A Chinese mother, a Western father, and their daughter having breakfast together at a warm family table with both Chinese and European foods, symbolizing cross-cultural conversation and the different everyday experiences behind what people call common sense.

Von Jane Sonnenschein · 3. Juli 2026

Bis gestern Abend wusste ich nicht, dass Butter kein Fett aus dem Körper einer Kuh ist.

Wenn ich diesen Satz so aufschreibe, lachen vielleicht schon einige. Aber nachdem ich darüber nachgedacht habe, finde ich trotzdem, dass diese kleine Sache es wert ist, aufgeschrieben zu werden. Denn das eigentlich Interessante ist nicht, ob ich wusste, woraus Butter hergestellt wird. Interessant ist vielmehr, warum der eine Mensch denkt: „Wie kann man das denn nicht wissen?“, während ein anderer Mensch es ganz selbstverständlich findet, huangyou¹ als eine Art Fett aus dem Körper einer Kuh zu verstehen.

Der Anlass war ganz einfach. Die Sommerferien meiner Tochter stehen kurz bevor, und am letzten Schultag gibt es bei ihr in der Schule eine Tradition: Die Eltern können ein kleines Frühstück aus verschiedenen Ländern vorbereiten und mitbringen, damit die Kinder es gemeinsam teilen. Auf dem Zettel der Schule stand ausdrücklich, dass man wegen der Hitze möglichst keine Milchprodukte und keine Produkte mit Ei mitbringen solle, weil sie leicht verderben.

Ich hatte eigentlich keine große Lust, etwas vorzubereiten. Wenn man ein richtiges chinesisches Frühstück machen will, ist das ziemlich aufwendig. Doujiang, baozi, huntun, zhou, youtiao² — nichts davon ist etwas, das man einfach aus dem Kühlschrank nehmen und mitgeben kann. An diesem Tag hatten wir zufällig noch einen Käsekuchen zu Hause, den mein Mann zwei Tage zuvor gemacht hatte. Also sagte ich beiläufig: „Vielleicht kann sie einfach den Käsekuchen mitnehmen?“

Mein Mann lachte, als er das hörte. Er fragte mich: „Weißt du, woraus Käsekuchen gemacht wird?“

Natürlich wusste ich, dass da Keksbrösel, Sahne und Fruchtsoße drin sind. Aber er sagte: „Stand auf dem Zettel nicht, dass man keine Milchprodukte mitbringen soll? Butter, Sahne, Frischkäse — das sind doch alles Milchprodukte.“

Dann hatten wir ein Gespräch, das ich bis heute lustig finde.

Ich fragte: „Butter wird auch aus Milch gemacht?“

Er war völlig schockiert, als hätte ich gefragt, ob der Himmel blau sei. Er sagte: „Du weißt nicht, dass Butter aus Milch gemacht wird? Ist das nicht etwas, das sogar Grundschulkinder wissen?“

Ich war genauso schockiert. Ich sagte: „Ich dachte immer, huangyou sei Öl oder Fett aus dem Körper einer Kuh.“

In meinem Verständnis war diese Schlussfolgerung überhaupt nicht absurd. Chinesen sind mit zhuyou³ sehr vertraut. Was ist zhuyou? Es ist Öl, das aus dem Fettfleisch eines Schweins ausgelassen wird. Als ich klein war, wussten viele Familien, dass Gemüse mit zhuyou besonders duftet, dass Reis mit zhuyou gut schmeckt und dass zhuyouzha noch köstlicher ist. Selbst wenn jemand heute kein zhuyou mehr isst, ist dieses Wort sehr leicht zu verstehen: zhuyou bedeutet Öl vom Schwein. Und was ist dann huangyou? In seinem chinesischen Namen gibt es kein Zeichen für „Milch“, kein Zeichen für „Milchprodukt“ und nichts, was darauf hinweist, dass es aus Milch stammt. Es heißt „gelbes Öl“ und erscheint oft zusammen mit westlichem Essen, Steak und Brot. Wenn ich es also als eine Art Öl oder Fett von der Kuh verstand, war das doch eigentlich ziemlich naheliegend.

Aber in der Welt meines Mannes war diese Vorstellung völlig unbegreiflich.

Er ist in einer Umgebung aufgewachsen, in der Milchprodukte sehr reichlich vorhanden waren. Milch, Butter, Käse, Joghurt und Sahne sind für ihn keine einzelnen, isolierten Lebensmittel, sondern ein ganzes Bündel von Lebenserfahrungen. Man lernt es in der Schule, in den Supermärkten ist es überall zu sehen, auf dem Frühstückstisch taucht es täglich auf, und beim Backen kommt man ohne diese Dinge kaum aus. Wenn er also das Wort „Butter“ hört, verbindet sein Kopf es ganz natürlich mit Milch und Sahne. Wenn ich dagegen das chinesische Wort huangyou höre, verbindet mein Kopf es ganz natürlich mit zhuyou, Rinderfett und tierischem Fett.

Keiner von uns dachte einfach willkürlich.

Wir gingen nur beide von der Welt aus, die uns vertraut ist.

Noch lustiger war, dass er nicht aufgab. Er suchte sogar bei Google danach, wie Chinesen huangyou verstehen. Und in der Erklärung, die Google zeigte, tauchte tatsächlich auch eine Bedeutung auf, die in Richtung „yellow oil“ ging. Das heißt: Die beiden chinesischen Schriftzeichen huangyou können jemanden, der nicht mit vielen Milchprodukten aufgewachsen ist, tatsächlich leicht in Richtung „gelbes Öl“ führen — und nicht in Richtung „aus Milch gewonnenes Fett“.

Später stellte ich diese Frage in eine kleine Chatgruppe und fragte zwei chinesische Freundinnen, die ebenfalls seit mehr als zwanzig Jahren in Deutschland leben: „Wisst ihr, woraus Butter gemacht wird?“

Eine Freundin antwortete: „Milch?“ Dahinter setzte sie sogar ein Fragezeichen. Die andere Freundin verstand es fast genauso wie ich. Sie meinte, huangyou müsste doch so etwas Ähnliches wie Rinderfett sein, so wie zhuyou eben Öl aus dem Körper eines Schweins ist. Daraufhin stimmte die erste Freundin ihr sogar zu und nahm ihre eigene Antwort wieder zurück.

Da war mein Mann noch sprachloser. Er fand es vermutlich unvorstellbar, dass drei Menschen, die seit mehr als zwanzig Jahren in Deutschland leben, immer noch nicht genau wissen, woher Butter kommt.

Aber ich finde überhaupt nicht, dass das beweist, dass wir unwissend oder provinziell sind.

Bevor ich China verließ, hatte ich kaum Butter gegessen. Als ich klein war, war selbst Milch nicht so etwas wie heute, wo man einfach im Supermarkt einen Karton H-Milch oder frische Milch aus dem Regal nimmt. Damals musste man Milch bestellen. Jeden Tag wurde eine Flasche nach Hause geliefert, und man musste sie erst ins Haus holen und abkochen. In der Essenswelt meiner Kindheit kamen viel häufiger doujiang, youtiao, weißer zhou, Reis, huntun, baozi, Reisnudeln, zhuyou, Rapsöl und Erdnussöl vor — nicht Butter, Käse und Sahne.

Wenn ein Mensch also nicht weiß, dass Butter aus Milch gemacht wird, bedeutet das nicht, dass er kein Allgemeinwissen hat. Es bedeutet nur, dass sein Allgemeinwissen nicht aus einer Welt von Butter, Käse und Backwaren herausgewachsen ist.

Allgemeinwissen fällt nie vom Himmel.

Allgemeinwissen wächst aus der Küche eines Menschen, aus seinem Esstisch, aus dem Markt, aus der Schulbildung, aus Supermarktregalen und aus den Namen, die eine Sprache den Dingen gibt.

Ein Deutscher weiß vielleicht sehr früh, dass Butter aus Milch kommt. Aber er versteht vielleicht nicht, warum Reis mit zhuyou so gut duftet. Er weiß vielleicht auch nicht, warum chinesische Familien früher gezielt fettes Schweinefleisch kauften, um daraus Öl auszulassen. Wenn man ihm von zhuyouzha erzählt, denkt er vielleicht nur, das sei irgendeine seltsame Art von Fett. Aber in der Geschmackserinnerung vieler Chinesen war das in armen Zeiten ein kleines Stück Luxus, ein Duft, der eine einfache Schüssel Reis plötzlich köstlich machen konnte.

Genauso kann ein Europäer oder Amerikaner vielleicht denken, dass Pokémon, bestimmte Spielfiguren oder bestimmte Symbole der Popkultur etwas sind, das auf der ganzen Welt zum Grundwissen gehören sollte. Aber wenn jemand keine Spiele spielt, keine japanischen Animes schaut und nicht in diesem kulturellen Kreis lebt, was ist dann daran seltsam, wenn er nicht weiß, dass der chinesische Name Baokemeng lautet?

Die Welt hat nicht nur eine einzige Wissenskarte.

Die Gaming-Welt hat ihr Allgemeinwissen. Die Küche hat ihr Allgemeinwissen. Das Dorf hat sein Allgemeinwissen. Die Stadt hat ihr Allgemeinwissen. China hat chinesisches Allgemeinwissen. Europa hat europäisches Allgemeinwissen.

Was mich wirklich unangenehm berührt, ist nie, dass andere Menschen Dinge wissen, die ich nicht weiß.

Ich bin bereit zu lernen, und ich bin bereit zuzugeben, dass ich etwas nicht weiß. Was mich unangenehm berührt, ist etwas anderes: Manche Menschen nehmen die Standardeinstellungen ihrer eigenen Kultur und behandeln sie als Grundantworten, die die ganze Welt kennen müsse. Sobald man sie nicht kennt, sagen sie in einem ungläubigen Ton: „Das weißt du nicht?“

Hinter diesem Satz verbirgt sich manchmal eine sehr leise Form von Arroganz.

Sie ist nicht unbedingt absichtlich. Viele Menschen wollen dich gar nicht herabsetzen. Sie stehen nur seit ihrer Kindheit in einer kulturell relativ starken Position und sind zu sehr daran gewöhnt, ihre eigene Lebenserfahrung als Weltstandard zu behandeln. Die westliche Kultur war über lange Zeit tatsächlich eine dominante Kultur. Filme, Musik, Spiele, Marken, Bildungssysteme und Essenssysteme wurden in die ganze Welt exportiert. Dadurch entsteht bei vielen Menschen aus westlichen Ländern leicht ein unbewusstes Gefühl: Was wir kennen, ist Mainstream. Womit wir aufgewachsen sind, ist grundlegend. Wenn du das Allgemeinwissen unserer Welt nicht kennst, wirkst du nicht besonders weltgewandt.

Aber warum eigentlich?

Die chinesische Welt ist ebenfalls groß. Unsere Sprache, unser Essen, unsere Feste, unsere Geschichte, unsere Mythen, unsere Märkte, unsere Verwandtschaftsbeziehungen, unsere Kochmethoden, die Benennung durch chinesische Schriftzeichen und unser eigenes Internet-Ökosystem bilden ebenfalls ein äußerst komplexes Lebenssystem.

Ein chinesisches Kind weiß vielleicht sehr früh, dass doujiang aus gemahlenen Sojabohnen gemacht wird, dass youtiao frittiert werden, dass zhuyouzha duftet, dass man zum Duanwu Jie zongzi isst⁴, dass Sun Wukong im Himmel großen Aufruhr verursachte, dass Nezha und Ao Bing zu einer gemeinsamen mythologischen Vorstellungswelt gehören⁵, dass man zum Frühlingsfest chunlian an die Tür klebt⁶ und dass hinter dem Wort shanghuo eine ganze körperliche Erfahrungswelt steht⁷. Aber viele westliche Menschen verstehen diese Dinge vielleicht auch nicht.

Wenn sie es nicht wissen, können wir es erklären.

Warum sollen wir also ausgelacht werden, wenn wir etwas aus ihrer Welt nicht kennen?

Es gibt auf der Welt nicht nur eine einzige Art von „basic“.

Das „Basic“ eines Menschen ist nur jene Lebenserfahrung, mit der er von klein auf immer wieder gefüttert wurde, die ihm immer wieder bestätigt wurde und die er immer wieder benutzt hat. Wechselt man die Sprache, den Esstisch, die Kindheit oder das Supermarktregal, dann verändert sich auch das sogenannte Allgemeinwissen.

Darum hat mich diese kleine Sache mit der Butter nicht einfach daran erinnert, dass ich wieder eine Wissenslücke geschlossen habe. Sie hat mich vor allem noch einmal sehen lassen, wie leicht Menschen denselben Fehler machen: Sie stehen in ihrer eigenen Welt und lachen über andere, weil diese nicht am selben Ort stehen.

Wirkliche Welterfahrung bedeutet nicht, möglichst viel vom Allgemeinwissen anderer Menschen zu kennen.

Sie bedeutet zu wissen, dass das eigene Allgemeinwissen nicht von Natur aus über dem Allgemeinwissen anderer steht.

Wenn ein Mensch wirklich offen genug ist, lacht er nicht sofort darüber, dass jemand nicht weiß, dass Butter aus Milch gemacht wird. Er hält jemanden auch nicht für rückständig, nur weil diese Person eine bestimmte Spielfigur oder ein bestimmtes Symbol der Popkultur nicht kennt. Er denkt zuerst: Warum weiß sie das nicht? Gab es in ihrer Lebenserfahrung überhaupt einen Platz für dieses Ding? Wie benennt ihre Sprache es? Was stand auf dem Esstisch ihrer Kindheit, und was fehlte dort?

Einen Menschen zu respektieren bedeutet nicht nur, zu respektieren, was er weiß.

Es bedeutet auch, zu respektieren, warum er etwas nicht weiß.

Viele Konflikte in interkulturellen Beziehungen entstehen nicht, weil zwei Menschen wirklich so weit voneinander entfernt sind. Sie entstehen oft, weil einer der beiden zu sehr daran gewöhnt ist, seine eigene Welt als Standardantwort zu behandeln. Ob in der Ehe, in Freundschaften oder im Leben als Migrantin: Was wir am meisten üben müssen, ist genau das — anzuerkennen, dass es auf der Welt mehr als eine Erklärung gibt, dass auch Allgemeinwissen Grenzen hat und dass das, was ein anderer Mensch nicht weiß, nicht unbedingt Unwissen ist. Es kann einfach bedeuten, dass sie aus einer anderen Welt kommt.

Am Ende wurde die Butter gestern Abend also nicht mit in die Schule genommen.

Aber sie hat mir immerhin einen Essay geschenkt.

Ich glaube, ich werde mich wahrscheinlich noch lange an diese Sache erinnern: Ich dachte einmal ganz ernsthaft, huangyou sei Öl aus dem Körper einer Kuh. Jetzt weiß ich, dass es das nicht ist.

Aber noch mehr möchte ich mir etwas anderes merken:

Lache nicht zu schnell über das, was ein anderer Mensch nicht weiß.

Denn was du für Allgemeinwissen hältst, ist vielleicht nur die Standardeinstellung deiner eigenen Welt.

Anmerkungen zum chinesischen Kontext

¹ Huangyou(黄油)bedeutet wörtlich „gelbes Öl“. Im modernen Chinesisch meint es Butter. Das Wort selbst enthält jedoch kein Schriftzeichen für Milch oder Milchprodukt. Für jemanden, der nicht mit Butter, Käse, Sahne und Backen als alltäglichen Lebensmitteln aufgewachsen ist, kann das Wort leicht wie eine Art tierisches Fett klingen und nicht wie ein Milchprodukt.

² Doujiang(豆浆), baozi(包子), huntun(馄饨), zhou(粥)und youtiao(油条)sind typische chinesische Frühstücksspeisen. Doujiang ist Sojamilch aus Sojabohnen; baozi sind gedämpfte Teigtaschen oder Brötchen mit Füllung; huntun sind Wontons; zhou ist Reisbrei oder Congee; youtiao sind frittierte Teigstangen, die oft mit Sojamilch oder Reisbrei gegessen werden. Zusammen stehen sie für eine ganz andere Frühstückswelt als Brot, Butter, Käse und Sahne.

³ Zhuyou(猪油)bedeutet Schweineschmalz, also aus Schweinefett ausgelassenes Öl. Zhuyouzha(猪油渣)bezeichnet die knusprigen Stückchen, die nach dem Auslassen des Schweinefetts übrig bleiben. In vielen chinesischen Familien, besonders in früheren und ärmeren Zeiten, waren zhuyou und zhuyouzha nicht nur „Fett“, sondern starke Geschmackserinnerungen: Duft, Wärme und ein kleines Gefühl von Fülle in einfachem Essen.

⁴ Duanwu Jie(端午节)ist das Drachenbootfest, ein traditionelles chinesisches Fest. Zongzi(粽子)sind Klebreisklöße, die in Blätter gewickelt werden und besonders zu diesem Fest gegessen werden. Je nach Region können sie süß oder herzhaft sein.

⁵ Sun Wukong(孙悟空)ist der Affenkönig aus dem klassischen chinesischen Roman Die Reise nach Westen. Sein „Aufruhr im Himmel“ gehört zu seinen bekanntesten Geschichten. Nezha(哪吒)und Ao Bing(敖丙)sind Figuren aus der chinesischen Mythologie und aus vielen modernen Nacherzählungen. Sie sind im chinesischsprachigen Raum besonders durch Geschichten, Animationen, Filme und Kinderbücher sehr bekannt.

⁶ Chunlian(春联)sind Frühlingsfest-Spruchpaare. Dabei handelt es sich um rote Papierstreifen mit glückverheißenden Sätzen, die zum chinesischen Neujahr an Türen geklebt werden. Sie gehören zur visuellen und kulturellen Atmosphäre des Frühlingsfestes.

⁷ Shanghuo(上火)ist ein chinesischer Alltagsbegriff für eine Art körperliches Ungleichgewicht, das oft mit „innerer Hitze“ beschrieben wird. Dazu können zum Beispiel Mundgeschwüre, Halsschmerzen, Pickel, Reizbarkeit oder ein allgemeines Gefühl von Hitze und Unwohlsein gehören. Der Begriff lässt sich nicht sauber auf einen einzelnen westlich-medizinischen Ausdruck übertragen. Für viele Chinesen gehört er zu einer praktischen Alltagssprache, mit der man Körper, Essen, Wetter und Beschwerden beschreibt.

Dieser Essay ist auch in anderen Sprachen verfügbar:

Chinesische Version: 你以为的常识,只是你世界里的默认设置

Englische Version: What You Think Is Common Sense Is Only the Default Setting of Your Own World

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