutlich, dass ihre Geschichte wesentlich komplizierter ist als „in China unterdrückt, im Ausland gerettet“.

Als sie in Guangxi an der chinesischen Hochschulaufnahmeprüfung teilnahm, gab es dort nur sehr wenige Plätze für Mathematik an der Peking-Universität. Ihre Punktzahl reichte nicht für einen direkten Platz im Mathematikstudium, deshalb begann sie zunächst an der School of Earth and Space Sciences.

Schon bei ihrer Einschreibung wusste sie jedoch, dass ein Fachwechsel grundsätzlich möglich war, und hatte von Anfang an vor, den Wechsel in die Mathematik zu schaffen.

Bemerkenswert ist außerdem, dass ihr damaliger Geophysikdozent sie keineswegs davon abhalten wollte. Im Gegenteil: Er ermutigte sie, Mathematik zu lernen, und erklärte ihr, dass Mathematik auch für das Verständnis der Geowissenschaften wichtig sei.

Später bestand sie die Prüfung und wechselte erfolgreich in die Mathematik.

Ihre Leistungen an der Peking-Universität gehörten nicht zu den allerbesten. In einem Umfeld, in dem viele Wettbewerbssieger und außergewöhnlich starke Mathematiktalente zusammenkamen, zweifelte sie zeitweise daran, ob sie überhaupt gut genug für ein weiterführendes Studium sei.

Aber daraus folgt nicht, dass sie an der Peking-Universität ausschließlich Unterdrückung erlebt hätte. Und es bedeutet erst recht nicht, dass diese Jahre für ihre spätere Entwicklung wertlos waren.

2011 bestand sie eine Aufnahmeprüfung der École Polytechnique, die in Beijing durchgeführt wurde, und ging nach Frankreich. Der Unterricht dort fand vollständig auf Französisch statt, obwohl sie zu Beginn kein Französisch sprach.

Den größten Teil der Mathematik des ersten Semesters kannte sie jedoch bereits. Deshalb konnte sie dem Studium trotzdem folgen.

Dieses Detail ist wichtig.

Sie erhielt ihre mathematischen Fähigkeiten nicht plötzlich erst nach ihrer Ankunft in Frankreich. Die Ausbildung, die sie zuvor in China bekommen hatte, war bereits zu einer Grundlage geworden, die ihr half, die Sprachbarriere zu überwinden und weiterzumachen.

Auch in Frankreich waren ihre Leistungen keineswegs schlecht. Trotzdem zweifelte sie weiter daran, ob mathematische Forschung wirklich das Richtige für sie war. Ein Semester lang versuchte sie sich deshalb an Architektur und machte sogar ein Praktikum in einem Pariser Architekturbüro.

Später merkte sie, dass Architektur zwar weniger Druck mit sich brachte, sie dort aber auch nicht wirklich wusste, was sie eigentlich verfolgen wollte. Also kehrte sie zur Mathematik zurück.

Auch diese Rückkehr war nicht ganz so dramatisch, wie manche Social-Media-Geschichten sie später dargestellt haben. Es gab nicht den einen Mentor, der mit einem einzigen bewegenden Satz ein mathematisches Genie „rettete“, das kurz davorstand, alles hinzuwerfen.

Wang Hong erinnerte sich später vielmehr daran, dass sie irgendwann beschloss, sich nicht mehr ständig die Frage zu stellen: „Bin ich überhaupt gut genug?“ Stattdessen wollte sie ihre Aufmerksamkeit darauf richten, Mathematik tiefer zu verstehen.

2013 hörte sie während eines Praktikums am MIT einen Vortrag des Mathematikers Larry Guth. Er erklärte ein komplexes Problem so klar, dass sie zum ersten Mal das Gefühl bekam, vielleicht tatsächlich in dieses Forschungsgebiet hineinfinden zu können.

Später begann sie ihre Promotion am MIT und wählte Guth als Doktorvater.

Natürlich kann ein guter Mentor sehr wichtig sein.

Ein Lehrer, der bereit ist, noch unreife Gedanken eines Studierenden ernsthaft anzuhören, sie nicht sofort zurückweist und Menschen nicht allein anhand früher Wettbewerbsergebnisse oder erster Leistungen vorschnell einordnet, kann den Weg eines jungen Wissenschaftlers tatsächlich verändern.

Aber Wang Hongs spätere Leistungen vollständig darauf zurückzuführen, dass „Lehrer im Ausland besser ermutigen können“, wäre wiederum viel zu einfach.

Denn ein Mentor konnte ihr nur deshalb helfen, weil sie bereits über ein tiefes mathematisches Fundament verfügte, selbstständig den Fachwechsel geschafft hatte, allein sprachliche und kulturelle Grenzen überschritten hatte und trotz mehrfacher Zweifel immer wieder zur Mathematik zurückgekehrt war.

Ein Bólè¹ ist wichtig. Aber ein „Tausend-Meilen-Pferd“ bekommt seine Fähigkeit zu laufen nicht erst an dem Tag, an dem jemand sein Talent erkennt.

Die Probleme chinesischer Bildung anzuerkennen heißt nicht, ihre Grundlagen zu leugnen

Menschen meiner Generation, die in China aufgewachsen sind, kennen eine Erziehung und Bildung, die stark mit Kritik, Vergleichen und Druck arbeitet, ziemlich gut.

Viele Eltern und Lehrer sagen einem Kind nur selten direkt:

„Das hast du wirklich gut gemacht.“

Sie weisen eher darauf hin, was noch nicht gut genug ist. Dahinter steckt oft die Sorge, zu viel Lob könnte ein Kind arrogant oder selbstzufrieden machen. Ebenso verbreitet ist es, Kinder mit anderen zu vergleichen, um sie zu mehr Anstrengung zu bewegen.

Manche Eltern greifen sogar zu Beschämung, Abwertung oder Angst, um ihre Autorität innerhalb der Familie aufrechtzuerhalten.

Natürlich kann eine solche Form der Erziehung das Selbstvertrauen eines Menschen beschädigen.

Ein Kind kann bereits sehr gut sein und trotzdem ständig glauben, alles sei nur Glück gewesen, andere seien eigentlich talentierter, und sobald es auch nur einen Moment langsamer werde, werde es zurückfallen.

Auch Wang Hong zweifelte noch an sich, nachdem sie längst wichtige Forschungsergebnisse erzielt hatte. Zeitweise glaubte sie sogar, mehr Arbeitszeit investieren zu müssen als ihre Kollegen, um auf dasselbe Niveau zu kommen.

Aber diese Probleme anzuerkennen bedeutet nicht, dass wir nun ins andere Extrem wechseln und chinesische Bildung als ein System darstellen müssen, das nur Talente zerstört und niemals fähige Menschen hervorbringen kann.

Das chinesische Bildungssystem legt traditionell großen Wert auf Grundlagen, Training, Wiederholung und langfristigen Einsatz. Manchmal ist dieser Schwerpunkt tatsächlich zu stark – so stark, dass Interesse und individuelle Unterschiede darunter leiden.

Aber das Wissen, die Lernfähigkeit und die Gewöhnung an intensive, langfristige Arbeit, die dadurch entstehen können, bleiben ebenfalls Teil eines Menschen.

Dass Wang Hong in Frankreich zunächst kein Französisch sprach, den Mathematikstoff des ersten Semesters aber bereits weitgehend kannte, ist ein sehr direktes Beispiel dafür.

Frankreich bot ihr ein neues Umfeld, mehr Freiheit bei der Kurswahl und die Möglichkeit, Architektur auszuprobieren. Aber sie konnte diese Möglichkeiten auch deshalb nutzen, weil sie zuvor bereits über ein Fundament verfügte, das ihr weiteres Lernen tragen konnte.

Ohne vorherige Grundlagen wird spätere Freiheit nicht automatisch zu Kreativität.

Freiheit verwandelt keinen völlig unvorbereiteten Menschen plötzlich in ein Genie.

Sie gibt vielmehr jemandem, der bereits Fähigkeiten aufgebaut hat, die Möglichkeit, eine Richtung zu suchen, die besser zu ihm passt.

Ein System kann viel Mittelmäßiges hervorbringen und trotzdem nicht wertlos sein

Vor einiger Zeit las ich eine Frage, die mir im Gedächtnis geblieben ist.

Jemand meinte, seine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten seien ziemlich „dünn“, und auch viele Arbeiten in seinem Umfeld wirkten nicht besonders bedeutend. Wenn es an Universitäten so viel gewöhnliche oder sogar qualitativ schwache Forschung gebe, wie könne es dann sein, dass sich Chinas wissenschaftliche, technologische und ingenieurwissenschaftliche Fähigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten trotzdem so schnell entwickelt hätten?

Darauf antwortete jemand mit einem ziemlich groben, aber überraschend anschaulichen Vergleich.

Wenn man ein Blatt Toilettenpapier benutzt, kommt vielleicht nur ein kleiner Bereich in der Mitte wirklich mit dem Körper in Kontakt. Nach dieser Logik wäre der größte Teil des Papiers außen herum gar nicht „wirklich benutzt“.

Wenn man aber aus Sparsamkeit alles außen herum wegschneiden und nur dieses kleine Stück in der Mitte übrig lassen würde, wäre am Ende vermutlich nicht einmal mehr die Hand geschützt.

Mit dem Bildungs- und Forschungssystem eines Landes ist es ein wenig ähnlich.

Was wir am Ende sehen, sind vielleicht nur die wenigen Menschen, die internationale Spitzenpreise gewinnen, einzelne Wissenschaftler mit großen Durchbrüchen und einige Ergebnisse an der Spitze eines Fachgebiets.

Aber hinter ihnen braucht es eine viel größere Basis: Grund- und weiterführende Schulen, Universitätskurse, Lehrer, Lehrbücher, Labore, Bibliotheken, Forschungsinstitute, Gespräche mit Fachkollegen, finanzielle Mittel und eine riesige Zahl ganz gewöhnlicher Studierender, Ingenieure, Wissenschaftler und technischer Fachkräfte.

Nicht jeder Mensch, der Mathematik studiert, wird Wang Hong.

Und nicht jede wissenschaftliche Arbeit wird die Welt verändern.

Manche Forschung ist tatsächlich schwach. An manchen Hochschulen gibt es viel Formalismus. Manche Arbeiten entstehen vor allem, weil jemand einen Abschluss braucht, befördert werden möchte oder bestimmte Bewertungskriterien erfüllen muss.

Diese Probleme sollte man kritisieren. Dass es einige wenige herausragende Menschen gibt, bedeutet nicht, dass die anderen Probleme deshalb verschwinden.

Aber ein großes System kann gleichzeitig ineffizient sein, Ressourcen verschwenden und problematische Bewertungsmechanismen haben – und dennoch in einzelnen Bereichen echte technische Fähigkeiten aufbauen.

Das widerspricht sich nicht.

Wenn ein System von oben bis unten vollkommen leer wäre, wäre schwer zu erklären, warum es über längere Zeit so viele Ingenieure, Wissenschaftler und technische Fachkräfte hervorbringen kann.

Ebenso wäre schwer zu erklären, wie ein Land, dessen Bevölkerung vor wenigen Jahrzehnten noch überwiegend in der Landwirtschaft arbeitete, in vergleichsweise kurzer Zeit eine so breite industrielle, technische und wissenschaftliche Basis aufbauen konnte.

Die Spitze eines Turms kann nicht in der Luft schweben.

Wir sollten nicht den ganzen Turm verherrlichen, nur weil wir seine Spitze sehen.

Aber wir sollten auch nicht aus all den groben, sich wiederholenden oder qualitativ schwachen Teilen des Bauwerks schließen, dass dieser Turm niemals irgendetwas getragen hätte.

Bildung im Ausland bedeutet auch nicht, dass jeden Tag jemand sagt: „Du bist großartig“

Auf der anderen Seite wird Bildung außerhalb Chinas im chinesischen Internet häufig viel zu romantisch dargestellt.

Es klingt dann manchmal so, als würden Eltern und Lehrer im Ausland Kinder ständig ermutigen, als gäbe es an Schulen weder Prüfungen noch Konkurrenz oder Druck. Sobald ein talentierter Mensch in einem solchen Umfeld lande, könne sich sein Potenzial ganz von selbst entfalten, und von da an werde alles leicht.

Natürlich sieht die Realität anders aus.

Auch gute Universitäten im Ausland sind äußerst konkurrenzorientiert. Mathematische Forschung lässt sich schon gar nicht allein mit Ermutigung betreiben.

Wang Hongs Leistungen entstanden durch viele Jahre hoch konzentrierter Arbeit. Die Arbeit, in der sie gemeinsam mit einem Kollegen die dreidimensionale Kakeya-Vermutung bewies, umfasst 127 Seiten und wurde vor der Veröffentlichung monatelang immer wieder überprüft.

Selbst nachdem andere Mathematiker den Beweis anerkannt hatten, bekam sie dadurch nicht plötzlich ein dauerhaft stabiles Selbstvertrauen.

Ein gutes akademisches Umfeld bedeutet nicht, dass jeder ständig glauben soll, er sei der Beste.

Es bedeutet auch nicht, dass es niemals Kritik, Aussortieren oder Scheitern gibt.

Vielleicht liegt sein eigentlicher Wert darin, dass jemand weiterlernen darf, selbst wenn er sich noch nicht bewiesen hat. Dass jemand das Fach wechseln, sich irren und die Richtung ändern darf. Und dass noch unreife Gedanken ernst genommen werden können, statt sofort verworfen zu werden, nur weil sie nicht wie eine „Standardantwort“ aussehen.

Der Sinn von Ermutigung besteht nicht darin, künstliches Selbstvertrauen zu erzeugen.

Sie soll einem Menschen ermöglichen, auch dann, wenn er im Moment noch nicht gut genug ist, nicht sofort zu dem Schluss zu kommen:

„Ich habe hier nichts mehr verloren.“

Und diese Art von psychologischem Raum steht nicht zwangsläufig im Gegensatz zu dem systematischen Training, das chinesische Bildung bieten kann.

Ein Mensch kann gleichzeitig solide Grundlagen und inneren Freiraum brauchen.

Disziplin und Wahlmöglichkeiten.

Hohe Anforderungen und die Erfahrung, durch einen Misserfolg nicht vollständig entwertet zu werden.

Gute Bildung steht selten nur auf einer Seite.

Warum macht das Internet aus komplizierten Lebenswegen so gern eine gerade Linie?

Dass Wang Hongs Geschichte so schnell zu „in China unterdrückt, im Ausland gerettet“ umgeschrieben wurde, liegt nicht nur daran, dass Informationen bei ihrer Verbreitung verzerrt werden.

Solche Geschichten passen auch sehr gut zu Schlussfolgerungen, an die viele Menschen ohnehin schon glauben.

Wer bereits überzeugt ist, dass in China grundsätzlich alles schlecht sei, wird natürlich eher bereit sein zu glauben, dass Wang Hong in China ausschließlich unterdrückt wurde und erst im Ausland wirklich aufblühte.

Wer dagegen unbedingt beweisen möchte, dass es mit chinesischer Bildung überhaupt kein Problem gibt, wird vielleicht nur betonen, welche Grundlagen sie an der Peking-Universität bekam – als hätten die Wahlmöglichkeiten in Frankreich und den USA, die Unterstützung ihrer Mentoren und die internationale Zusammenarbeit später keine Bedeutung gehabt.

Diese beiden Sichtweisen wirken vollkommen gegensätzlich.

Aber die Denkweise dahinter ist erstaunlich ähnlich.

Beide beginnen mit einem fertigen Urteil und suchen sich anschließend aus einem Lebenslauf diejenigen Teile heraus, die dazu passen.

Beide brauchen einen klaren Helden und einen klaren Bösewicht.

Und beide tun sich schwer damit zu akzeptieren, dass die Realität gleichzeitig mehrere scheinbar widersprüchliche Wahrheiten enthalten kann.

Chinesische Bildung kann einem Menschen ein sehr solides Fundament geben und gleichzeitig sein Selbstvertrauen verletzen.

Bildung im Ausland kann mehr Wahlmöglichkeiten und Forschungsfreiheit bieten und zugleich von Konkurrenz, Druck, sozialen Zugangshürden und ungleich verteilten Ressourcen geprägt sein.

Dass jemand in China nicht zu den auffälligsten Studierenden gehörte, bedeutet nicht, dass diese Phase wertlos war.

Und dass jemand später im Ausland höchste wissenschaftliche Erfolge erzielt, bedeutet auch nicht, dass der gesamte Erfolg dem ausländischen System zugeschrieben werden sollte.

Wang Hong wurde nicht in dem Moment plötzlich zur Mathematikerin, als sie französischen Boden betrat.

Und ihr Bachelorstudium an der Peking-Universität machte die Fields-Medaille ebenfalls nicht unausweichlich.

Die Jahre in China gaben ihr mathematische Grundlagen und die Fähigkeit, in die Welt der höheren Mathematik einzutreten.

Frankreich gab ihr die Möglichkeit, in einer anderen Kultur zu lernen, ein anderes Fach auszuprobieren und ihre Entscheidung neu zu überprüfen.

Ihre Mentoren und Kollegen am MIT halfen ihr dabei, ihre wissenschaftliche Arbeitsweise weiterzuentwickeln.

Was all diese Phasen miteinander verband, waren jedoch immer ihre eigene Neugier, ihr Urteilsvermögen, ihr Fleiß, ihre Widerstandskraft und ihre Fähigkeit, trotz jahrelanger Selbstzweifel nicht aufzuhören zu denken.

Wir müssen nicht einen Teil eines Lebens abwerten, um den Wert eines anderen zu beweisen

Wenn über Bildung diskutiert wird, entsteht häufig der Eindruck, man müsse zuerst entscheiden, welches System besser ist, bevor man den Erfolg eines Menschen erklären könne.

Aber menschliche Entwicklung ist kein Tauziehen zwischen chinesischer und ausländischer Bildung.

Wenn wir anerkennen, dass Wang Hong von Mentoren im Ausland profitiert hat, müssen wir deshalb nicht die Ausbildung leugnen, die sie zuvor in China erhalten hatte.

Wenn wir anerkennen, dass die Peking-Universität ihr ein solides Fundament gegeben hat, müssen wir deshalb auch nicht die übermäßige Konkurrenz, die einseitigen Bewertungssysteme oder den Mangel an psychologischer Unterstützung verteidigen, die im chinesischen Bildungssystem ebenfalls existieren können.

Ein reifes Urteil bedeutet nicht, zwischen zwei Extremen eines auszuwählen.

Es bedeutet vielmehr, genau hinzuschauen, was eine bestimmte Phase einem Menschen gegeben hat – und was sie ihm vielleicht auch genommen hat.

Vielleicht ist die interessanteste Frage in Wang Hongs Geschichte deshalb gar nicht:

„Hat das chinesische Bildungssystem sie unterdrückt, oder hat die Ausbildung im Ausland sie erfolgreich gemacht?“

Vielleicht lautet die wichtigere Frage:

Warum muss ein so langer und komplizierter Lebensweg, der von unzähligen Menschen, Umgebungen, Möglichkeiten und Entscheidungen geprägt wurde, im Internet immer wieder zu einer Kausalkette von wenigen Sekunden zusammengeschnitten werden?

Der Erfolg eines Menschen enthält meist sowohl frühe Grundlagen als auch spätere Chancen.

Es gibt Ressourcen, die ein System bereitstellt, und zugleich den Versuch, sich aus seinen Begrenzungen zu lösen.

Es gibt Mentoren und Kollegen, die helfen, und viele Jahre stiller Arbeit, die niemand sieht.

Wir können ein Bildungssystem kritisieren, ohne zu leugnen, was es einem Menschen einmal gegeben hat.

Und wir können ein anderes Umfeld würdigen, ohne daraus einen Mythos zu machen, der angeblich aus dem Nichts Genies erschaffen kann.

Denn echtes Wachstum wird niemals einfach von einer einzigen Form von Bildung „produziert“.

Es ähnelt eher einem Menschen, der sich durch verschiedene Welten bewegt, dabei Stück für Stück Fähigkeiten gewinnt, nach und nach einen Ort findet, der zu ihm passt, und schließlich dort ankommt, wo wir ihn heute sehen können.


Anmerkungen

1. Bólè (伯乐) – Bólè ist in der chinesischen Tradition eine legendäre Figur, die außergewöhnlich gute Pferde erkennen konnte, insbesondere das sogenannte „Tausend-Meilen-Pferd“, dessen besondere Fähigkeiten anderen verborgen blieben. Im heutigen Chinesisch wird Bólè deshalb häufig als Metapher für einen Lehrer, Mentor oder Förderer verwendet, der außergewöhnliches Talent erkennt und ihm Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Der Ausdruck macht zugleich deutlich, dass Anerkennung zwar entscheidend sein kann, die eigentliche Fähigkeit aber bereits vorhanden sein muss – sie entsteht nicht erst dadurch, dass jemand sie erkennt.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 中国教育压制了她,还是国外教育成就了她?这个问题本身就太简单了

Englische Version: Did Chinese Education Hold Her Back, or Did Education Abroad Make Her? The Question Itself Is Too Simple

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