— Ausgehend von einem nächtlichen Gespräch über den Tod des iranischen Führers Khamenei
Von Jane Sonnenschein · Erstfassung vom 2. März 2026 · Überarbeitet am 8. August 2026
Am frühen Abend sagte ich eher beiläufig zu Chris: „Weißt du, was heute passiert ist? Heute ist etwas wirklich Großes passiert.“
Irans religiöser Führer Khamenei war durch eine amerikanische Rakete getötet worden.
Chris hatte davon noch nichts gehört. Er klappte sofort seinen Computer auf und begann zu suchen. Selbst Wikipedia war zu diesem Zeitpunkt bereits aktualisiert worden. Ungewöhnlich war, dass wir beide in diesem Moment sofort zu derselben Einschätzung kamen: Die Welt könnte jetzt wieder deutlich unruhiger werden.
Wenn ein religiöser Führer mit enormem Einfluss im Nahen Osten plötzlich stirbt, geht es natürlich um weit mehr als um den Tod eines einzelnen Menschen. Eine Machtstruktur, die über lange Zeit ein bestimmtes Gleichgewicht aufrechterhalten hat, wird mit einem Mal aufgerissen. Das entstehende Machtvakuum bleibt nicht einfach ruhig bestehen. Es führt zu Kämpfen, Unsicherheit und einer neuen Verteilung von Macht und Ressourcen. Wir sprachen sogar beinahe gleichzeitig diese etwas dramatische Sorge aus: Rutscht die Welt jetzt wieder ein Stück weiter in eine gefährlichere Richtung?
Seltsamerweise beruhigte mich diese Übereinstimmung ein wenig. Zumindest am Anfang betrachteten wir die Situation vom selben Ausgangspunkt aus.
Die eigentliche Meinungsverschiedenheit entstand erst später.
Am Abend kam Chris noch einmal zu mir. Er hatte lange im Internet gelesen und verschiedene Informationen gesucht. Schließlich sagte er sehr ernst, vielleicht sei es gar nicht unbedingt etwas Schlechtes, diesen Mann aus dem Weg zu haben. Ein Diktator sei verschwunden, meinte er. Vielleicht hätten die Menschen im Iran jetzt endlich die Möglichkeit, sich für eine andere Zukunft zu entscheiden.
Als er von „Freiheit“ und „Demokratie“ sprach, überkam mich plötzlich eine schwer zu beschreibende Müdigkeit.
Nicht, weil ich gegen Freiheit wäre oder Menschen das Recht auf eigene Entscheidungen absprechen würde. Was mich müde machte, war diese vertraute, viel zu einfache Erzählung, die wieder auftauchte: als ließe sich die ganze Komplexität der Geschichte auf eine saubere Ursache-Wirkungs-Formel reduzieren – man stürzt einen Menschen, und ein Land wird neu geboren.
Ich verdrehte die Augen und musste über meine eigene Reaktion sogar ein wenig lachen. Offenbar war ich inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem mich solche Erzählungen sofort vorsichtig werden ließen.
Erst später wurde mir klar, dass ich mich nie gegen „Freiheit“ an sich gewehrt hatte. Was mich störte, war die Logik, nach der der „Sturz eines Diktators“ automatisch zu einem „Neuanfang“ führen müsse. Diese Geschichte ist einfach zu sauber, fast wie eine mathematische Aufgabe: Man nimmt einen Menschen aus dem System heraus, und schon bewegt sich die Geschichte ganz von selbst in eine bessere Richtung.
Doch so funktioniert die Wirklichkeit nicht.
Ein Land besteht niemals nur aus einem einzelnen Menschen. Es besteht aus Institutionen, Organisationen und Interessenstrukturen, aus vielen Ebenen, die über lange Zeit miteinander verwachsen sind. Ein Führer kann innerhalb eines Augenblicks beseitigt werden. Die Machtverhältnisse um ihn herum, die Verteilung von Ressourcen, religiöser Einfluss und die Beziehungen zwischen verschiedenen politischen Lagern verschwinden jedoch nicht mit einer Explosion. Im Gegenteil: Wenn das bisherige Zentrum plötzlich wegfällt, können diese Spannungen sogar noch schärfer werden.
Deshalb ist es oft sehr viel leichter, etwas zu Fall zu bringen, als anschließend etwas Neues aufzubauen.
Ein Eingriff von außen kann sehr schnell geschehen. Eine Rakete braucht nur wenige Sekunden. Eine Gesellschaft dagegen braucht möglicherweise Jahrzehnte oder sogar mehrere Generationen, um Institutionen, Ordnung, Vertrauen und die Fähigkeit zur eigenen Organisation wieder aufzubauen.
Chris sagte zu mir, die Menschen im Iran hätten nun endlich die Möglichkeit zu wählen.
Ich fragte: „Was genau sollen sie wählen?“
Wer organisiert diese Entscheidung? Wer bestimmt, wie es danach weitergeht? Gibt es Menschen, die tatsächlich in der Lage sind, die auseinanderstrebenden Kräfte wieder zusammenzuführen? Gibt es ein klares politisches Programm? Gibt es eine wirtschaftliche Grundlage, auf der ein neues System funktionieren könnte? Wenn solche tragfähigen Alternativen noch gar nicht existieren, könnte dann die vermeintliche „Chance“, von der wir sprechen, nicht genauso gut der Beginn einer noch chaotischeren Phase sein?
Äußere Kräfte können eine alte Ordnung zerstören. Aber sie können einer Gesellschaft nicht einfach ein neues Skelett wachsen lassen.
Genau darum geht es mir, wenn ich von der Fähigkeit einer Gesellschaft spreche, sich aus eigener Kraft von innen heraus zu erneuern. Ob eine Gesellschaft diese Fähigkeit besitzt, ist etwas völlig anderes als die Frage, ob sie einen bisherigen Führer stürzen kann oder überhaupt die Gelegenheit dazu bekommt.
Später sprachen wir auch über Freiheit und Demokratie. Wenn Menschen über diese Themen reden, scheint oft stillschweigend eine Annahme mitzuschwingen: Sobald Menschen wählen dürfen und ihre Stimme abgeben können, entsteht daraus automatisch eine vernünftige politische Entscheidung.
Aber ist es wirklich so einfach?
Ein Wahlsystem sorgt nicht automatisch dafür, dass Fähigkeiten und politische Positionen gut zusammenpassen. Wie viel wissen normale Wähler tatsächlich über die Regierungsfähigkeit eines Kandidaten? Wie prägen Medien das öffentliche Bild eines Menschen? Welchen Einfluss hat Kapital auf die Verbreitung von Informationen? Und wie stark beeinflussen unterschiedliche Erzählungen die Art, wie Menschen urteilen?
Ob ein so komplizierter Staatsapparat am Ende stabil funktioniert, kann offensichtlich nicht allein davon abhängen, dass Menschen einen Stimmzettel abgeben.
Wählen ist ein Verfahren. Regieren ist eine Fähigkeit.
Das klingt natürlich längst nicht so romantisch wie der Satz: „Die Menschen sind jetzt endlich frei.“ Vielleicht wirkt es sogar ein wenig ernüchternd. Doch wenn wir alle schwierigen Fragen ausblenden und am Ende nur einige schöne Schlagworte übrig lassen, wird aus einer politischen Diskussion sehr schnell vor allem ein Austausch von Gefühlen.
Wir redeten an diesem Abend sehr lange und sehr intensiv miteinander, insgesamt fast drei Stunden. Dabei bemerkte ich allmählich, dass Chris sich in manchen Dingen verändert hatte.
Früher hatte er politische Diskussionen manchmal ziemlich schnell beendet, indem er etwas sagte wie: „Du bist doch völlig indoktriniert.“ Dieses Mal hielt er öfter inne und dachte nach. Er sagte, vielleicht sei die Sache tatsächlich nicht so einfach. Er begann sogar von sich aus über die geringe Effizienz des politischen Systems in Deutschland zu sprechen und meinte, viele festgefahrene Probleme würden sich vielleicht nicht so lange hinziehen, wenn verschiedene Parteien wirklich bereit wären, miteinander am Tisch zu sitzen und zusammenzuarbeiten.
In diesem Moment wurde mir plötzlich klar, dass sich auch die Art verändert hatte, wie wir miteinander diskutierten.
Früher fühlten sich unsere politischen Gespräche oft so an, als wollten wir gegenseitig die Position des anderen zu Fall bringen. Dieses Mal sprachen wir stattdessen über „Strukturen“. Wir versuchten zu verstehen, wie ein System eigentlich funktioniert, anstatt sofort entscheiden zu wollen, wer recht und wer unrecht hat.
Diese Veränderung war sehr klein, aber für mich war sie wichtig. Denn wirkliche Reife zeigt sich nicht unbedingt darin, dass jemand plötzlich seine politische Haltung ändert. Manchmal zeigt sie sich einfach darin, dass ein Mensch mehr Widersprüche und Komplexität aushält und nicht mehr so schnell versucht, alles mit einer einzigen einfachen Antwort zu erklären.
Natürlich blieben wir während des ganzen Gesprächs nicht ruhig und geduldig. Nach mehreren Stunden gab es durchaus Momente, in denen wir beide deutlich gereizt waren.
Ich sagte ihm, ich könne diese Erzählung nicht mehr hören, nach der Menschen nur eine Diktatur loswerden müssten und danach ganz selbstverständlich Freiheit entstehe. Er hielt dagegen, dass Menschen unabhängig vom späteren Ergebnis zumindest das Recht haben sollten, selbst zu wählen.
Am Ende überzeugte keiner von uns den anderen vollständig.
Trotzdem war dieses Gespräch anders als früher.
Wenn ich früher Probleme in den USA angesprochen hatte, wurde Chris oft sichtbar unwohl. Diese leichte Abwehrhaltung war kaum zu übersehen. Es wirkte manchmal fast so, als würde meine Kritik an Amerika gleichzeitig einen Teil seiner eigenen Identität infrage stellen. Natürlich wusste auch er, dass die USA viele Probleme haben, und er kritisierte sie selbst. Doch wenn dieselben Dinge von mir kamen, spannte er sich trotzdem schnell an.
Dieses Mal versuchte er dagegen immer wieder, die Punkte zu finden, bei denen wir tatsächlich übereinstimmten.
Zwischendurch hielt er inne und fragte: „Dann sind wir uns in diesen Punkten doch eigentlich einig, oder?“
Und manchmal sagte er ganz direkt: „Da stimme ich dir zu.“
Irgendwann wurde mir klar, dass dieses Verhältnis zwischen äußerer Kraft und innerer Entwicklung nicht nur auf Staaten oder Politik zutrifft. Es existiert auch in Beziehungen.
Es ist nicht besonders schwer, einen anderen Menschen in einer Diskussion zu überrollen. Auch eine Schwachstelle in seinem Argument zu finden und ein paar Wortwechsel für sich zu entscheiden, ist keine große Kunst. Viel schwieriger ist die Frage, ob zwei Menschen mit wirklich unterschiedlichen Ansichten innerhalb ihrer Meinungsverschiedenheiten langsam einen Ort finden können, an dem sie trotzdem noch gemeinsam stehen.
Die Position eines anderen zu Fall zu bringen bedeutet noch lange nicht, dass zwischen zwei Menschen Verständnis entstanden ist. Genauso wenig entsteht nach dem Sturz eines politischen Systems automatisch eine neue Ordnung.
Dinge, die wirklich Bestand haben, entstehen selten allein durch einen Sieg von außen. Ein System, eine Gesellschaft oder auch zwei Menschen in einer Beziehung brauchen meistens Zeit, um ihre eigene Fähigkeit zur Anpassung, Korrektur und Weiterentwicklung zu entwickeln.
Am Ende dieses Abends hatte ich nicht mehr das Bedürfnis, auf jeden Satz sofort zu antworten. Auch Chris versuchte nicht länger, unbedingt zu einer eindeutigen Schlussfolgerung zu kommen.
Wir akzeptierten schließlich etwas, das eigentlich sehr einfach klingt und doch erstaunlich leicht vergessen wird: Die Welt ist komplizierter als Schlagworte, Institutionen sind komplizierter als politische Etiketten, und Menschen selbst sind sehr viel komplizierter, als wir oft glauben.
Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb nicht nur, wer gestürzt wurde. Viel wichtiger ist, ob eine Gesellschaft, nachdem etwas Altes zusammengebrochen ist, aus eigener Kraft neue Organisationen, eine neue Ordnung und ein neues Gleichgewicht entwickeln kann.
Und auch zwischen zwei Menschen ist vielleicht nicht entscheidend, wer am Ende wen überzeugt hat.
Entscheidend ist vielleicht, dass wir nach all diesen unterschiedlichen Meinungen immer noch zusammensitzen und weiter miteinander reden können.
Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:
Chinesische Version: 外力与内生:为什么“推翻”不等于“重生”?
Englische Version: External Force and Inner Growth: Why “Overthrow” Does Not Mean “Rebirth”


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