Job seekers wait and review application documents inside a bright employment center in Germany, reflecting the gap between labor shortages and the difficulty of finding work.

Von Jane Sonnenschein · 21. April 2026

Heute habe ich mich mit einem Freund unterhalten. Je länger wir sprachen, desto stärker hatte ich das Gefühl, dass der deutsche Arbeitsmarkt im Moment etwas ausgesprochen Widersprüchliches hat.

Er erzählte mir von seiner jetzigen Arbeit bei E.ON. Er arbeitet dort im Kundenservice, dreißig Stunden pro Woche, und kann 80 Prozent seiner Arbeitszeit im Homeoffice verbringen. Hauptsächlich nimmt er Anrufe entgegen, beantwortet E-Mails, kümmert sich um Kundenanfragen und Beschwerden oder beantwortet Fragen zu Produkten und Preisen.

Das Grundgehalt ist nicht besonders hoch, aber es gibt Verkaufsprovisionen. Wenn er einem Kunden noch etwas Zusätzliches verkauft, bekommt er dafür eine weitere Provision.

Am meisten beeindruckte mich jedoch etwas, das er nur nebenbei erwähnte: Wenn ein Mitarbeiter jemanden empfiehlt, diese Person tatsächlich eingestellt wird und anschließend die Schulungsphase besteht, zahlt das Unternehmen eine Empfehlungsprämie von ganzen 1.000 Euro.

Tausend Euro. Nicht hundert.

Was sagt uns das?

Das Unternehmen braucht wirklich Personal.

Wenn es keinen Personalmangel gäbe, warum sollte man dann so viel Geld dafür zahlen, dass Mitarbeiter neue Leute empfehlen?

Doch genau hier beginnt das Problem.

Seit zwei Jahren ist in Deutschland ständig von einer angespannten Lage am Arbeitsmarkt die Rede. Auch die Zahl der Arbeitslosen ist nicht gerade niedrig. In den Nachrichten hört man jeden Tag von einer schwachen Wirtschaft, von Stellenabbau und davon, dass es immer schwieriger wird, Arbeit zu finden.

Warum suchen also auf der einen Seite so viele Menschen nach einer Stelle und verschicken Bewerbungen, auf die sie nie eine Antwort erhalten, während Unternehmen auf der anderen Seite offenbar so dringend Personal brauchen, dass sie hohe Empfehlungsprämien zahlen?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Deutschland heute oft nicht einfach „Menschen“ fehlen. Es fehlen Menschen, die den vorgesehenen Qualifikationsweg durchlaufen haben.

Viele Stellen wirken auf den ersten Blick so, als würden die Unternehmen einfach Mitarbeiter suchen. In Wirklichkeit suchen sie jedoch jemanden mit der passenden Ausbildung, den richtigen Zertifikaten und einem möglichst „ordentlichen“, lückenlosen beruflichen Werdegang.

Aber sind viele dieser Tätigkeiten tatsächlich so kompliziert, dass all das unbedingt nötig ist?

Ehrlich gesagt: nicht unbedingt.

Nehmen wir die Kundenservice-Stelle, von der mein Freund erzählt hat. Natürlich gibt es auch dort gewisse Anforderungen. Man muss kommunizieren können. Das eigene Deutsch darf nicht zu schlecht sein. Man muss das Problem des Kunden verstehen und am Telefon verständlich erklären können. Und wenn jemand sich beschwert, muss man ruhig bleiben.

Wenn ein Unternehmen jedoch wirklich bereit wäre, jemanden gründlich einzuarbeiten – einen Monat, sechs Wochen oder vielleicht zwei Monate lang –, könnten viele ganz normale Menschen diese Arbeit relativ schnell lernen.

Und genau da liegt das Problem.

Viele deutsche Unternehmen klagen darüber, dass ihnen Personal fehlt. Gleichzeitig wollen sie die Kosten und den Aufwand der Einarbeitung nicht selbst übernehmen.

Am liebsten hätten sie jemanden, der möglichst wenig Arbeit macht: eine Person, die sofort anfangen kann, am besten schon von jemand anderem ausgebildet wurde und zusätzlich ein Zertifikat mitbringt, das bestätigt, dass sie „qualifiziert“ ist.

Aber wenn alle Unternehmen nur fertig ausgebildete Mitarbeiter übernehmen wollen, woher soll dann die Berufserfahrung kommen?

Wie sollen Fähigkeiten überhaupt entstehen?

Genau darin liegt für mich einer der größten Widersprüche des heutigen deutschen Arbeitsmarktes: Alle reden vom Personalmangel. Doch nur wenige Unternehmen sind wirklich bereit, jemanden aufzunehmen, der Potenzial hat, aber noch nicht das richtige Papier besitzt, und diese Person Schritt für Schritt auszubilden.

Noch widersprüchlicher ist, dass selbst der Weg zu diesem Zertifikat nicht unbedingt besonders sinnvoll oder wirksam sein muss.

Mein Freund hatte früher eine berufliche Ausbildung begonnen, weil er in eine bestimmte Branche einsteigen wollte. Ursprünglich dauerte diese Ausbildung drei Jahre, später wurde sie auf zwei Jahre verkürzt.

Das klingt zunächst ziemlich effizient, oder?

Als er jedoch tatsächlich damit anfing, stellte sich heraus, dass die Realität ganz anders aussah.

In den ersten anderthalb Jahren ging es fast ausschließlich um Theorie. Jeden Tag fuhr er zum Bildungsträger und besuchte dort die vorgesehenen Kurse.

Das Problem war nur, dass viele Inhalte bereits veraltet waren und kaum noch etwas mit dem tatsächlichen Berufsalltag zu tun hatten. Es handelte sich um eine Ausbildung im IT-Bereich. Eigentlich sollte gerade eine solche Einrichtung besonders nah an den technischen Entwicklungen sein.

Doch an manchen Standorten waren die Computer so alt, als wären sie aus dem vergangenen Jahrhundert übrig geblieben.

Das wirkte geradezu absurd: Dieser Ort sollte Menschen auf zukünftige Berufe vorbereiten, vermittelte selbst aber vor allem den Eindruck, der Gegenwart hinterherzuhinken.

Natürlich hatte mein Freund vorher verschiedene Angebote verglichen. Bevor er sich anmeldete, besuchte er mehrere Einrichtungen. Der Bildungsträger, für den er sich schließlich entschied, galt eigentlich als eine der besseren Möglichkeiten. Es war ein großes, in Deutschland bekanntes Unternehmen mit vielen Standorten und einem durchaus ordentlichen Ruf in der Branche.

Doch nachdem er dort angefangen hatte, merkte er, dass die veraltete Technik längst nicht das einzige Problem war.

Die Dozenten kamen häufig gar nicht.

Und wenn sie kamen, gab es kaum Kontinuität.

Die Lehrkräfte wechselten ständig.

Manche waren fachlich so schwach, dass man sich fragen musste: Wo hatte man diese Leute eigentlich gefunden? Verfügten sie selbst überhaupt über ausreichende Kenntnisse?

Mein Freund sagte, es habe durchaus auch gute Lehrer gegeben. Sobald so jemand unterrichtete, merkte man den Unterschied sofort: Dieser Mensch konnte wirklich etwas.

Das Problem war nur, dass solche Lehrer selten waren.

Viel häufiger saß man in einem Unterricht, nach dem man nicht mehr verstand als vorher. Manchmal war man hinterher sogar noch verwirrter.

Und dann merkt man etwas, das unglaublich entmutigend ist:

Das System verlangt von dir, dass du genau diesen Ausbildungsweg gehst. Aber der Weg selbst ist die lange Zeit, die du dafür aufbringen musst, möglicherweise gar nicht wert.

Noch ironischer wurde es danach.

Zu der zweijährigen Ausbildung gehörte am Ende auch ein sechsmonatiges Praktikum in einem Unternehmen. Das klingt zunächst vernünftig. Nach der Theorie geht man in einen Betrieb und sammelt praktische Erfahrungen. Auf dem Papier wirkt der Weg damit vollständig.

Doch in der Realität war es schon schwierig genug, überhaupt einen Praktikumsplatz zu finden.

Und wenn man endlich einen gefunden hatte, zeigte sich das nächste Problem: Ein Unternehmen konnte einen Praktikanten aufnehmen, ohne dafür ein reguläres Gehalt zahlen zu müssen. Aber die Mitarbeiter, die den Praktikanten eigentlich betreuen sollten, waren häufig selbst bereits völlig überlastet.

Sie mussten ihre täglichen Aufgaben erledigen und zusätzlich noch einen Praktikanten anleiten. Für sie bedeutete das oft nicht, „einen neuen Mitarbeiter auszubilden“, sondern einfach nur eine weitere Belastung.

Was kam dabei heraus?

Auf dem Papier absolvierte man ein Praktikum. In der Realität brachte einem kaum jemand wirklich etwas bei.

Wenn man eine Frage stellte, hieß es, man solle selbst bei Google nachsehen.

Für den Praktikumsbericht brauchte man Informationen, Unterstützung oder bestimmte Unterlagen aus dem Unternehmen. Doch auch dabei wurde alles hinausgezögert oder unnötig erschwert.

Man glaubte, sich auf einem geregelten und vollständigen Weg der beruflichen Ausbildung zu befinden. Tatsächlich fühlte es sich jedoch oft eher so an, als wäre man einfach in einen Ablauf hineingesteckt worden.

Man musste selbst herausfinden, wie alles funktionierte, selbst gegen Hindernisse laufen und sich dabei langsam aufreiben.

Damit wurde die ganze Sache geradezu absurd:

Ohne Zertifikat kommt man nicht hinein.

Also gut. Dann investiert man zwei Jahre, um dieses Zertifikat zu bekommen.

Doch in diesen zwei Jahren ist ein großer Teil der Theorie aus den ersten anderthalb Jahren möglicherweise bereits veraltet. Und während des anschließenden sechsmonatigen Praktikums gibt es vielleicht niemanden, der einen wirklich anleitet.

Offen gesagt geht es dabei nicht vollständig darum, Menschen auszubilden. Teilweise wirkt es eher so, als würden formale Vorgaben erfüllt und nebenbei noch etwas kostenlose Arbeitskraft genutzt.

Genau darin liegt für mich das Fatale am heutigen deutschen System.

Das Problem besteht nicht mehr nur darin, dass die Einstiegshürden hoch sind. Oft sind die Hürden hoch, der Weg ist lang und der Aufwand erheblich – doch am Ende ist keineswegs sicher, dass dabei tatsächlich ein gut ausgebildeter Mensch herauskommt.

Von außen sieht das Ganze natürlich sehr ordentlich aus.

Es gibt Unterricht, ein Praktikum, eine Bildungseinrichtung, ein Zertifikat und einen vollständig festgelegten Weg.

Im Vergleich zu vielen anderen Ländern wirkt dieses System stabil und gründlich.

Doch wenn man sieht, wie es in der Praxis funktioniert, stellt man fest, dass ein großer Teil der Zeit und Energie für den Weg selbst verbraucht wird – und nicht dafür, wirkliche Fähigkeiten zu entwickeln.

Besonders bedauerlich ist, dass dieses System oft gerade diejenigen ausbremst, denen es keineswegs an Fähigkeiten fehlt.

Mein Freund interessierte sich schon lange für Computerhardware und verfügte auch über praktische Kenntnisse. Hätte ihm nicht das entsprechende Zertifikat gefehlt, hätte er schon in jungen Jahren versuchen können, in diese Branche einzusteigen.

Er sagte selbst, dass er in einem anderen Umfeld sogar bereit gewesen wäre, zunächst einige Wochen oder Monate unbezahlt mitzuarbeiten. Wenn das Unternehmen anschließend gesehen hätte, dass er etwas konnte, hätte es ihn übernehmen können.

Doch in Deutschland funktioniert diese Logik häufig nicht.

Ohne Zertifikat und ohne den vorgesehenen Ausbildungsweg öffnen sich viele Türen nicht einmal weit genug, damit man es überhaupt versuchen kann.

Und genau das ist das Schmerzhafteste daran.

Es liegt nicht daran, dass du etwas nicht lernen könntest.

Es liegt auch nicht daran, dass du die Arbeit grundsätzlich nicht machen könntest.

Dir fehlt lediglich die Eintrittskarte, die dir überhaupt erlaubt, damit anzufangen, diese Arbeit zu lernen.

Noch widersprüchlicher ist, dass du für diese Eintrittskarte zunächst eine Ausbildung durchlaufen musst, die nicht besonders effizient ist und teilweise nur Leerlauf produziert.

Deshalb glaube ich immer mehr, dass sich Deutschlands heutiges Problem nicht einfach mit den Worten „Personalmangel“ oder „Arbeitslosigkeit“ erklären lässt.

Das eigentliche Problem ist: Auf der einen Seite beklagen Unternehmen, dass sie keine Mitarbeiter finden. Auf der anderen Seite bleiben sehr viele Menschen ausgeschlossen. Dazwischen steht ein ganzes System, das noch immer stark von Zertifikaten, formalen Qualifikationen und vorgeschriebenen Ausbildungswegen abhängt.

Natürlich ist dieses System nicht völlig unbegründet.

In manchen Branchen sind strenge Regeln notwendig. Bei bestimmten Tätigkeiten darf man Menschen nicht einfach ohne ausreichende Vorbereitung anfangen lassen.

Das Problem ist jedoch, dass dieselbe Logik sehr leicht auf nahezu alle Berufe übertragen wird: Zuerst musst du beweisen, dass du qualifiziert bist. Erst danach bekommst du eine Chance.

In Wirklichkeit brauchen viele Tätigkeiten aber vielleicht gar keinen so langen, starren und veralteten Ausbildungsweg.

Wenn ein Unternehmen wirklich bereit wäre, jemanden anzuleiten, könnten Menschen viele Arbeiten direkt im Berufsalltag lernen. Sie könnten während der Arbeit Erfahrungen sammeln und relativ schnell hineinwachsen.

Was jedoch besonders fehlt, ist genau diese Geduld und Bereitschaft, jemanden tatsächlich einzuarbeiten.

So entsteht am Ende die widersprüchliche Situation, die wir heute erleben:

Unternehmen klagen über Personalmangel.

Die Regierung macht sich Sorgen über die Arbeitslosigkeit.

Bildungsträger legen einen Kurs nach dem anderen auf.

Praktikanten versuchen in den Unternehmen, sich alles selbst beizubringen.

Und was dabei wirklich verschwendet wird, sind Zeit, Chancen und die Fähigkeit von Menschen, sich zu entwickeln.

Manchmal denke ich, dass Deutschland heute nicht nur Arbeitskräfte fehlen. Es fehlt auch eine neue Art zu denken:

Nicht jede Tätigkeit sollte von derselben Zertifikatslogik beherrscht werden.

Nicht jede Fähigkeit sollte erst nach zwei oder drei Jahren im Klassenzimmer in der Wirklichkeit ausprobiert werden dürfen.

Unsere Zeit verändert sich zu schnell. Vieles Wissen ist bereits veraltet, und vieles von dem, was in einem Beruf wirklich zählt, lernt man zunehmend beim Arbeiten selbst.

Fähigkeiten entstehen, wenn man echte Probleme löst. Sie wachsen in der Praxis und oft auch unter dem Druck realer Situationen.

Doch viele deutsche Institutionen halten noch immer an einem Sicherheitsdenken aus einer anderen Zeit fest: Zuerst baut man einen möglichst vollständigen Weg. Danach schickt man einen Menschen nach dem anderen genau diesen Weg entlang.

Aber ein vollständigerer Weg führt nicht automatisch zu einem besseren Ergebnis.

Höhere Hürden bedeuten nicht automatisch eine wirksamere Ausbildung.

Manchmal bedeutet es lediglich, dass man mehr Zeit braucht und einen sehr großen Umweg machen muss.

Und am Ende stellt man fest, dass man möglicherweise viel weniger gelernt hat, als man erwartet hatte.

Diejenigen, die eigentlich Fähigkeiten besaßen und wirklich lernen wollten, sind auf diesem langen Weg vielleicht längst erschöpft worden oder verloren gegangen.

Das ist vermutlich die widersprüchlichste Realität des heutigen deutschen Arbeitsmarktes: Es gibt Stellen, und es gibt Menschen.

Doch zwischen den Stellen und den Menschen steht ein System mit hohen Hürden, einem langsamen Tempo und einer starken Fixierung auf formale Qualifikationen – ohne dabei unbedingt besonders effizient zu sein.

Dieses System erzeugt auf der einen Seite ständig die Angst vor Personalmangel. Gleichzeitig hält es auf der anderen Seite viele Menschen draußen, die sich mit der richtigen Chance genau zu den Arbeitskräften entwickeln könnten, die Deutschland braucht.

Dieser Text ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 德国明明一直喊缺人,为什么那么多人还是找不到工作?

Englische Version: Germany Keeps Saying It Needs Workers. So Why Can So Many People Still Not Find Jobs?

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