Von Jane Sonnenschein · 15. März 2026

Gestern habe ich einen Essay darüber geschrieben, warum sich das chinesische Wort Yuanfen¹ so schwer ins Deutsche übersetzen lässt. In den Kommentaren schrieb jemand: Yuanfen bedeute Ursache und Wirkung.

Nur wenn es einen Anfang und auch ein Ergebnis gibt, könne man von Yuanfen sprechen. Wenn es einen Anfang, aber kein Ergebnis gibt, sei es Youyuan wufen² – man war einander bestimmt zu begegnen, aber nicht dazu, am Ende zusammenzubleiben.

Als ich diesen Kommentar las, kam mir jedoch als Erstes ein anderer Gedanke: Warum muss das „Ergebnis“ unbedingt bedeuten, dass zwei Menschen zusammenbleiben?

Ist nicht auch eine Trennung eine Art Ergebnis?

Wir sind offenbar sehr daran gewöhnt, uns unter einem Ergebnis etwas Vollständiges und Glückliches vorzustellen. Als würde nur das zählen, was bis zum Ende hält: gemeinsam alt werden, einander behalten und schließlich xiucheng zhengguo³ – zu einem guten, vollendeten Ende kommen.

Menschen dagegen, die sich begegnet sind, Gefühle füreinander hatten, ein Stück ihres Lebens ernsthaft miteinander gegangen sind und am Ende trotzdem nicht im Leben des anderen geblieben sind, ordnen wir leicht unter Youyuan wufen ein. Als bliebe davon nur Bedauern zurück. Als hätte diese Beziehung nie wirklich etwas hervorgebracht.

Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass das stimmt.

Schon die Begegnung selbst ist ein Ergebnis.

In einer so großen Welt werden zwei Menschen, die vorher überhaupt nichts miteinander zu tun hatten, durch irgendwelche schwer erklärbaren Umstände zueinander geführt. Allein das ist bereits ein Ergebnis. Nicht alle Menschen begegnen einander, und nicht jede Begegnung hinterlässt eine Spur. Wenn zwei Menschen sich wirklich begegnet sind, dann ist das Geschehene nicht einfach nichts.

Auch ein tiefes Stück gemeinsamen Weges ist ein Ergebnis.

Manche Menschen kommen nicht in unser Leben, um bis zum Ende zu bleiben, sondern nur, um einen Teil des Weges mit uns zu gehen. Vielleicht ist dieser Abschnitt nicht besonders lang, aber er kann trotzdem so echt und so tief sein, dass man sich noch viele Jahre später daran erinnert und weiß: Mit einem beiläufigen „Er oder sie war eben kurz Teil meines Lebens“ lässt sich das nicht beschreiben.

Man hat gemeinsam Dinge gesehen, gemeinsam schwierige Zeiten ausgehalten, gemeinsam an etwas geglaubt.

Soll all das, was man miteinander erlebt hat, wirklich kein Ergebnis sein?

Und wenn man am Ende doch auseinandergeht, dann ist meiner Meinung nach auch das ein Ergebnis.

Wir wollen es nur nicht besonders gern anerkennen.

Nach der üblichen Vorstellung sollte ein gutes Ergebnis vollständig, sicher und von anderen als glücklich angesehen werden. Am besten endet die Geschichte mit einem Satz wie: „Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.“ Erst dann scheint eine Geschichte wirklich abgeschlossen zu sein.

Aber viele Beziehungen im wirklichen Leben entwickeln sich eben nicht so.

Nicht jede Ernsthaftigkeit führt bis ans Ziel. Nicht alles, was zwischen zwei Menschen tief war, führt automatisch zu einem gemeinsamen Leben. Manche Beziehungen enden nicht deshalb, weil sie nie Bedeutung hatten, sondern gerade deshalb, weil sie den Teil erfüllt haben, den sie erfüllen konnten.

Manchmal ist das Ende einer Beziehung sogar keine Erfüllung, sondern Erschöpfung.

Das klingt vielleicht ein wenig hart. Doch irgendwann versteht man, dass es zwischen zwei Menschen nicht nur die eine Frage gibt: Lieben sie sich oder nicht?

Es gibt auch unterschiedliche Persönlichkeiten, den Druck des Alltags, die Abnutzung durch die Zeit, Enttäuschungen, die sich immer weiter ansammeln, und diese Hilflosigkeit, wenn beide sich vielleicht wirklich bemüht haben und es trotzdem Schritt für Schritt nicht mehr weitergeht.

Es ist nicht so, dass es eine Ursache gab, aber kein Ergebnis.

Das Ergebnis bestand nur nicht darin, einander näherzukommen, sondern auseinanderzugehen; nicht darin, einander zu behalten, sondern loszulassen; nicht in einem vollkommenen Ende, sondern in der Einsicht, dass man diesen Weg nur bis hierhin gemeinsam gehen konnte.

Eine Freundin fragte mich einmal sehr erstaunt: „Ihr wart doch beide gute Menschen. Warum seid ihr am Ende nicht zusammengeblieben? Warum habt ihr euch irgendwann verloren – und warum ist es danach für keinen von euch wirklich besonders gut weitergegangen?“

Die Frau, die mich das fragte, war über siebzig. Sie kannte uns schon viele Jahre.

Dass selbst sie mit ihrer Lebenserfahrung diese Frage stellte, lag vielleicht einfach daran, dass wir in ihren Augen einmal wirklich sehr gut zusammengepasst hatten. So gut, dass man beinahe automatisch denkt: Zwei Menschen wie diese müssten doch am Ende eine glückliche Geschichte haben.

Aber das Schicksal ist manchmal einfach nicht gerecht.

Es ebnet einem nicht automatisch den Weg, nur weil man es ernst meint, weil man ein guter Mensch ist oder weil zwei Menschen sich einmal aufrichtig geliebt haben.

Es stellt einem im Leben trotzdem Hindernisse in den Weg. Selbst eine sehr gute Beziehung hält nicht unbedingt dem Verschleiß des Alltags stand, dem Ziehen und Zerren der Zeit und den Dingen, die das Schicksal einem immer wieder unerwartet vor die Füße wirft.

Wenn ich heute zurückblicke, denke ich deshalb immer öfter: Das Ende mancher Beziehungen besteht nicht darin, einander zu behalten, sondern loszulassen; nicht in Vollendung, sondern darin, dass aus einer tiefen Verbindung am Ende doch kein gemeinsames Leben wird; nicht darin, gemeinsam alt zu werden, sondern darin, dass man diesen Weg eben nur bis hierhin zusammen gehen konnte.

Deshalb fühlt sich für mich auch der Satz „Es gab einen Anfang, aber kein Ergebnis“ inzwischen nicht mehr ganz richtig an.

Viele Beziehungen haben sehr wohl ein Ergebnis. Es entspricht nur nicht dem Bild, das wir von klein auf als das richtige Ende gelernt haben.

Wir setzen „Ergebnis“ viel zu schnell mit „bleiben“ gleich, damit, dass zwei Liebende am Ende doch zusammenfinden, mit einem „von nun an“, das immer weitergeht.

Doch manchmal ist es gar nicht der Mensch selbst, der von einer Beziehung bleibt.

Es ist die Spur, die diese Erfahrung in einem hinterlassen hat. Es ist die Veränderung, die durch diese Begegnung entstanden ist. Es ist der Moment, in dem man irgendwann verstanden hat, was man aushalten kann, wonach man sich wirklich sehnt und was man loslassen muss.

So gesehen ist eine Trennung nicht zwangsläufig nur ein Scheitern.

Natürlich tut sie weh. Natürlich bleibt Bedauern. Eine Zeit lang kann es sich sogar anfühlen, als wäre all die gemeinsame Zeit umsonst gewesen.

Doch wenn man irgendwann älter ist und zurückblickt, merkt man vielleicht, dass es nicht so war.

Manche Abschiede löschen die Begegnung nicht aus. Manche Enden machen den gemeinsam gegangenen Weg nicht ungeschehen. Sie zeigen nur, dass aus dieser Beziehung nicht das gesellschaftlich als vollkommen geltende Ergebnis entstanden ist, sondern ein anderes.

Vielleicht können beide nach einer rechtzeitigen Trennung wieder ihren eigenen Weg gehen, ohne Hass und ohne das Gefühl, einander noch etwas schuldig zu sein.

Vielleicht hat die Liebe selbst nicht bis zum Ende gereicht, ist aber mit den Jahren zu einer sanfteren Form von Verbundenheit geworden.

Für diesen eigensinnigen, unberechenbaren Fluss, den wir Schicksal nennen, sind wir vielleicht nur zwei Menschen an gegenüberliegenden Ufern, die einander zufällig sehen, Gefallen aneinander finden, in dasselbe Boot steigen und ein Stück des Flusses gemeinsam fahren.

Doch verglichen mit der Strömung des Schicksals sind wir am Ende sehr klein.

So klein, dass manchmal selbst all unser Kämpfen nichts wirklich verändern kann. So klein, dass Begegnung, Nähe und Auseinandergehen zweier Menschen im Rückblick vielleicht nicht einmal eine einzige Welle in diesem großen Strom sind.

Der andere muss dich nicht bis ans Ende begleiten. Jeder Mensch hat schließlich seinen eigenen Ort, zu dem er unterwegs ist, sein eigenes Ufer.

Natürlich ist es schön, wenn zwei Menschen zusammenbleiben können.

Aber wenn sie sich am Ende doch trennen müssen, muss die Geschichte deshalb nicht in Verbitterung enden.

Vielleicht ist es ein klares Erkennen. Vielleicht ist es Nüchternheit. Vielleicht sind beide einfach erschöpft und müssen irgendwann akzeptieren, dass diese Geschichte zu Ende ist.

Doch was auch immer es ist: Es ist nicht „nichts“.

Doch was auch immer es ist: Es ist nicht „nichts“.

Deshalb glaube ich heute immer mehr, dass das, was wir Youyuan wufen nennen, nicht wirklich bedeutet, dass es einen Anfang, aber kein Ergebnis gab.

Oft gab es sehr wohl beides.

Nur war das Ergebnis nicht das, was wir uns am meisten gewünscht hatten.

Nicht gemeinsam alt zu werden. Nicht von diesem Moment an für immer zusammenzubleiben.

Sondern sich zu begegnen, eine Zeit lang Seite an Seite zu gehen und sich schließlich an einer Weggabelung zu verlieren, an der keiner den anderen zum Bleiben bringen konnte.

Und auch dieses Auseinandergehen ist eine Art Vollendung.

Das habe ich mit der Zeit verstanden.

Manchmal ist es schon alles andere als selbstverständlich, dass jemand überhaupt mit dir in dasselbe Boot steigt und ein Stück des Weges mit dir fährt.

Ob dieser Mensch dich am Ende auch bis ans Ufer begleiten kann, lässt sich manchmal nicht allein durch Aufrichtigkeit und Liebe bestimmen.


Anmerkungen

1. Yuanfen (缘分)
Ein chinesischer Begriff für jene schwer erklärbare Verbindung oder Fügung, durch die Menschen einander begegnen und in das Leben des anderen treten. Darin können Zufall, Timing, gegenseitige Anziehung und ein leiser Gedanke von Schicksal zusammenkommen. Yuanfen ist jedoch meist weicher und weniger endgültig als das deutsche Wort „Schicksal“. Es beschreibt nicht unbedingt, dass etwas von vornherein festgelegt war, sondern eher dieses schwer greifbare Gefühl, dass zwei Wege sich aus irgendeinem Grund gekreuzt haben.

2. Youyuan wufen (有缘无分)
Eine chinesische Redewendung für zwei Menschen, die genug Yuanfen hatten, um einander zu begegnen und sich nahezukommen, denen aber die Umstände – oder jener „Anteil am Schicksal“ – fehlten, um am Ende zusammenzubleiben. In dem Ausdruck liegen oft Liebe, Bedauern, Hilflosigkeit, Resignation und zugleich Akzeptanz. Er bedeutet nicht, dass die Beziehung bedeutungslos war, sondern dass die Verbindung real war, auch wenn daraus kein dauerhaft gemeinsames Leben entstand.

3. Xiucheng zhengguo (修成正果)
Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem buddhistischen Sprachgebrauch und bezeichnet wörtlich das Erreichen der „rechten Frucht“, also eines endgültigen Ergebnisses nach einem langen Weg der Übung oder Läuterung. Im heutigen Chinesisch wird er häufig übertragen verwendet, wenn etwas nach langer Zeit endlich zu einem gelungenen oder gesellschaftlich anerkannten Abschluss kommt. Bei Beziehungen meint er oft, dass ein Paar schließlich zusammenbleibt, heiratet oder auf andere Weise das erreicht, was allgemein als „vollkommenes Ende“ gilt. Das Wort guo (果) bedeutet wörtlich „Frucht“, kann aber zugleich das Ergebnis einer vorausgegangenen Ursache bezeichnen. Genau mit dieser doppelten Bedeutung spielt der Essay: Wenn eine Beziehung mit einer Trennung endet, bedeutet das wirklich, dass sie keinerlei „Frucht“ hervorgebracht hat?

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 分开,难道不也是一种果吗?

Englische Version: Isn’t Parting a Kind of Outcome Too?

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